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Bente Gießelmann, Robin Richterich u.a. (Hrsg.): Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe

Cover Bente Gießelmann, Robin Richterich, Benjamin Kerst, Lenard Suermann, Fabian Virchow (Hrsg.): Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2019. 2. komplett überarbeitet und ergänzt Auflage. 424 Seiten. ISBN 978-3-7344-0819-9. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR.
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Wider den Extremismus

Die lokalen und globalen Tendenzen zum extremistischen Denken und Tun nehmen zu. Ego- und Ethnozentrismus, Nationalismus, Fundamentalismus, Rassismus und Populismus geben vor zu wissen, wie die Welt für die Menschen besser werden kann. Es sind meist allzu einfache Antworten auf komplizierte sowie differenzierte Fragestellungen und Entwicklungen. Besonders rechtsextreme Bewegungen treten mit Rezepten, Lügen und Fake News auf, um die Menschen für ihre radikalen Ideen und Programme zu überzeugen. Ihre ethnozentristischen, hierarchischen, völkischen und demokratiefeindlichen Modelle stützen sich auf individuelle und kollektive Höherwertigkeitsvorstellungen, Vorurteile und Geschichtsverklitterungen. Das Eigene steht über dem Fremden, das Nationalistische über dem Internationalen, das Traditionalistische über dem Faktischen, das Falsche über dem Wahren. Zum Rechtsextremisten wird man nicht geboren, sondern man wird es durch Ideologien, Einflüsse, Indiktrinationen und Versuchungen (Jos Schnurer, in: 24.11.15, https://www.sozial.de/wie-wird-man-zum-rechtsradikalen.html).

Entstehungshintergrund

Die einzigen Mittel gegen extremistisches Denken und Handeln sind Aufklärung und Bildung. In den wissenschaftlichen Argumentationen und Forschungen wird der Fokus darauf gerichtet, wie die Prozesse der Wahrheits- und Identitätsfindung bei Menschen verlaufen, wie sie analysiert, interpretiert und gefördert werden können (Hans Lenk/Gregor Paul, Transkulturelle Logik. Universalität in der Vielfalt, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/22702.php). Als 2015 das in Zusammenarbeit des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) und des Forschungsschwerpunkts Rechtsextremismus/Neonazismus (FORENA) an der Hochschule Düsseldorf erschienene Handwörterbuch der rechtsextremen Kampfbegriffe erschien, begrüßten nicht wenige Fachleute aus dem sozial- und gesellschaftspolitischen Spektrum diese Initiative. Denn in den theoretischen und praktischen Auseinandersetzungen um rechtsextremistische Gedanken und Aktivitäten zeigte sich, dass unterschiedliche, missverständliche und mehrdeutige Begriffsverwendungen bei der Information, Analyse und Deutung von rechtsextremen Phänomenen den Diskurs und den Widerstand erschweren. Das ist keine besondere, missdeutige Entwicklung: In kontroversen politischen Auseinandersetzungen ist es immer notwendig, auf gesteuerte und gewordene gesellschaftspolitische Prozesse mit eindeutigen, festgefügten und veränderten Argumenten zu reagieren. Rechtsextremistische Strömungen und Gruppierungen lassen sich nicht (mehr) auf räumliche und ideologische Phänomene eingrenzen; es sind lokale und globale Entwicklungen, die sich unisono gegen freiheitlich-demokratisches, offenes, weltanschauliches Denken und Leben der Menschen richten. Der Feind ist der kritische, selbstständig denkende, eine offene Gesellschaft anstrebende Mensch (Stefan Brunnhuber, Die offene Gesellschaft. Ein Plädoyer für Freiheit und Ordnung im 21. Jahrhundert, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25426.php).

