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Jürgen Straub: Das optimierte Selbst

Cover Jürgen Straub: Das optimierte Selbst. Kompetenzimperative und Steigerungstechnologien in der Optimierungsgesellschaft. Ausgewählte Schriften. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 360 Seiten. ISBN 978-3-8379-2845-7. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Diskurse der Psychologie.
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Thema

Was treibt uns, ständig Verbesserungen an uns vorzunehmen? So lautet die Kernfrage des vorliegenden Buches und aus verschiedenen Perspektiven werden Antworten auf diese Frage gesucht, vorgestellt und diskutiert. Es wird ein Zusammenhang von individuell erlebten und gesellschaftlich beobachtbaren Verhaltensänderungen in Richtung Kompetenzerweiterung und gesellschaftlich ex- und implizit geforderten Anpassungsprozessen analysiert. Es wird ein weites Feld aufgespannt, das sich in seiner Komplexität hier wie folgt darstellt: „Für das im vorliegenden Buch verfolgte Forschungsprogramm, das vielfältige Optimierungen und Normierungen des Menschen untersucht, ist das Konzentrations- und Gedächtnistraining, die Gymnastik oder Meditation ebenso interessant wie die Schönheitspflege oder die nicht allein um Heilung besorgte Psychotherapie, die Psycho- und Soziotechnik im Allgemeinen sowie die medikamentös oder chirurgisch (oder sonst invasiv) bewerkstelligte Verbesserung und Vervollkommnung des Menschen. Self-tracking und Lifelogging sowie das dazu passende Quantified self gehören natürlich ebenso in dieses Feld der natürlichen Künstlichkeit und zunehmend künstlichen Natur des sich und seine Welt herstellenden Menschen.“ Ein Vergleich (Gemeinsamkeiten und Unterschiede) zwischen bislang herkömmlicher Gestaltung des Lebens incl. „speziell der Selbstformung“ und „wissenschaftsbasierten und hoch technisierten Modi der Manipulation und Herstellung menschlichen Lebens dränge sich auf, so Straub und erfordere entsprechende Erforschung.

Autor

Prof. Dr. Jürgen Straub lehrt und forscht am Lehrstuhl Sozialtheorie und Sozialpsychologie der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und er ist Co-Direktor des Kilian-Köhler-Centrums für sozial- und kulturwissenschaftliche Psychologie und historische Anthropologie.

Entstehungshintergrund

Der hier vorliegende Band ist Bestandteil einer Reihe (z.B. Trilogie zum erzählten „Selbst“, 2019) und beinhaltet Aufsätze von Prof. Dr. Straub, die z.T. wieder abgedruckt bzw. erstmals veröffentlicht und die z.T. unter Mitwirkung weiterer Fachleute entstanden sind. Auf diesen Band sollen weitere, mindestens zwei, folgen (zur Psychologie als Sozial- und Kulturwissenschaft, sowie zu kreativem Gedächtnis und erinnerten Geschichten).

Aufbau

Fünf Überschriften sind entsprechende Beiträge zugeordnet, die verschiedene Facetten des Themenfeldes der Selbstoptimierung beleuchten:

