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Manfred Schnabel: Macht und Subjektivierung

Cover Manfred Schnabel: Macht und Subjektivierung. Eine Diskursanalyse am Beispiel der Demenzdebatte. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2018. 382 Seiten. ISBN 978-3-658-23324-2. D: 64,99 EUR, A: 66,81 EUR, CH: 67,00 sFr.

Reihe: Vallendarer Schriften der Pflegewissenschaft.
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Thema

Wie der Titel des Buches bereits sagt, geht es darum, wie sich Macht und Subjektivierung sich im Diskurs um die Demenz als Krankheit oder Alterserscheinung herausgebildet oder vielmehr verändert haben und sich weiter verändern könnten. Deutlich gesagt: Es geht nicht darum zu klären, was Demenz ist und wie mit ihr umzugehen sei, sondern darum zu analysieren, wer sich mit welcher Interpretation des Demenzphänomens gesellschaftlich durchsetzen kann und damit den gesellschaftlichen, aber auch individuellen Umgang mit ihm bestimmt. Im Fokus steht dabei eine Verschiebung von der biomedizinischen Deutungshoheit zu der anderer Akteure.

Ein wichtiger Punkt der Macht- und Hegemonieanalyse besteht für Manfred Schnabel darin, die Pflegewissenschaft für politische Prozesse zu sensibilisieren und ein Reflexionsinstrument für die Profession verfügbar zu machen.

Autor

Manfred Schnabel, Krankenpfleger und Sozialarbeiter, ist Professor an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg und leitet den Studiengang Pflege. Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um seine Dissertation an der Pflegewissenschaftlichen Fakultät der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV).

Aufbau

Der Aufbau der Arbeit soll nicht erneut dargestellt werden, da er bereits in der hier im socialnet publizierten Rezension von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind ausführlich beschrieben ist.

Inhalt

Die Berichterstattung über die Entstehung, Verbreitung und Bekämpfung von Corona oder COVID 19 bzw. SARS-CoV-2, wie wir sie in den öffentlich-rechtlichen Medien und den seriösen Tages- und Wochenzeitschriften seit Februar 2020 verfolgen können, stellt ein grandioses Beispiel für eine Art von Diskurs dar, die im vorliegenden Buch in Bezug auf die Demenz geradezu exemplarisch analysiert wird. In den vergangenen Monaten und auch in der näheren Zukunft lassen sich die Konsequenzen beobachten, die in der Folge der bio-medizinischen Deutungsmacht in Bezug auf die Corona-Pandemie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft verändern. Auch wenn es durchaus widersprüchliche naturwissenschaftliche Informationen gibt, wird der Eindruck hergestellt, dass alle Entscheidungen nichtsdestotrotz auf medizinisch wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Die anfangs auch nur sehr zögerlich vorgebrachten Forderungen der sozialwissenschaftlichen Disziplinen, überhaupt gefragt und gehört zu werden, gingen dabei unter. Erst allmählich finden sie gelegentlich Gehör, aber immer nur da, wo die Einschränkungen des „normalen“ Lebens nicht mehr durchsetzbar sind und Legitimationen für deren Aufhebung gesucht werden. Doch eine Analyse des Corona-Diskurses wird noch länger auf sich warten lassen.

