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Andrew Abbott: Prozessuales Denken

Cover Andrew Abbott: Prozessuales Denken. Reflexionen über Marx und Weber. Hamburger Edition (Hamburg) 2019. 130 Seiten. ISBN 978-3-86854-334-6. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema

Vergangenes und Zukünftiges sei im konkreten Handeln miteinander verwoben, so in Kurzform die tragende These des Verfassers. Um sie zu plausibilisieren, nimmt er zentral Marxsche Argumentationen auf und erwähnt (weniger kritisch) den neoklassischen Ökonomen Marshall. Nicht nur an diesen Autoren will er demonstrieren, dass sie ein eingeschränktes Bild vom menschlichen Handeln haben, so wie es tatsächlich ist. Mit seiner Analyse von ausgesuchten Beiträgen Webers will Abbott dann auch zeigen, dass Weber Wissenschaft als vergangenheits- und Politik als zukunftsorientiert verstanden hat. Zum Verständnis der Gegenwart sei beides miteinander zu verknüpfen, da sich Vergangenes und Zukünftiges im konkreten Handeln verzahnten. Abbott fängt das im Begriff von „dichten Gegenwarten“ ein (S. 26 pass.), in denen sich vielgestaltig zu denkende Vergangenheiten mit Zukunftsentwürfen verquicken.

Der Autor geht davon aus, „dass der Wandel der Normalzustand ist und die Stabilität ungewöhnlich“, was vor das Problem stelle, „wie wir mit der Tatsache umgehen sollen, dass ein so großer Teil der lokalen, kurzzeitigen sozialen Wirklichkeit stabil zu sein scheint.“ Das verlange ein „sozialtheoretisches System“, das die Beobachtung historisch „variierende(r) Regeln“ und „allgemeiner Regeln“ eröffnet, d.h. „einer Form von historischem Determinismus für die langfristige Perspektive einerseits und eines umfassenden regelgeleiteten Determinismus für die Gegenwart oder die kurzfristige Perspektive andererseits“ (S. 13). Sinnvoll scheint es dem Autor zu sein, „darüber zu theoretisieren, wie eine Veränderung den Anschein von Stabilität oder von stabilen Entitäten mit variablen Eigenschaften hervorrufen kann“, wozu er zur Veranschaulichung die Physik aufruft, Resonanzen und Interferenzmuster, also „dynamisch konstante Makrostrukturen in Systemen, deren Mikrostrukturen sich in einem regelmäßigen Fluss befinden.“ Hier knüpft seine „Prozesstheorie“ an (S. 15).

Abbott entwickelt die „Idee“, „dass der Historizimus den sozialen Prozess bis in die Gegenwart bringt und die Ökonomik über den sozialen Prozess nachdenkt, indem sie von der Gegenwart in die Zukunft blickt“ (S. 22), was er an Ausschnitten aus den Werken von Marx und Marshall exemplifiziert, an für seine Kritik relevanten Positionen. Verdeutlichen will der Autor, dass Geschichte „aus einer endlosen Folge von Gegenwarten (besteht), die miteinander durch eine Determiniertheit verbunden sind, die neben den Wahlhandlungen in die Zukunft fließt“ (S. 23, Anm. 2). Somit wird die „Lehre von der Wahl“ relevant. Am Beispiel von zwei Vorträgen Webers, die er für „Idealbeispiele“ hält, will er argumentativ einholen, dass sich in einer „dichten Gegenwart (…) nicht nur aufgestaute Determinierungen (finden), sondern auch aufgestaute Werteänderungen.“ Selbst jede „Newton‘sche Gegenwart ist voller ‚aufgestauter Veränderungen‘“ und selbst ein „Newton‘scher Moment fängt eine Gegenwart, die voller im Fluss befindlicher Veränderungen ist, als noch unvollständig ein.“ Das verweise darauf, dass sich „Erklärung und Wahl in der Gegenwart (überschneiden)“ (S. 25 f.). Insoweit plädiert Abbott für ein „Prozessuales Denken“, was schon der Titel seines Buches ausweist.

Autor

Andrew Abbott, amerikanischer Soziologe und Sozialtheoretiker, ist Gustavus F. and Ann M. Swift Distinguished Service Professor im Departement of Sociology an der University of Chicago. Er war Herausgeber des American Journal of Sociology.