  1. Zeitdiagnostische Perspektive und grundlegende Unterscheidungen: Homo modificans, Homo modificatus, Annotationen zu aktuellen Optimierungen des Menschen; Optimierungstypen – Licht- und Schattenseiten von Menschenverbesserungsprogrammen.
  2. Begriffliche Klärungen und theoretische Sondierungen: Menschen besser machen – Terminologische und theoretische Aspekte vielgestaltiger Optimierungen des Humanen; Das auteronome Subjekt: Willkommen in der Optimierungsspirale! Paradoxien auf dem Weg von der „therapeutischen Kultur“ zur „Optimierungskultur“
  3. Historische Vorläufer und Wegbereiter: Selbstoptimierung als Rationalisierung der Lebensführung – Gustav Großmanns Exzess einer buchhalterischen Existenz für zweckrationale Zwangscharaktere; Humanistische Psychologie als wissenschaftliche Optimierungsmacht – Ein hybrides Programm zur Errettung und Förderung der modernen Seele.
  4. Prothetische und technisch vermittelte Selbstoptimierung: Prothetische Psychotherapie und Psychotechnik – Eine polyvalente Praxis zwischen Heilung und angeleiteter Selbstoptimierung; Selbstoptimierung und Enhancement – Forschungen zu attraktiven Praktiken für auteronome Subjekte.
  5. Zukunftsmusik der lebenswissenschaftlichen Avantgarde: Der naturalisierte und der programmierte Mensch – Annotationen zu Jürgen Habermas‘ Sorge um eine optimierende Eugenik.

Inhalt

Der inhaltlichen Vorstellung ausgewählter Beiträge werden grundlegende Erläuterungen von Jürgen Straub vorangestellt: „Immer mehr immer besser: Die Steigerungslogik der Optimierungsgesellschaft ist vielen nicht nur einigermaßen bekannt oder halbwegs vertraut, sondern vielleicht schon zu einer Art zweiten Natur geworden, die man so wenig abstreifen kann wie die eigene Haut.“ (S. 8).

Mit diesem Aufschlag nutzt der Autor die Metapher „Haut“ und nennt Beispiele zur Körpermodifikation zur Hinführung auf weitreichendere, nicht sichtbare sich vollziehende Veränderungen, wie bei der Leistungskraft und psychosozialem Wohlbefinden. Deutlich werde, dass die Bewertung dessen, was als optimal erachtet werde, stetig in Bewegung sei. Dies gelte „nicht zuletzt für Steigerungen im Feld des Psychischen, von der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit sowie dieser oder jener Art der Intelligenz über soziale und interkulturelle Kompetenzen bis hin zu einem hemmungslos idealisierten und illusionär verklärten, weil von allen Ängsten und Befürchtungen, von allen Nöten und Sorgen befreiten Seele, die nur noch behagliches Wohlbefinden oder reines, ungetrübtes Glück kennen soll.“ (S. 9).

Es wird eine Zeitdimension eingeführt, die den Optimierungswillen als volatil und fast beliebig charakterisiert: „Mögen sich die angestrebten Ideale auch drehen wie die Fähnchen im Wind und wechseln wie die Warenangebote in den Shopping Malls – mal soll man sich in der Kunst zu streiten, mal in der Achtsamkeit üben –, so bleibt eines doch immer ein und dasselbe: der Imperativ, sich zu ändern und dabei zu verbessern. Dagegen sträuben sich immer weniger Menschen. Die Mitmachprogramme für alle sind attraktiv. Sie halten viele bei Laune und in Bewegung. Und die meisten finden das gut – zumindest vorübergehend, oft längere oder sehr lange Zeit.“ (S. 9).

