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Sven Fuchs: Die Kindheit ist politisch!

Cover Sven Fuchs: Die Kindheit ist politisch! Kriege, Terror, Extremismus, Diktaturen und Gewalt als Folge destruktiver Kindheitserfahrungen. Mattes Verlag GmbH (Heidelberg) 2019. 407 Seiten. ISBN 978-3-86809-143-4. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 24,90 sFr.
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Thema

Thema des vorliegenden Titels ist die Gewalt im Umgang mit Kindern in der Vergangenheit und Gegenwart und die späteren Auswirkungen auf Kriege und Kriminalität.

Autor

Sven Fuchs ist Psychohistoriker und befasste sich seit 2002 intensiv mit dem Thema der Spätfolgen von Kindesmisshandlung/-missbrauch und in Anlehnung an Lloyd deMause mit ihren Folgen in Gestalt von kriegerischem, destruktivem und terroristischem Verhalten.

Entstehungshintergrund

Entstehungshintergrund ist die persönliche Erfahrung des Autors mit Gewalt in der Kindheit, nicht in der eigenen Familie aber bei Freunden und ein leidenschaftliches Engagement für eine ‚gewaltlose‘ Kindheit. Als politisch engagierter Historiker möchte Fuchs das Interesse für die Folgen einer gewaltorientierten Erziehung wecken und als ‚Augenöffner‘ an politischen und gesellschaftlichen Veränderungen arbeiten.

Aufbau

Nach einem Prolog folgt:

  1. Eine komplexe historische Einleitung
  2. Ein Kapitel über Gewalt in vorzivilisatorischen Gesellschaften,
  3. Ein historischer Überblick über ‚Kinderleid‘,
  4. Eine Geschichte des misshandelten Kindes,
  5. Weibliche Täterschaft,
  6. Das Große Schweigen,
  7. Das Ausmaß der Gewalt gegen Kinder in der Welt,
  8. Kindheiten von Gewalt- und Straftätern,
  9. Kindheiten von Extremisten und Terroristen,
  10. Kindheiten von öffentlich bekannten Extremisten und Terroristen,
  11. Das Schweigen der Täter,
  12. Vorbemerkungen zur Biografieforschung,
  13. Kindheiten ausgewählter politischer Führer,
  14. Die Kindheiten von Hitler und seinen Gefolgsmännern,
  15. Die Kindheiten von Soldaten und Soldatinnen,
  16. Nicht alle misshandelten Kinder werden zu Gewalttätern,
  17. Fazit.

Es folgt ein persönliches Nachwort, Anmerkungen und Quellenhinweise und ein ausführliches Literaturverzeichnis.

Inhalt

Prolog

Das Buch soll Täter weder ausgrenzen noch entschuldigen, sondern die politische Bedeutung einer gewaltorientierten Kindheit mit Zahlen und Fakten belegen und das Ausmaß der Gewalt gegen Kinder in bestimmten Erziehungspraktiken bewusst machen. Diese werden in verschiedenen Ländern verglichen, und es wird für eine gewaltfreie und liebevolle Kindererziehung plädiert.

Komplexe Einleitung

Gewaltfreie Kindererziehung ist eine Erfindung der Neuzeit. Lange Zeit galt, dass der Eigenwille des Kindes mit harten Strafen gebrochen werden müsse, – eine Erziehung zu Gehorsam und Unterwerfung. Vor allem körperliche Gewalt löst bei Kindern mitunter Todesängste aus und hinterlässt auch dauerhafte hirnorganische Schädigungen. Belastungsfaktoren sind zudem körperliche, emotionale und sexuelle Misshandlungen. Kriminologische Untersuchungen zeigen, dass Straftäter in ihrer Kindheit und Jugend oft massiver Gewalt ausgesetzt waren (verschiedene statistische Studien), aber auch Verwahrlosung und Obdachlosigkeit können die Folge sein. Lange Zeit gab es nicht einmal ein

Bewusstsein dafür, dass Gewalt gegen Kinder schädlich ist, oft war sie sogar subjektiv ‚gut gemeint‘. Die misshandelten Kinder identifizierten sich nicht selten mit dem Aggressor.

