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Thomas Hoebel, Wolfgang Knöbl: Gewalt erklären!

Cover Thomas Hoebel, Wolfgang Knöbl: Gewalt erklären! Plädoyer für eine entdeckende Prozesssoziologie. Hamburger Edition (Hamburg) 2019. 240 Seiten. ISBN 978-3-86854-335-3. D: 22,00 EUR, A: 22,60 EUR.
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Thema

Die Autoren wollen mit ihrem Buch der Frage nachgehen, wie sich die sozialwissenschaftliche Gewaltforschung „gegenwärtig mit der Verursachung ihres Untersuchungsgegenstands befasst“ (16), dabei auf Probleme hinweisen und Folgerungen ableiten. Gewaltforschung, so die Verfasser, habe „nur allzu selten“ die „Güte und die Grenzen ihrer explanatorischen Behauptungen“ (9) ausgelotet. Mit dieser Lücke will sich das vorliegende Buch beschäftigen.

Autoren

Dr. Thomas Hoebel ist Soziologe und als Wissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung in der Forschungsgruppe Makrogewalt tätig. Er ist Gründungsmitglied der Forschungsgruppe „Organisation, Dauer und Eigendynamik von Gewalt“.

Wolfgang Knöbl ist Soziologe und seit 2015 Direktor des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Nebenberuflich hat er eine Professur für Politische Soziologie und Gewaltforschung an der Leuphana Universität Lüneburg inne.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst sechs Kapitel und eine umfängliche Literaturliste. Die Kapitel widmen sich folgenden Themenkomplexen:

  1. Gewalt erklären? – Zur Einführung
  2. Konstruktion und Kausalität: Prämissen systematischer Rekonstruktion
  3. Kausale Heuristiken der Gewaltforschung – und ihre Probleme
  4. Der Mikro-Makro-Link als Sachgasse
  5. Temporalität und Timing: Grundzüge prozessualen Erklärens von Gewalt
  6. Gewalt erklären! Grenzen und Perspektiven

Im ersten Kapitel stellen die Autoren fest, dass die sozialwissenschaftliche Gewaltforschung wissenschaftstheoretisch desinteressiert sei, „sich zu wenig mit ihren theoretischen Prämissen, Problemen und Perspektiven“ beschäftige und es versäume, „zur Frage der Erklärung klar Stellung zu beziehen.“ (8). Das „Erklären“ sei aber ein „Kerngeschäft wissenschaftlicher Disziplinen“ (7), welches „Warum-, Wie- und Was-Fragen“ verfolge, wobei „Warum-Fragen nicht privilegierter als andere“ (7) seien. Hoebel und Knöbl konstatieren, dass die meisten sozialwissenschaftlichen Gewaltforschungen „die zugrunde liegenden Kausalannahmen weitgehend im Dunkeln“(14) ließen. Ein „recht heterogene(r) Situationismus“ beherrsche das Feld, welcher „mitunter durch eine interaktionszentrierte Mikrosoziologie der Gewalt dominiert“ (14) werde.

Darüber hinaus stellen sie fest, dass in der gegenwärtigen Gewaltforschung lediglich drei unterscheidbare Heuristiken (Motive, Situationen und Konstellationen) zu finden seien. Jede dieser Heuristiken führe „jedoch für sich genommen auf explanatorische Abwege“ (17) (vgl. Makro-Mikro-Zirkel, 124 f.). Eine Alternative sehen die Verfasser „nicht in Mikro-Makro-Modellen, sondern in prozessualen Ansätzen“ (17).

Im zweiten Kapitel stellen die Autoren im Wesentliche ihre „Prämissen systematischer Rekonstruktion“ (41 ff.) dar. Sie nehmen an, dass Fragen der Verursachung durch ein dichtes Beschreiben sichtbar gemacht werden könne und weisen darauf hin, dass die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten grundsätzlich narrativ angelegt seien. Das habe zur Folge, dass in Beschreibungen – aufgrund der allgemeinen Sprachorganisation – in der Regel Kausalannahmen eingingen. Unter methodologischem Gesichtspunkt könne gefolgert werden, dass dann, wenn jemand das soziale Geschehen mit Blick auf dessen Sinnhaftigkeit sprachlich fasse, auch „narrativ vermittelte Vorstellungen über seine Verursachung“ (47) einfließen ließe. Folglich sei es notwendig zu analysieren, welche explanatorischen Kausalannahmen in den narrativen Konstruktionen sozialen Geschehens enthalten sind. Erkenntnis basiere darauf, „die uns umgebende Realität zu lesen und in unsere Wortsprache zu übersetzen“ (49) (Casing). Forscher würden ein Phänomen zu dem machen, als das sie es begreifen. Kausalannahmen seien davon ein Bestandteil (Causing).

