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Stephan Gingelmaier, Svenja Taubner u.a. (Hrsg.): Handbuch mentalisierungsbasierte Pädagogik

Cover Stephan Gingelmaier, Svenja Taubner, Axel Ramberg (Hrsg.): Handbuch mentalisierungsbasierte Pädagogik. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. 294 Seiten. ISBN 978-3-525-45249-3. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
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Thema

Mentalisieren stellt die imaginative Fähigkeit dar, mentale Gründe für Verhalten zu attribuieren und damit Verhalten einen Sinn zuzuschreiben. Das Mentalisierungskonzept stammt ursprünglich aus dem klinisch-therapeutischen Setting. Es gewinnt jedoch in der Pädagogik zunehmend an Bedeutung. Mentalisierungsbasierte Pädagogik legt den Fokus auf Emotionen, Verstehen und pädagogische Beziehungen.

Die Darlegung der Grundlagen, die Beschreibung des aktuellen Stands der Forschung im Rahmen von mentalisierungsbasierter Pädagogik und der Auswirkungen selbiger über die Lebensspanne sowie die Bedeutung für einzelne pädagogische Handlungsfelder sind Inhalte dieses Sammelbandes.

AutorInnen

Der Sammelband wird von drei AutorInnen herausgegeben: Dr. Stephan Gingelmaier ist Diplompädagoge, Sonderschullehrer und Gruppenanalytiker i.A. Er ist Juniorprofessor für Psychologie und Diagnostik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Prof. Dr. Svenja Taubner ist Psychoanalytikerin, Supervisorin und Trainerin für MBT-A (Anna Freud Center). Sie ist Direktorin des Instituts für Psychosoziale Prävention an der Universität Heidelberg. Axel Ramberg, M.A., ist tiefenpsychologischer Kinder- und Jugendtherapeut und Förderschullehrer. Er ist in Hannover als Berater an einem Förderzentrum tätig.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist im Kontext des DFG-Netzwerkes MentEd (mentalisierungsbasierte Pädagogik) entstanden. Ziel von MentEd ist es, den Austausch über die Revelanz mentalisierungsbasierter Pädagogik zu fördern und mögliche Forschungsansätze zu eruieren.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in drei thematische Schwerpunkte unterteilt: Mentalisieren und Entwicklung, Mentalisieren und Pädagogik und Mentalisieren in pädagogischen Feldern. Jedem Aufsatz ist ein kurzes Resümee auf Deutsch und auf Englisch vorangestellt.

Im Geleitwort stellt Peter Fonagy die Bedeutung von Mentalisierung als Herzstück des Austauschs von Informationen und als Kernstück von Bildung dar. Eingeschränktes Mentalisieren errichte eine überdauernde Barriere für das Lernen. Aus diesem Grund solle das schulische Umfeld versuchen, Kinder und Jugendliche zu mentalisieren und ihnen „beizubringen, sich selbst wahrzunehmen“, dann würden sie „sich dem Wissen anderer eher öffnen“ (S. 12).

Der Überblicksartikel „Mentalisierungsbasierte Pädagogik“ von Stephan Gingelmaier, Svenja Taubner und Axel Ramberg stellt zuerst die dem Buch zugrundeliegende Relevanz von Mentalisierung in pädagogischen Kontexten dar. Dem anschließend erfolgt eine knappe inhaltliche Darstellung der Aufsätze.

Im ersten Themenbereich ‚Mentalisieren und Entwicklung’ gibt Svenja Taubner anhand der Grundlagen und Kernideen des Mentalisierens einen allgemeinen theoretischen Überblick über das Konzept, deren Wurzeln und Möglichkeiten der Mentalisierung über die Lebensspanne: von der Geburt – das Selbst als physischer und sozialer Akteur – bis zum hohen Lebensalter unter Beachtung der Weisheitsforschung.