Thesenartig fasst Fuchs zusammen: Kindheit war historisch gewaltbesetzt. Eine gewaltfreie Kindheit ist eine neue Erfindung, ein Grund zu Optimismus, weil sich die elterliche Gewalt schädlich auf die Entwicklung der Kinder auswirkte. Der Zusammenhang zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und destruktivem Verhalten (Kriminalität, Drogen, Alkoholismus, Terrorismus) lässt sich psychohistorisch nachweisen, aber auch die positiven Entwicklungen nach einem Aufwachsen in einem gewaltfreien und liebevollen familiären Milieu.

Es gab kein Paradies! Gewalt in vorzivilisatorischen Gesellschaften.

Auch in sog. ‚primitiven Gesellschaften‘ wurde Gewalt gegen Kinder ausgeübt. Ein Paradies der Kindheit hat es, auch bei Naturvölkern, nie gegeben (Tötungen von Neugeborenen, u.a. geschlechtsspezifisch, Kindesopfer, Initiationsrituale, Genitalverstümmelungen). Neben der unmittelbaren Gewalt wirkt auf die Kinder auch das Miterleben von Gewalt traumatisierend. Es folgen zahlreiche Belege aus unterschiedlichen Kulturen.

Die Historie des Kinderleids – Ein Überblick

Die relativ kurz gefasste Zusammenfassung geht auf sexuellen Missbrauch ein und auf Arbeiten, die teilweise die Gewalt gegen Kinder bagatellisiert haben, da die Forschenden, wie z.B. Ariès, selbst Kinder ihrer Zeit und deren Vorurteile waren.

Die Geschichte der bisherigen menschlichen Gesellschaft ist die Geschichte vom misshandelten Kind (und was das generell für die Forschung bedeutet)

Gewalt gegen Kinder (Missachtung, Demütigung, Ausbeutung) hat nach er Theorie von Lloyd deMause langsam, aber stetig abgenommen. Fuchs geht auf das Milgram-Experiment ein als Beleg dafür, dass autoritäre Kindheitserfahrungen (schwarze Pädagogik) Einfühlung negativ beeinflussen und abhängig von Autoritätspersonen machen kann, und erwähnt auch Oliner, die Kindheiten von Judenrettern und – verfolgern untersucht hat.

Weibliche Täterschaft gegenüber Kindern

Berichte der Betroffenen zeigen, dass nicht nur von Vätern sondern auch von Müttern Gewalt in der Kindheit ausgeübt wurde, eine Tatsache, die lange Zeit übersehen wurde, obgleich Frauen innerhalb der Familie ein besondere Machtstellung hatten und diese auch auf ihre Art benutzten (deMause spricht von ‚Giftcontainern‘).

Das große Schweigen

Trotz der Rede ‚Niemals Gewalt‘ von Astrid Lindgren 1978 und der Veröffentlichung von Arno Gruen (2002) blieb das Thema ‚Kindheitserfahrungen und Täterschaft‘ weiterhin ein Tabu, insbesondere in Bezug auf den Zusammenhang zwischen destruktiven Kindheitserfahrungen Kriegen und den Holocaust. Kindheitseinflüsse werden auch in der Terrorismusforschung kleingeredet und nur oberflächlich behandelt, was ebenfalls für Historiker gilt, die sich mit politischen Führern, einschliesslich Hitler und weiteren NS-Tätern, befasst haben, – trotz der Studie von Adorno zum ‚autoritären Charakter‘.

