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Alois Pölzl, Bettina Wächter: Digitale (R)evolution in sozialen Unternehmen

Cover Alois Pölzl, Bettina Wächter: Digitale (R)evolution in sozialen Unternehmen. Praxis-Kompass für Sozialmanagement und soziale Arbeit. WALHALLA Fachverlag / metropolitan Verlag (Regensburg) 2019. 160 Seiten. ISBN 978-3-8029-5482-5. 24,95 EUR.

Reihe: Management Soziales & Gesundheit. Blaue Reihe.
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Thema

Längst hat der gesellschaftliche Diskurs über den digitalen Wandel auch das Sozialmanagement und die Soziale Arbeit erreicht. Eine Reihe von Büchern und unzählige Zeitschriftenbeiträge sind seither dazu erschienen, kaum eine Fachtagung kommt ohne dieses Thema aus. Auch die Corona-Pandemie hat die Auseinandersetzung mit diesem Thema weiter befeuert, mussten doch binnen kürzester Zeit viele Prozesse und Kommunikationswege digitalisiert werden, die zuvor nicht selten als digitalisierungsresistent angesehen wurden. Zwar wird Informationstechnologie in den verschiedenen Feldern der Sozialen Arbeit bereits seit über 30 Jahren genutzt, doch erst mit dem allgemeinen gesellschaftlichen Digitalisierungsdiskurs wurde vielen Führungskräften bewusst, dass es sich hier nicht um ein technisch-operatives, sondern um ein strategisches Thema handelt, das für soziale Organisationen eine zukunftsentscheidende Relevanz besitzt.

AutorInnen

Alois Pölzl ist Geschäftsführer und Lehrbeauftragter und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den digitalen Möglichkeiten in der Sozialen Arbeit. Er ist Mitglied im Aufsichtsrat der Soziale Initiative Gemeinnützige GmbH und Vorsitzender im Österreichischen Berufsverband der Sozialen Arbeit.

Bettina Wächter ist Sozialmanagerin, Organisationsentwicklerin mit Schwerpunkt Qualitäts- und Prozessmanagement, HR und Datenschutz sowie Projektmanagement. Sie ist IT-Koordinatorin in einem oberösterreichischen Sozialunternehmen.

Aufbau und Inhalt

Einleitend definieren die Autoren, was Digitalisierung aus ihrer Sicht ist und beklagen, dass in der sozialwirtschaftlichen Literatur das Thema „nur vereinzelt zu finden“ sei (S. 13). Sie unterteilen das Phänomen in die vier Handlungsfelder Kunden, Produkte und Leistungen, Mitarbeitende sowie Organisation und Prozesse und erläutern kurz, was diese für sozialwirtschaftliche Unternehmen und die praktische Soziale Arbeit bedeuten. Dabei werden gleichermaßen Anwendungsformen klassischer IT wie Branchensoftware oder betriebswirtschaftliche Software sowie neuere Phänomene wie KI und Robotik thematisiert. Unter anderem wird konstatiert, dass in Japan Pflegeroboter bereits seit Jahren eingesetzt würden (S. 23), in Verwaltungsabteilungen schon viele Stellen durch Digitalisierung weggefallen seien (S. 25) und die Digitalisierung von Prozessen in Sozialunternehmen schon weit fortgeschritten wäre (S. 26). Belege für diese Aussagen werden nicht genannt, doch betonen die Autoren, dass es wenig hilfreich sei, bisherige analoge Prozesse digital nachzubauen.

Anschließend greifen Sie den Titel des Bandes auf und diskutieren, ob es ich bei der Digitalisierung um eine Revolution oder um eine Evolution handelt. Hier zitieren Sie drei Autoren, welche die evolutionäre Sicht präferieren und schließen sich dieser an. Kontroverse Meinungen dazu werden nicht diskutiert. Der Folgeabschnitt widmet sich einigen zentralen Phänomenen rund um die Digitalisierung wie Kundenorientierung, Skaleneffekte, Schwarmintelligenz Internet der Dinge, Produktgestaltung und Sprache, Verplattformung, Block Chain, Big Data, Künstliche Intelligenz, Gamification sowie Angst vor dem Unbekannten.

Unter der Kapitelüberschrift „Beobachtungen in Gesellschaft und Wirtschaft“ werden Themen wie Industrie 4.0, VUCA-Welt, Arbeitswelt, digitaler Staat, elektronische Überwachungs- und Scoringsysteme sowie neue Formen der Kooperation wie die Sharing Economy beschrieben.