Das „allgegenwärtige Optimierungsgeheiß“ sei mittlerweile zum „Optimierungsbegehren“ mutiert, was wie folgt in Erscheinung trete: „Junge und Alte (und alle irgendwo dazwischen) Frauen und Männer (und alle dazwischen oder gänzlich jenseits dieser zweigeschlechtlichen Ordnung der Geschlechter), die Angehörigen aller Klassen, Schichten und Milieus bekennen sich heute freimütig dazu zu wollen, was sie wollen sollen. Sie möchten sich optimieren und bemühen sich dann – zumindest am Anfang, wenigstens eine Weile lang – auch ernsthaft darum, egal ob gerade die Ernährung, die Muskeln, die Haarfarbe oder Hautoberfläche, die Empathiefähigkeit oder Toleranz, der vom eigenen Durchsetzungsvermögen abhängige berufliche Erfolg und die unaufhörliche Karriere, das familiäre Glück oder aber das ganz unverhohlen egozentrische und egoistische Sexualleben an der Reihe sind.“ (S. 9f). Straub fährt kritisch pointiert fort und identifiziert ein Gebot und dessen unmittelbare Auswirkungen: „Optimiere Dich selbst und Deine materielle, soziale und kulturelle Umwelt! Es lohnt sich! Das bringt was und kommt Dir zugute, den Mitmenschen ebenfalls!“ Das sagen oder hören und glauben heute viele. Sie richten sich nach diesem Glauben, Tag für Tag, und wenn sie es allein nicht schaffen, fragen sie andere, irgendwelche (selbsternannten) Expertinnen um Rat, nehmen die Dienstleistungen von Trainern, Coaches und Therapeutinnen in Anspruch oder technische Mittel zur Hilfe (wie etwa die Schlaf-App oder den ebenfalls im Smartphone installierten Schrittmesser, der das Bewegungsverhalten kontrolliert und motivierende Effekte zeigen soll, damit die optimierungswilligen Subjekte sich nicht zu sehr hängen lassen und tagtäglich das richtige Pensum an Schritten verrichten).“ (S. 10).

Im Folgenden werden zwei Beiträge exemplarisch vorgestellt.

Zeitdiagnostische Perspektiven und grundlegende Unterscheidungen

  • Beitrag: Optimierungstypen – Licht- und Schattenseiten von Menschenverbesserungsprogrammen (S. 31 ff.)

Hier wird auf die Notwendigkeit und gleichzeitig Schwierigkeit der Differenzierung zwischen wissenschaftlich-technischen Methoden des Human Enhancement und denen der Optimierung hingewiesen. Dazu werden Studien diskutiert. Die wesentliche Abgrenzung wird jedoch zu den „Lebenswissenschaften“ vorgenommen, die sich nicht lediglich mit der Verbesserung des bestehenden Menschen befassen würden, sondern etwas gänzlich Neues zu kreieren anstrebten: „In diesem Feld der lebenswissenschaftlichen Avantgarde zielt die Optimierung und Vervollkommnung des Humanen, wie Vertreter und Vertreterinnen post- und transhumanistischer Weltanschauungen lautstark erklären, letztendlich auf die Überwindung und Abschaffung des Menschen. Der Mensch hat sich in dieser utopischen Perspektive schlicht überlebt, jedoch dabei selbst dafür gesorgt, dass >sein< (sic!) Leben in transformierter Gestalt weitergehen kann. Die strukturellen (biologischen) Voraussetzungen bescheren dem neuen Lebewesen dabei eine funktionale Vollkommenheit, die, wie so manche Visionäre verheißen, im Modus der Unsterblichkeit vielleicht sogar unendlich andauern wird. Das kaum versteckte Vorbild dieser Vision ist die perfekte Maschine.“ Im Folgenden wird auf den Diskurs in der Fachwelt hingewiesen und soll hier als Ausschnitt exemplarisch kurz vorgestellt werden!

„Insofern das Human Enhancement diesem Ziel einer radikalen, optimierenden Transformation des sich selbst abschaffenden Menschen dient, erscheint es einigen als gut und schön. Zu erwartende Hürden und Schwierigkeiten sollten, so sehen es manche, das Projekt als solches nicht in Frage stellen. ... Ganz unabhängig von der geläufigen Kritik an der mitunter dürftigen Argumentation in apologetischen Texten von Natur- bzw. Neurowissenschaftlerinnen (und sogar in manchen philosophischen Legitimationsbemühungen von Bioethikern) liegt es nahe, die im Betrieb der Lebenswissenschaften und Biotechnologien häufiger ins Spiel kommenden Fortschrittsmythen und Vollkommenheitsphantasmen … als Ausdruck narzisstischer Größen- und Allmachtsfantasien zu deuten.“ (S. 34).