Das Ausmaß der Gewalt gegen Kinder in der Welt – Kindheiten der Allgemeinbevölkerung

Fuchs befasst sich – vergleichend – mehr mit körperlicher Gewalt, da es dafür inzwischen auch internationale Studien gibt. In Schweden ist ein deutlicher Rückgang der Gewalt in den 1969er Jahren zu beobachten. Das ist jedoch eher die Ausnahme, wie repräsentative Studien auch in Deutschland, trotz eines positiven Trends, zeigten (wobei der kulturelle Migrationshintergrund auch eine Rolle spielt). Nach Dornes (2012) sind inzwischen 80–85 % der Eltern ihrer Erziehungsaufgabe gewachsen. Es folgen Angaben über Dänemark, Österreich, Jemen, Ägypten, Afghanistan, Kongo, Zentralafrika, Irak, Palästina, Syrien, Elfenbeinküste. Eine UNICEF-Studie zeigte sexuelle Gewalt vor allem in afrikanischen Ländern, gefolgt von lateinamerikanischen und südostasiatischen und, im hinteren Feld, osteuropäischen.

Weitere Studien befassten sich mit häuslicher Gewalt. In den Industrieländern landete laut einer Studien 2007 die USA auf den vorletzten Platz; sie haben auch die 1989 verabschiedete Kinderrechtskonvention nicht ratifiziert hat. Es folgen dann einzelne Länderstudien (Ägypten, El Salvador, Guatemala, Äthiopien, Kenia, Uganda, Großbritannien, Kambodscha, Namibia) und spezielle Hinweise auch auf vorgeburtliche Gewalt. DeMause hat 2005 ein, auch kritisiertes, Sieben-Stufen-Modell historischer Persönlichkeiten (schizoid, narzisstisch, masochistisch, borderline, depressiv, neurotisch, individualistisch) entwickelt und auf entsprechende Kindererziehungspraktiken und deren Folgeschäden zurückgeführt.

Kindheiten von Gewalt- und Straftätern

Fuchs befasst sich zunächst mit statistischen Fragebogen-Untersuchungen und unterschiedlich schweren Formen von körperlichen seelischen und sexuellen Misshandlungen, oft unter Alkoholeinfluss, in der Kindheit bei männlichen und weiblichen Straftätern (Übersicht von 19 Studien, S. 156/7), stressbedingten Gehirnveränderungen und ‚das Lachen der Täter‘ (Theweleit). Spaltungsprozesse erzeugen Selbsthass, der oft als Hass gegen andere Menschen ausagiert wird.

Kindheiten von Extremisten und Terroristen (allgemeiner Teil)

Eine Studie des Bundeskriminalamtes über die Biografien von 39 Männern weist psychosoziale Gemeinsamkeiten auf: Chaos in der Familie, Wechsel der Bezugspersonen (Verlust, Tod), Sucht und häusliche Gewalt, Fremdunterbringung, prekäre soziale Kontakte (die deviante Gruppe als Familienersatz). Neun Einzelfälle werden vorgestellt und Bezug genommen auf zahlreiche Studien u.a. von Lützinger, Köttig, Hellmann, Pfeiffer und Funke.

Kindheiten von öffentlich bekannten Extremisten und Terroristen

Es werden behandelt – alle relativ kurz – Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Inge Viett, Horst Mahler, Stefan Wisniewski, Peter-Jürgen Boock, Lutz Taufer, Astrid Proll, Anders Breivik, Beate Zschäpe, Uwe Mundlos, Uwe Bönhardt, Osama Bin Laden u.a. und ein Versuch unternommen, einen Zusammenhang zwischen ihren Kindheitserfahrungen und devianten Entwicklungen herzustellen. Da die Informationen sehr unterschiedlich umfangreich und zuverlässig sind, enthält dieses Kapitel neben Informativem auch viel Spekulatives, was auch vom Autor selbst vermerkt wird.

