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Christiane Erner-Schwab: Psychotherapie im Jugendalter

Cover Christiane Erner-Schwab: Psychotherapie im Jugendalter. Ratgeber. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2019. 160 Seiten. ISBN 978-3-95558-220-3. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Während der Arztbesuch auch bei leichtem Unwohlsein niedrigschwellig erfolgt, Heilpraktiker und Heilpraktikerinnen immensen Zulauf erfahren und der Markt an Selbsthilfebüchern in immense Höhen gestiegen ist, bestehen immer noch große Hemmungen, sich in professionelle psychotherapeutische Begleitung zu begeben. Psychotherapie wird häufig von Stigmatisierungsängsten begleitet, die Befürchtung als „irre“ tituliert zu werden besteht, psychische Erkrankungen werden immer noch als persönlicher Makel und Schwäche ausgelegt. Zudem wird Psychotherapie vor allem in amerikanischen Medien immer wieder klischeehaft dargestellt: Alte Männer mit langen Bärten, die hinter ihren (zumeist weiblichen) Patientinnen in einem Ohrensessel sitzen, während diese – liegend – über ihre Kindheit berichten. Der Sinn einer derartigen (psychoanalytischen) Psychotherapie erschließt sich so tatsächlich kaum. Christiane Erner-Schwab klärt mit ihrem Heft auf und erläutert hier Inhalt, Sinn und Ziele insbesondere dieser Therapieform; hier die Vorgehensweise mit Jugendlichen. Im parallel erschienenen Ratgeber „Psychotherapie im Kindesalter – Ratgeber für Erwachsene“ können Eltern erfahren, wie mit ihnen und ihren Kindern gearbeitet wird.

Autorin

Christiane Erner-Schwab war zunächst Berufschullehrerin, bis sie 1998 die berufsbegleitende Ausbildung zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin im Verfahren der Psychoanalyse abschloss. Seitdem arbeitet sie in dieser Funktion und als Supervisorin in eigener Praxis in Berlin.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert, zudem enthält es ein Vorwort, ein Stichwortverzeichnis, einen Anhang in dem häufige seelische Störungen des Kindes- und Jugendalters kurz erläutert werden, einen kurzen Wegweiser für die Psychotherapie und nützliche Internet-Links, sowie Fachliteraturtipps. Die zentralen acht Kapitel skizzieren am fiktiven Fallbeispiel „Gero“ – einem 17-jährigen Jugendlichen mit einer depressiven Erkrankung und einer anorektischen Essstörung – das Vorgehen im Rahmen einer psychoanalytischen Psychotherapie für Jugendliche. Gero wird zunächst als Jugendlicher mit den alterstypischen Problemen und Herausforderungen, die dieses Alter mit sich bringt skizziert, dann wird eher allgemein beschrieben, wie sich Depressionen im Jugendalter manifestieren. Zudem wird auf das heikle Thema Suizidalität bei Jugendlichen eingegangen.

Im zweiten Kapitel wird das Familiäre Umfeld beschrieben und der Entscheidungsprozess Geros, professionelle psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, dargestellt. Nach dieser Entscheidung steht der pragmatische Weg in die Therapie an: Nach ersten Sprechstunden und probatorischen Sitzungen wird ein Antrag auf Therapie bei der Krankenkasse gestellt. Dieses Vorgehen ist für alle anerkannte Therapieformen gleich geregelt.

Im weiteren Verlauf wird dann die psychoanalytische Therapie Geros dargestellt. Auch hier arbeitet die Autorin immer wieder allgemein gültige Regelungen heraus, beispielsweise geht sie im fünften Kapitel auf die rechtlichen Rahmenbedingungen des Bundeskinderschutzgesetzes ein, das regelt, in welchen Fällen die therapeutische Schweigepflicht gebrochen werden darf bzw. muss (im Falle akuter Eigen- und Fremdgefährdung).

Den Schwerpunkt liefert die Analyse Geros, auf die in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie typische Bezugspersonenarbeit geht die Autorin jedoch auch umfassend ein. In diesem Fall arbeitet sie vor allem mit Geros Eltern und teilweise auch mit seiner Freundin Laura.

Diskussion

In Vorwort beschreibt die Autorin, dass sie mit diesem Heft im Grunde zwei Ziele verfolgt: Zum einen möchte sie das Verfahren der Psychotherapie, insbesondere der Psychoanalyse, verdeutlichen, zum anderen möchte sie auf die Sorgen und Nöte männlicher Jugendlicher hinweisen, die eventuell aufgrund von Scham deutlich seltener in Therapie gingen, als weibliche Jugendliche des gleichen Alters.

Beides setzt sie gut um: Das Heft ist kurz und prägnant gehalten und gut lesbar. Somit sollte es auch nicht abschreckend auf die Zielgruppe wirken. Zu bemängeln ist diesbezüglich allenfalls die Gestaltung: Im Innenteil wird auf Bilder weitgehend verzichtet, an der Stelle, wo Fotos eingesetzt wurden, hätten diese sicher sorgfältiger ausgewählt werden können. Der Umschlag wird der Zielgruppe meiner Meinung nach kaum gerecht. Ob diese Umsetzung jedoch der Autorin oder dem Verlag zuzuordnen ist, ist nicht klar ersichtlich.

Der Titel des Heftes macht nicht wirklich deutlich, dass es hier primär um psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapieverfahren geht. Auf andere anerkannte Verfahren, zum Beispiel die systemische Psychotherapie, die Verhaltenstherapie oder die Gesprächstherapie wird im Heft nur am Rande eingegangen. Diese sind in der Praxis jedoch zum Teil deutlich weiterverbreitet, besser evaluiert und von Jugendlichen häufig bevorzugt gewählt, dies gilt derzeit insbesondere für die Verhaltenstherapie. Selbstverständlich ist es angesichts der Tatsache, dass die Autorin Analytikerin ist und der Verlag vor allem entsprechende Fachliteratur veröffentlicht absolut legitim, ein entsprechendes Buch zu veröffentlichen, allerdings hätte dieser Schwerpunkt im Titel oder zumindest auf dem Klappentext deutlicher herausgearbeitet werden sollen.

Wer sich beispielsweise für das verhaltenstherapeutische Vorgehen interessiert, dem oder der sei beispielsweise der „Ratgeber Psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen“ von Manfred Döpfner und Franz Petermann ans Herz gelegt (2008). Auf die Arbeit mit depressiven Jugendlichen wird im Heft „Wann wird mein Kind wieder glücklich?“ von Gunter Groen und Franz Petermann eingegangen (2011).

Fazit

„Psychotherapie im Jugendalter“ fasst das psychotherapeutische Vorgehen im Rahmen einer Psychoanalyse gut und übersichtlich zusammen. Es kann sicher sehr erfolgreich im Sinne eines bibliotherapeutischen Vorgehens begleitend zu einer Psychoanalyse genutzt werden und wurde vermutlich genau dafür geschrieben. Es hätte noch deutlicher herausgearbeitet werden können, dass es sich hier lediglich und ein ausgewähltes Psychotherapieverfahren geht und die Gestaltung des Heftes sollte bei einer Neuauflage eventuell noch mal überdacht werden.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Institutsleitung LAKIJU-VT (Lüneburger Ausbildungsinstitut für Kinder- und Jugendlicheverhaltenstherapie), Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP), Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 22.02.2021 zu: Christiane Erner-Schwab: Psychotherapie im Jugendalter. Ratgeber. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2019. ISBN 978-3-95558-220-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25908.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


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