Im dritten Kapitel setzen sich die Verfasser mit den drei Heurisiken auseinander und wollen deren Defizite aufzeigen.

  • Als Beispiel für die Heuristik der Motive ziehen sie die Studie von Stathis Kalyvas (The Logic of Violence in Civil War) aus dem Jahre 2006 heran. Kalyvas untersuchte den Bürgerkrieg im nordöstlichen Teil des Peloponnes während der Besetzung Griechenlands durch die Deutsche Wehrmacht. Hoebel und Knöbl wenden dieser Studie gegenüber u.a. ein, dass das „Casing“ zwar für die damalige griechische Situation valide sei, bezweifeln jedoch die Generalisierbarkeit der Ergebnisse (vgl. 65). In Bezug auf das „Causing“ kommen sie zu der Bewertung, dass Kalyvas die genauen Prozessverläufe des Gewaltgeschehens nach all den Jahren nicht valide erfassen könne (vgl. 66). Seinem Ansatz fehle es darüber hinaus an „zeitlicher Sensibilität“ (69), sein Modell basiere auf der Annahme unveränderter Motivlagen. Er folge der Vorstellung, dass die Anwendung von Gewalt eine nützliche Funktion territorialer Kontrolle sei, die auf die Motive der einzelnen Akteure „scheinbar bruchlos“ (69) durchschlagen würde. Wissenschaftstheoretisch gesehen sei eine derart funktionalistische Erklärung problematisch, „weil aus Systemerfordernissen (…) nicht einfach abgeleitet werden“ (70) könne, dass die Akteure diesen gemäß auch handeln würden.
  • Zur Auseinandersetzung mit der Heuristik der Situation nehmen sich die Autoren die Untersuchungen von Randall Collins („Dynamik der Gewalt“; 2011) und die Studien von Lee Ann Fujii („Mehr als tödlich“; 2019/„Killing Neighbors“; 2009) vor. Sie stellen fest, dass Collins’ Arbeit für diese Heuristik paradigmatisch sei. Sein primäres Interesse gelte nicht der Verursachung durch „primär,starke Motive'“, sondern der lokalen „Kausalität in Situationen“ (80). Er wolle gewalttätige Handlungen interaktionszentriert erklären und deren Mikroprozesse erfassen. Collins’ Versuch sei durch einen emotionssoziologischen Ansatz charakterisiert. Er gehe davon aus, dass Gewalt in der Regel angstbesetzt sei (Konzept der Konfrontationsanspannung/​-angst), denn Menschen würden für gewöhnlich große Hemmungen verspüren, Gewalt anzuwenden. Die Art und Weise, wie Menschen mit dieser Angst umgingen, habe entscheidenden Einfluss auf die Auftrittswahrscheinlichkeit gewaltförmiger Handlungen. Hoebel und Knöbl attestieren dem mikrosoziologischen Ansatz von Collins beeindruckende Stringenz in Bezug auf das „Casing“ und „Causing“, fragen aber kritisch, ob „allein durch die schiere Rekonstruktion von Situationsverläufen gewissermaßen das Erklärungsproblem“ (86) zu lösen sei.
  • Gerade in Zusammenhang mit Makrogewalt (z.B. Bürgerkriege) dürften übergreifende Zusammenhänge nicht unberücksichtigt bleiben. Hierfür biete sich die Heuristik der Konstellationen an. Mit dieser setzen sich die Verfasser anhand der Arbeiten von Georg Elwert („Gewaltmärkte“; 1997), Timothy Snyder (Bloodlands; 2010/Black Earth; 2015), Jörg Baberowski („Verbrannte Erde“; 2012), Stefan Kühl („Ganz normale Organisationen“; 2005) auseinander. Kühls systemtheoretisch inspirierte Studie beschäftigt sich mit der„Beziehungskonstellation von Organisationsmitgliedern“ (116) innerhalb eines Polizeiapparats und dessen Einbindung in das NS-System in Zusammenhang mit staatlich organisiertem Massenmord. In Bezug auf die 1942 in Józefów von 500 Mitgliedern des Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 durchgeführte Ermordung von 1500 Menschen jüdischen Glaubens, so die Autoren, ziele Kühl darauf ab, aufzuzeigen, dass es keine „idiosynkratischen Motivlagen“ (114) seien, die das Handeln der Mörder erklären würden. Vielmehr sichere die formale Mitgliedschaft zu einer Organisation einen sozialen Mechanismus, der bewirke, dass Mitglieder auch solchen Befehlen folgten, die sie zum Zeitpunkt ihres Eintritts noch nicht kennen konnten, auch wenn es sich dabei um die massenhafte Ermordung wehrloser Personen handele, ohne dass sie „dafür besonders motiviert sein müssten.“ (116). Kühl postuliere einen „Konsistenzdruck“, der bewirke, dass es Menschen in einer derartigen Extremsituationen nicht besonders leicht falle, „ihre bisher gepflegte Selbstdarstellung“ (117) gegenüber den Kameraden und Vorgesetzten aufzugeben und sich dem Mordauftrag und „dem bisherigen Bild ihrer selbst“ (117) zu verweigern. Hoebel und Knöbl merken kritisch an, dass Kühl auf „jegliche wissenschaftstheoretische Reflexion dessen, was er mit soziologischer Erklärung meint“ (121), verzichte. Er rücke in „erster Linie die Ereigniskausalität des Organisationseintritts in den Mittelpunkt“ und würde unterstellen, dass von hier aus „sich dann scheinbar automatisch alle weiteren Konsequenzen“ (122) (Massentötungen) ergeben würden. Die dazwischen liegenden Ereignisverkettungen und Zusammenhänge (z.B. Entscheidungen über Programme, interne Hierarchien, Personalrekrutierung) beleuchte er nicht, diese seien aber für den Massenmord nicht unerheblich (vgl. A. Nolzen). In seinem „Casing“ greife er auf ein „einigermaßen einfach gestricktes ereigniskausal-transitives Argument zur Erklärung einer bestimmten historischen Form von Gewalt“ (123) zurück. Im „Casing“ blende Kühl „die Zeitlichkeit und Prozessualität des Geschehens weitgehend“ (123) aus und bleibe letztendlich „akteurskausalen Vorstellungen verhaftet …, weil er den Motiven der Täter … dann doch ein erhebliches Gewicht“ (123) zuschreibe.

