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Uwe Dörk, Fabian Link (Hrsg.): Geschichte der Sozialwissenschaften im 19. und 20. Jahrhundert

Cover Uwe Dörk, Fabian Link (Hrsg.): Geschichte der Sozialwissenschaften im 19. und 20. Jahrhundert.. Idiome - Praktiken - Strukturen. Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2019. 327 Seiten. ISBN 978-3-428-15657-3. D: 69,90 EUR, A: 71,90 EUR.

Reihe: Sozialwissenschaftliche Schriften - 51. Enthalten in: ISBN: 9783428856572 [Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen].
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Thema

Die Sozialwissenschaften sind besonders interessiert an der Erforschung der eigenen Geschichte. Bekannte Episoden der Soziologiegeschichte, wie die Methodenstreits sind im Bewusstsein der zeitgenössischen Sozialwissenschaftler allgemein bekannt, sie werden in der grundständigen Lehre im Fach Soziologie aufgegriffen. Auf die Frage, ob nun ein Beitrag zu der Geschichte der Sozialwissenschaften oder zur Geschichte der Soziologie vorgestellt wird, wird an einer späteren Stelle der Rezension eingegangen.

Der vorliegende Band überrascht durch eine wissenssoziologische Konzeption, die die Sozialwissenschaften anhand der drei großen Punkte „Idiome, Praktiken und Strukturen“ einordnet. Der Band kontextualisiert die historischen Beiträge vor der Situation in der sich die Sozialwissenschaften heute befinden.

Sozialwissenschaftliche Forschung findet nicht nur in der Akademie statt, sondern in den datensammelnden Unternehmen, in der Kreativbranche und an vielen weitern Stellen. Zugespitzt kann eine Kritik formuliert werden, dass die sozialwissenschaftliche Kompetenz nicht mehr bei den Sozialwissenmschaften liegt, sondern außerhalb, das statistische Modellieren komplexer Szenarien kann mancher Informatiker besser, als ein professioneller Sozialwissenschaftler. Das fügt sich in zahlreiche Kritiken ein, dass die Aufgabe der Sozialwissenmschaften, insbesondere der Soziologie, von anderen Disziplinen, nur nicht den Wissenschaften, deren Kompetenz gefragt ist.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band versammelt überarbeitete Aufsätze aus einem Tagungsband. Eine gleichnamige Tagung fand im Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen statt.

Inhalt

Uwe Dörk: Geschichte der Sozialwissenschaften im 19. und 20. Jahrhundert. Idiome Praktiken Strukturen. Der Autor führt in die Thematik ein. Im Mittelpunkt steht die Begründung der Dreiteilung des Bandes, der sich angenehm als roter Faden durch den Band zieht.

Es folgt ein Theorieteil, in dem Andreas Langenohl das Idiom der Gesellschaftsanalyse diskutiert. Es wird von einem Forschungsprojekt an der Uni Konstanz berichtet, in dem die voranalytischen Gesichtspunkte der Sozialwissenschaften diskutiert werden. Die Analyse dreht sich um die Rolle, die Idiome bei der Konstitution „analytischer Welten“ in den Sozialwissenmschaften spielen.

Der erste analytische Teil greift die Institutionalisierung der Soziologie am Beispiel des Institut International des Sociologie. Katharina Neef betrachtet die Geschichte der frühen Soziologie selbst als eine Geschichte der Vergesellschaftungen. Die Soziologie wird zumeist entlang nationalstaatlicher Grenzen geschrieben. Der Beitrag von Katharina Neef wirft einen Blick auf das wachsende Interesse in den multiethnischen und vielsprachigen Gesellschaften um 1900 und internationalen Netzwerke, die sich in der frühen Institutionalisierung der Soziologie gebildet haben.

Roberto Sala wirft einen Blick auf die Frühphase der Soziologie während des deutschen Kaiserreiches. Die Soziologie wird als „schwaches Etikett“ beschrieben, dass neben den etablierten Fächern, den Staatswissenschaften, der Nationalökonomie dargestellt. Die Frühphase der Sozioloigie wird überzeigend mit dem Ende des Kaiserreiches datiert, ein Zeitpunkt, zu dem auch die wesentlichen Arbeiten Georg Simmels und Max Webers vorlagen.

Der letzte Aufsatz dieses ersten Teils stellt Ferdinand Tönnies Verhältnis zu Frankreich dar. Niall Bond zeigt die intellektuelle Prägung und Vernetzung von Ferdinand Tönnies dar, wie sie auch Tönnies-Kennern noch unbekant sein dürften. Nicht nur die Arbeiten Comtes und Durkheims waren für Tönnies prägend, sondern die Arbeiten von Ferdinand Tönnies wurden auch in Frankreich sehr aufmerksam gelesen.

