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Mario Gollwitzer, Manfred Schmitt: Sozialpsychologie kompakt

Cover Mario Gollwitzer, Manfred Schmitt: Sozialpsychologie kompakt. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. 321 Seiten. ISBN 978-3-621-28613-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Eine einfache Definition der Sozialpsychologie ergibt sich aus der Definition der Psychologie mit dem Zusatz sozial: Sie ist die „Wissenschaft vom Erleben und Verhalten der Menschen im sozialen Kontext“. Der soziale Kontext beeinflusst das Verhalten und Erleben eines Individuums als die reale oder vorgestellte Anwesenheit mindestens einer anderen Person. Jedoch gehört auch seine dauerhafte Prägung durch soziale Einflüsse, die sich nicht innerhalb eines sozialen Kontextes veräußern muss, in den Forschungsbereich der Sozialpsychologie.

Autoren

Diplompsychologe wurde Mario Gollwitzer im Jahre 2000 an der Universität Trier. Nach zwei (Junior-)Professuren für Methodenlehre in Koblenz-Landau und Marburg folgte 2018 die Berufung auf den Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Seine Forschungsschwerpunkte liegen u.a. in der Gerechtigkeitsforschung, der Wissenschaftskommunikation und -rezeption sowie den sozialen Emotionen.

Manfred Schmitt studierte Psychologie und Pädagogik bis 1978 ebenfalls in Trier. Nach einjährigem Studienaufenthalt für Humanentwicklung an der Pennsylvania-State-University erhielt er 1980 sein Diplom der Psychologie. In Magdeburg, Trier und Koblenz-Landau war er als Professor für Methodenlehre und Diagnostik, Sozialpsychologie sowie Diagnostik und Persönlichkeitspsychologie tätig. Für letztere Professur bekleidet er nach wie vor den Lehrstuhl. Außerdem hat er Gastprofessuren in verschiedenen amerikanischen Staaten inne. Auch innerhalb seiner Forschungsinteressen liegen u.a. die Gerechtigkeitsforschung und soziale Emotionen, jedoch auch die Verhaltenskonsistenz und latent state-trait Theorie.

Entstehungshintergrund

Erstmals wurde der Band Sozialpsychologie Kompakt zur Umstellung von Diplom- auf Bachelor- und Masterstudiengänge verfasst. Da sich das Werk nach wie vor „reger Nachfrage“erfreue, entschieden sich die Autoren zu einer Neuauflage (S. 9). So wurde der Kanon beibehalten, jedoch einige Themengebiete weggelassen, hinzugefügt oder verändert sowie Forschungsergebnisse aktualisiert. Auch Online-Lernmaterialien sind hinzugekommen. Das Werk scheint ausschließlich Studierende der Psychologie als Zielgruppe zu erfassen.

Aufbau

Die Aufteilung auf erster Ebene gliedert sich dreifach in dieser Reihenfolge: Theorien, Themen, Methoden. Die Methoden nehmen den mit Abstand den kürzesten Teil ein (13 Seiten). Besonderes Augenmerk wurde überall auf alltagsnahe Beispiele gelegt. Aus der Forschung werden für die Sozialpsychologie zentrale Studien beschrieben. Prüfungsfragen mit Antworten und weitere Beispiele zu den einzelnen Theorien finden sich in den Online-Lernmaterialen. Der Inhalt ist in 19 Kapitel gegliedert:

Einführung

I. Klassische Theorien

  • Konsistenz- und Balancetheorien
  • Theorie sozialer Vergleichsprozesse
  • Kommunikationstheorien
  • Soziale Interdependenztheorien
  • Gerechtigkeitstheorien
  • Soziale Identitätstheorie und Selbstkategorisierungstheorie
  • Rollentheorien
  • Erwartung-mal-Wert-Theorien
  • Attributionstheorien
  • Evolutionspsychologische und soziobiologische Theorien