Die differenzierte und formal-logische überzeugende Analyse der drei aufeinander bezogenen Heuristiken mündet in dem Ergebnis, dass diese miteinander zirkulär verstrickt seien. Hoebel und Knöbl nehmen an, „dass diese Zirkularität nicht zuletzt auch damit zu tun“ habe, „dass die Argumente ständig von der Mikro- auf die Makroebene und zurück“ wechseln würden, „um den in den jeweiligen Heuristiken vorfindbaren Aporien zu entgehen.“ (125).

Im 4. Kapitel erklären die Verfasser, dass der Mikro-Makro-Streit die Begleiterscheinung einer „wissenschaftstheoretischen Konfusion“ sei und „im Kern die nicht geklärte Unterscheidung von Epistemologie und Ontologie.“ (130) betreffen würde. Die „Adaption der Mikro-Makro-Semantik“ sei „mit Blick auf die Gewaltforschung schlechthin eine theoretische und konzeptionelle Sackgasse.“ (129) Sie schaffe „mehr Probleme, als dass sie solche löst“ könne, weil „Forscher ontologische Aussagen“ machten, „ohne sich die inneren Probleme ihres epistemologischen Beobachtungsstandpunkts“ (133) zu verdeutlichen und weil diejenigen, die mit der Mikro-Makro-Unterscheidung arbeiten würden, nicht klarstellten, ob diese „epistemologisch oder ontologisch zu verstehen“ (144) sei.

Im 5. Kapitel explizieren die Autoren ihren Vorschlag einer „entdeckenden Prozesssoziologie“, mit welchem sie die Mikro-Makro-Unterscheidung überwinden wollen und die sie als eine „vierte, im Kern prozessuale Heuristik“ (158) begreifen, welche die „hohe explanatorische Relevanz sozialer Zeitlichkeit“ (158) betonen würde. Mit ihm wollen sie einen methodologischen Akzent setzen und die „Frage der Transitivität (bzw. der Intransitivität) von Ereignissen und damit ihrer temporalen Ordnung ins Zentrum kausaltheoretischer Erörterungen“ (157) stellen.