Für eine diskursanalytische Untersuchung des Umgangs mit und des Vorgehens bei der Corona-Pandemie bietet die Arbeit von Manfred Schnabel ein geeignetes Modell, zeigt sie doch viele Parallelen zur aktuellen Debatte. Manfred Schnabel beschäftigt sich mit der Demenz als einer der bedeutendsten sozialen, politischen, wirtschaftlichen und humanitären Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. Bei der Frage danach, wie diese angenommen und bewältigt werden könne, sieht er die biomedizinische Perspektive mit ihren Lösungsmodellen als nicht länger tonangebend an. Vielmehr richtet er den Blick auf alternative Strategien, für die er auch wachsende politische Unterstützung wahrnimmt. An eben dieser Schnittstelle, nämlich der zunehmenden Pluralität der Sichtweisen, Einstellungen und Lösungsstrategien bei der Demenzproblematik setzt seine Arbeit an. Er will diese in der öffentlichen Debatte sichtbar machen und analysieren. Dabei geht es ihm insbesondere darum aufzuzeigen, dass der Bruch mit der traditionellen medizinischen Deutung mit der Durchsetzung neuer Machtkonstellationen in diesem Bereich einhergeht. Die Betonung von Machtaspekten führt laut Manfred Schnabel zu einer weiterführenden Kritik am Umgang mit Demenz. Denn für ihn ist die Gegenüberstellung der Meinungen, Demenz sei tatsächlich ein Krankheitsphänomen oder aber nur eine Erfindung eines macht- und geldgierigen medizinischen Establishments, nicht zielführend. Weil diese Einstellungen zum einen rein normativ seien und zum anderen eine naturwissenschaftliche Perspektive nicht grundsätzlich hinterfragen. Eine machtanalytische Sichtweise biete demgegenüber die Möglichkeit, nicht darüber zu sprechen, ob eine Position wahr oder falsch sei, sondern sie rücke die Entstehung und Plausibilisierung von Wissen in den Mittelpunkt.

Mit diesem Ansatz soll die gegenwärtige pflegewissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen Demenz ergänzt werden, die sich vor allem mit der Bereitstellung von Diensten und der Qualität der Leistung beschäftige. Das sei von hoher Relevanz, schlösse jedoch eine kritische Analyse der normativen Rahmungen eher aus. Um diese ausführen zu können, vernachlässigt Manfred Schnabel die Klärung der Frage nach dem Wesen der Demenz (Krankheit oder Alterserscheinung) zugunsten einer Machtanalyse der Demenzdebatte, die nicht nur die differenten Positionen zum Demenzphänomen umfasst, sondern vielmehr auch hegemoniale Bestrebungen herausarbeitet. Sein Erkenntnisinteresse zielt dabei auf die Konstitution eines Ausschnitts der sozialen Wirklichkeit im Diskurs.

Theoretisch und methodisch folgt Manfred Schnabel dabei nicht einer etablierten Methode, sondern wendet einen Mix verschiedener theoretischer Ansätze und Methoden an. Auch ist es weniger daran interessiert eine umfassende Studie vorzulegen als einen methodischen Zugriff auf das Phänomen Macht zu explizieren. Es handelt sich also um eine qualitative Studie, die nicht den Anspruch erhebt, die Bedeutungsverschiebung zwischen einer allgemein gesellschaftlichen Sichtweise und der etablierten biomedizinischen Perspektive zu quantifizieren.

Gegenstand der Analyse sind ausgewählte Texte dreier unterschiedlicher Diskurse bzw. Perspektiven, die sich mit Demenz auseinandersetzen, und zwar mit einer anthropologischen, einer gesellschaftspolitischen und einer naturwissenschaftlichen Perspektive. Wichtige Ergebnisse werden hier nur stichpunktartig aufgeführt:

  • Alle drei Diskurse zeigten je eigene Regeln und eine jeweils spezifische Sinnproduktion.
  • Sie grenzen sich jeweils offensiv voneinander ab durch eine Überzeichnung der jeweils anderen Positionen, und zwar antagonistisch und nicht auf einen Konsens ausgerichtet.
  • Mit der klaren Ausgrenzung werden Machttechnologien erkennbar, die darauf abzielen die jeweils andere Seite zu vereinnahmen und in diesem Prozess sich selbst zu verändern.
  • Diese verweisen auf zugrundliegend stabile Formationen früher Machtkämpfe und damit auf etablierte Ordnungsmuster.

Diese Ergebnisse interpretiert Manfred Schnabel dahingehend, dass es sich um stabile und gleichzeitig dynamische Machbeziehungen handele, die seiner Auffassung gemäß somit veränderbar seien.

