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Marius Harring, Matthias D. Witte u.a. (Hrsg.): Handbuch informelles Lernen

Cover Marius Harring, Matthias D. Witte, Timo Burger (Hrsg.): Handbuch informelles Lernen. Interdisziplinäre und internationale Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 2., überarbeitete Auflage. 840 Seiten. ISBN 978-3-7799-3134-8. D: 68,00 EUR, A: 70,00 EUR, CH: 87,60 sFr.
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Thema

Man lernt in der Schule, man lernt fürs Leben, lebenslanges Lernen – Lernen ist in Sprich- und Schlagworten in unserem Alltag verankert. Unter dem Begriff Lernen wird gemeinhin eine Aneignung von Wissen verstanden. Informelles Lernen (oder informelle Bildung) betrachtet Lernen in anderen als formalen Bildungszusammenhängen wie Schule, Ausbildung oder Studium. Diese Form macht den Großteil unseres Lernens aus, stellt in Deutschland aber ein noch wenig betretenes Forschungsfeld dar.

Autoren

Marius Harring, Matthias D. Witte und Timo Burger haben für dieses Buch als Herausgeberteam über 70 Autorinnen und Autoren für 55 Beiträge gewinnen können.

Aufbau

Auf 840 Seiten beinhaltet das Buch neun Abschnitte:

  • Definitorische Zugänge
  • Theoretische Zugänge
  • Internationale Zugänge
  • Altersphasen
  • Akteure
  • Kontexte
  • Dimensionen
  • Forschungsmethodische Zugänge
  • Ausblick und Desiderate

Inhalt

Diese zweite Auflage hat im Vergleich zur ersten in 2015 (https://www.socialnet.de/rezensionen/19812.php) einen umfangreichen Korrekturprozess und eine Aktualisierung aller Beiträge durchlaufen. Der Abschnitt „Internationale Zugänge“ wurde grundlegend sprachlich überarbeitet. „Akteure“, „Kontexte“ und „Dimensionen“ hat eine neue Struktur erhalten.

Mit einer historischen Herleitung und einer Schärfung des Begriffs des informellen Lernens vor allem im Abgrenzung zu den Begriffen Erziehung und Bildung wird zu Beginn die Basis gelegt für eine theoretische Fundierung. Erziehungswissenschaftliche wie auch soziologische und psychologische Theorien bieten Verbindungslinien und Abgrenzungen. In der internationalen Betrachtung geht es um die länderspezifischen Diskussionslinien aus Frankreich, UK, Schweden, Japan, den USA, Bangladesch, Australien und Russland. Informelles Lernen wird oft im Kontext erwachsener Menschen verstanden, das Buch nimmt hier auch die Kindheit, das Jugendalter und das Alter in den Blick. Informelles Lernen wird auch aus der Akteursperspektive diskutiert. Dabei wird die soziale Interaktion in Familie, Peergroup, Szenen und Netzwerken angesprochen. Informelles Lernen findet auch in den Kontexten Freizeit, Beruf, Ehrenamt, Musik und Medien statt. Weitere Autoren ordnen die Dimensionen des informellen Lernens im Kontext von Konsum, Körper, Migration, Religion, Sexualität, Globalisierung und Gesundheit ein. Als forschungsmethodische Zugangsweisen werden quantitative wie auch qualitative Methoden, Ethnografie, dokumentarische Ansätze, Biografie- und Evaluationsforschung diskutiert.

Das Kapitel „Gesundheit und informelles Lernen“ ist in dieser Auflage neu. Deshalb wird dieser Abschnitt im Mittelpunkt dieser Rezension stehen. Nadine Konopik und Annette Franke haben den Abschnitt zu Gesundheit und informellen Lernen verfasst. Als Expertinnen für Gesundheitskompetenz legen die Autorinnen zunächst die Ausgangssituation dar. Studien belegen den positiven Zusammenhang zwischen formalen Bildungsabschlüssen und subjektiver/objektiver Gesundheit sowie Mortalität. Lernen, Bildung und Gesundheit sind in der Ottawa-Charta der WHO als eine von fünf zentralen Dimensionen benannt. Die Bereitstellung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, die unterschiedliche Lernkontexte und individuelle Möglichkeiten unterstützt, ist eine essentielle Voraussetzung für kompetenten Handeln in Fragen der Gesundheit. Informelles Lernen beinhaltet Lernprozesse, die inhalts- und kontextspezifisch entlang verschiedener Lernanlässe, Lernformen und Lernmedien stattfinden.

