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Thomas Aichhorn (Hrsg.): Dissoziale Kinder und Jugendliche

Cover Thomas Aichhorn (Hrsg.): Dissoziale Kinder und Jugendliche. Zur Aktualität August Aichhorns. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2019. 223 Seiten. ISBN 978-3-95558-248-7. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Die Frage, wie Kindern und Jugendlichen, die dissoziales Verhalten zeigen, begegnet werden kann und sollte, beschäftigt Pädagogen seit langem. Insbesondere die Frage nach der „richtigen“ Haltung im Umgang mit diesen Kindern, wird immer wieder (neu) gestellt. Sollte ihnen eher mit „Strenge“ in Form von strafender Konsequenz begegnet werden oder brauchen diese Kinder und Jugendlichen eher ein hohes Maß an Verständnis, Toleranz und Bindung? Auch die Frage nach den Ursachen wird häufig in einer Polarisierung beantwortet: die einen halten vor allem die genetischen Bedingungen für ursächlich, während die anderen auf soziale Wirkfaktoren setzen.

Thomas Aichhorn stellt mit „Dissoziale Kinder und Jugendliche“ verschiedene Schriften August Aichhorns zur Verfügung und stellt damit einen aktuellen Zusammenhang zur heutigen Diskussion zum Umgang mit dissozialem Verhalten her. Auch wenn die Schriften Aichhorns aus dem frühen 20. Jahrhundert stammen, so scheinen sie doch auch 100 Jahre später anregend und aktuell.

AutorIn oder HerausgeberIn

Sowohl der Herausgeber als auch der Autor werden der psychoanalytischen Schule in Wien zugeordnet. In ihren Beiträgen versuchen sie, psychoanalytische Erkenntnisse konsequent auf pädagogische Handlungsfelder zu übertragen. Wie der Herausgeber Thomas Aichhorn und der Autor August Aichhorn miteinander in Verbindung stehen – die Namensgleichheit ließe dies vermuten – konnte ich nicht herausfinden. So bleibt die Verbindung über das gemeinsame Interesse, psychoanalytische Erkenntnisse für die Pädagogik nutzbar zu machen.

August Aichhorn zählte seinerzeit zu den ersten, die Ergebnisse psychoanalytischer Forschung auf Erziehungs- und Sozialarbeit übertrugen. Ein zentraler Begriff seiner Schriften scheint der Begriff „Verwahrlosung“ zu sein – er betrachtete das Phänomen der Dissozialität als Verwahrlosungsphänomen und nutzte seine psychoanalytische Expertise, um die verschiedenen Erscheinungsformen und potenziellen ursächlichen Zusammenhänge der Verwahrlosung zu erhellen.

Zu seinen Erfolgen zählte auch die Einrichtung öffentlich zugänglicher Erziehungsberatungsstellen in den 20er Jahren in Wien.

Aufbau und Inhalt

In seinem einführenden Kapitel gibt Thomas Aichhorn einen knappen Überblick über die zentralen Thesen August Aichhorns. Diese ließen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Das verwahrloste Kind muss als Patient gesehen werden, welcher ein Recht auf kurative Behandlung hat und nicht bestraft werden sollte.
  • Die Verwahrlosung kann vielfältige Ursachen haben: Defizit an Liebe, Übermaß an Zuneigung, traumatische Ereignisse, neurotische oder psychotische Tendenzen oder auch intellektuelle Defizite. Dies ist bei der Behandlung zu berücksichtigen.
  • Pädagogen wirken vor allem durch ihre Persönlichkeit und ihr intuitives Empfinden und weniger durch in der Ausbildung erworbene Kompetenzen.
  • Psychoanalytische Erkenntnisse können im pädagogischen Feld als theoretisches Fundament in einer autonom forschenden Praxis zum Tragen kommen.
  • Aufgabe der Pädagogik sei es, das Kind vom triebgesteurten Wesen in einen Kulturmenschen umzugestalten. Dabei ist es bedeutsam, dass dies nicht direktiv geschehen kann, sondern das Kind selbst eine aktive Entscheidung dazu treffen muss. Aufgabe der Pädagogik ist es, das Kind in diesem Prozess zu begleiten und zu unterstützen.
  • In dieser Aufgabe kommt den Pädagogen auch die verantwortungsvolle Aufgabe zu, sich selbst zu dem Kind in Beziehung zu setzen. Das setzt die Bereitschaft voraus, nicht nur Forderungen an das Kind zu stellen, sondern auch sich selbst immer wieder zu fordern und zu hinterfragen.
  • Für August Aichhorn geht es genau nicht darum, besondere Anpassungsleistungen von den Kindern zu erwarten. In seiner Vorstellung kann das Kind sich „aus freien Stücken“ den gesellschaftlichen Rahmungen anschließen und den Gewinn, anerkannter Teil einer Gemeinschaft zu sein für sich erkennen.
  • Folgerichtig leitet er daraus einige Forderungen an Erzieher und Erziehungsberater ab: er möge Freude und Heiterkeit ausstrahlen, Selbstkontrolle und Selbstdisziplin üben (also sich möglichst nicht provozieren lassen), über Einfühlungsvermögen verfügen und in der Lage sein, Situationen im Nachgang zu reflektieren.

