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Astrid Giebel, Markus Dröge u.a. (Hrsg.): Wolke und Feuersäule

Cover Astrid Giebel, Markus Dröge, Ulrich Lilie, Andrea Richter (Hrsg.): Wolke und Feuersäule. Geistliche Begleitung in Kirche und Diakonie - Neubelebung einer alten Praxis der Seelsorge. Wichern Verlag (Berlin) 2019. 430 Seiten. ISBN 978-3-88981-441-8. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.
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Thema

Der Untertitel des Buches beschreibt das Thema treffend. An dieser Stelle bereits möchte ich dort auf das kleine und ehrliche „…in…“ hinweisen. Trotz der Seitenzahl reicht der Blick wenig über die hauptamtlichen Perspektiven der Herausgebenden hinaus. Die Neubelebung und deren Eigendynamik werden deutlich – auch in der Reaktion, was die benannte Ausbildung in geistlicher Begleitung belegt. Die Grenzen der Wirksamkeit und die aus meiner Sicht notwendigen Grenzüberschreitungen werden eher mittelbar deutlich. Doch dazu folgen am Ende einige Worte.

Tatsache ist, das Thema selbst scheint tatsächlich zunehmend auch im Inneren der evangelischen Kirchen bzw. in diakonischen Strukturen virulent.

Herausgebende und Autor*innen

  • Markus Dröge wurde 1954 in Washington DC geboren. Nach dem Studium der evangelischen Theologie folgte 1999 die Promotion. Im Jahre 2009 wurde er zum Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz gewählt und im gleichen Jahr in sein Amt eingeführt.
  • Ulrich Lilie wurde 1957 im niedersächsischen Rhumspringe geboren. Dem Studium der evangelischen Theologie folgten verschiedene Pfarrstellen und ehrenamtliches Engagement. 2013 wurde er vom Aufsichtsrat des Evangelischen Werkes für Diakonie und Entwicklung in Berlin zum Präsidenten für den Bereich Diakonie Deutschland berufen.
  • Andrea Richter wurde 1959 geboren. Dem Studium der Schulmusik folgte ein Theologiestudium. Ihr Dienst um Pfarramt wurde von Zusatzausbildungen im Seelsorgerischen Kurzgespräch, Exerzitienbegleitung und Meditationsleitung ergänzt. Seit 2012 ist sie Studienleiterin und Beauftragte für Spiritualität in der EKBO.
  • Astrid Giebel ist promovierte Theologin und Diplom-Diakoniewissenschaftlerin. Sie hatte bis 2003 einen Lehrauftrag an der Theologischen Hochschule in Elstal und aktuell im Vorstand der Diakonie Deutschland zuständig für Theologie. Im dem Buch zugrundeliegenden Kurs von 2016–2018 wirkte sie verantwortlich mit.

Die Verfassenden der im vorliegenden Buch zusammengestellten Aufsätze sind überwiegend Theolog*innen, welche -mit nur wenigen Ausnahmen- im kirchlichen Dienst tätig sind.

Entstehungshintergrund

Im Vorwort markieren die Herausgebenden die Wahrnehmung der Neubelebung einer alten Praxis als anlassgebend für die Herausgabe des Bandes. Bereits hier wird eine Schmalführung deutlich, denn es wird von „Geistlicher Begleitung in Kirche und Diakonie“ geschrieben. Der oft systemische Blick bewahrt diese Perspektive und die markierte Systemgrenze scheint zum Konzept der Veröffentlichung zu gehören.

Es kommen offenbar Referenten und Teilnehmende aus dem Ausbildungsgang von geistlicher Begleitung zu Wort, die tatsächlich etwas zu sagen haben und lesende mit einer Resonanz zum Thema ansprechen. So sind die Schreibenden durchgängig um einen modernen Realitätsbezug bemüht, so wird nicht nur unterschiedliche Form und Tradition christlicher Spiritualität postuliert, sondern auch in guter Weise wahrnehmbar.

Aufbau

Man darf das Vorwort zusammen mit zwei Gesprächen als eine thematische Annäherung verstehen. Es folgen Kapitel zu „Kirche und Diakonie“, zu „Theologischen Grundlegungen…“, schließlich geht der Blick auf einzelne konkrete Handlungsfelder von Diakonie und gerade da entsteht die Frage, welches Format von Seelsorge, Begleitung und Beratung ist bei welcher Aufgabenstellung sinnvoll. Das nächste Kapitel ist mit „Impulse und Erfahrungen aus der Praxis“ überschrieben und bietet in diesem Zusammenhang eine konkrete Auswahl an Ansätzen. Die letzten Texte führen dann zu Systemen und Organisationen, was mit dem besagten „…in…“ im Buchtitel korrespondiert. Den Abschluss bilden die Predigt zum Kursabschluss (2016-2018) und eine sinnvolle Übersicht der Autor*innen.