Im Wesentlichen gehe es dabei „um die Verkettung bestimmter Ereignisse“ (157). Hoebel und Knöbl schlagen vor, in der sozialwissenschaftlichen Gewaltforschung mit „vier sensibilisierenden Konzepten“ (Transitivität, Generalität, Indexikalität, Historizität) prozessualen Erklärens zu arbeiten, um einen gewalttätigen Vorgang „auf seine Verursachung hin zu analysieren“ (158). Die Verfasser betonen, dass die entdeckende Prozesssoziologie eine möglichst detaillierte Untersuchung „von vergleichsweise kleinräumigen ‚Szenen‘“ (194) von vergleichsweise kurzer Dauer anstrebe und dafür eine nachvollziehbare (Re)Konstruktion des Geschehens und seiner Rätsel vornehmen würde.

Im sechsten Kapitel denken die Autoren über „Grenzen und Perspektiven“ einer Gewaltforschung nach. Mit allgemeinen, auch auf alltägliche Gewalt anwendbaren Überlegungen schließt das Buch ab. Dabei weisen sie auf die Bedeutung von z.B. Erwartungen, Deutungen und Bewertungen Dritter hin, die den sozialen Sinn von gewaltförmigen Auseinandersetzungen „transzendieren“ würden (vgl. 197/198). In diese seien nämlich tatsächlich mehr Personen involviert als de facto anwesend. Die Rolle relevanter, aber nicht anwesender Personen oder Einflüsse könne über prozessuales Erklären angemessen einbezogen werden – auch hinsichtlich der Wirkungen und Möglichkeiten neuer Technologien.

Darüber hinaus werfen die Verfasser Fragen auf, die sich jede Sozialtheorie stellen sollte: nach dem „Zusammenhang von Kausalität und Erklärung“, „nach dem empirischen Verhältnis zwischen einzelnen Ereignissen und dem sie um- und übergreifenden Geschehen“ sowie nach dem „Timing der Ereignisse.“ (200).

Diskussion

Die Auseinandersetzung mit dem Problem der Motivrekonstruktion zieht sich wie ein roter Faden durch die Argumentation. Hoebel und Knöbl sehen sozialwissenschaftlich kaum Möglichkeiten, die wirklichen Gewaltmotive zu rekonstruieren, weisen aber darauf hin, dass es, um Gewalt erklären zu können, dieser Rekonstruktionen bedarf, besonders angesichts der Tatsache, dass Gewalthandlungen starke Motive voraussetzten (vgl. 77). Wenn aber forschungsmethodisch kaum Möglichkeiten bestehen, Motive valide erforschen zu können, befinden wir uns in einer Zwickmühle. Die Autoren wollen diesem mit ihrem Vorschlag einer Prozesssoziologie aus dem Wege gehen, wie weiter unten anhand der Beispiele des Massakers von Józefów und dem Charlie Hebdo-Terroranschlag noch zu zeigen ist.

Kann ihnen das aber wirklich gelingen, wenn sie Verursachung als „kausale Relation von Ereignissen“ (158) verstehen, „deren Sequenzialität durch die Beteiligten selbst realisiert“ werde, nämlich „durch ihre Deutungen, ihr Handeln und Erleben sowie ihre sozialen Beziehungen zueinander“ (157/158)? Spielen Motive denn hierbei keine bedeutende Rolle?

Ich denke, dass es nicht gelingen kann, in der Gewaltforschung „den handelnden Subjekten und ihren Motiven“ (123) wirklich zu entkommen. Motive aus forschungsmethodischen Unwegsamkeiten umgehen zu wollen, halte ich für gewagt und abstrahiert zu sehr von der persönlichen Verantwortung. Zudem würde sich der Blick von den Verhaltensdispositionen und sozialisatorischen Hintergründen abwenden.

Leider konkretisieren die Autoren ihren Motivbegriff nicht, sondern lassen ihn „in der Schwebe“. Meinen sie damit Absichten, Einstellungen, Überzeugungen, ideologische sowie politische Ziele oder individuelle, psychologisch zu verstehende Verhaltenstendenzen?