II. Spezielle Themen der Sozialpsychologie

  • Sozialer Einfluss und soziale Normen
  • Soziale Kognition
  • Soziale Einstellungen
  • Intra-Gruppen-Prozesse
  • Soziale Emotionen und Motive
  • Aggressives Verhalten
  • Hilfsbereitschaft und Zivilcourage

III. Methoden der Sozialpsychologie

  • Forschungsmethoden in der Sozialpsychologie

Inhalt

Den Inhalt klassisch darzustellen erscheint für dieses Werk nicht sinnvoll. Dies sollte ohne Weiteres aus der Diskussion hervorgehen. Auch ergibt sich der Inhalt wesentlich aus den Kapitelüberschriften 1 bis 19. Im Folgenden wird also lediglich eine beispielhafte und strukturelle Beschreibung des Inhalts erfolgen.

Die klassischen Theorien schließen hier sowohl immanent sozialpsychologische als auch allgemein psychologische Theorien ein. Gollwitzer und Schmitt betonen, indem sie die Entwicklungsverläufe der Theorien nachskizzieren, den gegenseitigen Profit, den Sozialpsychologen und Psychologen aus der gegenseitigen Weiterentwicklung ihrer Ansätze haben. Beispielsweise die Dissonanztheorie nach Festinger sei eine Theorie kognitiv motivationalen Ursprungs, die durch Festinger, einen Sozialpsychologen, in der Sozialpsychologie ihre Anwendung und weitere Modifizierung fand. Umgekehrt sei die soziale Identitätstheorie Tajfels eine genuin sozialpsychologische Theorie, welche, gemeinsam mit der Selbstkategorisierungstheorie Turners und innerhalb des sozialen Identitätsansatzes, auch weitreichend außerhalb der Sozialpsychologie wirkte. Auch aus anderen Teildisziplinen adaptierte Theorien, wie die Attributions- und Erwartung-mal-Wert-Theorien, werden in diesem Abschnitt vorgestellt.

Neu aufgenommen wurde in diese Auflage das Thema soziale Emotionen und Motive. Es wird unter spezielle Themen der Sozialpsychologie behandelt. Entsprechend der Benennung des Abschnittes beschreiben die Autoren hier weitere Konstrukte oder Phänomene, welche nicht unmittelbar unter das Licht der vorher ausgeführten Theorien gefallen sind. Dessen Erwähnungen können aus brisanten Weltgeschehnissen, wie gewalttätigen körperlichen Übergriffen oder unterlassenen Hilfeleistungen, motiviert sein, oder weil sie allgemein psychologisch wertvolle und interessierende Konstrukte, wie Einstellung, Motivation oder Aggression, aufgreifen.

In Methoden der Sozialpsychologie werden zentrale Ansätze aus dem psychologischen Methodenrepertoire vorgestellt, u.a. Gütekriterien, Labor- und Feldexperimente sowie Methodenartefakte.

Diskussion

Die umfangreiche Ansammlung von Theorien ist das herausragende Kennzeichen des Werkes. In konstanter und verständlicher Art und Weise werden sie vorgestellt und gegebenenfalls diskutiert (in 6 der 19 Kapitel gibt es Unterkapitel mit den Überschriften „Kritik…“ oder „Kommentar und Ausblick“). Wann immer eine Diskussion hinzukommt und dann auch den Blick des Lesers in die Zukunft legt, erfrischt sie das Lesegefühl.

Der Band ist mehr ein Nachschlagewerk zu sozialpsychologischen Themen, als ein (im buchstäblichen Sinne) konstruktives Lehrbuch. Die zwischen den Kapiteln vorhandenen Bezüge sind Querverweise, womit die Kapitel im Wesentlichen eigenständige Texteinheiten darstellen. Damit hat man bei Bedarf, beispielsweise zur Recherche einer in einer universitären Veranstaltung behandelten Theorie, griffig Benötigtes zur Hand. Auch nach dem Studium kann der Band somit seinen Zweck erfüllen. Ein Gesamteindruck der Sozialpsychologie, der aus einer ineinandergreifenden Darstellung entstünde, wird jedoch kaum vermittelt.

