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Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft

Cover Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Auf dem Weg zu kritischer Professionalität. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 528 Seiten. ISBN 978-3-8252-4793-5. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 37,50 sFr.

Reihe: UTB - 2786.
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Thema

Das Kernthema umfasst die Sozialen Arbeit auf dem Weg zu kritischer Professionalität. Dabei geht Silvia Staub-Bernasconi auf unterschiedlichste Entwicklungen in Bezug auf die historische Perspektive ein (Teil 1), beschäftigt sich mit professionsbezogenen Fragen der Sozialen Arbeit (Teil 2) und zeigt spezifische Handlungstheorien für spezielle Soziale Probleme (Teil 3) auf.

Autorin

Silvia Bernasconi war vom ersten Tag an voraus. Sie geht uns voran – ist dann freilich immer mal wieder unsichtbar, dann nämlich, wenn sich ihre Gedankengänge verknüpfen und sie beginnt, die Körner ihrer geistigen Ernte zu mahlen und zu vermengen […]. [Sie] ist eigentlich keine Dozentin, sie ist eine Austauscherin, sie gibt und nimmt gleichzeitig. Für alles, was sie bekommt, ist sie in außergewöhnlichem Maße dankbar, erinnert sich daran“ (Giovennelli-Blocher 2006, 15). Derartige und viele weitere ähnliche Äußerungen lassen sich über Silvia Staub-Bernasconi finden. Bereits in ihrer Dissertation (1983) beginnt sie mit der Herleitung, Konzeption und Diskussion ihrer eigenen theoretischen Überlegungen, welche sie über die Jahre hinweg weiterentwickelte.

Die schweizerische Sozialarbeiterin studierte zusätzlich Soziologie, Sozialethik und Pädagogik in Zürich, wobei sie anschließend dort promovierte. Als Sozialarbeiterin konnte sie sich unterschiedliche praktische Wirkbereiche innerhalb der Profession erschließen und lehrte an verschiedenen Universitäten und Hochschulen in Deutschland und der Schweiz. Zuletzt war sie als Professorin an der Technischen Universität in Berlin. Silvia Staub-Bernasconi leistet einen ausschlaggebenden Beitrag in der Konzeption, Leitung und Lehre des Masterstudiengangs „Soziale Arbeit als eine Menschenrechtsprofession“ an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, als auch Mitinitiatorin und Dozierende des internationalen Masterstudiengangs „Social Work as a Human Rights Profession“ an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Ihre Erkenntnisse und Beiträge in Profession und Ausbildung werden unteranderem an oben abgezeichnetem Werdegang sichtbar.

Entstehungshintergrund

Vorliegend findet der/die Leser/-in Silvia Staub-Bernasconis Weiterentwicklungen ihrer ursprünglich bereits im Jahre 1983, in Anfangszügen entwickelten theoretischen Überlegungen der Sozialen Arbeit. Einleitend in ihre Dissertationsschrift heißt es: „Mit dieser Art von Bereitschaft, um nicht zu sagen Geduld, für einen solchen Umweg wird sich auch der Leser bzw. die Leserin dieser Arbeit wappnen müssen. Weder der/die Sozialwissenschafter/in noch der/die Sozialpraktiker/in werden sich darin unmittelbar vor- und zurechtfinden. Von beiden wird erwartet, dass sie ihre bisherigen Bezugspunkte für eine Weile verlassen, um eine Sichtweise zu entwickeln, in der es zu einer neuartigen Synthese von Theorie und Praxis, von grundlagen- und problemorientierter Sozialwissenschaft kommen kann. Die Ausarbeitung dieser Synthese bis in ihre Handlungsrelevanz hinein muss allerdings späteren Arbeiten vorbehalten werden“ (Staub-Bernasconi 1983, Vorwort).