Inhalt

Nächst der sehr ausführlichen Einleitung ist das Buch in zwei weitere Hauptkapitel gegliedert, nämlich „Zwischen Marx und Marshall: Prozessualismus als Theorie der Gegenwart“ und „Zwischen Wissen und Politik: Überlegungen zu Webers Berufen aus Anlass ihres hundertsten Geburtstags“. Beide Kapitel sind in mehrere Unterkapitel unterteilt. Es handelt sich um die Druckversion zweier Vorlesungen, die Abbott 2018 an der Humboldt-Universität zu Berlin im Rahmen einer Kolloquiumsreihe zu Ehren von Marx‘ zweihundertstem Geburtstag und als Plenarvortrag auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie an der Universität Göttingen hielt.

Marx ist ihm Anlass für seine erste Vorlesung, steht aber nicht im Mittelpunkt, wie er eingangs seiner Einführung betont. Er interessiere ihn vor allem als „ein Paradebeispiel für den tiefen Glauben des 19. Jahrhunderts an den Historizismus“, der im Sinne von „Geschichte“ den „meisten gebildeten Menschen in der modernen Welt die Erklärung für ihr eigenes Leben und das der anderen“ bereithielte. Da lokalisiert er den „tiefere(n) Grund“ aller emotionalen Regungen. Solche Erklärung bestimme „die künstliche soziale Welt, die ihnen als absolut real erscheint. Sie ist faktisch ihre Religion“ (S. 35). Er erörtert die Probleme des Historizismus, und zwar als „allgemeine Theorie der sozialen Welt“, und stellt naturrechtliche Vertragstheorie und Ökonomik gegenüber, die eben nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart zu wurzeln scheinen, die er aber gleichwohl einer Kritik unterzieht, weil Abbott sein Plädoyer – durchgehend – plausibilisieren will, dass nämlich der „Prozessualismus einen besseren Ansatz für die empirische wie die normative Sozialwissenschaft bietet und dass er zudem methodologischen Veränderungen entspricht, die in den Sozialwissenschaften ohnehin bereits zutage treten“ (S. 36).

Für „Prozessualismus“ resp. „prozessuales Denken“ spreche, dass die „Welt (…) genau genommen eine Welt von Ereignissen“ ist, und hinzu komme, dass eine „Kontinuität der sozialen Dinge von der Vergangenheit in die Gegenwart und in die Zukunft (…) nicht vorausgesetzt werden könne“ (S. 56), weshalb die Kontinuitätsannahme durch einen Begriff der „Entwicklungslinie ersetzt werden müsse, in dem gewisse Sequenzen von Ereignissen in mehr oder weniger unterscheidbare Entwicklungslinien fallen, die sich uns als Individuen und soziale Gruppen darstellen werden“ (S. 58). Abbott betont, dass es „keine absolute Gleichzeitigkeit sozialer Ursachen“ gibt und verweist auf die „Tatsache“, „dass es dauert, bis Ursache und Wirkung durch die Sozialstruktur gesickert sind“, was bedeute, „dass die Gegenwart, die wir erleben, kein jäher Newton‘scher Moment, sondern dass sie dicht ist“ (S. 61).

Marx testiert er, ein zu „aufrichtiger Historiker“ gewesen zu sein, „um die Handlungsmacht einzelner Individuen nicht anzuerkennen“, doch habe er sie mittels verschiedener nachträglicher Anpassungen seiner Theorie kurzerhand weg erklärt (S. 40). Dem Historizismus sei die aufzuwerfende Frage geschuldet, „ob das Individuum nicht in Wirklichkeit kein freier, sondern ein überaus beschränkter Akteur ist.“ Marx‘ Annahme eines „unheilvollen Alp der ‚Vergangenheit‘, der auf uns lastet“, sei zu verwerfen; nachdem Marx all seine Kräfte „in das Bemühen investiert hat, die Unvermeidlichkeit der Gegenwart nachzuweisen, fehlt ihm die Freiheit, eine unbekannte Zukunft vorherzusagen.“ Seine „verfehlte Prognose von einem unausweichlichen Sieg des Proletariats“ künde davon. „Er ist wie ein Statistiker, der eine Kurve zu gut angepasst hat“ (S. 42 f.). Im Anschluss testiert er Naturrechtstheorien eine „vertraute(.) kontraktualistische Ontologie individueller Akteure“, denen aber jede „nennenswerte Besonderheit“ fehle und daher auch „jede wirkliche Geschichte. Kausalität ist weitgehend auf Wirkursachen (…) beschränkt. Das System selbst ermangelt jeder spezifischen Geschichte, da sein gesamter Fokus auf ewigen moralischen Wahrheiten liegt“ (S. 45). Die Wirtschaftswissenschaften würden „nur nach vorne, nie zurück“ blicken, wodurch sie auch das Problem mitschleifen würden, „dass die Ökonomik (…) die permanente Umgestaltung ihrer eigenen Einheiten“ ignorieren würde (S. 48 f.).Allerdings hätte Marshall, „als er zwischen kurzer und langer Periode unterschied“, diese Problem „intuitiv erfasst“: „die bestehende soziale Struktur selbst steuert, begünstigt und beschränkt zu einem gegebenen Zeitpunkt den Fluss der Kausalität unter ihren Teilen. In einem tiefen Sinne kann die Gegenwart nicht momentan sein“ – dies scheine bei Marshall auf (S. 55).