Ebenso stellen sie sich auch nicht dem Gewaltbegriff, sondern handeln ihn implizit ab. Die Mehrzahl der Studien und Argumente, anhand derer sie ihren Ansatz entfalten, beschäftigt sich mit Makrogewalt (Holocaust, Bürgerkrieg, Terroranschläge). Wurde die „erklärende Prozesssoziologie“ im Wesentlichen über die Auseinandersetzung mit organisierter Gewalt entwickelt? Das Buch lässt es offen, ob das Prozessmodell auch „alltägliche“ Gewalt (häusliche Gewalt, sexuelle Gewalt, Jugendgewalt usw.) einbeziehen will.

Collins’ Ansatz, so die Verfasser, würde nur dann zu überzeugen, „wenn man sich auf seine problematische Emotionstheorie“ (96) einließe, die davon ausgehen würde, dass eine „Situation selbst die betreffenden Emotionen“ (92) erzeuge. Problematisch an dieser Theorie sei, dass sie naturalistisch ansetze. Hoebel und Knöbl nehmen mit Verweis auf die kognitivistische Urteilstheorie von M. Nussbaum vielmehr an, „dass Emotionen jenseits von Erzählungen“(94) nicht existieren würden. Sie hätten „notwendig (Hervorhebung G.K.) eine narrative Form“ (94) und ließen „sich nicht einfach naturalistisch“ (95) fassen.

Das muss man nicht unbedingt in dieser Bestimmtheit so sehen, wenn man den Blick auf psychologische Theoriekontexte erweitert. Emotionen beinhalten verschiedene Qualitäten, u.a. auch kognitive. Jedoch nicht alle haben notwendigerweise gleichzeitig Anteil an deren Entstehung und Aufrechterhaltung. In der Sozialpsychologie kennen wir das bekannte Phänomen der „emotionalen Ansteckung“, welche im Sinne einer unbewussten, unwillkürlichen Übernahme von Gefühlen anderer Personen verstanden wird. Aber auch narrativ geformte Emotionen können in einer signifikanten Situation spontan (assoziativ) wachgerufen werden.

Kühls Studie verstehen die Verfasser als Versuch, jenseits der „mikrosoziologischen Perspektive der Neueren Gewaltforschung“ (120) wieder Erklärungen zu finden und Fragen nach übergreifenden Kontexten aufzunehmen. Der Einwand, Kühl hätte in seiner Argumentation in Bezug auf die selbstständig vorgenommenen Erweiterungen der Indifferenzzone sozusagen von Makro auf Mikro umschalten müssen, mag zutreffen. Aber der Unterstellung, dass an dieser Stelle eine Aporie sichtbar werde, mag ich nicht folgen. Dass eine auf übergreifende Kontexte angelegte Untersuchung in Bezug auf die konkrete Umsetzung des Mordauftrags am Ende dann bei akteurskausalen Vorstellungen landet, könnte man auch als Ergebnis verstehen. Dieses von mir so Verstandene überrascht aber nicht. Mit der Gedankenfigur einer selbstständigen Ausweitung der Indifferenzzone durch die Akteure, welche ja für jede Organisation eine wichtige Funktion hat, da sie diese in schwer regelbaren, neuen oder uneindeutigen Situationen handlungsfähig hält, treten notwendigerweise die Motive der Akteure auf den Plan – aber auch die Freiheitsgrade ihres Handelns.

Die Autoren verdeutlichen ihr Prozessmodell anhand des eben genannten Massakers in Józefów und des Charlie Hebdo-Terroranschlags in Paris, zwei prominente Beispiele organisierter Gewalt.

In Bezug auf die Massenerschießungen in Józefów bestehe das Rätsel darin, warum tötungsunerfahrene Polizisten in kleinen Gruppen reibungslos 1500 Frauen, Kinder und Alte von hinten erschießen. Die Verfasser konstatieren, dass eine transitive Erklärung weiterhelfen könne, weil sie die je besondere „Konsequenzialität der Ereignisse“ (163) in den Blick nehme. Mit dem von Hoebel (2015) entwickelten Konzept der „organisierten Plötzlichkeit“ könne die „Motivfrage in den Hintergrund (Hervorhebung; G.K.)“ (164) geschoben werden. Aber dabei beziehen sie sich lediglich auf ein „Motiv“, nämlich den Antisemitismus. Die Überlegung, dass auch andere (z.B. situationsbedingte) Motivlagen eine Rolle spielen könnten, wird nicht angestellt.