Aufbau und Inhalt

Die Neuauflage unterteilt sich in insgesamt vier Teile. Teil I zeichnet dabei Entwicklungslinien aus historischer Perspektive auf, welcher Teil zur Vorauflage am wenigsten verändert wurde. Teil II des rezensierten Werkes hat die größten Veränderungen und Erweiterungen erfahren (vgl. 13), weswegen Teil II einen Schwerpunkt der Diskussion innerhalb der Rezension tragen wird. Der Titel „Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft“ impliziert jedoch die Wichtigkeit von Teil III, weswegen auch dieser ausführlicher behandelt werden soll. In der ersten Auflage von 2007 ließ sich ein weiterer Teil finden. Teil IV wurde in zweiter Auflage in Teil III, Kap. 5 inkludiert. Ebenfalls kann im Vergleich zur Vorauflage eine deutlich stärkere Unterteilung des Inhalts festgehalten werden.

Teil I: Ist Soziale Arbeit zu einfach oder zu komplex, um theorie- und wissenschaftswürdig zu sein?

Dieser Teil zeichnet historische Entwicklungen durch besondere Persönlichkeiten ab. Bereits in einem ihrer Werke von 1995 greift sie Jane Addams als Protagonistin auf. In vorliegendem Teil werden Ilse Arlt mit ihrer Bedürfnistheorie (Kap.1), Jane Addams mit ihrem Fokus auf Systemtheorie (Kap.2) und Mary Parker Folletts Managementperspektive (Kap.3) aufgegriffen und skizziert. Abschließend wird in (Kap. 4) „der Frage nachgegangen […], ob es sich dabei um zwei unterschiedliche, aber gleichwertige oder komplementäre Zugänge [bedürfnis- oder funktionsorientiert] zur Theorie und Praxis Sozialer Arbeit (Sozialarbeit/​Sozialpädagogik) handelt- oder ob mit dieser Unterscheidung – bewusst oder nicht – ein geschlechterbezogenes theoretisches Dominanzverhältnis begründet wird“ (84).

Teil II: Soziale Arbeit als Disziplin und Kritische Profession

Zweiter, meist veränderter Teil und somit hier ausführlichster Abschnitt zur vorherigen Auflage, beginnt mit der Herleitung vom Doppel- zum Tripelmandat in Kap. 1, „ein erstes seitens der AdressatInnen, ein zweites seitens der Gesellschaft und/oder Trägers und ein drittes seitens der Profession“ (113 f.). Sie beschreibt die Schwierigkeit und die Herausforderung, welche dieses Spannungsfeld aufladen: „Einem von drei Akteuren beanspruchten Teilmandat mit höchst unterschiedlichen Machtpositionen, Interessen und Forderungen verpflichtet zu sein, die sich überdies – wie die Geschichte zeigt – bis zur unklaren Unvereinbarkeit widersprechen können, ist gewiss nicht einfach. Loyalitäts-, Rollen-, Handlungs- und Identitätskonflikte sind hier vorprogrammiert. Der Umgang mit dieser sozialen Konstellation gehört unabweisbar zu den Merkmalen der Disziplin und Profession Sozialer Arbeit. Voraussetzung dafür ist ein differenzierter Blick auf die Inhalte des in der Fachliteratur professionstheoretisch bis heute unterbelichteten dritten Mandates“ (114). Dabei diskutiert die Autorin das dritte Mandat zwischen dem Verhältnis zur Kritischen Sozialen Arbeit und der Forderung nach einem politischen Mandat und kommt unter Einbezug anderer Theoretiker/​-innen zur Schlussfolgerung, dass kritisches Aufbegehren nach den 68er Jahren lange brauchte um wieder aufzuleben, betont aber auch, dass bei den Sozialarbeiter/​-innen selbst ungenutztes Machtpotenzial vorliegt (durch das Mandat des Code of Ethics), welches durch fehlende theoretische Kenntnisse und Strategien über entsprechende Themen, nicht in reelle Macht umgesetzt wird (vgl. 122).