Inhalt

Im Gespräch
Pfarrerin Andrea Richter führt ein Gespräch mit Dr. Dr. hc Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz zu dessen Blick auf geistliche Begleitung bzw. Erfahrungen mit Spiritualität in kirchlichen Strukturen. Ein weiteres Gespräch mit Pfr. Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland und Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Werkes für Diakonie und Entwicklung e.V. mit den gleichen Fragen. Auch hier bleibt es bei der Innenperspektive auf die geistlichen Bedarfe von „Tatmenschen“.

Geistliche Begleitung in Kirche und Diakonie – Selbstverständnis, Erfordernisse und Bedarfe

„Seelsorge in kontemplativer Haltung“ und „Lebensgespräch mit Gott“ bieten einen guten und weiten Einstieg in das Thema. „Du weißt ja, von wem du gelernt hast“ wendet den Blick auf evangelische Spiritualität bzw. den Umgang in evangelischen Organisationen. „Aus der Scheu in die Offensive“ belegt einen Wandel, der im einzelnen Menschen vollzogen wird. Führen und Leiten kommen ebenso zur Sprache, wie individuelle Orte, Achtsamkeit und Stille.

In diesem Kapitel sind gute Gedanken zusammengefasst, teilweise analytische Aspekte und teilweise systemimmanentes Erfahrungswissen. So möchte ich bereits hier die Innensicht der Schreibenden markieren.

Geistliche Begleitung – Theologische Grundlegungen und Reflexionen

„Gott selbst ist der Begleiter“ (S. 142) ist ein Zitat, welches ich herausheben möchte. In diesem Kapitel geht es offenbar um Inhalte in dem Ausbildungsgang, die einen besonderen Stellenwert bekamen. Geschichtliches, Traditionen, Anfechtung, Trockenheit, „Die dunkle Nacht“ (Johannes vom Kreutz), spirituelle Krisen werden in guter Weise dargestellt. Hier handelt es sich um Texte, die jene Grenze „Kirche und Diakonie“ naturgemäß ignorieren, denn es handelt sich tatsächlich um eine Auswahl von Grundlagen in der geistlichen Begleitung. Ein Abschnitt der sicher für künftige Absolvent*innen mit Gewinn gelesen werden kann.

Geistliche Begleitung in den Handlungsfeldern von Kirche und Diakonie

Hier wagen Autor*innen die Dilemmata zwischen Glauben und diakonischer Arbeitswirklichkeit zu thematisieren. Medizinisch-pflegerische Kontexte sind beispielhaft zu verstehen. Der Schwenk geht zu DiakonieCare-Kursen und es darf gefragt werden, wo Chance und Grenze dieses Projektes in Bezug zur geistlichen Begleitung erkennbar werden. Der Zusammenhang von Spiritualität mit Selbstpflege und Resilienz wird thematisiert und hinterlässt zumindest bei mir Fragen nach dem wahren Ziel der Kurse.

Die Aufsätze zu Pflege und Notfallseelsorge schaffen eine Rückbindung zur Seelsorge selbst, doch muss gefragt werden wo geht es um anlassbezogene Hilfen und wo um die Begleitung eines geistlichen Prozesses. Hier empfinde ich angesichts der Alltagsbezüge verzeihliche Unschärfe zum Terminus „Geistliche Begleitung“.

Herausheben möchte ich den Text „Dass ich auch etwas davon habe…“ hier geht es um die Lektor*innen, die zunehmend an Bedeutung gewinnen, wenn ein sonntäglicher Gottesdienst nicht erst in der überübernächsten Kirche oder am überübernächsten Sonntag stattfinden soll. Geistliche Begleitung fürs Ehrenamt wird auch in diesem Band nicht ganz vergessen, aber das markiert schon fast einen erosiven Rand der primären Abgrenzung „…in Kirche und Diakonie“.

Themen wie Tourismus rsp. Pilgern werden ebenso aufgenommen, wie abschließend einige Genderaspekte bei denen die Zugänge keinesfalls als genderspezifisch dargestellt, sondern vielmehr eine Möglichkeit des Zugangs beschreiben werden.

Geistliche Begleitung – Impulse und Erfahrungen aus der Praxis

Der erste Aufsatz gibt einen Einblick in den Ablauf des ersten Ausbildungsjahres, dabei werden die hörende Grundhaltung entwickelt, in die Lectio Divina eingeführt, Ignatius von Loyola und Johannes vom Kreuz erfahrbar und schließlich die eigene geistliche Biografie reflektiert. Menschen, Situationen und Ereignisse lassen einen geistlichen Lebensweg sichtbar werden. Dies wird mit bestimmten Worten der Bibel in Bezug gebracht. Es werden entsprechend mehrere Prozesse deutlich, einerseits der biografische Prozess der Teilnehmenden und dann der reflexive Prozess des begleiteten Anschauens des Lebensweges.