Die Sequenzialität der Ereignisse und die spezifische Zeitlichkeit, so die Autoren, würde plausibel die reibungslose Ermordung erklären. Die „organisierte Plötzlichkeit“ lassen Hoebel und Knöbl in ihrer Schematisierung (vgl. 163) mit der Sequenz beginnen, dass die Polizisten des Bataillons 101den Befehl erhalten, Lastwagen zu besteigen und, ohne weitere Informationen erteilt zu bekommen, nach Józefów gefahren werden. Erst dort erfahren diese von dem Mordauftrag, dem sie unterstellt sind, und haben im Prinzip keine weiteren Handlungsalternativen. Die „organisierte Plötzlichkeit“ ist eigentlich nicht mehr als ein Trick der Führung, mit welchem sie die Subalternen überrumpeln und vor vollendete Tatsachen stellen, um den Erfolg der Aktion zu sichern. Dass die „territoriale Schließung“ (durch die Situation hervorgerufene Bindung der Männer aneinander und an den Tötungsauftrag; vgl. 162) funktioniert, ist m.E. aber ohne Beteiligung starker (situationsspezifischer) persönlicher Motive (in Zusammenhang mit Kameradeska und Kadavergehorsam, blinder Loyalität, Selbstschutz usw.) nicht möglich. Auch der von Kühl genannte „Konsistenzdruck“ betrifft unmittelbar das Motivationssystem. Dass die Führung des Bataillons vermutlich auch aus persönlichen Motiven (z.B. Ehrgeiz, Karriere, Macht) bestrebt war, diesen Auftrag „erfolgreich“ umzusetzen und die Indifferenzzone entsprechend mit eigenen Entscheidungen konkretisierte, wird ja durch das von ihr vorgenommene spezielle „Timing“ (organisierte Plötzlichkeit) belegt.

Eine ausreichende Erklärung des unsäglichen Terrors in Józefów ist mit dem Prozessmodell m.E. nicht geleistet. Die Gewalt ist schon vor der Auslösung der Ereigniskette ausgemachtes Ziel der Kommandoebene. Es wird lediglich eine Erklärung dafür angeboten, warum es epistemologisch gesehen keines antisemitischen Motivs bedarf, um das widerstandslose Handeln der Befehlsempfänger zu plausibilisieren. Das Timing ist in einer paramilitärischen Organisation in Grundsatz nicht partizipativ, sondern eine Führungstechnik. Mittels der Prozessanalyse wissen wir lediglich, warum diese funktionierte.

Nebenbei bemerkt: das Handeln der Hamburger Polizisten in der letzten Sequenz, nämlich der Erschießung der jüdischen Menschen, kann auch als panisches Verhalten (vgl. „Vorwärtspanik“; R. Collins) verstanden werden.

Nicht unähnlich verhält es sich mit dem Charlie Hebdo-Beispiel, aber nur zum Teil. Die Autoren resümieren, dass dieser Fall beispielhaft dafür sei, dass das Gewaltgeschehen „sich nicht in erster Linie über Motive (Hervorhebung; G.K.) der Täter plausibel rekonstruieren“ ließe oder „über ihre Zugehörigkeit zu einer irgendwie islamistischen Organisation.“(166) Entscheidend sei „vielmehr die genaue Rekonstruktion der Ereignisverkettung, weil sich nur so auch Einblicke in die Dynamik der Anschläge und ihre Spezifika ergeben“ (166) würden.

Die im Buch dargestellte prozesssoziologische Rekonstruktion der Verkettung der Ereignisse wählt einen Ausschnitt des Verlaufs und beginnt damit, dass die flüchtenden Attentäter nach ihrem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift auf Sicherheitskräfte stoßen. Die Verfasser identifizieren „Passsagen mit kausaler Transitivität“ (164) und ein besonderes Ablaufmuster der Terroristen: „Anstatt emotional entmutigt zu sein, wenn sie auf Polizisten und Spezialkräfte treffen“, würden sich die Aggressoren „außerordentlich risikofreudig“ (165) zeigen (riskante Initiativen). Diese befinden sind über 50 Stunden in höchster Anspannung auf der Flucht oder im Krieg, je nachdem wie man es sehen will. Die Autoren diagnostizieren, dass deren riskantes Verhalten wesentlich zu dieser langen Dauer beigetragen hätte. Aber warum verhalten sich diese Menschen über eine derart lange Zeitspanne so? Bestimmt nicht vorrangig aus dem Grund, dass sie diese Kampfsituationen als Bühne nutzen würden, um sich vor einem „imaginären Publikum“ (166) als Krieger und Märtyrer aufzuspielen oder weil sie die Anerkennung durch ein „organisiertes Drittes“ (Terrorzelle u.ä.) suchen. Für mich kommen in der so geschilderten Situation vorrangig persönliche Motive (in Zusammenhang mit Dazugehörigkeit, Anerkennung, Angst) zum Tragen. Und was spricht dagegen, die „riskanten Initiativen“ ebenfalls als eine Art „Vorwärtspanik“ zu lesen?