Das Schweigen der Täter: Von der Schwierigkeit, die ganze Wahrheit über das erlebte Kindheitsleid zu erfahren

Der Häftling Jens Söring, verurteilt wegen Mord, beschreibt, wie schwer es Gefangenen fällt, eine ‚Schwäche‘ (Misshandlungen in der Kindheit) zuzugestehen. Bei Fragebögen werde grundsätzlich gelogen und belastende Erfahrungen verleugnet, insbesondere wenn man sich selbst innerlich leer und tot fühlt (‚Untote‘ nach Gilligan), was zu falschen Schlussfolgerungen führe. Nur ein Teil der Wahrheit könne erfasst werden, wobei Dissoziationsstörungen oft hinzukämen, und deshalb Auskünfte von Angehörigen und Nachbarn hilfreich sein könnte. Meist werde die Kindheit geschönt dargestellt.

Wichtige Vorbemerkungen zur Biografieforschung und Kindheit der nachfolgend analysierten Akteure

Viel öffentliche Persönlichkeiten seien historisch gut erforscht, wobei allerdings die Kindheit oft wenig berücksichtigt worden sei. Bei Saddam Hussein, Bill Clinton und Ludwig XIII. habe es Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch gegeben. Mitunter fänden sich auch ‚Muttersöhnchen-Beziehungen‘, Hinweise auf eine weibliche Täterschaft und auf verbreitete gewaltorientierte Ansichten über Kindererziehung in der Allgemeinbevölkerung. Kemal Atatürk dient als Beispiel, neben anderen Diktatoren, die der Psychiater Johann Benos untersucht hat, für eine Verwöhnung durch die ‚angeblich liebevolle‘ (!) Mutter und Ablehnung durch den Vater im Zeitalter der ‚schwarzen Pädagogik‘.

Die Kindheit ausgewählter politischer Führer, Diktatoren und Kriegsherren

Der Autor bezieht sich biografisch auf so unterschiedliche Persönlichkeiten wie John F. Kennedy, Lyndon B. Johnson, Ronald Reagan, George H. W. Bush, George W. Bush, Bill Clinton, Hillary Clinton, Tony Blair, Ludwig XIII., Napoleon Bonaparte, Friedrich II., Otto von Bismarck, Wilhelm II., Adolf Hitler, Benito Mussolini, Francisco Franco, Nicolae Ceausescu, Slobodan Milosevic, Tito, Mao Zedong, Lenin, Stalin, Ivan IV., Wladimir Putin, Augusto Pinochet, Manuel Noriega, Fidel Castro, Jean-Bédel Bokassa, Saddam Hussein, Hassan II., Jassir Arafat, Recep Tayyip Erdogan und Charles Manson.

Fuchs meint, dass die Geschichte dieser Führer auch ein emotionales Abbild der Mehrheit der Bevölkerung ergibt. Die Massenwirkungskraft destruktiver Führer könne nur erfolgreich sein, wenn der Hass auf dem Hintergrund einer destruktiven Kindheit ‚real‘ sei, da man Hass nicht ‚spielen‘ könne. Ohne gefühlten echten Hass seien keine Massenwirkungen zu erzeugen.

Die Kindheiten von Hitlers Gefolgsmännern

Obgleich wenig bekannt ist, geht Fuchs davon aus, dass die Kindheit der führenden NS-Männer ‚alles andere als liebevoll und gewaltfrei‘ war. Im einzeln beschäftigt er sich mit: Rudolf Hess, Joseph Goebbels, Heinrich Himmler, Hermann Göring, Martin Bormann, Albert Speer, Julius Streicher, Karl Dönitz, Joachim von Ribbentrop, Hans Frank, Rudolf Höß, Joseph Mengele, Adolf Eichmann, Alfred Filbert, Amon Götz und Reinhard Heydrich. Er bemängelt, dass die Historiker sich bislang mit der Kindheit nicht ausführlich beschäftigt hätten. Die Hitlerverehrung von Hess führt er auf den strengen und übermächtigen Vater zurück. Goebbels wird als eigenbrödlerisches ‚Muttersöhnchen‘ bezeichnet, und Himmler habe sich mit der despotischen Strenge und Pedanterie des Vaters identifiziert. Göring habe im Kreis von neun Geschwister und Halbgeschwistern nicht genügend Aufmerksamkeit bekommen. Das sind von mir (!) verkürzte, der ohnehin kurzen Zusammenfassungen, die die These des Autors untermauern sollen, das neben standardgemäßer strenger, autoritärer Erziehung, nicht selten gepaart mit Vernachlässigung, Todesfälle, lebensbedrohliche Erkrankungen und Aussenseiterstatus prägende und belastende Erfahrungen waren.

