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Jürgen Hasse, Verena Schreiber (Hrsg.): Räume der Kindheit

Cover Jürgen Hasse, Verena Schreiber (Hrsg.): Räume der Kindheit. Ein Glossar. transcript (Bielefeld) 2019. 416 Seiten. ISBN 978-3-8376-4424-1. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,70 sFr.

Reihe: Sozialtheorie.
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Thema

Die Räume der Kindheit sind vielfach die von Erwachsenen inszenierten Räume und nicht die Räume der Kinder. Aber Kinder haben ihre eigenen Sichtweisen auf die Räume, die ihnen zur Verfügung stehen, gestellt oder verweigert werden. Sie setzen sich oft mit den vorgegebenen Bedingungen auseinander, eigen sich die Räume auf ihre Weise an und versuchen, sie im eigenen Interesse zu nutzen.

In der Kindheitsforschung ist der Umgang von Kindern mit dem Raum ein Thema mit einer langen Forschungstradition. Ausgehend von der Pionierstudie Marta Muchows in den frühen 1930er Jahren, die den Lebensraum des Großstadtkindes untersuchte, entwickelten sich seit den 1980er Jahren in der neu sich konstituierenden sozialwissenschaftlichen Kindheits- und Kinderforschung Studien zur sozialräumlichen Aneignung urbaner Lebensorte in verschiedenen sozialen Milieus. Sie führten zu Annahmen über die „Verinselung“, „Verhäuslichung“ und Institutionalisierung von Kindheit, die bis heute die Diskussion um Kinder und ihre Räume bestimmen. Diese wurden teilweise in sozial- und kunstpädagogischen Projekten wie „Kinderstädten“ oder kinderpolitischen Initiativen für „kinderfreundliche Städte“ aufgegriffen. Die Bedeutung des sozialen Raums für die Entwicklung von Heranwachsenden hat in den sozial- und erziehungswissenschaftlichen sowie sozialgeographischen Diskursen neue Aufmerksamkeit gefunden.

Inhalt

Der vorliegende Band versteht sich als Glossar. In nicht weniger als 63 Artikeln von ebenso vielen Autorinnen und Autoren vermittelt er einen Überblick über verschiedene Orte und Stationen im Leben von Kindern und erörtert sie unter sozialräumlichen Aspekten. Er umfasst ein weites Spektrum und hält einige Überraschungen bereit, indem er auch Themen aufgreift, die auf den ersten Blick mit Räumen oder Kindern nichts zu tun zu haben scheinen.

Das Spektrum der alphabetisch angeordneten kurzen Artikel reicht von „Adoptiert werden“ bis „Zur Welt kommen“. In manchen Artikeln, wie „Heim“, „Kinderzimmer“, „Kindergarten“, „Schule“, „Spielplatz“ oder „Straße“ ist es offensichtlich, dass es sich um Räume handelt, die für Kinder geschaffen oder von Kindern genutzt werden. In anderen Artikeln, wie „Laufen“, „Ruhen“, „Warten“ oder „Zaun“ erschließen sich die räumlichen Aspekte erst durch die Art der Betrachtung. Neben eher konventionellen Themen, die mit dem Leben von Kindern assoziiert werden und meist zum pädagogischen Repertoire gehören, widmet sich das Glossar auch Themen, die üblicherweise weniger beachtet und mit Kindern in Verbindung gebracht werden, wie „Bauch“, „Kiosk“, „Haltestelle“ oder „Utopie“. Manche Stichworte, wie „Kinderwunschklinik“ „Wildnis“ oder „Niemandsland“ werden genutzt, um auf Aspekte des Lebens von Kindern aufmerksam zu machen, die oft übersehen werden. Auch scheinbar abseitige oder nebensächliche Themen wie „Schultoilette“, „Loch“ oder „Lunchbox“ werden aufgegriffen, um ihre faktische oder symbolische Bedeutung im Alltag von Kindern sichtbar werden zu lassen.