Neuro-Enhancement wird als Beispiel für die Manipulation und Modifikation psychischer Eigenschaften durch Medikamenteneinnahme herangezogen. Der ursprüngliche Zweck vieler dieser Medikamente lag auf der Heilung kam/kommt bei der Therapie von Beeinträchtigungen und Krankheiten zum Einsatz. Mittlerweile hat sich die Anwendergruppe erweitert: Gesunde Menschen nehmen diese Medikamente und Substanzen mit dem Ziel der Optimierung von Konzentration, Aufmerksamkeit, Wachsamkeit, Aufhellung der Stimmung. Die Einnahme dieser Enhancer spare Zeit, da man sich langes Üben und Trainieren (traditionelle Vorgehensweisen zur Selbstveränderung) erspare und so effizienter sein könne. Dem Anwendungsbereich – z.B. fast alle Altersgruppen – und Anwendungsgebiet seien kaum Grenzen gesetzt. Neuro-Enhancement stelle eine einfache Möglichkeit dar, ganze Bevölkerungsgruppen auf leichte Art und Weise zu beeinflussen. Die potentiellen Auswirkungen werden benannt und kritisiert: „Neuro-Enhancements stellen aufmerksame und konzentrierte, ruhige und ausgeglichene, bescheidene und zufriedene, motivierte und agile, kurz: funktionierende Personen in Aussicht. … Doping für alle, möglichst ohne rigide Kontrolle und ganz nach individuellem Bedarf, das scheint heute die Devise für eine Kultur und Gesellschaft zu sein, in der der alle Grenzen permanent verschiebende Leistungssport unversehens zum generalisierten Vorbild und allgemeinen Maß der Dinge geworden ist.“ (S. 36 f.). Und weiter: „Neuro-Enhancements erhöhen nicht nur das individuelle Erlebnis- und Erkenntnispotenzial, sondern auch die soziale Verträglichkeit und Akzeptabilität oder die Konkurrenzfähigkeit von kompetenter gewordenen Personen.“ (S. 37). Es wird ein Argumentationsstrang aufgebaut, der anhand bestimmter diskutierter Kriterien darlegt, was gegen den Einsatz von Neuro-Enhancements spreche.

  • Das Kontra-Argument des künstlichen Eingriffs in die Natur (Artifizialität) durch Neuro-Enhancement wird entkräftet durch Verweise, dass Menschen dies schon immer genutzt haben – sei es zur Linderung von Schmerzen usw. Insofern sei ein reiner Rückzug auf eine Natürlichkeit kein hinreichendes Argument, den Gebrauch von Neuro-Enhancern per se abzulehnen: „Ideologien des Natürlichen haben schon oft genug Monster geboren. Sie sind sicher kein Patentrezept gegen rezeptpflichtige Neuro-Enhancements. Sie liefern kaum überzeugende Argumente und erhellende Einsichten, die uns über mögliche Schattenseiten von Optimierungsprogrammen aufklären könnten.“ (S. 37).
  • Anders stelle sich jedoch der Wert des Arguments der schädlichen gesellschaftlichen Folgen dar: „Realistischer ist dagegen, dass die wachsenden Möglichkeiten gezielten Neuro-Enhancemants so gut wie alle Leute gewaltig unter Druck setzen werden.“ So ließen „Die industriell erzeugten, massenmedial umworbenen und professionell vermarkteten Optimierungsprogramme …, das ist auch in diesem Fall zu erwarten, auf lange Sicht kaum jemanden in Ruhe, einfach >bei sich< (sic!) verweilen und gelassen abwarten.“ (S. 39). Straub deutet hier an, dass eventuell dabei keine Geschlechtsabhängigkeit zu Tage trete, „was ein historisches Novum und eine durchaus zweifelhafte Überwindung dieser Dimension sozialer Ungleichheit“ darstelle. Bezogen auf gesamtgesellschaftliche Perspektiven liegt es für Straub auf der Hand „dass ganze Gesellschaften ein normierendes Leistungs- und Konkurrenzethos etablieren und kultivieren können, das einer Art >kollektivem Wahn< (sic!) bedenklich nahekommen mag (wie es der in der Alltagssprache keineswegs zufällig sogenannte >>Jugendlichkeitswahn<< (sic!) exemplarisch zeigt).“ (S. 39).
  • Das Argument der möglichen schädlichen Folgen „für den Einzelnen und seine persönlichen Beziehungen“ seien ebenfalls nicht von der Hand zu weisen: „Wer einzelne Persönlichkeitsmerkmale medikamentös manipuliert (oder durch andere äußere Eingriffe verändern läßt), destabilisiert nämlich jenes eigene Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein eines Individuums, das seine >Stärke< (sic!) gemeinhin aus Erfahrungen der Selbstwirksamkeit schöpft. … Wer sich trotz besten Vorsatzes nicht >in den Griff bekommt< (sic!) … täuscht sich entweder über seine Vorsätze, oder ist nicht in der Lage zu tun und zu lassen, was dem eigenen Wunsch und Willen eigentlich entspräche. In diesem Fall wirkt das schnelle Mittel des Neuro-Enhancement wie Gift.“ (S. 40).
  • In eigenen bestimmten, zeitlich länger währenden Lernprozessen sei das Erleben hingegen ein völlig anderes, denn sie führten „oftmals zu mehr und zu einem qualitativ andersartigen … nachhaltigen Ergebnis als eine Pille (oder andere neurowissenschaftliche Empfehlungen und neurotechnische Eingriffe). Das hat einen einfachen Grund. Die traditionelle Selbstformung ist nämlich in der Lebensgeschichte eines Subjekts sowie seiner Selbsterfahrung verankert und bleibt in diese integriert.“ (S. 42).