  • Nicola-Hans Schwarzer diskutiert im Rahmen der Frage nach gelingender Mentalisierung in der frühen Kindheit insbesondere frühe Bindungs- und Beziehungserfahrungen. Fokussiert wird auch die Qualität inhärenter, affektiver Kommunikationsprozesse, dem ‚Markieren’, zwischen dem Kleinkind und der Bezugsperson. Dies stellt den „Trainingsrahmen“ (S. 47) zum Erlernen und Verfeinern von Mentalisierungskompetenzen dar.
  • Karolina Goschiniak und Melanie Hetner befassen sich mit dem Entwicklungsalter der mittleren Kindheit, dem Mentalisieren und den daraus folgenden Konsequenzen für die pädagogische Arbeit. Die von den Kindern zu leistende Entwicklungsaufgabe im Kontext des Zuwachses an Mentalisierungskompetenzen stellt die Erweiterung des Beziehungsraumes um Pädagogen und Peers dar.
  • In der Reihenfolge bleibend, stellt Manfred Böge adoleszente Entwicklungsaufgaben, krisenhaftes Erleben und Zusammenbrüche im Rahmen von Mentalisierungsprozessen vor. Eine mentalisierungsbasierte Pädagogik steht in dieser Entwicklungsphase vor der Aufgabe, den (subjektiv) gelingenden Übergang ins Erwachsenenalter, zu begleiten.
  • Stephan Gingelmaier und Svenja Taubner stellen darauf folgend die mentalisierungsbasierte Therapie für Adoleszente (MBT-A) und ihre Wirksamkeit vor.
  • Dieser erste Themenbereich schließt mit einem Artikel von Tillmann F. Kreuzer ab. Er beschreibt anhand eines Fallbeispiels den Verlust und das Wiedererlangen von Mentalisierungsfähigkeit im Rahmen einer konflikthaften Situation in der Schule. Das Fallbeispiel nimmt dabei sowohl die innere wie auch die äußere Realität, wie bspw. das erzieherische häusliche und pädagogische Feld, zur Kenntnis

Der zweite Themenbereich des Buches widmet sich der Frage von Mentalisierung und Pädagogik.

  • Stephan Gingelmaier und Axel Ramberg stellen im ersten Teil dieses Blocks anhand verschiedener pädagogischer Schwerpunktsetzungen die Bedeutung des Mentalisierens für pädagogische Handlungsfelder dar. Mentalisieren bedeutet in diesen Kontexten im Sinne einer ‚Reflexion als Reaktion’, „die sozial-emotionale Entwicklung eines jungen Menschen aus dessen Perspektive zu betrachten, um pädagogische Interaktionen über professionelle Haltungen und Interventionen danach auszurichten“ (89).
  • Axel Ramberg beschäftigt sich nachfolgend mit konkreten praxeologischen Ideen zur mentalisierungsfördernden Haltung und daraus abzuleitenden Möglichkeiten mentalisierungsfördernden Handelns in pädagogischen Settings. Exemplarisch wird das Mentalisierungskonzept als Möglichkeit einer reflexiven Haltung von Lehrkräften in schulischen Kontexten betrachtet.
  • Robert Langnickel und Pierre-Carl Link legen kritisch das Konzept einer mentalisierungsbasierten Pädagogik aus Sicht der Psychoanalyse und der psychoanalytischen Pädagogik dar. Auch die Idee, dass die „Mentalisierungstheorie“ psychoanalytische Annahmen anschlussfähiger für den Wissenschaftsdiskurs machen könnte, wird nachgegangen.

Im dritten Themenbereich wird das Mentalisierungskonzept in verschiedenen pädagogischen Feldern dargestellt. Diese sind unterteilt in Frühpädagogik, schulisches Lernen, Soziale Arbeit und Traumapädagogik. 