Darüber hinaus verweist der Autor auf das Ergebnis der Diskursanalysen, das die Menschenbilder und Subjektschablonen der jeweiligen drei Perspektiven umfasst. Diesen positiven oder negativen Subjektvorstellungen werden aus der jeweiligen Perspektive je spezifische Alternativen entgegengehalten (Rückbesinnung auf die Endlichkeit der menschlichen Existenz, die Wiederbelebung von Gemeinschaft oder die Integration aller Menschen in die medizinischen Widerherstellungsapparaturen). Genau in dieser Konstellation identifiziert Manfred Schnabel ein zentrales Widerstandspotenzial der Subjekte, die sich gegen falsche Antworten auf die Frage des menschlichen Seins auflehnen – auch in diesem Kontext möchte er ein klares Indiz für die Veränderbarkeit bestehender Machtbeziehungen erkennen.

Diskussion

Mit dieser Studie stellt der Autor am Beispiel der Demenz eine weitere bemerkenswerte Ergänzung zu vorangegangenen Diskurs-, Macht- und Hegemonieanalysen vor. Von Foucault bis in die Gegenwart sind es immer wieder der dominante biomedizinische Diskurs, das Dispositiv, die Macht, die Hegemonie der Medizin, die Gegenstand solcher Analysen sind. Die medizinische Interpretation davon, was Gesundheit und Krankheit ausmacht, wann der Tod eingetreten ist oder nicht, ist ja auch keineswegs etwas, das „nur“ den medizinischen Sektor alleine betrifft, sondern determiniert gesellschaftliche Sichtweisen, gesundheitspolitische Entscheidungsprozesse, die Distribution von Mitteln bis zu den sozialen Beziehungen.

Die theoretisch und methodisch sehr differenziert begründete Studie dürfte bei Verter*innen der jeweiligen wissenschaftlichen Ansätze, die Manfred Schnabel zu einem Methoden-Mix vereint, sicherlich Kritik hervorrufen, lässt sich jedoch aus einer berufspolitischen Perspektive durchaus verteidigen.

Die Pflegewissenschaft und damit auch der Profession Pflege, die im beruflichen Alltag als Mediator zwischen der Medizin und den Subjekten innerhalb dieser Machtbeziehungen agieren müssen, nicht nur für diese komplexen Prozesse zu sensibilisieren, sondern auch zu ermutigen, ist das besondere Anliegen des Autors.

Fazit

Wer sich mit der Deutungshoheit der Medizin und deren Infragestellung durch andere gesellschaftliche Kräfte beschäftigt, wird in diesem Buch neue und spannende Erläuterungen finden. Das beginnt schon bei den einleitenden Abschnitten zu unterschiedlichen medizinischen Deutungen der Demenz und setzt sich in der anschließenden Diskurs- und Hegemonieanalyse fort. In dieser Hinsicht hat die Studie eine äußerst aktuelle Bedeutung. Denn dass auch das biomedizinische Erklärungsmodell keineswegs so eindeutig ist, wie es oft erscheinen mag, wird nicht nur durch die Arbeit von Manfred Schnabel deutlich, sondern bestätigt sich erneut in der aktuellen Debatte um SARS-CoV-2, die uns nahezu täglich neue und einander durchaus widersprechende naturwissenschaftliche „Erkenntnisse“ liefert. Dennoch kann es sich immer wieder als die politisch einflussreiche durchsetzen. Dagegen werden alternative Interpretationen gerne allübergreifend als Verschwörungstheorien denunziert. Wie das geschieht lässt sich in dieser Studie nachlesen.

Im Übrigen illustrieren die erste Rezension des Buches von Sven Lind auf socialnet und die Replik von Manfred Schnabel und Hermann Brandenburg sehr schön, wie stark die Diskussion um das Phänomen Demenz eingebunden ist in machtstrukturelle Auseinandersetzungen.


Rezension von
Dr. Eva-Maria Krampe
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Zitiervorschlag
Eva-Maria Krampe. Rezension vom 21.08.2020 zu: Manfred Schnabel: Macht und Subjektivierung. Eine Diskursanalyse am Beispiel der Demenzdebatte. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2018. ISBN 978-3-658-23324-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25961.php, Datum des Zugriffs 18.09.2020.


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