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Chayah Osṭrover: Es hielt uns am Leben

Cover Chayah Osṭrover: Es hielt uns am Leben. Humor im Holocaust. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 330 Seiten. ISBN 978-3-658-17384-5. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 31,00 sFr.
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Thema

Dieses Buch zeigt, wie Humor bei der Bewältigung der schrecklichen Realität des Holocaust geholfen hat. Die Autorin dokumnetiert Interviews mit Überlebenden, die die große Bedeutung des Humor während des Holocaust nicht nur die objektiven Erfahrungen beeinflußte, sondern ebenso die emotionale Reaktion auf die Schrecken linderte. Sie zeigt auf, wie Humor und Lachen helfen können, die mentale und körperliche Gesundheit zu stärken, zu heilen und zu erhalten Chaya Ostrower klassifiziert die Arten von Humor und Witze und studiert ihre jeweiligen Funktionen in den Ghettos, Konzentrationslager und Todeslager. Enthalten in dem Buch sind humorvolle Ditties, Songs und Kabarett Skizzen, sowie die einzigartige Geschichte von zwei Ghetto-Clowns.

Autorin

Dr. Chaya Ostrowerist Dozentin für Psychologie an der Akademischen Hochschule Beit Berl und hält in Israel und im Ausland Vorträge über Psychologie, Humor und den Holocaust. Im Jahr 2000 wurde ihr für eine Dissertation zum Thema „Humor als Abwehrmechanismus während des Holocaust“ von der Universität Tel Aviv die Doktorwürde verliehen. Ostrower veröffentlichte ihre Forschungsergebnisse in Büchern sowie in zahlreichen Artikeln und fungierte als akademische Beraterin für drei TV-Produktionen. Daneben begleitet sie Jugendliche auf Studienfahrten nach Polen und entwickelte E-Learning-Lehrpläne über den Holocaust, die sich auf Briefmarken, Fotografien, Zeugenberichte und von Kindern gemalte Bilder stützen. Vom Massuah Institute for the Study of the Holocaust erhielt sie den Bildungspreis für herausragende Projekte (Verlagsangaben).

Aufbau

Die vorliegende Publikation umfasst 16 Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Humor und Lachen
  3. Jüdischer Humor
  4. Humor und Lachen im Holocaust
  5. Die Funktion von Humor als Abwehrmechanismus
  6. Die aggressive Funktion von Humor
  7. Die sexuelle Funktion von Humor
  8. Die soziale Funktion von Humor
  9. Die intellektuelle Funktion von Humor
  10. Statistische Zusammenfassung der Aussagen und der humoristischen Vorfälle
  11. Humoristische und satirische Lieder
  12. Kabarettistische, humoristische und satirische Vorführungen
  13. Karikaturen
  14. Die Narren
  15. Schlußwort
  16. Anhang: die befragten Personen.

Inhalt

Der Autorin macht gleich zu Beginn ihre Motivation für diese Publikation deutlich: „in der Studie zu Humor im Holocaust werden die Opfer und ihr Leiden nicht verhöhnt, Lachen wird jedoch als Teil ihres Lebens anerkannt und die Tatsache thematisiert, dass aus Leiden Lachen entstand. Genau genommen wurde die Tür zur Erforschung des Humors im Holocaust erst durch das Lachen von Hitlers Opfern geöffnet… Die Forschung, auf der dieses Buch basiert, hat zum Ziel, die verschiedenen Arten von Humor und Lachen aufzuzeigen, ihre Rolle während des Holocausts zu eruieren und zu untersuchen, welcher Arten des Humors sich die Juden im Holocaust bedienten“ (2).

Humor versteht die Autorin zum einen als Instrument, „dass es uns möglich macht, bei der Auseinandersetzung mit schwierigen Themen eine ungewöhnliche Sichtweise anzunehmen, da Humor eine Situation im Licht des Absurden oder Paradoxen erscheinen lässt und ein Gefühl von Vergnügen und Belustigung weckt. In anderen Worten, Humor ist eine Wahrnehmungsgabe, die es uns erlaubt, sogar unter belastenden Umständen Glück zu empfinden. Humor kann grausam sein und er kann heilen, er kann Liebe ausdrücken, oder Hass und Aggression. Trotzdem ist selbst der traurigste Humor niemals deprimierend und enthält noch einen Funken Optimismus. Wie andere Abwehrmechanismen dient auch der Humor dazu, unerfreulichen Aspekten der Realität die Stirn zu bieten. Anders als Abwehrmechanismen liegen ihm jedoch kognitive Prozesse zugrunde, die Realitätsansprüche nicht zurückweisen oder ignorieren. Indem er die paradoxen oder absurden Aspekte der Wirklichkeit beleuchtet, befähigt uns der Humor, eine andere Sichtweise einzunehmen, ohne auf krankmachende Prozesse zurückgreifen zu müssen“ (6).