In den beiden ersten Abschnitten werden jeweils sowohl Theorien als auch einzelne Phänomene und Konstrukte vorgestellt, weshalb lediglich die Überschriften der Kapitel die Dreiteilung des Inhalts auf erster Ebene rechtfertigen. Der Abschnitt zu den Methoden sollte entweder mehr Bezug zum Gesamtwerk aufweisen oder es sollte eine Begründung für die Einbindung in dieser Form erfolgen. Die erwähnten Theorien und Studienbefunde lassen sich nur teilweise im immanenten Kontext des Werkes (methodisch) kritisch verstehen (s.o.).

Auffällig ist die Divergenz hinsichtlich der Qualität der praktischen Anwendung der Theorien zwischen dem gedruckten Buch und den Online-Lernmaterialien (für jede Theorie ist ein Anwendungsbeispiel sowohl im Werk als auch Online angegeben). Wahrscheinlich aus Gründen des Umfangs sind die Beispiele in den Online-Lernmaterialien realistischer und geistreich. Die Beispiele aus dem Werk wirken bei Zeiten wie im Nachhinein auf die Theorien zugeschnitten, wie es wohl die meisten Beispiele in Lehrwerken sind, und damit künstlich (vgl. u.a. S. 106, 129). In den Online-Lernmaterialen findet sich, neben Übungsaufgaben und gelungenen Empfehlungen zu weiterführender Literatur, auch ein umfassender Text zur Replikationskrise, der auch ohne Erwerb des Buches gelesen werden kann.

Im Methodenteil werden sog. Lügenskalen als mögliche Lösung des Problems der sozialen Erwünschtheit (man stellt sich nach außen entsprechend sozialer Maßstäbe ggf. positiver dar, als man es ist) angeführt (S. 305f). Es besteht mittlerweile jedoch weitestgehender Konsens dahingehend, dass die Verwendung solcher Skalen wirkungslos ist. Ins Auge fällt auch, dass des Öfteren die Nennung alternativer Erklärungen dem Hinzufügen alternativer Erklärungen weiterer Forschungsergebnisse nachsteht (vgl. insb. S. 140, 142).

Fazit

Der rezensierte Band geht einen Trade-Off hinsichtlich des Umfangs und kritischer Darstellung zu Gunsten des Umfangs ein. Nur selten finden sich limitierende Kommentare und offene- oder Alternativerklärungen, die insbesondere in der Psychologie ein ständiger Begleiter sein sollten. Als ein Lehrbuch,welches aus sich heraus für kritisches Denken prädisponiert, sollte das Werk daher und aufgrund der Abwesenheit innerer Bezüge nicht verstanden werden. Vielmehr eignet es sich als Nachschlagewerk, um kurze und leicht verständliche Darstellungen von Theorien, Phänomenen und Konstrukten, die in der Sozialpsychologie interessieren, griffbereit zur Hand zu haben.

Summary

Sozialpsychologie Kompakt puts its focus on the amount of information delivered. Only in a few chapters one can find (methodologically) critical comments, wherefore the reader can often not get a critical view on the mentioned topics out of the book itself. Also, the chapters show, other than cross-references, no connection. Therefore, they can be seen as individual units. This allows the reader to have a handy collection of theories, constructs and phenomena at hand, but not to get a holistic and systematic overview over the field of social psychology. Also the examples for theories are more realistic in the online-learning-tools than in the title itself.


Rezensent
Karik Siemund
Stud. der Psychologie (B.Sc.) und der Mathematik und Philosophie (B.A) an der Universität Heidelberg
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Zitiervorschlag
Karik Siemund. Rezension vom 22.10.2019 zu: Mario Gollwitzer, Manfred Schmitt: Sozialpsychologie kompakt. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-621-28613-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25957.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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