In ihrer Einleitung weisen die Herausgeberin Verena Schreiber und der Herausgeber Jürgen Hasse darauf hin, dass Räume der Kinder „überall“ sein können. In den Räumen der Kindheit seien die Kinder nie allein unter sich. Dabei gebe es nicht nur „tatsächlich“ Anwesende wie ältere Geschwister, Verwandte, Polizisten, Busfahrerinnen oder x-beliebige Passanten, „sondern auch politische und pädagogische Programme, die von Hinterbühnen her auf verdeckte und versteckte Weise steuern, Räume überwachen sowie strukturieren und den Staat samt seiner Werte und Normen repräsentieren. Aber im subjektiven Erleben werden all diese mit anderen geteilten Räume doch zu höchst persönlichen Welten, das Gebüsch zum imaginären Schloss, der Spielplatz zum Labor experimenteller Selbsterprobung, das Kinderbett zur Startrampe in die phantastischsten Traumblasen und das Schulgebäude zu einer Stätte, die zu spüren gibt, was es heißt, als Folge sozialisatorischer Zwänge ein anderer werden zu müssen“ (S. 9). Ergo: „Es gibt sie, die Räume der Kindheit, und es gibt sie nicht“ (S. 10).

Hasse und Schreiber verstehen das von ihnen komponierte Glossar als zwangläufig hypothetische „Versuche des Sich-Einlassens auf vage bleibende Lebenswirklichkeiten“ (S. 10), als eine „Gratwanderung zwischen der theoretischen Welt luftig-abstraktionistischer Konzepte, Begriffe und Modelle zum einen und der Erlebniswelt, die Kinder als etwas höchst Vitales an eigenen Leib zu spüren bekommen, zum anderen“ (S. 10). Vor allem wollen sie „das Übersehene und Vergessene, das scheinbar Marginale und Gewöhnliche (wieder) denkwürdig machen“ (S. 12). Deshalb lägen viele Räume und Orte, die in den zahlreichen Artikeln des Glossars angesprochen werden, „im Abseits großer Themen jener wissenschaftlichen Diskurse, die sich der Welt von Kindern zuwenden“ (S. 12).

Diskussion

Ein großer Vorzug des Glossars besteht darin, dass sich die Autorinnen und Autoren nicht dazu verleiten ließen, Begriffe in abstrakter Weise zu definieren. Stattdessen sind die Artikel betont essayistisch angelegt, oft unter Rückgriff auf eigenen Kindheitserinnerungen. Sie befreien sich damit aus dem trockenen und sachlich distanzierten Stil der oft abgehobenen wissenschaftlichen Diskurse. Mancher Autor und manche Autorin neigt zu einer in die eigenen Formulierungen verliebten Schreibweise, die das Verständnis unnötig erschwert. Aber insgesamt vermitteln die Artikel einen lebendigen Einblick in die Bedeutungen, die die genannten Orte für Kinder haben, und die Art und Weise, in der sie sich an ihnen zurechtzufinden und sie sich anzueignen versuchen. Der Hinweis auf Quellen und weiterführende Literatur am Ende jedes Artikels lädt dazu ein, sich genauer mit dem Thema zu befassen.

Die Auswahl der Stichworte folgt zurecht keiner Systematik, ist aber auch nicht wahllos. Sie konnte nicht vollständig sein, da die Zahl möglicher Themen nahezu unendlich ist. Gleichwohl ist zu fragen, warum Stichworte wie „Kinderstadt“, „Kinderrepublik“, „Kinderbewegung“ oder „Kaufhaus/Mall“ fehlen. Der Herausgeber und die Herausgeberin weisen selbst darauf hin, dass „Räume und Orte, die das Leben von Kindern im globalen Süden prägen, eine Leerstelle im Buch geblieben“ sind (S. 13). Ein Blick in den globalen Süden hätte zweifellos andere Räume zum Vorschein und weitere Stichworte mit sich gebracht, wie „Arbeitsplatz“, „Krieg“ oder „Kinderhaushalte“. Und er hätte deutlicher werden lassen, dass es in der Welt nicht nur eine Kindheit, sondern viele verschiedene Kindheiten gibt. 

Fazit

Das Glossar vermittelt einen anschaulichen Überblick über die verschiedenen sozialen Räume und Raumerfahrungen von Kindern und öffnet den Blick für bislang wenig beachtete oder verborgene Erlebnisdimensionen und Sichtweisen von Kindern.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children‘s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
Homepage www.fh-potsdam.de/person/person-action/manfred-lieb ...
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 12.10.2019 zu: Jürgen Hasse, Verena Schreiber (Hrsg.): Räume der Kindheit. Ein Glossar. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4424-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25941.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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