Die Kindheit von Soldaten und Soldatinnen

Fuchs unterteilt in Menschen, die bewusst Soldaten werden wollten und denen, die im Kriegsfall eingezogen wurden, und vermutet bei den ersteren einen Zusammenhang zwischen destruktiven Kindheitserfahrungen und der Entscheidung für den Soldatenberuf. Autoritäre Erziehung prädestiniere zu Befehl und Gehorsam, die militärische Gruppe diene als Familienersatz und die Destruktivität verbinde sich mit Töten oder getötet Werden und führe zu Spaltungen in Freund-/Feinbilder. Er führt u.a. qualitative Untersuchungen an freiwilligen Soldaten und Kriegsdienstverweigeren an (Roeder 1977, Mantell 1978), die das zu bestätigen scheinen, und bezieht sich auch auf amerikanische und kanadische Studien. Allerdings zeigt er auch, wieweit bereits die Fragestellung das Ergebnis beeinflusst und deshalb insgesamt die Studien schwer vergleichbar sind. Belastungen waren psychisch kranke und inhaftierte Familienmitglieder, Trennung der Eltern, Drogen-/Alkoholmissbrauch, körperliche, emotionale und sexuelle Misshandlungen. Fuchs vertritt die These, dass negative Kindheitserfahrungen zu legaler und illegaler Gewalt führen können, was jedoch mögliche weitere Einflussfaktoren nicht ausschließe.

Die individuellen Folgen der Gewalt gegen Kinder werden zu gesellschaftlichen Folgen

Fuchs zitiert Riedesser (2001), dass je mehr Kinder in einem Land geschlagen und gedemütigt werden, umso höher später das destruktive Potenzial ist; Kinderschutz sei mithin gesellschaftlich eine Frage des Überlebens. Destruktive Kindheitserfahrungen blieben nicht folgenlos, könnten zu Identifikationen mit dem Aggressor (Arno Gruen 2002) oder anderen Formen von Gewalt führen. Aus Opfern könnten Täter werden (Alice Miller 1983). Hilfreich könnten aber auch helfende Zeugen und Trost spendende, verständnisvolle Erwachsene sein. Die Hamburger Kriegsursachenforschung hat ergeben, dass sich Konflikte aus Modernisierungs- und Transformationsprozessen ergeben bei Menschen, denen eine innere Stabilität und Identität fehle und die Veränderungen an frühere Hilflosigkeit, Ohnmacht und Vernichtungsängste erinnere. Autoritäre Strukturen vermittelten einerseits Sicherheit, andererseits bei ihrer Auflösung auch Unsicherheit; oft entlade sich die angestaute Wut – auch gesellschaftlich – unkontrolliert (als Beispiele erwähnt Fuchs Ägypten, Kambodscha). Internalisierte Täter-Introjekte könnten jederzeit destruktiv aktiviert werden, Fortschritte verhindern und progressive Entscheidungen verhindern. Ein erhebliches destruktives Potenzial (Dynamit) stecke in den unbearbeiteten Kindheitstraumen.

Speziell eingehend auf die Ursachen des Nationalsozialismus vor und während der NS-Zeit, entsprachen diese einem regressiven Zustand mit unrealistischen Hoffnungen und Erwartungen an den Führer, verknüpft mit Schamgefühlen (aus der Kindheit), narzisstischen Defiziten, gepaart mit Verleugnung des Traumas durch den Ausgang des 1. Weltkrieg; alle Defizite und Kränkungen wuden suchtmittartig aufgehoben durch die Abhängigkeit vom Führer und die unrealistischen Erwartungen, die er weckte (Stephan Marks 2014).