Lernanlässe können eine akute oder chronische Erkrankung, die Sorge oder Pflege für andere sein, beabsichtigt oder auch unbemerkt als Nebenprodukt. Lernanlässe determinieren die Lerninhalte, die theoretischer, technischer oder praktischer Natur sein können. Als Lernformen benennen die Autorinnen primäre und sekundäre Lernerfahrungen. Lernmedien werden unterschieden in Gesundheitskommunikation, Kampagnen des sozialen Marketings, klassische Lernmedien wie Zeitschriften, TV-Sendungen, Internetforen oder gesundheitsbezogene Apps. Auch hier zeigen sich Unterschiede in sozialen Milieus im Nutzungsverhalten und die Frage nach Zugangsbedingungen und analytischer Gesundheitskompetenz schließt sich an. Zu den heterogenen Settings informellen Lernens im Bereich Gesundheit zählen Familie, Freunde und Peers, Einrichtungen der Kinderbetreuung, berufliche Settings, Nachbarschaft, Stadtteil und auch Einrichtungen des Gesundheitswesens. Hier spielen Alltagsroutinen, Werte, Normen, Interaktion, Sozialisation und Erfahrungsaustausch eine große Rolle.

Die Autorinnen stellen zwei Modelle vor: das sozial-kognitive Prozessmodell gesundheitlichen Handelns (HAPA-Modell) und die Gesundheitskompetenz (health literacy). Das HAPA-Modell zeigt Erklärungsmuster, warum Personen trotz einer formulierten Absicht, diesen Wunsch häufig nicht in die Tat umsetzen bzw. in vorherige Verhaltensmuster zurückfallen. Hierbei wird die motivotionale und die volitionale Phase unterschieden und die Einflussfaktoren aufgezeigt: Fokussierung auf Ziele, Regulation von Emotionen, realistische Erwartung von Handlungen, Wahrnehmung der eigenen Gesundheitsrisiken, Umgang mit Widerständen und die eigene Selbstwirksamkeit. Gesundheitskompetenz umfasst das Wissen, die Motivation und die Kompetenzen von Menschen, relevante Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden. Gesundheitskompetenz ist Teil der lebenslangen und alle Lebensbereiche umfassenden Lernerfahrungen von Personen, die durch verschiedene Kontexte – und eben auch informelles Lernen – beeinflusst wird. Die Autorinnen erwarten, dass die Bedeutung informellen Lernens im Kontext Gesundheit durch z.B. ein gestiegenes Bildungsniveau oder einem neuen Markt von Lifestyleangeboten zunehmen wird. Individuell bleibt es voraussetzungsvoll, braucht aber auch politische Voraussetzungen und den Einbezug der sozialen Lage.

Diskussion

Als Handbuch bietet dieses umfangreiche Werk unterschiedliche Zugänge zum informellen Lernen und geht aus einer interdisziplinären und internationalen Perspektive der Frage nach, wie das Konzept des informellen Lernens in Bezug auf Akteure, Institutionen, Lebens- und Lernwelten sowie Phasen des Alters erfasst werden kann. Es bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte, sich auf theoretischer und akademischer Ebene mit der Grundidee von informellem Lernen weiter zu befassen. Dem Nachholbedarf, sich in Deutschland mit dem Thema wissenschaftlich zu befassen, tritt dieses Handbuch kompetent entgegen. Ein Handbuch im Sinne eines Anwendungsbezugs für Kontexte des informellen Lernens ist es eher nicht.

Fazit

Spannender, multiperspektivischer Blick auf das Feld des informellen Lernens für alle, die dieses noch recht junge Forschungsfeld betreten wollen oder müssen.


Rezension von
Prof. Dr. sc.hum. Nina Fleischmann
Hochschule Fulda; Fachbereich Pflege und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 14.08.2020 zu: Marius Harring, Matthias D. Witte, Timo Burger (Hrsg.): Handbuch informelles Lernen. Interdisziplinäre und internationale Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7799-3134-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25958.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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