Die weiteren Praxisbezüge setzen sich mit Fragen zu Haltung, Bewegung, Leiblichkeit, Mystik, Sehnsucht und großstädtischem Kontext auseinander. Dreizehn Aufsätze die zeigen mit welcher Weite das Thema „Geistliche Begleitung“ betrachtet werden muss. Auch Lesende die sich mit Exerzitien im Alltag befassen, können hier gute Gedankenansätze finden.

Geistliche Begleitung von Gruppen, Gremien, in Systemen und Organisationen

In diesem Kapitel werden Perspektiven auf geistliche Begleitung für Beschäftigte und Personengruppen der Diakonie aufgezeigt. Die Bedeutungen von Oasentagen, Spiritualität im Alltag, Leitbildfragen, Ethikthemen, Gruppenprozessen, Gremienarbeit und Organisationsentwicklung wird hier aus dem Selbstverständnis der Autor*innen aufgezeigt. Lesende werden schnell merken, dass der Terminus „Geistliche Begleitung“ hier noch deutlich weiter verstanden wird. Es ist zweifellos möglich einen Veränderungsprozess geistlich zu begleiten, doch überrascht es nicht, dass die Frage nach dem Auftrag hier mehrfach aufblitzt, werden doch in diesem Kapitel klassische Aspekte von Supervision und Coaching behandelt. So entstehen neue Fragen nach dem Anspruch von geistlicher Begleitung, nach dem Unterschied zwischen Oasentag vs. Achtsamkeits-Coaching oder nach dem Unterschied der Organisationsentwicklung in Diakonie und einem Träger ohne Bekenntnis.

Predigt zum Abschluss des Ökumenischen Kurses „Geistlich Begleiten“ 2016-2018

Die Predigt von Katharina Furian zu 2. Kornther 3,2-6 spricht insbesondere geistliche Begleiter*innen an, findet immer wieder den Bezug zu unserem Alltag und vergisst nicht den Hinweis, dass es auch geistliche Menschen gibt, die mit der Spiritualität der Begleiter*innen „nichts Geistliches anfangen können“.

Diskussion

Was ist der Zweck des Buches? Ich bin unsicher, es scheint mir eine Art Dokumentation, es mag für Menschen einige Impulse geben, die sich mit dem Gedanken tragen eine Ausbildung zu geistlicher Begleitung zu beginnen, oder irgendwann einmal für die Kirchengeschichte ein Zeugnis sein, welche Facetten von Spiritualität am Anfang des 21. Jhd. existierten. So bleibe ich unsicher was die Zielgruppe der erhofften Leser*innen kennzeichnet.

Da der Band kein umfängliches Lehrbuch sein will, ist es zu tolerieren, dass bestimmte theoretische Themen und Grundlagen unterrepräsentiert sind. Die Bedeutung psychologischer Grundlagen ist unterbelichtet, obwohl gerade bei der Innensicht der Blick auf Gegenübertragungen unbedingt notwendig erscheint. Auch essenzielle Grundlagen, wie die Unterscheidung der Geister im ignatianischen Sinne, bleiben in der Wolke der Innensicht des Buches verborgen.

Der Blick auf Klienten, Patienten, gemeindeferne Menschen und an die Peripherie ist nach meiner Wahrnehmung von einer ganz anderen Wolke verhangen. Projekte wie Exerzitien im Alltag oder Exerzitien auf der Straße bleiben den akademischen Prägungen und den institutionalisierten Fokussen bisweilen verborgen. Vielleicht kann sich Kirche nur zur Heilung bereiten, indem sie sich nicht mit sich beschäftigt, nicht nur Unternehmen bleibt, sondern aus sich heraus zu begeistern vermag?

Fazit

Damit ist zu benennen, dass die Aufsätze zu geistlicher Begleitung ausschließlich sichtbar gewordene Facetten eines Ausbildungsganges behandeln, die auch in Summe keinesfalls ein vollumfängliches Bild im Sinne eines Curriculums oder eines Querschnitts aus christlicher Perspektive bieten, wohl aber die Handlungsfelder geistlicher Begleiter*innen beschreiben.

Den Kauf des Buches werde ich einzelnen Personen empfehlen, die sich mit dem Thema intensiver auseinandersetzen.


Rezensent
Matthias Jacob
Staatl. geprüfter Betriebswirt; Supervisor; Meditationsleiter
Homepage www.sitzen-schweigen-hoeren.de
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Zitiervorschlag
Matthias Jacob. Rezension vom 02.09.2019 zu: Astrid Giebel, Markus Dröge, Ulrich Lilie, Andrea Richter (Hrsg.): Wolke und Feuersäule. Geistliche Begleitung in Kirche und Diakonie - Neubelebung einer alten Praxis der Seelsorge. Wichern Verlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-88981-441-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25962.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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