Auch in der Weltgesellschaft gebe es Erwachsene- und Kinderstaaten (z.B. Entwicklungsländer), denen man Entwicklungshilfe (Respekt, Unterstützung) geben müsse (Lakoff 2016). DeMause spricht 2005 vom ‚emotionalen Leben der Nationen‘, das die Entwicklung konstruktiv oder destruktiv beeinflussen kann, dazu gehören nicht nur die individuellen, sondern auch die sozial prägenden Kindheitserfahrungen.

„Nicht alle einst gedemütigten und misshandelten Kinder werden zu Gewalttätern“ und „Nicht alle Nationen, deren Bevölkerung als Kind schwer belastet war und misshandelt wurde, führen Kriege“

Abschließend beschäftigt sich Fuchs mit den Gründen, warum solche Feststellungen kein Grund sind, Kindheitseinflüsse zu unterschätzen. Weitere Einflußfaktoren seien ‚Geschlechtsrollen, Lebensalter, Schichtzugehörigkeit, Milieu, Leben und Aufwachsen in der Stadt oder auf dem Land, Zeitgeist, Kultur, Religion, Intelligenzquotient, Zugang zu Macht, Zugang zu Waffen, angeborene Charakterstruktur, klimatische Region, genetische Einflüsse, soziale Umwälzungen, technische Voraussetzungen, persönliche Machtmittel usw.‘ und ‚Zufälle‘, bei welcher Gruppe oder Bande man, insbesondere in der Pubertät und Adoleszenz, landet. Aber auch wenn man nicht zum Gewalttäter wird, heißt das nicht, dass traumatische Kindheitserfahrungen nicht bleibende Schäden hinterlassen haben; auch Krankheit und Selbstzerstörung kann die Folge sein.

Fazit

Während man früher dachte, man müsse Kinder durch Gewalt auf die Härte des Lebens vorbereiten, setzt der Autor auf Güte, Nachsicht, Empathie, Liebe und Gewaltfreiheit. Damit werde ein Fundament gelegt, auf das die Kinder später auch in schwierigen Zeiten zurückgreifen könnten. Wichtig sei es, das Allgemeinwissen über die negativen Folgen von Gewalterfahrung in der Kindheit zu verbreiten und nicht erst wach zu werden, wenn das Kind in den Brunnen gefallen sei. Weitere Untersuchungen über die Folgen von gewaltfreien und liebevollen Kindheiten seien wichtig.

Weitere Themen sind der Zusammenhang zwischen destruktiven Kindheitserfahrungen und Zerstörung der Umwelt. Wie äußern sich diese negativen Erfahrungen in der Künsten (Malerei und Musik)? Gibt es auch einen besonnenen, anstelle eines radikalen Aktivismus? Schichtspezifisch sollten auch Armut und Hoffnungslosigkeit als Risikofaktoren angesehen werden.

Persönliches Nachwort

Obgleich er nicht geschlagen worden sei, sei er dennoch durch die Streitigkeiten der Eltern nicht unbelastet aufgewachsen, meint Fuchs. Ach habe ihn der SS-Großvater beschäftigt. Sein Blick sei geschärft worden durch den Zivildienst in einer Drogentherapieeinrichtung. Ein Schulkamerad, der als Kind – bei einer perfekten bürgerlichen Fassade – von der Mutter mit einem Stock geschlagen wurde, sei später Alkoholiker geworden. Die Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation der Kinder in der Welt werde er nicht aufgeben.

Diskussion

Ein wichtiges und trotz mancher Wiederholungen lesenswertes Buch, das engagiert auf die Spätfolgen von Kindesvernachlässigung und Kindesmisshandlung hinweist und zum Beleg für diese These umfangreiche historische Beispiele anführt, die allerdings – weil extrem verkürzt – ein vertieftes Studium nicht ersetzen können, wofür die zahlreichen Literaturangaben hilfreich sind. Man merkt, dass sich der Autor jahrelang mit dem Thema wie ein Sammler beschäftigt hat und reichlich Material für seine These anführt, dass bereits die Kindheit politisch ist oder bereits in der Kindheit Weichen für ein politisch und gesellschaftlich destruktives Verhalten gestellt werden.