Lachen definiert die Autorin als „universelles Merkmal, das nicht zwischen Alter, Kultur oder Geschlecht unterscheidet. Lachen ist ein Muskelkrampf, eine physische Aktivität, die durch kognitive Reize wie beispielsweise eine humorvolle Bemerkung oder durch physiologische Reize wie Kitzeln ausgelöst werden kann“ (7). Als wesentlichen Unterschied zwischen Humor und Lachen benennt sie, dass Lachen insbesondere als sichtbarer physischer Vorgang zu verstehen ist, während Humor als nicht sichtbare kognitiver Prozess verstanden werden kann. Humor kann als Auslöser für Lachen verstanden werden, aber nicht jedes Lachen ist die Folge von Humor (9).

In Anlehnung an Avner Ziv benennt die Autorin fünf wichtige Funktionen von Humor:

  1. die aggressive Funktion
  2. die sexuelle Funktion
  3. die soziale Funktion
  4. als Abwehrmechanismus
  5. die intellektuelle Funktion (17).

Als spezifische Charakteristika des jüdischen Humor beschreibt sie:

  1. ein Bedürfnis, die tragische Wirklichkeit zu verzerren und zu verändern, damit man über sie lachen kann.
  2. Ein Wunsch, den inneren Zusammenhalt zu wahren, das Besondere in „uns“ wahrzunehmen und von „ihren“ Merkmalen abzugrenzen.
  3. Selbstverhöhnender Humor, der die Möglichkeit zur Selbstkritik bietet und zu einem mutigen Blick auf die eigenen negativen Eigenschaften sowie die der Personengruppe, der man angehört, befähigt.

Exemplarisch sei hier ein Kapitel genauer beschrieben, Kapitel 5 „Die Funktion von Humor als Abwehrmechanismus“. Das Kapitel setzt neun Schwerpunkte. Zunächst definiert die Autorin ihr Verständnis des Begriffes Abwehrmechanismus, um dann zu erläutern, inwiefern Humor als Abwehrmechanismus fungieren kann. Der Begriff Abwehrmechanismus, der ursprünglich auf Sigmund Freud zurückgeht, beschreibt „automatisierte, psychologische Strategien, unbewusste Schutzmaßnahmen, die eine Person vor äußeren und inneren Druck schützen, indem sie die Realität verzerren“ (43). Da Menschen stressvolle Situationen nicht unbegrenzt aushalten können, entwickeln sie Abwehrmechanismen, die sie in die Lage versetzen, mit der Situation umzugehen, ganz gleich wie schrecklich sie ist. Über Humor als Abwehrmechanismus führt die Autorin aus: „Humor gehört zweifelsohne zu den elegantesten und effektivsten Abwehrmechanismen im menschlichen Repertoire. Humor kann auch entstehen, wenn Menschen negative Emotionen wie Trauer oder Angst empfinden. Entdecken Menschen in negativen Situationen humoristische Elemente, erhalten sie dadurch eine andere Sichtweise auf die Situation können negativen Emotionen aus dem Weg gehen… Anders ausgedrückt sind Humor und Lachen wichtige Mechanismen zur Bewältigung zahlreicher psychologischer Belastungsproben, den Menschen in ihrem Leben ausgesetzt sind, und spielen eine wesentliche Rolle für den Schutz der emotionalen und körperlichen Gesundheit“ (47). Der empfundene Schmerz löst sich zwar nicht auf, aber der Humor macht deutlich, dass der betroffene Mensch wieder am Leben teilhaben möchte und über den Humor die Kontrolle zurückerlangt und in einer Situation vollkommener Hilflosigkeit Macht und Kontrolle über das eigene Leben zurückgewinnt. Humor stellt eine Form der Distanzierung zu der krisenhaften Situation dar, verhindert die Gleichsetzung von krisenhaften Situation mit dem gesamten Leben und die Integration derselben in das Leben und die eigene Person (49).

Sie präsentiert desweiteren Untersuchungsergebnisse ihrer Studie, bei der die Überlebenden des Holocaust von Humor als Abwehrmechanismus berichten. Die Originalaussagen schildern nachdrücklich die besondere Funktion des Humors angesichts des Grauens des Holocaust. So schildert eine Überlebende: „Ohne Humor hätten wir uns wohl alle umgebracht. Wir machten in gewisser Weise über alles Scherze… Das half uns selbst unter harten Bedingungen menschlich zu bleiben“ (50). Ein anderer Überlebender führt aus: „Sie fragen mich: welchem Umstand verdanke ich meiner Meinung nach mein Überleben? Vielleicht dachten sie, ich würde Religion oder Glück oder sonst irgendwas sagen, aber ich sagte, es war der Humor das sich alles scherzhaft betrachtet habe“ (51). Eine andere Person führt aus: „Glauben Sie bloß nicht, so etwas wäre nicht möglich gewesen, glauben Sie nicht, dass es dort in solchen Situation keinen Humor oder keine Satire gab. Es ist unmöglich, keinen Humor zu besitzen, da er eine Art Selbstverteidigungswaffe ist“ (53).