Prothetische Psychotherapie und technisch vermittelte Selbstoptimierung

  • Beitrag: Prothetische Psychotherapie und Psychotechnik – Eine polyvalente Praxis zwischen Heilung und angeleiteter Selbstoptimierung (S. 263 ff.)
  • Programm und Perspektive
  • Therapeutische und optimierende Psycho-Prothetik
  • Psychotherapeutisches Handeln zwischen Heilung und Steigerung des Selbst
  • Auteronomie und prothetische Optimierung

Jürgen Straub beschreibt ein Verschwimmen der Grenzen zwischen psychotherapeutisch wirksamen Verfahren, die der Heilung bei konkreten psychischen Störungsbildern, Diagnosen dienen und den Angeboten, die eher im diffusen Bereich der Selbstverbesserung angesiedelt seien. Er geht ihm nicht darum, therapeutischen Nutzen in Frage zu stellen. Sein Fokus liegt auf einer sich schleichend vollziehenden Entwicklung, der ein gesellschaftlicher Imperativ zur stetigen Verbesserung und Arbeit am Selbst zugrunde zu liegen scheint.

„Auteronomie ist eine Struktur des Selbstverhältnisses von Personen, denen Selbstaktualisierung und Selbstverwirklichung sowie die permanente, nicht abzuschließende Optimierung des Selbst als ein gesellschaftlicher und kultureller Imperativ anempfohlen und als Aufgabe auferlegt wurden – und die diese ewige Aufgabe übernommen, schon einigermaßen erledigt haben und zeitlebens weiter zu erfüllen suchen.“ (S. 289).

Straub zeigt ein Spannungsfeld auf, das einerseits vom Imperativ der Selbstoptimierung und Eigenverantwortung und andererseits von der „Entantwortung“ des Subjektes gebildet werde. Was ist mit der Entantwortung gemeint? Die Subjekte erkennen ihren Beratungsbedarf und nehmen ihn an: „Das heißt, dass sie Entscheidungen über ihr Handeln, Leben und Selbst in das Medium eines Beratungsgesprächs legen, das sie in Form und Inhalt … ja nicht allein, sondern mit einem professionellen Gegenüber führen, das mitredet und eine gewisse Macht ausübt. Auteronome Subjekte sorgen sich unter der (möglichst professionellen, institutionalisierten) Anleitung von Beraterinnen um sich selbst. Beratende begleiten die Ratsuchenden und üben dabei stets einen gewissen Einfluss aus, schon allein durch die Form des Beratungsgesprächs.“ (S. 289 f.).