Im letzten Drittel konzentriert sich das Buch auf den sozialwirtschaftlichen und sozialarbeiterischen Sektor. Eingangs wird konstatieren die Autoren, dass die Orientierung am Kunden tief im Selbstverständnis der Organisationen verwurzelt sei und nehmen als Beleg dafür die Leitbilder der Organisationen (S. 92). Ebenso wird behauptet, dass soziale Unternehmen in den letzten Jahren mit dramatischen Einsparungen durch staatliche Geldgeber konfrontiert waren und dass Effizienz nicht das passende Mittel für eine widerstandsfähige Organisation sei (S. 94). Im Anschluss wird zwischen Technologien als Werkzeug für interne Prozessunterstützung und als Teil sozialer Dienstleistungen differenziert und der digitale Reifegrad sozialer Organisationen beleuchtet. Referenziert wird dabei jedoch teils auf Studien, die den gesamten Non-Profit-Sektor beleuchten, in welchem die Sozialwirtschaft jedoch nur einen Teilausschnitt darstellt. Weitere Themen widmen sich kurz der Notwendigkeit von Prozessmanagement, Wissensmanagement und agilem Arbeiten. In Bezug auf die Berufspraxis werden zunächst die digitalen Welten der Kunden Sozialer Arbeit beleuchtet. Dabei behaupten die Autoren, dass diese selten über einen Internet-Zugang verfügen würden (S. 110), manche aber auch den Beratern an Digitalkompetenz überlegen wären. Einschlägige Studien zur Verbreitung digitaler Medien in der Gesellschaft werden jedoch diesen Ausführungen nicht zu Grunde gelegt. Schließlich wird gefordert, dass sich Praktiker über die digitalen Welten ihrer Klienten informieren müssten (S. 112). Abschließend werden mit jeweils wenigen Sätzen Themen wie Administration, Kommunikation, Beratung, Soziale Medien, Dokumentation sowie Fallanalyse und Interventionsplanung angerissen.

Das Abschlusskapitel benennt schließlich Folgerungen für Sozialmanagement und Soziale Arbeit. Zunächst wird als Aufgabe von Führung die Nutzung neuer, agiler Methoden und die Schaffung von Freiräumen für Innovationen identifiziert. Anschließend werden kurz verschiedene Aspekte aus dem Themenfeld Arbeit 4.0 angerissen und künftig notwendige Digitalkompetenzen thematisiert, ohne diese jedoch im Detail zu benennen. Gleiches gilt für die Forderung zur Definition einer IT-Strategie, auf die man, wenn man wolle, eine Digitalisierungsstrategie aufsetzen könne. Beides wird jedoch nicht näher ausgeführt. Unter der Folgeüberschrift „Neue Soziale Arbeit“ wird herausgearbeitet, was angesichts von KI und Digitalisierung noch das Spezifikum Sozialer Arbeit sei („promote“ und „engage“) und behauptet, dass mit der Digitalisierung neue Arbeitsformen entstehen werden – ohne diese jedoch näher zu benennen.

Diskussion

Der einleitend entwickelte Referenzrahmen zur Digitalisierung vermittelt einen guten und leicht verständlichen Einstieg in das Thema. Hier wird jedoch bereits ein Manko sichtbar, das sich durch den gesamten Band zieht: Die Autoren trennen nicht analytisch scharf zwischen klassischer IT, die schon seit Jahrzehnten – mehr oder minder erfolgreich – in Sozialunternehmen eingesetzt wird und dem Phänomen der Digitalisierung, das mit neueren Technologien wie Plattformen, künstliche Intelligenz oder Robotik gesellschaftliche Veränderungen rasant vorantreibt.

Man merkt dem Band an, dass er von gestandenen Praktikern verfasst wurde. Dies positiv wie negativ: Zum einen beschreibt das Buch viele Phänomene recht griffig und in gut verständlicher Sprache. Es ist breit angelegt und vermag so, einen guten ersten Eindruck über Digitalisierung zu vermitteln. Zum anderen mutet es etwas befremdlich an, wenn die meisten bislang erschienenen und vielfach zitierten einschlägigen Buchpublikationen oder empirischen Studien zur IT und Digitalisierung in der Sozialwirtschaft kaum aufgegriffen werden. Dies gilt ebenso für die inzwischen reichlich vorhandenen Beiträge in renommierten Fachzeitschriften. Daraus resultieren Teil nicht belegte oder empirisch widerlegbare Behauptungen etwa zum alltäglichen Einsatz von Pflegerobotern in Japan (den es faktisch so nicht gibt) oder zur weit fortgeschrittenen Prozessdigitalisierung in sozialen Unternehmen, die etwa durch den IT-Report für die Sozialwirtschaft (Kreidenweis/Wolff 2018) untersucht wurde. Auch die Darstellung von Phänomene wie Smarthome (bzw. hier eigentlich gemeint: Assistenztechnologien) oder Verplattformung, zu denen es längst einschlägige fachspezifische Publikationen gibt, gerät dadurch etwas flach und beliebig, auch wenn manche wichtigen Aspekte durchaus erfasst werden. Ebenso gehen die Ausführungen zur Künstlichen Intelligenz teilweise an den Kernthemen wie etwa die Selektion von Trainingsdaten vorbei und hinterlassen den Eindruck einer eher oberflächlichen Beschäftigung mit den – zugegebenermaßen – komplexen technischen Zusammenhängen. Gleiches gilt etwa für beschriebenen Veränderungen in der Wirtschaft, die das zentrale Merkmal der digitalen Revolution – die disruptiven Geschäftsmodelle – nicht erwähnen und erklären. Stattdessen werden viele Einzelphänomene aneinandergereiht, die zwar einen guten Eindruck von der Dynamik der Digitalisierung vermitteln, aber oft nicht zu deren zentralen Stellschrauben vordringen. Irritierend sind auch die häufigen unbelegten und objektiv falschen Behauptungen, etwa dass in Verwaltungsabteilungen sozialer Unternehmen durch Digitalisierung bereits viele Stellen weggefallen seinen, dass Klienten selten über Internetzugänge verfügen würden oder soziale Einrichtungen generell von massiven Einsparungen betroffen seien. Mindestens strittig ist auch die Behauptung, dass die Orientierung am Kunden tief im Selbstverständnis der Organisationen verwurzelt sei. Und dass Leitbilder dafür als Beleg genommen werden, kann bestenfalls als arglos tituliert werden. Denn zumindest mit Blick auf Digitalisierung ist eher das Gegenteil der Fall: während sich viele Klienten längst in digitalen Welten bewegen, bietet die überwiegende Zahl der Sozialorganisationen bislang nur analoge Zugänge zu ihren Dienstleistungen (vgl. Kreidenweis/Wolff, 2018). Zudem ist die sozialwirtschaftliche Literatur der letzten 20 Jahre reich an Belegen dafür, dass sich die Branche traditionell weit stärker an den staatlichen Finanzierungslogiken ausrichtet, als am tatsächlichen Kundenbedarf. Hier mag es jedoch Unterschiede zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz geben.