  • Nicola-Hans Schwarzer widmet sich der Frage der generalisierenden Anwendung eines mentalisierenden Verständnisses in der institutionalisierten Frühpädagogik.
  • Christine Bark fragt im Rahmen eines Präventionsprogrammes zur Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung nach in Übergängen auftretenden Stressoren und der daraus sich erschließenden Bedeutung eines mentalisierenden Handelns von pädagogischen Fachkräften und Bezugspersonen.
  • In Bezug auf die Schule stellt zuerst Tobias Nolte die Frage nach dem epistemischen Vertrauen für das Lernen. Epistemisches Vertrauen ist dabei definiert als „Offenheit für Wissensvermittlung durch vertrauensbesetzte Personen“ (158). Eine Idee ist, dass der epistemisches Vertrauen vermittelnde Pädagoge das „wirksamste Mittel der Pädagogik“ (170) sei.
  • Oliver Hechler führt diese Gedanken unter einer bildungstheoretischen Perspektive mit Fokus auf die SchülerInnen- und LehrerInnen-Perspektive fort. LehrerInnen und die Beziehung zwischen LehrerInnen und SchülerInnen sind im Modell eines mentalisierungsfördernden Unterrichts (Lernen – Bindung – Mentalisieren) zentrale Moderatoren schulischen Lernens. 
  • Zwei kasuistische Beiträge folgen. Zuerst stellt Agnes Turner zwei Fallanalysen aus Work-Discussion-Seminaren mit der Frage der Bedeutung des Mentalisierens und einer „mentalisierend-psychoanalytischen Haltung“ (197) für gelingende Lernprozesse dar.
  • Elena Johanna Koch und Stephan Gingelmaier führen die Frage des epistemischen Vertrauens mit Schwerpunkt auf die SchülerInnen – LehrerInnen-Beziehung fort. Im Fokus steht die Phase der Unterrichtsplanung und die konkrete Durchführung einer Unterrichtssequenz. 
  • Für den Bereich der Sozialen Arbeit als pädagogisches Handlungsfeld stellt zuerst Holger Kirsch die allgemeine Bedeutung des Mentalisierens für die Soziale Arbeit vor.
  • Jessica Held, Christine Wagener, Nathanael Armbruster, Benjamin Neuls und Holger Kirsch präsentieren darauffolgend zwei Pilotprojekte zur Bedeutung mentalisierungsfördernder Interventionen in zwei verschiedenen Justizvollzugsanstalten.
  • Das Feld der Traumapädagogik wird von Nina Kramer und Pierre-Carl Link abgedeckt. Möglichkeiten und Grenzen des Mentalisierungskonzepts im Kontext traumatherapeutischen Arbeitens werden dargelegt.
  • Für den Bereich der schulischen Supervision und Beratung legt Stephan Gingelmaier die Bedingungsgrundlage von Mentalisierung für eine gelingende Supervision dar.
  • David Zimmermann umschließt sowohl das Feld der Supervision von Lehrkräften wie auch die Bedeutung einer traumasensiblen Supervision. Anhand einer Fallvignette analysiert der Autor die Interaktionsdynamiken in Supervisionen mit Lehrkräften, die mit erheblich psychosozial beeinträchtigten jungen Geflüchteten arbeiten.
  • Danach wird das pädagogische Arbeitsfeld der Inklusion fokussiert. Pierre-Carl Link verbindet das Mentalisierungskonzept mit der Öffnung von Möglichkeitsräumen im inklusiven schulischen Diskurs, mit der Idee einer „inklusive(n) Gemeinschaft als eine mentalisierende Gemeinschaft“ (264).
  • Bernhard Rauh fragt nach der Gestaltung inklusiver Strukturen im schulischen Förderschwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung. Das Mentalisierungskonzept bildet dabei den grundlegenden Bezugsrahmen des Förderschwerpunktes dar.
  • Zum Abschluss des Buches beschäftigt sich Yvonne Brandl im letzten pädagogischen Handlungsfeld, dem Bereich der Erwachsenenbildung, mit gruppenanalytischen Perspektiven des Mentalisierens im Rahmen von Professionalisierungsprozessen.

Diskussion

Wer ein sehr theoretisch angelegtes Buch über das Mentalisierungskonzept aus pädagogischer Perspektive erwartet, ist hier falsch. Es ist ein Buch, welches sehr auf die pädagogischen praktischen Gegebenheiten fokussiert und in diesem Kontext teils sehr gute Ideen vereint. Dank der inhaltlichen Breite ist es ein für viele pädagogische Handlungsfelder einbeziehbares Buch. Einige Artikel stellen zumeist schon bekanntes Wissen unter anderen Gesichtspunkten dar, andere Artikel überraschen jedoch durch die dahinter liegenden neuen Ansätze, so z.B. der auf das Forschungsprojekt sehr neugierig machende Ansatz von Kirsch und seiner Studierendengruppe. Sie gehen bspw. von einem Zusammenhang zwischen Mentalisierungsstörungen und Gewalt oder Delinquenz aus, aus der These abgeleitet bieten sie mentalisierungsfördernde Gruppenprojekte in zwei Justizvollzugsanstalten an. Schade ist, dass im Aufsatz von Taubner zwar das höhere Lebensalter thematisiert wird, es in diesem Bereich jedoch noch praktische Forschungsdesiderate zu geben scheint. 

Fazit

Die Grundannahme des Buches und common sense aller Artikel ist, dass gelingende Prozesse und Interaktionen in der Pädagogik mentalisierend sind. Der Sammelband Mentalisierungsbasierte Pädagogik legt demnach den Fokus auf Emotionen, Verstehen, sozialkognitives Lernen und pädagogische Beziehung/​Bindung. Mentalisierungsbasierte Pädagogik befindet sich noch in den Anfängen. Der Band stellt eine gelungene Synthese des noch in den Kinderschuhen sich befindenden Ansatzes dar. Es kann somit alle in den unterschiedlichen pädagogischen Bereichen praktisch und theoretisch Tätigen ansprechen, alle Interessierten an Fragen der Bildung und Erziehung und insbesondere diejenigen, die ein systematisches und offenes Konzept von Beziehungspädagogik suchen.


Rezension von
Dr. Sandra Lentzen
Kinder- und Jugendpsychotherapeutin
Homepage www.psychotherapiepraxis-lentzen.de
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Zitiervorschlag
Sandra Lentzen. Rezension vom 24.04.2020 zu: Stephan Gingelmaier, Svenja Taubner, Axel Ramberg (Hrsg.): Handbuch mentalisierungsbasierte Pädagogik. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-525-45249-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25930.php, Datum des Zugriffs 28.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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