Es schließen sich weitere Ausführungen zu schwarzem Humor bzw. Galgenhumor an, sowie Beispiele aus den Zeugnissen der Überlebenden. Schwarzer Humor findet sich häufig im Kontext von Themen, die für Menschen Angst besetzt sind und fungiert hier als ein „Hilfsmittel zur Angstreduktion“ (56). Darüber hinaus bietet er die Option, „die gesellschaftliche Moral der Unterdrückten zu heben, sie mit Elementen des Widerstands gegen ihre Unterdrückung auszustatten und vielleicht den Kampfgeist der Tyrannen zu schwächen. Anders gesagt ist Schwarzer Humor eine Art Selbstschutz und emotionale Flucht vor einer brutalen Wirklichkeit“ (57) und kann insofern dazu beitragen, der betroffenen Person dabei zu helfen, das Unerträgliche zu ertragen und zugleich den Blick darauf zu richten (vgl. 57). Er kann sich dabei er nach Außen richten, als eine Form der Aggression zum Schutz der eigenen Person, etwa in Form eines verbalen Angriffs, oder stärker nach Innen, indem er es der Person ermöglicht, über die krisenhaften Situation zu lachen. Dies hat besondere Bedeutung im Zusammenhang mit Tod und Sterben. Es schließen sich sehr eindrucksvolle Berichte und Signalzitate der Interviewten an.

Es folgen einige Ausführungen zum Thema Selbstironie, die die Autorin definiert als: „eine der komplexesten und reifsten Formel des Humors… Ironie erfordert abstraktes Denken und komplexe intellektuelle Aktivität auf Seiten des Erzählers und auch des Zuhörers. Ironie kann sich auf eine Situation, eine andere Person (als Aggressionswaffe) oder in Form von Selbstironie auch auf die eigene Person beziehen“ (66). Auch hier schließen sich entsprechende Originalaussagen an, so äußert beispielsweise ein Überlebender: „Ich behaupte immer, das Leben ist ein Witz, (wenn auch nicht) immer ein besonders guter. Ich habe einen B.A.- Abschluss,Bachelor auf Auschwitz‘. Ich denke, dass hat mir sehr viel Lebenskraft gegeben, auch jetzt noch. Ich war in der Lage, darüber zu sprechen, was viele nicht konnten und auch nie können werden“ (69).

Ein weiterer Schwerpunkt bildet Humor über das Essen und entsprechende Beispiele aus der Studie der Autorin. Auch der Humor über das Essen stellte einen Abwehrmechanismus gar – gegen den allgegenwärtigen quälenden Hunger. So berichtet eine interviewte Person: „Wir versuchen ständig, zu lachen. Wir flüchteten aus dem Moment, wann immer möglich. Wir waren jung und verliebt usw. und suchten einfach nach einer Gelegenheit, etwas Albernes zu sagen. Dicke Suppe – über dieses Thema lachten wir auch häufig. Wir,aßen‘ sehr viel. Wir,aßen‘ im Lager, fragen Sie mich nicht, Das war Teil des makabren Humors. Alle erzählten davon, was sie zu Hause immer gegessen hatten“ (79).

Diskussion und Fazit

Chaya Ostrowers Buch ist ein sehr beeindruckendes und berührendes Werk. Das Anliegen der Autorin die wertende, heilende und schützende Wirkung von Humor und Lachen auf die psychische und körperliche Gesundheit zu veranschaulichen und dies nachzuweisen, auch und gerade angesichts der unbeschreiblichen Gräueltaten des Holocausts, wird in dieser Publikation auf höchst eindringliche und anschauliche Art und Weise umgesetzt. Sie verbindet kompetent und strukturiert theoretisches Wissen über Humor, Humorformen und Witzarten mit sehr berührenden Originalaussagen von Holocaust-Überlebenden. In diesem Sinne bestätigt diese sehr lesenswerte Publikation Viktor Frankls berühmtes Zitat: „Auch der Humor ist eine Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung. Ist es doch bekannt, dass der Humor wie kaum sonst etwas im menschlichen Dasein geeignet ist, Distanz zu schaffen und sich über die Situation zu stellen, wenn auch nur, wie gesagt, für Sekunden.“


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 14.10.2019 zu: Chayah Osṭrover: Es hielt uns am Leben. Humor im Holocaust. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-17384-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25942.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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