Viele weitere Themen wie die Entwicklung einer IT- oder Digitalisierungsstrategie werden nur angerissen, ohne jedoch konkrete Hinweise zu deren praktischer Realisierung zu vermitteln. Völlig unverständlich erscheint die Aussage, dass man nach der IT-Strategie eine Digitalisierungsstrategie entwickeln könne, wenn man wolle. Hier wird verkannt, dass eine Digitalisierungsstrategie der unabdingbare Kern jeglicher Digitalisierungsbemühungen sozialer Unternehmen sein muss, wenn diese nicht in völliger Beliebigkeit versacken sollen.

Trotz dieser Mängel vermag der eher assoziative Zugang der Autoren zu diesen Themen manche Praktiker, die mit dem Thema noch am Anfang stehen, durchaus anzusprechen und an verschiedenen Stellen werden auch wichtige Aspekte etwa zur ethischen Reflexion benannt. Eine Stärke ist sicher auch, dass sich das Buch auf den deutschsprachigen Raum bezieht und an der einen oder anderen Stelle Einblicke in die verschiedenen Länder ermöglicht.

Fazit

Insbesondere Einsteigern in das Thema Digitalisierung bietet der Band im Sinne eines Lesebuchs einen breit angelegten, leicht verständlichen und durchaus mit Fokus auf die Branche aufbereiteten Überblick zum Thema Digitalisierung. Aus Mangel an Referenzen auf bereits einschlägig, teils auf empirischer Basis produzierte Erkenntnisse zur Digitalisierung der Sozialwirtschaft bliebt er jedoch an vielen Stellen eher flach und tätigt teils sogar objektiv falsche Aussagen. Oft ist den Autoren auch nicht leicht zu folgen, weil sie innerhalb mancher Kapitel völlig unterschiedliche Themen adressieren, was einen roten Faden ist nur schwer erkennen lässt. Ein Manko ist insbesondere, dass das Buch viele Aspekte nur anreißt, wenig in die Tiefe geht und kaum praktische Ansatzpunkte und methodisches Wissen zur praktischen Umsetzung der Digitalisierung in sozialen Organisationen liefert. Leider fehlen auch häufig der Hinweis auf weiterführende Literatur, die dies leisten könnte. So kann es das Versprechen seines Untertitels, ein „Praxis-Kompass für Sozialmanagement und Soziale Arbeit“ zu sein, nur bedingt einlösen. Die durchaus erkennbare Ermutigung der Autoren, sich dem Themenfeld Digitalisierung aktiv zu widmen, wird dadurch leider etwas gedämpft.

Literatur:

Helmut Kreidenweis/​Dietmar Wolff: IT-Report für die Sozialwirtschaft 2018. Eichstätt 2018


Rezension von
Prof. Helmut Kreidenweis
Professor für Sozialinformatik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Gründer und Vorstand des Fachverbandes für IT in Sozialwirtschaft und Sozialverwaltung FINSOZ e.V., Inhaber der Beratungsfirma KI Consult.
Homepage www.sozialinformatik.de
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Zitiervorschlag
Helmut Kreidenweis. Rezension vom 02.10.2020 zu: Alois Pölzl, Bettina Wächter: Digitale (R)evolution in sozialen Unternehmen. Praxis-Kompass für Sozialmanagement und soziale Arbeit. WALHALLA Fachverlag / metropolitan Verlag (Regensburg) 2019. ISBN 978-3-8029-5482-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25924.php, Datum des Zugriffs 20.10.2020.


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