Als Fazit bleibt für Abbott, Marx habe zu Recht gesehen, „dass die Menschen die Geschichte nicht machen, wie es ihnen gefällt“, aber er hätte den „klassischen historizistischen Fehler“ begangen, „das Gewicht der Tradition all jener toten Generationen zu überschätzen“, die wohl einen „Alp“ darstellen könnten, „der manchmal sehr schnell vergessen werden kann.“ Demgegenüber betont er, der „soziale Prozess“ habe „keine Struktur- und Handlungsprobleme: Er sieht einfach, wie Handlungen stets von einem bestimmten Ort ausgehen, und betont die – zumindest für die moderne Gesellschaft – historisch offensichtliche Fähigkeit, sich selbst in überraschendem Tempo umzuschreiben“ (S. 69). Dazu führt er die Wandelbarkeit unseres Begriffs von Gerechtigkeit ins Feld. Was Abbott perspektivisch für eine Durchsetzung des prozessualen Denkens sieht, sind „Wissenschaftlerinnen (…), die gleichzeitig Experten in algorithmischem und soziologischem Denken sind“; ihnen traut er zu, dass sie in personam „gleichzeitig materielle und rechentechnische Expertinnen sind. Sie werden das prozessuale Paradigma ausarbeiten können“ (S. 72).

Danach folgt seine Einlassung zu Weber, und zwar in Aufnahme von dessen Vorträgen „Wissenschaft als Beruf“ und „Politik als Beruf“. Gegenüber insbesondere Kant als gleichsam Erblasser von Weber will Abbott die „Trennung zwischen Empirischem und Normativem“ überwinden, da seine eigene „Schlussfolgerung“ ist, „dass die Trennung zwischen empirischen und normativen Erwägungen in der Untersuchung der Gesellschaft im Allgemeinen ein Fehler ist, obwohl es folgenschwere Momente gibt, in denen wir sie dennoch vornehmen wollen“ (S. 75 f.). Diese Elle legt der Autor an Weber an und entwickelt im Rückgriff auf dessen Begriff der „Entzauberung“, „dass wir im Prinzip alles lernen und erklären können, was wir wollen.“ Sein Vortrag über Wissenschaft sei demnach „eine paradoxe Bejahung des Wertes einer wertfrei betriebenen Sozialwissenschaft und allgemeiner eine Entfaltung der These, dass alle Werte willkürlich sind“ (S. 86 f.). In „Politik als Beruf“ würde Weber diese „Position der Entzauberung“ verwerfen und ein „Engagement“ zeigen wie zugleich eine „Lesart von Geschichte“, die von seinen „Prinzipien und Loyalitäten“ geprägt sei (S. 89). Hier nun liege das Problem mit dem Historizismus allgemein und im Nähren mit „Webers gesamter Analyse des objektiven sozialen Wissens im Wissenschafts-Vortrag“, welches darin bestünde, „dass er ein stabiles erklärungsbedürftiges Ergebnis voraussetzt, es so etwas aber in Wirklichkeit nicht gibt“ (S. 99). In „Politik als Beruf“ hätte Weber demgegenüber „eine romantische Verpflichtung zum Handeln und eine ziemlich optimistische Zustimmung zu Werten“ vermacht, und „in Wirklichkeit“ müssten beide ‚Berufe‘ verbunden werden, wobei es an uns liege – so der Schlusssatz des Autors –, „sie in einer Weise zu verbinden, die richtig und gut ist“ (S. 112).