Durch die vorgenommene Sequenzierung des gesamten Anschlaggeschehens geht vielmehr der Blick auf das entscheidende Gewaltereignis verloren. Dieses begann nämlich damit, dass die Terroristen zuvor in den Redaktionsräumen elf Menschen töteten. Gewalt war von ihnen geplant und wurde auch konsequent durchgeführt. Und hierfür bedurfte es wahrlich starker und dezidierter Motive! Die „Warum-Frage“ scheint mir hier dominant zu sein und die „Wie- und Was-Fragen“ zu determinieren. Alle darauf folgenden Ereignisse verlaufen zwar im Prinzip nicht alternativlos, sind aber u.a. logischen Reaktionen der Ordnungsmacht und ihrer Organisationen (Polizeieinsatz) geschuldet oder ergeben sich situativ.

Die komplexe Wirklichkeit der Ereignisse ist am besten mit Hilfe verschiedener theoretischer Zugänge zu erfassen. Es geht hier um Motive, Situationen, Konstellationen und (selbstredend) Prozesse gleichermaßen.

Die soziale Wirklichkeit ist eine ungeheuer vielschichtige Verzahnung von Vorgängen, die erkenntnistheoretisch und forschungsmethodisch – soweit es eben geht -systematisch aufzuschlüsseln und dem Verstehen und der kritischen Reflexion zugänglich zu machen ist. Dabei sind immer nur Annäherungen möglich. Eine Zusammenschau der Ergebnisse verschiedener theoretischer Zugänge bei produktive Anerkennung ihrer Andersartigkeit, Begrenztheiten und Lücken wäre für mich eine Option. Eine Mikro-Makro-Sackgasse kann ich nicht erkennen. Die Mikro-Makro (und von mir aus auch Meso-) Unterscheidung ist für mich ein nicht zu komplexes, erkenntnistheoretisch zu begreifendes Konstrukt, mit welchem sich systematisierende Annäherungen an die ontologisch gemeinten, höchst unterschiedlichen Interaktions- und Ereignisverkettungen sowie deren Verdichtungen erreichen lassen.

Darüber hinaus ist es müßig, sich allein sozialwissenschaftlich zu versteigen.

Themen, wie Gewalt sind interdisziplinär angelegt. Ohne Einbeziehung beispielsweise psychologischer Überlegungen lässt sich das Geschehen und die in ihm enthaltenen Rätsel nicht nachvollziehbar rekonstruieren. Auffällig ist schon, dass so einige der in diesem Buch herangezogenen soziologischen Ansätze nicht unwesentlich (auch verkürzend) psychologisch argumentieren und dieses nicht reflektiert wird.

Fazit

Hoebel und Knöbl legen ein Werk vor, welches sich außerordentlich differenziert, kompetent und engagiert mit dem in Rede stehenden Themenkomplex auseinandersetzt. Ihre Argumentation ist fundiert, profiliert und stringent, ihre Diktion bekennend soziologisch. Ohne entsprechendes Hintergrundwissen dürfte die Lektüre allerdings nicht ganz leicht fallen. In erster Linie eignet sich dieses Buch ausgezeichnet für WissenschaftlerInnen, die sich in Forschung und Lehre mit dem Thema Gewalt beschäftigen, denn es setzt sich gekonnt mit der soziologischen Gewaltforschung auseinander. Obwohl sich die Verfasser überwiegend mit Studien zur organisierten Gewalt beschäftigen und diese als eine „spezifische Verursachungsform“ (171) begreifen, kann das Buch auch weiterführende Anregungen in Bezug auf die s.g. „alltägliche“ Gewalt geben.


Rezension von
Prof. Dr. Gerd Krüger
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Zitiervorschlag
Gerd Krüger. Rezension vom 01.07.2020 zu: Thomas Hoebel, Wolfgang Knöbl: Gewalt erklären! Plädoyer für eine entdeckende Prozesssoziologie. Hamburger Edition (Hamburg) 2019. ISBN 978-3-86854-335-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25927.php, Datum des Zugriffs 28.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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