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Bekir Emre Kurtulmuş: The Dark Side of Leadership

Cover Bekir Emre Kurtulmuş: The Dark Side of Leadership. An Institutional Perspective. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2019. 86 Seiten. ISBN 978-3-030-02037-8. D: 58,84 EUR, A: 60,49 EUR, CH: 60,50 sFr.
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Thema

Das Buch behandelt das Thema Dark Leadership. Auch wenn wenig repräsentativ, ergibt eine Suche über Google Scholar für den Zeitraum 2009–2019 mehr als doppelt so viele Treffer wie für den Zeitraum 1999–2009, was ein starkes Indiz dafür ist, dass Dark Leadership zum Modethema geworden ist, ohne aber dass seine Relevanz dadurch vermindert werden würde. Den Kern des Buches bilden die Betrachtung der vier Eigenschaften, die zur Dunklen Tetrade zusammengefasst werden: Narzissmus, Machiavellismus, sub-klinische Pathologie und Sadismus, und Möglichkeiten der Eindämmung derselben bei Führungspersonen durch institutionelle Mechanismen.

Autor

Bekir Emre Kurtulmuş ist Assistant Professor am Kuwait College of Science and Technology. Er hat an der Cardiff Metropolitan University mit der Arbeit „Formal and Informal Institutional Frameworks and Entrepreneurial Strategic Orientation of Small and Medium Size Enterprises in Turkey“ promoviert. Zu seinen Forschungsinteressen gehören die Institutionalistische Theorie, toxische Arbeitsumgebungen und die damit verbundene dunkle Seite der Menschenführung.

Aufbau und Inhalt

Der Inhalt des Buches ist zweigeteilt:

  1. Der erste Teil – betitelt „The Nature of Dark Leadership“ – befasst sich mit dem Begriff der Menschenführung im Allgemeinen und der dunklen Seite desselben, die durch die sogenannte dunkle Tetrade menschlicher Eigenschaften maßgeblich mitbestimmt wird. Der dunklen Führung wird im letzten Kapitel dieses Teils das Konzept der ethischen Führung gegenübergestellt.
  2. Der zweite Teil „Institutions, Leadership and Ethics“ macht in etwa ein Drittel des Textes aus und befasst sich mit institutionellen Rahmen und deren Einfluss auf das Verhalten der Führungskräfte, speziell derer, welche dunkle Eigenschaften, beziehungsweise einen dunklen Führungsstil, aufweisen.

The Nature of Dark Leadership

Der erste Teil beginnt mit einer kurzen Einführung der theoretischen Grundlagen und Definitionen des Konzeptes „Menschenführung“, mit der Feststellung, dass trotz eines Jahrhunderts der Forschung weiterhin kein Konsens über die Art wie „Führung“ zu definieren ist, unter Wissenschaftlern besteht (S. 12). Während lange Zeit davon ausgegangen wurde, dass Führer i.A. hohen ethischen Standards genügen: „it is a general assumption in the literature and even in society at large that leaders are always ethical and moral, contributing to the positive behaviors of their organizations and thus to the well-being of society as a whole“ (S. 2) gibt es in den letzten beiden Jahrzehnten ein gesteigertes Interesse für die „dunklen“ Aspekte der Führungskräfte.

Die Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen einem „dunklen“ Führungsstil und der Persönlichkeit der Führungspersonen, aber auch dem institutionellen Rahmen, in dem diese agieren und die Personen, die diese leiten, werden analysiert. Der Autor untermauert dabei seine Analyse durch eine sehr umfangreiche Literaturrecherche.

So können nicht nur Führungskräfte zu einer toxischen Arbeitsumgebung führen, diese kann auch in der Organisation selbst verankert sein (S. 9). Ein „dunkler“ Führungsstil kann maßgeblich von „dunklen“ Eigenschaften beeinflusst werden, d.h. es ist die Natur der Person so zu agieren und zu reagieren, „dunkle“ Entscheidungen können aber sehr wohl auch bewusst getroffen werden und müssen nicht in Verbindung mit dunklen Eigenschaften stehen.

Eine sehr wichtige Rolle bei der Legitimierung der Aktionen der Führungskräfte wird dem Verhalten der Untergebenen beigemessen. Kurtulmuş hebt hervor, dass Untergebene manchmal toxische Führer sogar ihren nicht-toxischen Pendants vorziehen (S. 17).

Dass „dunkle“ Führungsstile i.d.R. langfristig negative Auswirkungen auf die Unternehmen und die Mitarbeiter haben, wird im zweiten Kapitel festgestellt. So können diese zu einer Lähmung der Innovationskraft und der Motivation führen, aber auch die Zufriedenheit, das Wohlergehen und den Stress-Level der Mitarbeiter negativ beeinflussen. Einige positive Auswirkungen „dunkler“ Eigenschaften werden aber ebenfalls besprochen. Auf die positiven und negativen Auswirkungen „dunkler“ Eigenschaften wird im dritten Kapitel näher eingegangen.