Diskussion

Kernsätze für das von Abbott reklamierte prozessuale Denken sind (u.a.), dass die „erfahrbare Gegenwart (…) immer lokal“ ist und, was die „Handlungen der Menschen betrifft, zählt einzig und allein das, was ihnen hier und jetzt bekannt ist“, alldieweil der „soziale Prozess (…) keine Ansammlung sich langfristig herausarbeitender Kräfte“ ist. „Er ist eine Abfolge von lose miteinander verbundenen Gegenwarten, in denen sich Menschen in problematischen Situationen wiederfinden, die von der unmittelbaren Vergangenheit geschaffen wurden und in denen sie permanent Entscheidungen in wechselnden Zeithorizonten fällen müssen.“ (S. 78 ff.) Solche Erkenntnis, in ihre Bruchstücke zerlegt, ist so neu nicht, mag einer Soziologie im Fragehorizont, wie denn gesellschaftliche Ordnung möglich ist oder zu optimieren, durchaus frommen, eine sich kritisch verstehende Soziologie wird dadurch nicht belebt, besonders wenn man auf das Ende sieht. Auf „Experten in algorithmischem und soziologischem Denken“ setzt er, „rechentechnische Expertinnen“ (s.o.), dies womöglich in Erinnerung an seinen eigenen wissenschaftlichen Werdegang, was auf seiner Infragestellung von Gesellschaft als überindividuelle Ordnung der Musterbildung individuellen Handelns und Verhaltens aufsattelt. Es geht nicht so sehr um den Zweifel an statistischen Korrelationen, doch aber um die Frage, ob sie als Inhalt einer soziologischen Theorie genügen können; parallelisieren kann man aber die Frage, ob ein (mathematischer) Algorithmus als Problemlösungsinstrument mit einem „soziologische(n) Denken“ (s.o.) vereinbar ist, das auf Erklärung gesellschaftlicher Verfasstheit dringt und Analyse ihrer Entwicklungstendenzen leisten will, was etwas ganz Anderes ist als Zukunftsschau. Dann auch ist die Frage aufzuwerfen, wie und warum sich bestimmte, verallgemeinerbare Verhaltensmuster erhalten und welche Dynamik und wodurch erzeugt ihnen innewohnt. Da wäre dann auch eine Trägheit der Muster kein Explanans, sondern wäre das Explanandum – ein Problem, das Abbott wortreich umschifft. Zu erklären wäre, wie Menschen etwas erleben und wie sie (auch) auf der Folie des Erlebten handeln, wie dabei Orientierungsverhalten zugleich situationsgebunden und situationsübergreifend konturiert ist. Man könnte Abbott das Argument andienen, desto variabler die Lebenssituation ist, materiell, sozial und psychosozial, desto mehr (wenn sie es ist) Material für stochastische Modelle kann Orientierungsverhalten abwerfen, schon eine wesentliche Erweiterung von Wahrscheinlichkeitstheorien. Hier könnte der Autor seinen Theorieansatz zur dann zugleich soziologischen Erklärung individuellen, sozialen und kulturellen Fähigkeit zur Orientierung ‚einschmuggeln‘, dann in Verfolgung seines Ziels, die Berufe „der Wissenschaft und der Politik (…) in einer Weise zu verbinden, die richtig und gut ist“ (s.o.) – im Sinne von ‚Politikberatung‘ oder in Absicht von Aufklärung über Kritik? Auch weiterhin ist mit politisch taktischen, ideologischen und sozialtechnologischen Glättungen im Sinne der Einebnung bis Vernebelung eklatanter Widersprüche zu rechnen, wie sie als orientierende und durchaus wandelbare Werte, als ‚Normatives‘ einerseits jenem ‚Empirischen‘ andererseits, den lebensalltäglich erfahrbaren ‚Tatsachen‘, zumindest im Kontrast stehen und schließlich auch Nährboden für Opposition, für zivilen Widerstand, für Abstimmung mit den Füßen, ggf. für Revolten werden können. Darum ja auch meinte Marx in der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“, und zwar mit Blick auf seine Zeit, eine „radikale Revolution kann nur die Revolution radikaler Bedürfnisse sein, deren Voraussetzungen und Geburtsstätten eben zu fehlen scheinen.“ Dass die Hebel der Pazifizierung und Integration angesetzt werden, war ihm durchaus klar. Aber ‚radikale Bedürfnisse‘, wie er sie als nicht zu integrierende verstand, lassen sich dann schlussendlich an keine noch so ausgefuchste Kandare legen – was noch nicht ausgestanden ist.

