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Stefan Heissenberger: Schwuler* Fußball

Cover Stefan Heissenberger: Schwuler* Fußball. Ethnografie einer Freizeitmannschaft. transcript (Bielefeld) 2018. 377 Seiten. ISBN 978-3-8376-4292-6. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,70 sFr.

Reihe: Queer studies - Band 18.
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Thema

Vorgestellt wird die Analyse einer einjährigen teilnehmenden Beobachtung des Autors bei der schwulen* Fußballmannschaft des SSV Vorspiel (Berlin). Dabei werden unterschiedliche Aspekte thematisiert, unter anderem Vereinspolitik, Geselligkeit, die Bedeutung schwuler* Turniere und Männlichkeiten im Hinblick auf Fußball als Ort gesellschaftlicher Praxis.

Autor

Stefan Heissenberger studierte Politikwissenschaft, Kultur- und Sozialanthropologie und Gender Studies.

Entstehungshintergrund

Bei der Publikation handelt es sich um die im Jahr 2016 verteidigte Dissertation von Stefan Heissenberger.

Aufbau und Inhalt

Kern der Arbeit ist eine zwölfmonatige teilnehmende Beobachtung des Autors als Spielertrainer bei der schwulen* Fußballmannschaft des SSV Vorspiel Berlin, einem queeren Sportverein. Flankiert wird dieser ethnografische Zugang durch qualitative und quantitative Befragungen. Stefan Heissenberger thematisiert unter anderem die Geschichte und politische Bedeutung des Vereins, die Frage nach den „schwulen*“ Spezifika der Mannschaft genauso wie nach den Gemeinsamkeiten mit „traditionellen“ Fußballmannschaften und nicht zuletzt, wie in diesem Unterfeld des Fußballs Männlichkeiten verhandelt und aufgeführt werden. Damit ermöglicht die Arbeit als eine von wenigen einen empirischen Zugang in das Innere einer Fußballmannschaft.

Im Folgenden werden ausgewählte Ergebnisse der empirischen Kapitel vorgestellt, die auf die methodischen und methodologischen Ausführungen sowie die Rekonstruktion der Vereinsgeschichte folgen.

Im Kapitel „Was geht hier vor?“ wird der SSV Vorspiel als multisportiver Dachverein der Mannschaft vorgestellt, die Mannschaft selbst wird in Vereinsalltagssituationen dargestellt und es werden unterschiedliche Formen von „Außensichten“ – von Medien, von anderen Fußballmannschaften – präsentiert. Darauf folgen vier Teile, die jeweils einen spezifischen, aus dem Material heraus entstandenen Aspekt der Beobachtung genauer analysieren. Zunächst wird unter der Überschrift „Inklusion und die Frage nach dem Politischen“ ein auf Dauer gestelltes Ambivalenzverhältnis innerhalb der Mannschaft verhandelt, das sich zwischen den Polen „sportlicher Ehrgeiz“ und „politischer Anspruch“ aufspannt. Als Fußballmannschaft, die aus schwulenbewegten Kontexten entstanden ist, vertritt diese auf der einen Seite einen inkludierenden Anspruch, ein offener Ort, der auch Schutzraumfunktion hat, für möglichst alle schwulen und schwulenfreundlichen Fußballern zu sein. Auf der anderen Seite können Leistungsorientierungen ausgemacht werden, die ebenfalls eine politische Konnotation erhalten – verstanden in dem Sinne, dass erfolgreicher schwuler* Fußball einen positiven Beitrag zum schwulen Selbstbewusstsein habe. Stefan Heissenberger arbeitet heraus, wie diese konfligierenden Ansprüche tief in die Organisierung des Vereinslebens und der sportlichen Praktiken hineinwirken.

Als nächster Aspekt werden „schwule* Turniere“ fokussiert, als (inter)nationale Treffen schwuler* Fußballmannschaften, die eine hohen vergemeinschaftende Funktion haben. Die Analyse folgt hier einem ritualtheoretischen Zugang, der zwei Formen sozialer Praxis herausstellt: Fußballspielen und Feiern.

Humor“ stellt eine zentrale Sozialform innerhalb (schwuler*) Fußballmannschaften dar und wird hinsichtlich unterschiedlicher Felder und Funktionen analysiert. Humor dient, das ist ein zentrales Ergebnis dieses Kapitels, sowohl der Unterhaltung, der Kommunikation von Kritik als auch dem Ausagieren von Aggressionen. Thematisch werden Bereiche des Sports, aber auch der körperlichen Verfasstheit einzelner (vor allem nicht-schlanker und/oder älterer) Spieler sowie des Coming-Outs und der Integration neuer Fußballer in der Mannschaft verhandelt.