Herausgeber

Das Herausgeberteam – die Kulturwissenschaftlerin und Pädagogin Bente Gießelmann, der Philosoph und Soziologe Benjamin Kerst, der Politikwissenschaftler und Historiker Robin Richterich, der Germanist und Soziologe Lenard Suermann und der Sozialwissenschaftler Fabian Virchow – und die insgesamt 25 beteiligten Autorinnen und Autoren legen das überarbeitete und ergänzte Handbuch vor. Es sind die Begriffe: „Identität“, „Flüchtling“, „Gender-Ideologie“, „Lügenpresse“ und „Staatsversagen“, die die Schlagworte der ersten Auflage ergänzen. Klar ist dabei auch, dass in der Rezeption und Rezension wiederum, wie nach der ersten Auflage, Begriffe vermisst und angemahnt werden, die zwar in anderen Zusammenhängen Erwähnung finden, jedoch wegen der aktuellen und zukunftsbestimmten Diagnose einer gesonderten Thematisierung bedürften, wie z.B.: „Kolonialismus/Neo-, Postkolonialismus“, Critical Whiteness/Weißseinsforschung.

Neben dem Herausgeberteam sollen auch die beteiligten Autorinnen und Autoren genannt werden: Tim Ackermann, Leroy Böthel, Julian Bruns, David Freydank, Sebastian Friedrich, Kathrin Glösel, Alexandra Graevskaia, Mark Haarfeldt, Alexander Häusler, Helmut Kellershohn, Jespa J. Kleinfeld, Felix Kronau, Frank Lattrich, Michael Lausberg, Jan Ratje, Christoph Schulze, Bernhard Steinke, Natascha Strobl, Stefan Vennmann, Regina Wamper.

Aufbau und Inhalt

Die alphabetisch angeordneten Begriffe werden alle nach dem gleichen Schema thematisiert: „Kurz und knapp“ wird das jeweilige Schlagwort skizziert; mit „Vertiefung“ werden die spezifischen Aspekte und Phänomene diskutiert; der „Kontext“ wird erläutert; mit „Fazit und Kritik“ wird auf aktuelle Entwicklungen und Beispiele verwiesen; und mit weiteren Literaturhinweisen werden Informationen zur Weiterarbeit gegeben.

Es sind Reizwörter, die Rechtsradikale aufregen, provozieren, oder die sie in ihre Ideologie einbauen: „68er“, „Abendland“, „Dekadenz“, „Demokratie“, „Deutschenfeindlichkeit“, „Flüchtling“, „Freiheit“, „Gemeinschaft“, „Gender-Ideologie“, „Heldengedenken“, „Identität“, „Islamisierung“, „Jude“, „Kameradschaft“, „Kapitalismus“, „Lügenpresse“, „Nation“, „Nationaler Sozialismus“, „Natur“, „Political Correctness“, „Rasse“, „Raum“, „Schuld-Kult“, „Staatsversagen“, „Umvolkung“, „USA“, „Zigeuner“. Das alphabetische Stichwortverzeichnis erleichtert das Benutzen des Handbuchs; das Autor_innenverzeichnis weist die Mitarbeit am Handbuch aus.

Fazit

Es sind Wortneuschöpfungen und Verklitterungen, die barbarische, menschenunwürdige, menschenfeindliche Behauptungen und Einflussnahmen der rechtsradikalen und populistischen Szene in der Gesellschaft salonfähig machen sollen. Dass diese Angriffe auf das Selbstdenken der Menschen und die Indoktrinationen und propagandistischen Verführungen keine vernachlässigbare Kleinigkeit darstellt, sondern im Informations-, Bildungs- und Aufklärungsprozess der Menschen berücksichtigt werden muss, zeigen nicht zuletzt die Fake News- und Extremisten-Follower. Das „Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe“ sollte in den Bibliotheken der schulischen, universitären und Erwachsenenbildungseinrichtungen zur Verfügung stehen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.10.2019 zu: Bente Gießelmann, Robin Richterich, Benjamin Kerst, Lenard Suermann, Fabian Virchow (Hrsg.): Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2019. 2. komplett überarbeitet und ergänzt Auflage. ISBN 978-3-7344-0819-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25964.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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