So verdankt sich Abbotts Historizismus-Vorwurf einem recht engen Blickwinkel auf Marx. Zum Glück spart er die unter dem Strich recht unfruchtbaren Debatten um den jungen und alten Marx aus, den der Frühschriften und des ‚Kapital‘. Hatte Marx im ‚Kapital‘ betont, die kapitalistische Produktionsweise „in ihrem idealen Durchschnitt“ darzustellen, und zog er im ‚Kapital‘ (u.a.) Beispiele aus dem zu seiner Zeit am weitesten entwickelten England heran, worauf sich Abbott nicht einlässt, dann ist auch in dort eingeflochtenen historischen Rekursen wohl kaum eine Spur von Historizismus zu entdecken (was in Bezug auf Marx anders zu diskutieren wäre, als es Abbott im Hinblick auf die Geschichte des Proletariats unterstellt). Müßig zu erwähnen, dass zwischen Historismus und Historizismus zu unterscheiden ist, vielleicht weniger müßig zu erwähnen, dass der Historizismus-Vorwurf von Popper als gleichsam Kampfbegriff gegen den Historischen Materialismus und gegen die Hegelsche Geschichtsphilosophie in die wissenschaftliche Welt gesetzt wurde, eine Kritikrichtung, auf die sich Abbott inhaltlich verpflichtet und ein Fechtboden von Positivisten gegen Marxisten.

Wenn schon „Reflexionen über Marx“, wie der Untertitel verspricht, dann ist die grundsätzlich von Konflikten und Krisen begleiteten Herstellung des gesellschaftlichen Zusammenhanges aufzunehmen, die spezifische Art und Weise kapitalistischer ‚Vergesellschaftung‘, und ebenso zu zeigen, wie Herrschaftsverhältnisse und Formen der Ausbeutung in einer vermeintlichen Sachzwanglogik naturalisiert werden; wie sich solche ‚Versachlichung‘ im Alltagsbewusstsein repräsentiert, was unter dem Begriff ‚Fetischismus‘ auch soziologisch auszubuchstabieren wäre, worin allerdings die Marxsche Kritik nicht aufgeht, auch wenn derzeitige marxistische Theoretiker zentral auf diesen Begriff abheben. Warum die ökonomischen Grundlagen dieser Vergesellschaftung auch für die Generierung je zeitlich angepasster Wert- und Normorientierungen bis in den Bereich von Entscheidungen analytisch aufzunehmen sind, lässt Abbott selbstredend gänzlich außen vor und bescheidet sich mit einem saloppen Abgesang an die anderenorts so genannte historische Mission des Proletariats, eine Marxens Historizismus geschuldete Fehleinschätzung, die ihm so nicht zu unterstellen ist: Spricht Marx doch an zitierter Stelle auch davon, dass das „Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen“ findet, „und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehn.“ Das darf man getrost global weiterdenken (was Theoretiker emanzipatorischer Politik unter Aufnahme vielfältiger ‚lokaler‘ und ‚temporaler‘ Besonderheiten tun). So einfach, wie Abbott glaubt unterstellen zu dürfen, hat es sich Marx nicht mit dem „unausweichlichen Sieg des Proletariats“ (s.o.) gemacht (und sich darum auch aktiv in die sozialen Bewegungen seiner Zeit eingebracht). Und natürlich meinte er nicht jene Philosophie, die er in der 11. Feuerbachthese kritisierte, und sonderlich interpretationsbedürftig ist diese seine Sentenz auch nicht in Bezug auf heutige Zeit und weltweite Umstände. Und wenn radikale Bedürfnisse solche sind, die im Rahmen des Vorausgesetzten, des ökonomisch und gesellschaftlich Gegebenen nicht zu befriedigen noch zu befrieden sind, wie Agnes Heller vor vielen Jahren darlegte, dann weisen sie aus Zukunft, die nicht ist, in Gegenwart, eine im Fluss befindliche, die ein Gutteil ihres Gepräges aus der Vergangenheit bekommen hat, die als eben auch Sozialgeschichte „Vorgeschichte der Gegenwart“ ist, die wir kennen müssen, weil uns sonst „die große Bandbreite an Handlungsmöglichkeiten“ entgeht, „durch die wir nicht weniger als die Entität des sozialen Prozesses selbst umgestalten können.“ (S. 105) Will Abbott damit doch irgendwie an Marx andocken, der nach seinen Worten das „Europa seiner Tage übererklärte“ (S. 100), ihn ein wenig weichspülen vor der Schwelle radikaler Bedürfnisse, die sich mit ‚Umgestaltung‘ nicht befrieden lassen? Was ist für ihn „vernünftige Wahl“, die erfordert, dass wir um die „Vorgeschichte der Gegenwart“ wissen, damit uns bewusst wird, „wessen vergangene Träume bislang unerfüllt geblieben sind“ (S. 103), und wie definiert er dabei ‚Vernunft‘? Diese Fragen bleiben unbeantwortet.