In dem Teil über die Methoden beginnt Serge Reubi eine Episode der Sozialwissenmschaften im Frankreich der Zwischenkriegsjahre. Die Luftfahrt gewann im ersten Weltkrieg an Bedeutung. Die Erfahrung der Luftfahrt und die Verfügbarkeit der Technik in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg eröffneten neue Erkennnisperspektiven. Der sozialwissenschaftliche Blick sollte dadurch objektiviert werden, jedoch wurde nicht reflektiert, dass die Nutzung von Kameras nicht als voraussetzungslos anzusehen sei. Damit ist der Objektivitätsgewinn nicht von Vornherein als gegeben anzusehen sei. Der Beitrag gibt einen lesenswerten Einblick in eine Episode der strukturalistischene Methode.

Ebenfalls aus der Erfahrung der Weltkriege wurde die Publizistik bzw. Kommunikationsforschung etabliert. Benno Nietzsel beschreibt die Entwicklung des Fach seit dem ersten Weltkrieg bis in die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, wie sie in Deutschland vor allem von der Zeitungswissenschaft, der Massenkommunikationsforschung, bzw. Demoskopie.

Nach 1945 wurde die Neuausrichtung der Sozialwissenmschaften wie sie bis heute an den Forschungseinrichtungen zu beobachten ist, vorangetrieben. Dieser Phase der Sozialwissenschaften ist der letzte Teil des Bandes gewidmet.

Martina Mösslinger schildert am Beispiel der Assimilationsforschung der UNESCO den Einfluss eines bis heute für die Sozialwissenmschaften relevanten internationalen Akteurs. Hier steht die Frühphase der UNESCO bis 1962 im Vordergrund.

Norbert Grube und Fabian Link betrachten den Vergleich zweier Institute, dem Allensbacher Institut für Demoskopie und dem Frankfurter Institiut für Sozialforschung. Beide erscheinen auf den ersten Blick sehr verschieden, dass nicht zuletzt aufgrund der sehr verschíedenen Biographien der Haptprotagonisten und der unterschiedlichen theoretischen Ausrichtung der Institute. Die Autoren zeichnen ein komplexes Bild, dass nicht nur von Kritik und Rivalität, sondern auch von vielfältigen Kooperationen und austausch geprägt ist.

Diskussion

Der wissenssoziologische Blick auf die Geschichte der Sozialwissenschaften geben den Beiträgen eine interessante Wendung. Die Schwerpunktsetzung nach Strukturen und Praktiken erscheint nahelegend, wird die Geschichte der Sozialwissenmschaften, vor allem der Ökonomie und Soziologie gelehrt. Die Schwerpunktsetzung auf das Idiom gibt eine interessante Wissenssoziologische Zuspitzung, denn die Art, wie man über einen Gegenstand spricht. Die Konstruktion des Gegenstandsbereiches ist für die Sozialwissenschaftlichen Methoden ein grundsätzliches Problem. Das Idiom, die Sprache hat einen maßgeblichen Einfluss auf die Art und Weise, wie die Realität erfasst werden. Das Idiom muss erlernt werden und leitet den Blick auf die soziale Realtät, bzw. die soziale Realität wird durch die Sprache, das Idiom, erst ermöglicht. Das Idiom der Sozialwissenmschaften ist in der Vergangenheit häufig das Ziel der Kritik geblieben.

Für die Einordnung der Geschichte der Sozialwissenmschaften wäre einer Erörterung des diskursiven Spannungsfeldes zwischen Soziologie und Sozialwissenmschaften lohnenswert gewesen, da die Parralelexistenz von Sozialwissenmschaften und Soziologischen Diplom Studiengängen nach Verwirklichung der Bologna Vorgaben als ein abgeschlossenes Kapitel anzusehen ist. Die Pflichtauflagen für Studierende sozialwissenmschafter Fächer durch Jura und VWL war in der Gründungsphase dieser Studiengänge möglicherweise eine gute Idee, da ökonomische und juristische Institute zu der Zeit stärker mit historischen und philosophischen Lehrangeboten das Interesse der sozialwissenmschaften auf sich zogen. Viele Ökonomen verstehen sich in der gegenwärtigen Hochschullandschaft nicht mehr als Sozialwissenmschaftler und auch die historischen oder philosophischen Interessen der Rechtsgelehrten fristen mitunter ein Nischendasein. Die Frage nach der Verortung der Sozialwissenmschaften stellt sich auch in dieser Hinsicht auch in der Gegenwart.

Aus formaler Sicht wäre ein Sach- und Personenverzeichnis bei der Ausstattung des Bandes sicher hilfreich.

Fazit

Der vorliegende Sammelband präsentiert durch die Bank lesenswerte und originelle Artikel. Auch bereits erfahrene Sozialwissenmschafter*innen werden aus diesem Buch zahlreiche neue Einsichten gewinnen können. 


Rezension von
Martin Gloger
Diploma Hochschule – Fachhochschule Nordhessen
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Zitiervorschlag
Martin Gloger. Rezension vom 19.02.2021 zu: Uwe Dörk, Fabian Link (Hrsg.): Geschichte der Sozialwissenschaften im 19. und 20. Jahrhundert.. Idiome - Praktiken - Strukturen. Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2019. ISBN 978-3-428-15657-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25919.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


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