Und wozu soll nun das Ganze gut sein? Welche Funktion hat es? (Straub bezieht sich vorrangig auf die westlichen Gesellschaften!) „Sie (die Optimierung, d. Rezensentin) ist im Übrigen attraktiv für viele und verspricht ein hohes Maß an Gratifikation und Satisfaktion für jene Personen, die ständig das Beste aus sich zu machen versuchen und dabei immer wieder in neue Dimensionen ihres Selbst vorstoßen. Warum sollten sie sich zeitlebens abmühen und regelrecht plagen?“ (S. 292). Die Rolle der „Psy-Disziplinen“ charakterisiert er folgendermaßen: „Diese uns disziplinierenden Disziplinen werden gleichwohl nicht damit aufhören, attraktive Verheißungen an auteronome, optimierungswillige Subjekte zu adressieren und die bereits erfolgreich psychologisierten Menschen weiter an sich zu binden – nicht zuletzt indem sie uns allen Psycho-Prothesen anbieten und angedeihen lassen.“ (S. 292).

Diskussion

Als am Thema interessierte, in Trainings, Beratungen und Therapien Handelnde, konnte ich bei der Lektüre sehr interessante neue Sichtweisen kennenlernen. Alle Beiträge sind gut belegt und habe entsprechende Anmerkungen und Verweise. Auch untereinander werden Verweise auf die jeweiligen Beiträge gegeben, was zu einem besseren Verständnis des Inhalts konstruktiv beiträgt. Sehr interessant sind die immer wieder hergestellten Zusammenhänge zwischen Individuum, gesellschaftlicher Entwicklung und Machtverhältnissen: Wer z.B. hat welche Möglichkeiten an Optimierungsprozessen teilzuhaben, wer hat welchen Einfluss und ist wieweit wirkmächtig! Letztendlich geht es übergeordnet um die Kernfrage: Wie wollen/können wir leben und arbeiten, die Zukunft gestalten? Das ehemalige gesellschaftliche Versprechen, über Bildung und Leistung sozial aufzusteigen, erfolgreich zu sein, scheint mit der individuell zunehmend weniger hinterfragten Optimierungswilligkeit und dem dazugehörigen Imperativ eine logische Fortführung zu erleben.

Fazit

„Das optimierte Selbst“ ist für alle am Thema Interessierten ein wertvoller Input: Auch interessierte Nicht-Fachleute, die andere, neue Perspektiven einnehmen und Erkenntnisse gewinnen wollen, sind hier richtig. Jürgen Straub schöpft aus einem disziplinübergreifenden Fundus. Seine profunde Kenntnis begründet eine kritische differenzierte wissenschaftliche Haltung zu einem komplexen Thema. Die Darstellung ist auf den ersten Blick nicht immer lesefreundlich. Damit verweise ich auf den Aufbau und das Layout. Der Lesefluss wird durch Einschübe des Öfteren gehemmt – was sich dann aber als Bereicherung erweist, da man sich fokussiert und zum Reflektieren innehält.


Rezension von
Dipl.-Päd. Ines Polzin
Prozessberaterin für KMU im Förderprogramm unternehmensWert:Mensch, Resilienz-Coach/-Trainerin
Homepage www.inespolzin.de
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Zitiervorschlag
Ines Polzin. Rezension vom 28.04.2021 zu: Jürgen Straub: Das optimierte Selbst. Kompetenzimperative und Steigerungstechnologien in der Optimierungsgesellschaft. Ausgewählte Schriften. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. ISBN 978-3-8379-2845-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25954.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


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