Ein wenig irritierend erscheint, wie er dann doch in ökonomischer Sicht Marshall mit seinen kurzen und langen Perioden als Referenz für ‚intuitives Erkennen‘ dafür heranzieht, dass die „Gegenwart nicht momentan“ sein kann. (s.o.) Etwa in „Die reine Theorie inländischer Werte“ schreibt Marshall, „daß in der Ökonomie jedes Ereignis dauerhafte Veränderungen der Bedingungen herbeiführt, unter denen zukünftige Ereignisse eintreten können“, und dass „jede wesentliche neue Erfindung einen Wechsel der Angebotsbedingungen“ bedeutet, „der die alte Angebotskurve ungültig werden läßt.“ Bewusst war ihm auch, dass „Kapital und Arbeit, die einmal in einer speziellen Branche eingesetzt wurden, (…) in Wirklichkeit im Wert gemindert (werden), wenn die Nachfrage nach den damit produzierten Waren zurückgeht, aber sie können nicht kurzfristig für eine andere Aufgabe umgerüstet werden.“ Selbstredend kann man aus volkswirtschaftlicher Sicht diese Phänomene in kürzeren oder längeren Perioden ausmachen und ohne Zweifel werden beide Seiten, Kapital und Arbeit, in ihren Reaktionen und Aktionen, in ihren meist auf nähere Zukunft gerichteten Entscheidungen davon berührt, das aber zum Beleg dafür heranzuziehen, dass Gegenwart „nicht momentan“ ist, lässt hilfsweise ein aus der Biologie bekanntes ‚Fließgleichgewicht‘ assoziieren als daraufhin zu analysieren, dass das ökonomische System selbst das Problem ist und dies mit seinen Folgen eines „Verblendungszusammenhanges“ (Adorno), der allererst auch in soziologischer Theorie und ggf. hart am Ball der Erscheinungsformen auf der gesellschaftlichen Oberfläche aufzuzeigen ist.

Heraklits Metapher panta rhei für den Prozesscharakter der Welt – in Bezug auf nicht momentane Gegenwart kann man sich dies als billigen Reim und als Eselsbrücke machen und zugleich zustimmen, dass die „Gegenwart, die wir sehen, (…) immer eine unvollständige Repräsentation der Ergebnisse vergangener sozialer Kräfte“ ist. Schwieriger wird es mit der „Zukunft“, die auch als „prägende(r) Faktor(.) der Gegenwart in Anschlag“ (S. 100 f.) zu bringen ist. Man kann sich aus der wie auch immer von der Vergangenheit geprägten Gegenwart in Verlängerung dessen, was ist, dystopische Vorstellungen machen oder konkret-utopische entwickeln, die ihrerseits in die Formung, inwendige Ausgestaltung insoweit nie momentaner Gegenwart hineinreichen, und zwar in Form der in Handeln übersetzten Orientierungshorizonte sozialer Kräfte, eben auch der systemisch und systematisch Unterprivilegierten, Ausgemusterten, Exkludierten. Da aber vom „bloßen Wünschen (…) noch keiner satt geworden“ ist (Bloch), ist mit Folgen aus der Dialektik von Bewusstsein und Handeln zu rechnen, auch solchen, die heftig unter den Seinsbeständen aufräumen – was auch die herrschende Ökonomie betreffen kann.