Der letzte empirische Teilbereich ist der Auseinandersetzung mit der Herstellung und Performanz von „Männlichkeiten“ gewidmet. Dieses Thema ist aus mindestens zwei Gründen naheliegend: zum einen, weil schwule* Männlichkeiten offensichtlicher prekär sind als heterosexuelle*, zum anderen, weil dem Fußball eine besonders wesentliche Aufgabe bei der Herstellung von Männlichkeiten zukommt. Es geht also um die Frage, wie interaktive Prozesse des „doing (gay) masculinity“ und des „straight acting“ zur Aufführung kommen und in welcher Weise hier als unmännlich gelesene Perofmances, wie die der Tunte, verhandelt und bewertet werden.

Im abschließenden Fazit werden diese Analysen zunächst unter Zuhilfenahme der Figur des Spielverderbers von Johan Huizinga zusammenfassend rekapituliert und in einen größeren Kontext gestellt. Daran anschließend werden Forschungsdesiderata entwickelt: hier geht es zunächst um den Aspekt einer historischen Forschung zur Entstehung queerer Sportvereine generell und ihrer Verortung in der queeren (Sub)Kultur und Bewegungslandschaft. Weiterhin entwickelt Stefan Heissenberger aus seinen Forschungsergebnissen die Frage, ob die Existenz schwuler* Fußballmannschaften ein Indikator für eine offenere Gesellschaft sein können und schlägt vor, auf der Mikroebene nach den unterschiedlichen Identitätsaspekten, die sich in der Mannschaft aber auch für die einzelnen Fußballer ergeben, zu fragen. Viertens formuliert einen möglichen komparativen Zugang mit anderen Untergruppen des Fußballs hinsichtlich ihrer politischen Verfasstheit. Abschließend wird diskutiert, wie es um die Möglichkeit eines schwulen Outings eines aktiven Spitzenfußballers bestellt ist.

Diskussion

Der vorliegende Band stellt eine außergewöhnlich instruktive und – auch aufgrund der angenehm unprätentiösen Sprache – angenehme Lektüre dar. Dies hat mehrere Gründe.

  • Zum einen arbeitet Stefan Heissenberger seinen Gegenstand mit einer eloquenten Leichtigkeit hinsichtlich seiner Bezugstheorien ab. Sie sind alle klug gewählt und werden als Zugänge zum Material aber auch aus dessen Perspektive vorgestellt.
  • Zweitens ist der Gegenstand interessant und füllt eine wichtige Leerstelle in der Forschung sowohl zu Männlichkeiten aber auch zu schwulen Kontexten und deren spannungsreicher Verfasstheit zwischen Schutzraum und – in diesem Fall – Freizeitvergnügen mit sportlichem Anspruch.
  • Drittens sticht besonders das Kapitel über die Nutzung und die Funktion von Humor ins Auge. Die dort gezeigten Felder – Körper jenseits der jugendlichen Schlankheitsnorm, die in schwulen Kontexten besonders ausgeprägt ist, Alter, aber auch Initiierungen neuer Gruppenmitglieder über humorvolle Kommunikationen – verweisen auf ein spezifisch strukturiertes Feld und einen entsprechenden Umgangsversuch, der gleichzeitig disziplinierenden und entlastenden Charakter hat.
  • Viertens vermittelt der Text einen weitergehenden Zugang zur interaktiven Herstellung von Männlichkeiten in einem Vergleichsmoment zwischen schwulen* und traditionellen Fußballmannschaften (im Text etwas irritierend als „heteronormativ“ gekennzeichnet). Gerade die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Prozesse an diesen beiden unterschiedlichen Orten ist instruktiv.

Bedeutsam erscheinen die Perspektiven auf weitergehende Forschungen, insbesondere, was die Geschichte queerer Sportgruppen im weiteren Sinne angeht. Hier kann an Auseinandersetzungen mit der Frage nach der Bedeutung von Transformationsprozessen der Schwulenbewegung als sozialer Bewegung angeschlossen werden, die aktuell in ersten Ansätzen bearbeitet wird.

Fazit

Die Studie von Stefan Heissenberger ermöglicht einen materialreichen und theoretisch gesättigten Blick in das Innenleben einer schwulen* Fußballmannschaft. Dabei sind vor allem die soziale Praktik des Humors und die Auseinandersetzungen mit Herstellungsprozessen von Männlichkeiten zentrale Gegenstände. 


Rezensent
Dr. Klemens Ketelhut
Akademischer Mitarbeiter Inklusion, Universität Heidelberg/Verbundprojekt Heidelberg School of Education
Homepage hse-heidelberg.de/heidelberg-school-of-education/ue ...
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Zitiervorschlag
Klemens Ketelhut. Rezension vom 19.08.2019 zu: Stefan Heissenberger: Schwuler* Fußball. Ethnografie einer Freizeitmannschaft. transcript (Bielefeld) 2018. ISBN 978-3-8376-4292-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25949.php, Datum des Zugriffs 15.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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