Im Hauptteil des Buches finden sich insgesamt 10 Vorträge aus dem Jahr 1929, die August Aichhorn zur „Einführung in die Psychoanalyse für Pädagogen und Fürsorger“ verschriftlicht hat. In den einzelnen Vorträgen werden psychoanalytische Konzepte in anschaulicher Weise für pädagogisches Handeln nutzbar gemacht: das Konzept des Es – Ich – Über-Ich, das Lust- und das Realitätsprinzip, der Ödipuskomplex, (infantile) Sexualität, Pubertät, die Libido-Theorie und einiges mehr.

Im zweiten Teil finden sich weitere 15 Vorträge zur „Einführung in die Erziehungsberatung“ (1933 bis 1935). August Aichhorn gab diesen Kurs am Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung letztmalig im Wintersemester 1937/38 – die Auflösung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung durch die Nationalsozialisten verhinderte eine Fortsetzung. In diesen Vorträgen arbeitet August Aichhorn gezielt an den Herausforderungen für die Erziehungsberatung und an ähnlichen Themen, wie im ersten Teil. Jedoch ändert sich die Perspektive: es geht um die konkrete Vorbereitung einer Beratung, wenn Eltern in einen „Erziehungsnotstand“ geraten. Diese „Erziehungsnotstände“ können sich auf Verhaltensweisen im Elternhaus, zwischen Geschwistern, delinquentes Verhalten außerhalb des Hauses oder auf die Schule beziehen.

Abschließend finden sich noch einige Transkripte aus Diskussionen mit Erziehungsberatern, die sich eher wie Fallvignetten lesen.

Diskussion

Es ist vielleicht „Geschmackssache“ – ich persönlich tue mich schwer damit, Transkripte aus Vorträgen wie ein Fachbuch zu lesen. Auch die explizit (und ausschließliche) Verwendung des psychoanalytischen Modells überzeugt mich an dieser Stelle nicht so ganz. Mir fehlt beispielsweise eine systemische Perspektive, die die Interaktion zwischen einem Kind, welches Hilfe und Unterstützung bedarf, dies jedoch von sich weist und einem „Helfer“, der sein Hilfsangebot gar nicht „an das Kind bringen kann“ (anschaulich dargestellt in: Roland Schleiffer (2018), „Dissoziales Handeln von Kindern und Jugendlichen“, Carl Auer (Heidelberg).

Beeindruckt hat mich vor allem auch der historische Wert dieser Veröffentlichung und ich kann mir eine Verwendung einzelner Vorträge als Diskussionsgrundlage in pädagogischen Seminaren durchaus vorstellen. So eingesetzt, wäre auch die etwas „antiquarische Sprache“ des Wien in den 20er und 30er Jahren durchaus charmant.

Fazit

Thomas Aichhorn gebührt Anerkennung dafür, ein historisch bedeutsames Werk seines Kollegen August Aichhorns als Herausgeber gewürdigt zu haben. In insgesamt mehr als 15 Vorträgen werden psychoanalytische Forschungsergebnisse auf die pädagogische Praxis in der Erziehung dissozialer Kinder und Jugendlicher übertragen. Interessierte Leser aus der pädagogischen Praxis aber auch aus der Perspektive der Erziehungsberatung, finden eine Vielzahl an Anregungen im Umgang mit Provokationen, Delinquenz, unangemessener Sexualität und mehr.

Mit dem Titel „Zur Aktualität August Aichhorns“ hat der Autor allemal recht – Pädagogen, Psychologen, Soziologen und nicht zuletzt die Gesellschaft und die Politik tun gut daran, sich mit dem Phänomen der „Dissozialität“ genauer zu befassen.


Rezensentin
Ilke Crone
Diplom-Psychologin, Systemische Therapeutin, Supervisorin und Lehrende für Systemische Beratung und Therapie am Bremer Institut für Systemische Therapie und Supervision
Homepage www.i-crone.de
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Zitiervorschlag
Ilke Crone. Rezension vom 07.11.2019 zu: Thomas Aichhorn (Hrsg.): Dissoziale Kinder und Jugendliche. Zur Aktualität August Aichhorns. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2019. ISBN 978-3-95558-248-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25912.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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