Wo Abbott auf Weber und das Verständnis von Werten und ihrer Entstehung eingeht, wäre soziologisch Troeltsch in Erinnerung zu rufen, der mit seinem Historismusverständnis die Frage nach historischem Relativismus provoziert hat, was sich Abbott in der Weise nicht zum Gegenstand macht. In seiner Schrift „Das Historische in Kants Religionsphilosophie“ merkt Troeltsch an, Kant habe den „Unterschied der ungegliederten empirischen Geschichte und der einen Leitfaden und damit Gliederung suchenden philosophischen Geschichte“ betont und verweist zugleich auf den „Kant ganz unbekannten Gedanken einer Gliederung nach individuellen Zweckkomplexen“. Erst Rickert habe die „Individualbildungen zu den objektiven Werten in Beziehung“ setzen müssen und „dadurch Kants Begriff des ethischen Geschichtszieles zu einem in jedesmal idividuellen Wertbildungen sich manifestierenden Prinzip“ umgebildet, „das selbst eine abstrakte Charakterisierung seines Inhalts nicht mehr zulässt.“ Die Frage ist für Troeltsch, wie sich normative Prinzipien herausfinden lassen, die nicht der Zufälligkeit der Geschichte unterliegen. Troeltsch hatte den religiösen Glauben im Fokus und wollte herausfinden, wie das so genannte Relative mit dem Absoluten vermittelt werden könnte. Weber und Troeltsch haben in ihrer gemeinsamen Zeit in Heidelberg ein religionssoziologisches Forschungsprogramm entwickelt, was jedoch in konkurrierende Theorien mündete. Während Troeltsch versuchte, ethische Aussagen des Christentums auf moderne gesellschaftliche Problemlagen hin zu reformulieren, hat Weber religiösen Wertorientierungen keine normativ gesellschaftliche, überindividuelle Funktion zumessen können. Man mag in Webers ‚Protestantischer Ethik‘ (die Abbott ausspart) implizit theologische Werturteile ausmachen (oder nicht), ihm aber zu unterstellen, er habe erkannt, alle Werte seien „willkürlich“ (s.o.), ist gewagt, lässt sich aber trefflich zum einen in die Kritikfigur einer „Trennung zwischen Tatsachen und Werten“ einfügen, „die sich in der Aufspaltung seines gesamten Denkens in zwei separaten Vorträgen verkörpert“ (S. 91), also in Webers Wissenschafts- und Politikverständnis. Nur ein Blick in die Arbeit von Troeltsch zeigt, dass man es sich nicht so leicht mit Kant und der ihm von Abbott schlicht unterstellten Trennung von Normativem und Empirischem machen kann, was sich in Erbschaft Kants bei Weber fortsetze.

Solche Kritiken will Abbott für die eigene Definition „dichter Gegenwart“ und der in ihr beruhenden Wandlungen von Werten fruchtbar machen. Es ist nicht damit getan, dass er vermerkt, wir müssten „Gerechtigkeitstheorien von Grund auf überdenken, weil sich die Basiseinheiten der Gerechtigkeit selbst in ständiger Bewegung befinden – Individuen wie soziale Entitäten.“ (S. 69) Gerechtigkeit, die näher zu bestimmen sicher philosophischen Denkaufwands bedarf, als ‚Wert‘ und dies im Verständniswandel, ist normativ und empirisch und damit einer der Problemgegenstände, entlang derer allgemein erkenntnistheoretisch und moralphilosophisch debattiert wird. Und wo der Autor Weber als ‚Wissenschaftler von Beruf‘ unterstellt, er habe (in dieser Rolle) „ein absolutes Verbot von Werten“ (S. 111) ausgesprochen, was er in ‚Politik als Beruf‘ hintergangen hätte, kann das in dieser abkürzenden Interpretation nicht stehengelassen werden. Webers „Werturteilsfreiheit“, dass die Wissenschaft kein begründetes Urteil darüber fällen könnte, wie die Welt aussehen sollte, besagt zum einen nicht, dass ein schon lange soziologisch immer wieder ausgespähter Wertewandel stattfindet und wirkt, was Weber in seiner ‚protestantischen Ethik‘, führt man sie dieser Lesart zu, dargelegt hat. Zum anderen hält Weber mit seinem „Verbot“, will man seine „Werturteilsfreiheit“ so etikettieren, eben dazu an, dass ein Theoretiker seine Theorie nicht auf normativen Setzungen aufbaut oder seinen Analysen von solchem Hintergrundrauschen interessiert ausgerichtet werden. Ein Theoretiker mag das Empirische, Tatsachen, an zeitlich gültigen Wertorientierungen, nicht ‚ewigen Werten‘, bemessen und Politik als Agens zur integrierenden oder zur Seite zukünftig etwaig ‚gerechteren‘ Verhältnisse inspiziert. Dass Weber in dieser Weise recht stiefmütterlich behandelt wird, darf man an dieser Stelle lediglich im Sinne des geflügelten Wortes argwöhnen. Auch drängt sich im Hinblick auf den von Abbott mit Nachdruck kritisierten Historizismus, dessen Spuren eben auch bis zu Weber hinführen sollen, ein klammheimlicher Verdacht auf, er diene ihm als willfähriges Argument, mit dem sein Plädoyer für „prozessuales Denken“ zu adeln ist.