Die zahlreichen Beispiele für Traumatisierungen in der Kindheit, die diese These belegen, sind allerdings mangels detaillierter Überlieferung nicht immer stringent, sodass der Autor sich gezwungen sieht, spekulativ (!) allgemeine Belege – wie ein autoritäre Erziehungskultur – heranzuziehen, bei denen offen bleiben muss, welche Rolle sie in der je individuellen Kindheit gespielt haben.

Nach meiner Erfahrung ist die Psychodynamik, die sich aus dem Zusammenspiel zwischen äußeren und inneren Einflüssen ergibt, sehr komplex und hoch individuell, wie sich allein schon daraus ergibt, das viele der genannten Beispiele einem Geschwisterkreis entstammten, der unter ähnlichen Bedingungen aufgewachsen, sich dennoch völlig anders entwickelt und entschieden hat. Auch sind abgebrochene Bindungen anders zu bewerten als eine überhaupt fehlende Entwicklung stabiler Bindungen.

Die fehlende Innenperspektive, – hier wäre eine Zusammenarbeit mit einem Kinder-Analytiker hilfreich gewesen – bedeutet allerdings nicht, dass das reiche Material, dass die These des Autors wertlos ist. Aber es hätte dem Buch und dem Thema gut getan, wenn partiell die Innenperspektive – soweit sie überhaupt erfahrbar ist – auch aufgenommen worden wäre. Diese kann z.B. bei Traumatisierungen eine hohe Empfindlichkeit und entsprechende Ängste zur Folge haben, die die Wahrnehmung verzerren, oder durch eine veränderte Zeitperspektive, dass man sich plötzlich in einem falschen (Kinder) Film befindet, Anlass zu erheblichen situativen Missdeutungen geben. Wieweit autoritäre Abhängigkeitsverhältnisse das Verhalten beeinflussen haben die Milgram-Experimente gezeigt.

Unterschiede zwischen unvermeidlichen Wunden beim Tod von Geschwistern, Eltern und Freunden, Krankheiten und unverschuldeten körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen sind zu unterscheiden von durchaus vermeidbaren und damit auch bewusst gewollten und gewünschten Verletzungen der Würde und Unanstastbarkeit eines Kindes, was von Fuchs zu wenig differenziert wurde.

Auch dass Hass, wie der Autor meint, immer real ist oder realistische Wurzeln hat, also nicht auch gespielt sein kann, muss ich nach meiner Erfahrung bezweifeln. Jede Emotion und jeder Affekt kann echt aber auch gespielt sein, und gerade der gespielte wird oft von Jugendlichen provokativ angewandt, um zu erfahren, ob der andere das Gespielte oder Echte zu unterscheiden weiß. Zusammenfassend: ein wichtiges und engagiertes Buch, das zu Selbstkritik anregt aber auch zu kritischen Fragen an den Autor, der als Historiker fokussiert war auf die äußeren prägenden Ursachen für eine spätere Gewaltentwicklung, diese Sicht aber ergänzt werden müsste aus dem reichen Schatz der Erfahrungen von Kinderanalytikern mit der Psychodynamik der inneren Verarbeitung von Gewalterfahrung. Mögliche äußere und innere Faktoren ergeben ein differenzierteres Bild und verringern die Gefahr eines – vom Autor auch selbst angesprochenen – monokausalen Denkens.

Fazit

Das Buch ist lesens- und diskussionswürdig, und dem Autor ist zu danken, dass er sich dieses wichtigen Themas so engagiert angenommen hat.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 26.09.2019 zu: Sven Fuchs: Die Kindheit ist politisch! Kriege, Terror, Extremismus, Diktaturen und Gewalt als Folge destruktiver Kindheitserfahrungen. Mattes Verlag GmbH (Heidelberg) 2019. ISBN 978-3-86809-143-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25951.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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