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Joachim Merchel: Evaluation in der Sozialen Arbeit

Cover Joachim Merchel: Evaluation in der Sozialen Arbeit. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2019. 3., aktualisierte Auflage. 175 Seiten. ISBN 978-3-8252-5200-7. D: 25,99 EUR, A: 26,80 EUR, CH: 33,40 sFr.

Reihe: UTB - Band-Nr. 3395.
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Thema

„Die Anforderungen an eine praxisbezogene Evaluation in der Sozialen Arbeit haben sich seit dem Erscheinen der 1. Auflage im Jahr 2010 nicht wesentlich geändert. […] Dem entsprechend konnte auch die Grundstruktur des Buches erhalten bleiben.“ Diese Begründung Joachim Merchels dafür, dass es in der neuen gegenüber den vorherigen Auflagen nur kleinere Änderungen gegeben hat, ist nachvollziehbar und plausibel – von einer kleinen, aber bedeutsamen Besonderheit allerdings abgesehen: Das Thema Wirkungsorientierung in der Sozialen Arbeit hat in den vergangenen Jahren doch eine deutliche Renaissance erlebt und gleichzeitig an Brisanz gewonnen. Vor diesem Hintergrund kommt deshalb auch dem Kapitel zur Wirkungsevaluation in diesem Band, wenn auch unverändert, eine größere Bedeutung zu. Nichtsdestotrotz legt Merchel jetzt in dritter Auflage ein insgesamt schönes, gut handhabbares und im Aufbau klares Buch vor, das in der Lage ist, Leitungsverantwortlichen, Fachkräften und Studierenden Evaluationskompetenzen und damit ein Mehr an Professionalität zu vermitteln.

Autor

Prof. Dr. Joachim Merchel war von 1992 bis 2019 Professor für Organisation und Management in der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Münster, Fachbereich Sozialwesen und seit 2000 Gründer und Leiter des weiterbildenden, berufsbegleitenden Master-Studiengangs Sozialmanagement. Seine Arbeitsschwerpunkte und Veröffentlichungen liegen in den Bereichen Sozialmanagement, Kinder- und Jugendhilfe, Qualitätsmanagement, Evaluation, Jugendhilfeplanung.

Aufbau und Inhalt

Um Leitungsverantwortlichen, Fachkräften und Studierenden Evaluationskompetenzen und damit ein Mehr an Professionalität zu vermitteln, beantwortet das Buch sieben zentrale Fragen:

  1. Was ist Evaluation? Der Autor definiert den Evaluationsbegriff für die sozialpädagogische Praxis sehr differenziert, grenzt ihn auch sinnvoller Weise ab vom Bereich der Evaluationsforschung und beschreibt dann gut nachvollziehbar wichtige Aspekte von Evaluation im Alltagsgeschäft der Fachkräfte. Zentrale Botschaft: Evaluation muss organisational verankert sein, braucht ein systematisiertes und transparentes Vorgehen bei der Generierung und Analyse von Daten und vor allem auch vorher formulierte Kriterien zur validen Bewertung des Gegenstandes, um verwertbare Diskussions- und Entscheidungshilfen zur Verbesserung bzw. Weiterentwicklung dieser Praxis dann auch verlässlich liefern zu können.
  2. Warum braucht es Evaluation in der Sozialen Arbeit? Merchel macht deutlich, dass zunehmende Ressourcenknappheit, erhöhter Effizienzdruck, Rationalisierungsstrategien und nicht zuletzt auch ein zunehmender Bedarf an politischer Legitimation zu steigenden Erwartungen an Evaluation führen. Dies hat zur Folge, dass Transparenz bei der Entwicklung von Evaluationsdesigns und die Offenlegung der Interessen aller stakeholder zu immer unverzichtbareren Merkmalen von Evaluationsprozessen werden. Aber es sind auch die organisationsinternen Strategien zur Personal-, Organisations- und Qualitätsentwicklung, die auf belastbaren Befunden einer Evaluation sehr solide aufgebaut und zum Wohle der Praxis umgesetzt werden können.
  3. Welche Formen und inhaltlichen Schwerpunkte lassen sich unterscheiden? Welche Evaluationsdesigns sind bei welchen Anforderungen und in welchen organisationalen Situationen, mit Blick auf welche Ziele sinnvoll? Summative und formative Evaluation werden unterschieden, genauso wie externe und interne oder auch Fremd- bzw. Selbstevaluation. Die jeweiligen Vor- und Nachteile werden diskutiert und so wertvolle Entscheidungshilfen bereitgestellt. Dass Merchel auch mit Blick auf die verschiedenen Verfahren des Qualitätsmanagements die gängige Klassifizierung nach Konzept-, Struktur-, Prozess- und Ergebnisevaluation in dem Zusammenhang skizziert, vervollständige diesen Abschnitt sinnvoll.
  4. Welche Arbeitsschritte und Methoden liegen einer Evaluation zugrunde? Das sinnvoller Weise mit 68 Seiten deutlich umfangreichste Kapitel liefert dann jede Menge an hilfreichen Informationen, Vorschlägen, Beispielen und vor allem auch an übersichtlichen Systematiken zur praktischen Umsetzung eines Evaluationsprozesses in allen seinen Phasen und mit allen dabei notwendigen Entscheidungs- und Verfahrensschritten. Dass es dabei vor allem darauf ankommt, Praxisziele möglichst konkret und differenziert zu formulieren, um aus ihnen Indikatoren und Erhebungsfragen ableiten zu können, wird gut deutlich. Die zur Auswahl stehenden Methoden werden mit Hilfe vieler Beispiele vorgestellt. Prüffragen helfen, die Eignung einer Methode für das eigene Evaluationsvorhaben verlässlich zu überprüfen. Etwas zu kurz kommen allerdings die im Zuge der Datenanalyse notwendigen statistische Methoden. Diese hätten differenzierter dargestellt werden können. Denn gerade an der Stelle zeigt sich nach allen Erfahrungen doch ein großer Beratungs- oder Nachholbedarf für die Fachkräfte, die sich in ihrer eigenen Praxis an die Bewertung ihres Alltagsgeschäfts machen und auf wirklich belastbare Befunde dann auch angewiesen sind.
  5. (Wie) können auch Wirkungen nachgewiesen werden? Dass der Autor diesem Thema ein eigenes Kapitel widmet, macht Sinn. Denn die berechtigte Frage nach einem empirischen Nachweis der Wirksamkeit von Maßnahmen hat einerseits – nicht zuletzt im Zuge der Wirren entlang der Einführung des Bundesteilhabegesetzes – an Brisanz und Aktualität gewonnen. Andererseits haben in den letzten Jahren auch viele unrühmliche Versuche die Runde gemacht, so genannte Wirkungen auf allzu einfache und manchmal auch unseriöse Art und Weise glaubhaft zu machen. Darauf hätte der Autor vielleicht noch etwas deutlicher eingehen können. Er fasst zunächst die aktuelle Relevanz des fachpolitischen Diskurses zur Wirkungsforschung zusammen und zeigt dann verschiedene Designs für eine Umsetzung auf. Wichtig ist dabei vor allem die kritische Beobachtung, dass sehr viele Gegenstände und Maßnahmen in ihrer Komplexität einem engen Verständnis von Evidenz nicht zugänglich gemacht werden können und dass es empirisch außerordentlich schwierig ist, Wirkungen zu definieren, zu messen und sie dann bestimmten Handlungen kausal zuzuordnen. Dies mit Hilfe von Kontrollgruppendesigns umzusetzen, scheitert eben sehr häufig an genau dieser Komplexität der Praxis. Trotzdem darf dies, so Merchel, allerdings nicht die Begründung dafür liefern, sich in der Sozialen Arbeit auf die Messung von Konzept-, Struktur- und Prozessvariablen zu beschränken.
  6. Welche organisationalen Rahmenbedingungen braucht Evaluation? In diesem Kapitel gibt das Buch ganz zentrale Hinweise zur „Gestaltung eines evaluationsfördernden Organisationsrahmens“. Unterschiedliche Interessen und Strategien in einer Organisation müssen transparent gemacht werden. Interessengegensätze müssen konstruktiv ausgetragen werden. Und vor allem dann, wenn Evaluation nicht nur einmalig stattfinden soll, sondern in das Organisationshandeln einer lernenden Organisation integriert werden soll, muss eine lernförderliche und motivierende Evaluationskultur etabliert werden, die das ehrliche und begründete Bemühen zum Ausdruck bringt, etwas zuverlässig über die eigene Arbeit zu erfahren und daraus dann auch Konsequenzen zu ziehen.
  7. Worin erkennt man eine gute Evaluation? Dass der Autor die bereits 2002 von der Deutschen Gesellschaft für Evaluation entwickelten und verabschiedeten Standards für Evaluation referiert und dazu auch auf kritisch-differenzierende Positionen zu den vorgelegten Kriterien hinweist, macht Sinn, Denn es hat in der Zwischenzeit keine wirklich weiterführende Debatte dazu mehr gegeben. Und genau an der Stelle macht auch die Betonung der Grenzen einer qualitativen Standardisierung für die Praxis der Sozialen Arbeit durchaus Sinn: Evaluation ist in vielen Feldern immer auch ein sozialer und dialogischer Prozess, der spezifische Situationen und ihre Anforderungen berücksichtigen und deshalb empirische Methoden maßschneidern muss, um zu für die jeweilige Praxis validen Befunden zu kommen.

Fazit

Es handelt sich um eine klare, gut strukturierte Systematik, die aus der Praxis und für die Praxis Zugänge und Umsetzungsbeispiele bietet. Merchel legt einen niedrigschwelligen Einstieg in ein komplexes Thema vor, der als Arbeitsbuch auch methodisch mit seinen vielen Zusammenfassungen, Leitfragen, Leitsätzen und Marginalien zudem leicht handhabbar macht. Auch einzelne Kapitel können bei Bedarf zum Nachschlagen und Klären von offenen Fragen verwendet werden. Ein zum fachlichen Diskurs in der Sozialen Arbeit anregendes Buch, das auch problematisierend auf viele Konfliktlinien und Dilemmata verweist, gleichzeitig Lösungsvorschläge unterbreitet, letztlich ein wichtiger Beitrag zur Professionsentwicklung in der Sozialen Arbeit.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim König
Evangelische Fachhochschule Nürnberg Allgemeine Pädagogik & Empirische Sozialforschung Leiter des Instituts für Praxisforschung und Evaluation im kirchlichen, sozialen und Bildungsbereich
Homepage www.evhn.de/hochschule/organisation/personenverzeic ...
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Zitiervorschlag
Joachim König. Rezension vom 06.08.2019 zu: Joachim Merchel: Evaluation in der Sozialen Arbeit. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2019. 3., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-8252-5200-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25948.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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