Fazit

An vielen Stellen mag man in Marginalien Einlassungen gegenüber Abbotts Texten einbringen. Etwa wo er meint, dass die „Trennung zwischen Normativem und Empirischen“ bei der Untersuchung der Gesellschaft ein „Fehler“ sei (s.o.), könnte man fast schon ironisierend an den Rand schreiben, dass er insoweit Recht hat, als z.B. das Diktum ‚Wachstum‘ ineinander verschränkt normativ und empirisch zugleich ist – was jedoch zur normativen Seite hin inzwischen bezweifelt wird und empirisch eine conditio sine qua non herrschenden ökonomischen Denkens und Handelns ist, wobei schon Überlegungen zu einer Nicht-Wachstums-Ökonomie angestrengt werden, die, was zu erörtern wäre, das Kind nicht mit dem Bade ausschütten wollen.

Am Ende der Lektüre mag sich manche Leserin und mancher Leser fragen, ob der Untertitel insbesondere wegen der von Abbott eingestanden arg knappen Aufnahmen der Werke von Marx und Weber nicht mehr verspricht, als das Buch hält. Mehr benutzt der Autor Ausschnitte aus ihren Werken als Trittsteine für die Darstellung seines Ansatzes und seiner theoretischen Aufforderung zu prozessualem Denken. Man mag mit Nachsicht begegnen, da es sich eben nicht um eine Monographie handelt, von der man mehr erwarten dürfte, sondern um verschriftlichte Vorlesungen. Dass hier auch das die Soziologie schon lange kennzeichnende Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis aufscheint, kann entlang Abbotts Texten zum Thema gemacht werden. Da schließt sich auch die Frage an, warum gerade in den Vereinigten Staaten die Wiege der empirischen Soziologie stand und sich schnell an Colleges und Universitäten etablieren konnte, was vermutlich zum Praxisbezug in Beziehung stand. (Deutsche Soziologen wurden vor allem als Theoretiker wahrgenommen.) Wenn man Abbotts ‚prozessuales Denken‘ in aller Vorsicht so auffasst, er beschreibe Elemente der Konstitution alltäglichen Bewusstseins, dann in Rechnung stellt, was er „Wissenschaftlerinnen“ (s.o.) methodisch aufgeben möchte, dann ist man an ‚Praxisbezug‘ erinnert, da aber im Sinne einer interessierten Anwendungsorientierung. Als noch weitergehender Diskussionspunkt, und zwar angeregt durch Abbotts Position gegenüber Normativem, Werten, letzten Endes auch Entscheidungen, dürfte sich ergeben, ob gesellschaftstheoretisches Denken überhaupt ohne ‚Normatives‘ auskommen kann – und darf. Das würde zu kritischer Theorie und ihrer Fundierung in Marxens Analyse hinführen.

Andrew Abbott ist ein verdienter Soziologe, die amerikanische Soziologie verdankt ihm wichtige Impulse. The system of professions: an essay on the division of expert labor (1988) ist seine Schrift betitelt, die er auch im vorliegenden Buch verschiedentlich erwähnt; es ist eine für weitere Forschungen über ‚Berufe‘ bemerkenswerte Studie, die ihn (auch) zu seinem Theorieentwurf prozessualen Denkens geleitet hat. Für Studierende der Soziologie dürfte es durchaus lohnend sein, sich insbesondere an seiner Historizismus-Kritik und separat an seiner Aufforderung zu prozessualem Denken abzuarbeiten – in Form kritischer Reflexion als Impuls, sich theoretisch umzutun.


Rezensent
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 19.11.2019 zu: Andrew Abbott: Prozessuales Denken. Reflexionen über Marx und Weber. Hamburger Edition (Hamburg) 2019. ISBN 978-3-86854-334-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25928.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


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