Die Eigenschaften Narzissmus, Machiavellismus und sub-klinische Psychopathologie wurden im Jahre 2002 von den kanadischen Psychologen Delroy Paulhus und Kevin Williams zum Begriff Dunkle Triade zusammengefasst. Einige Jahre später wurde die Triade durch das Hinzufügen des Sadismus zur Dunklen Tetrade. Im dritten Kapitel beschreibt Kurtulmuş die vier Eigenschaften und bringt sie in Zusammenhang mit diversen Persönlichkeitsmodellen. Negative Einflüsse auf die Unternehmen und die Mitarbeiter werde ebenso wie positive diskutiert. Vor allem Narzissmus und Machiavellismus können zu Wohlergehen aller führen, wenn diverse Voraussetzungen erfüllt sind; so zum Beispiel muss im Falle des Machiavellismus eine Übereinstimmung der persönlichen Ziele mit denen der Organisation existieren, Narzissten können eine Firma besser nach einer wirtschaftlichen Krise führen. I.A. unterstreicht jedoch der Autor, dass die Eigenschaften der Dunklen Tetrade und deren Auswirkungen weitere Untersuchungen benötigen.

Das vierte Kapitel skizziert die Eigenschaften eines ethischen Führers als Gegensatz zum „dunklen“ Führer mit dem Ziel aufzuzeigen, wie sich Führung in einer idealen Welt gestalten könnte (S. 5).

Institutions, Leadership and Ethics

Im zweiten Teil seiner Arbeit verfolgt der Autor die Idee, dass Institutionen in denen die „dunklen“ Führungskräfte auftreten, entweder die Manifestation der negativen Aspekte eindämmen oder legitimieren können. Dabei geht Kurtulmuş auf drei Aspekte oder Teiltheorien des Institutionalismus ein:

  • Isomorphismus – der besagt, dass Organisationen die Tendenz haben, sich über längere Zeit aneinander anzupassen.
  • Beruhend auf Richard Scotts Werk aus dem Jahre 1985 „Institutions and Organizations. Foundations for organizationsal science.“ werden die drei institutionellen Pfeiler – der Normative, der Regulative und der Kognitive – besprochen.
  • Zum Schluss wird auf Douglass Norths Konzept der formellen und informellen institutionellen Frameworks eingegangen.

Auf dieser theoretischen Basis argumentiert der Autor, dass die Kultur in einem Unternehmen die Entscheidungen der Führungskräfte positiv (aber auch negativ) beeinflussen kann, ebenso wie die Tendenz zum Isomorphismus zu einer Ausweitung positiver (oder eben negativer) Praktiken führen kann.

Zusammenfassend wird darauf verwiesen, dass die Entscheidungsfindung der Führungskräfte ein komplexes Phänomen ist, das von vielen Variablen, unter anderen die geführten Personen, die geltenden Gesetze und die herrschende Kultur, bestimmt wird. Eine langfristig funktionierende Lösung wird entsprechend auf Gesellschaftsebene gesehen:

„Finally, we have to recognize that dark leaders exist, and for some individuals it is normal to be on the dark side. They may have no moral code or values in a sense that wider society has. Therefore, dark leaders will continue to lead their followers and organizations to failure. There is no short-term solution to this phenomenon. Nonetheless, institutional frameworks can provide us with a better understanding. However, it may be society as a whole or organizations that provide legitimacy for dark leaders’ immoral and unethical behavior.“ (S. 82)

Diskussion und Fazit

Bekir Emre Kurtulmuşs Buch „The Dark Side of Leadership. An Institutional Perspective.“ baut auf seinem Buchkapitel „The Dark Side of Leadership: The Role of Informal Institutional Framework on the Negative Moral and Ethical Behaviors of Leaders in Organizations“ aus dem Buch „The Palgrave Handbook of Leadership in Transforming Asia“ herausgegeben von N. Muenjohn und A. McMurray im Jahre 2017, auf.

Das Buchkapitel folgt einem dem Buch ähnlichen Aufbau:

  • nach einer Analyse der Einflussfaktoren auf das Handeln „dunkler“ Führungkräfte,
  • folgt ein Unterkapitel über ethische Führung,
  • und eine Einführung Douglass Norths Konzept der informellen institutionellen Frameworks;
  • abgeschlossen wird das Buchkapitel durch die Beschreibung einiger Spezifika türkischer Unternehmen und türkischer Kultur.

Die Schlussfolgerungen des Buchkapitels und des Buches sind ebenfalls ähnlich.

Es stellt sich nun die Frage nach dem Mehrwert des Buches gegenüber dem Buchartikel – der leider an keiner Stelle in der beachtlichen Literaturliste des Buches Erwähnung findet. Das Buch geht in erster Linie tiefer in die Materie ein, während die „dunklen“ Eigenschaften, im Kapitel noch als Triade auftauchend, dort lediglich erwähnt werden, widmet das Buch jedem Trait mehrere Seiten. Ebenfalls wird im Buch der Institutionalismus eingehender diskutiert. Beides schafft einen breiteren Kontext und macht den Text informativer.

In erster Linie kann das Buch durch die vielen Referenzen und der guten Zusammenfassung des aktuellen Wissensstandes zur Bekanntmachung mit dem Thema dienen. Die ausgeglichene Betrachtung positiver und negativer Einflüsse der „dunklen“ Eigenschaften ist ebenfalls positiv hervorzuheben. Profitieren würde das Buch von Beispielen aus der unternehmerischen Welt, deren es ja zur Genüge gibt, ebenfalls würden die Aussagen durch eine stärkere Untermauerung durch Zahlen an Gewicht gewinnen.


Rezensent
Petre Sora
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Zitiervorschlag
Petre Sora. Rezension vom 21.08.2019 zu: Bekir Emre Kurtulmuş: The Dark Side of Leadership. An Institutional Perspective. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2019. ISBN 978-3-030-02037-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25939.php, Datum des Zugriffs 06.12.2019.


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