In Kapitel 2 zeichnet sie die Entwicklungen der Sozialen Arbeit als Disziplin nach und beschreibt den Stand der Diskussion. Dabei wendet sie den Blick auch auf das Land Österreich, in welchem sich die Soziale Arbeit in einer Theorie-Krise befände (vgl. 133), und fasst schlussendlich zusammen, dass ein Bachelorstudiengang von sechs Semestern keine Profession darstellt (vgl. 135) und darstellen kann, allerdings ein deutlicher Anstieg vielfältiger Kooperationsformen u.a. in die Universitäten zu verzeichnen ist.

Folgende Fragen: „Erstens, auf welche Erkenntnisquellen für die Ermittlung von Wissen rekurrieren Menschen, wenn von ihnen gefordert wird, bestimmte Aussagen allgemein bzw. wissenschaftlich zu begründen? Und zweitens, damit zusammenhängend: Wie begründen bzw. beweisen sie den Wahrheitsanspruch ihrer Aussagen?“ (137) bilden den Inhalt von Kapitel 3. Dabei beschreibt sie die zwei aufeinandertreffenden Wissenskulturen – geisteswissenschaftliche und naturwissenschaftliche –, wobei erstere kaum Praxisbezug herstellt und Handlungsleitlinien, als auch Handlungsanweisungen ablehnt (vgl. 138 f.). In einer dritten Wissenskultur (bio-psycho-sozial-kulturelles Modell) wird der Dualismus oben genannter Wissenskulturen aufgelöst (vgl. 141). Weiterhin beschreibt sie Wissensquellen, die den Professionellen zur Verfügung stehen (vgl. 143 ff.) u.a. menschliche Intuition und Intuitionismus (vgl. 143), menschliche Erfahrung und Empirizismus als naiver Positivismus (vgl. 144), etc.

In Kapitel 4 inkludiert Silvia Staub-Bernasconi grundlegende Überlegungen, welche sie bereits in ihrer Dissertation (1983) dargestellt hatte und von der Frage ausgeht: gibt es zwischen den Einheiten Beziehungen oder existiert jede für sich alleine bzw. allein aus sich selbst heraus (vgl. 157)? Dabei geht sie auf Atomismus/​Individualismus (alles was existiert ist aus isolierten und unverbundenen Einheiten, welche aus sich selber heraus existieren), Systemismus (alles was existiert ist ein System, oder ein Teil eines Systems oder eines Interaktionsfeldes) und Holismus (Wirklichkeit besteht aus Ganzheiten, wenn Komponenten mitgedacht sind, sind sie zu- oder untergeordnet und haben den Zweck das Bestehen der Ganzheit zu gewährleisten) ein (vgl. 158).

In Kapitel 5 werden Soziale Probleme als zentrale Materie von Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit diskutiert (vgl. 195). Die Disziplin beschreibt und erklärt Soziale Probleme, die Profession stellt kritisch ethische Bewertungen auf, zeichnet einen Soll-Zustand ab und formuliert Ziele (vgl. 195). Dabei wäre ihrer Ansicht nach die Umschreibung des vorliegenden Kapitels mit dem „Weg von den AdressatInnen zu AkteurInnen“ (196) zu kennzeichnen. Sie vergleicht zwei Theoriediskurse, wobei der erste Soziale Probleme als objektiv betrachtet, worin sie durch gesellschaftsstrukturelle Gegebenheiten produziert werden, der Zweite jedoch von der Darstellung, Problematisierung und folglich Konstruktion bestimmter Phänomene, die somit als Soziales Problem wahrgenommen werden, beschrieben wird (vgl. 199). Schlussendlich bewertet sie Zweitere als nicht überzeugend, da diese ihrer Meinung nach eine Reduktion „auf Kultur, Kommunikationsprozesse und -kompetenzen und damit die Entpflichtung der Gesellschaft bzw. ihrer Machtakteure bezüglich ihrer Zuständigkeit für sozial verursachte Soziale Probleme“ (200) darstellt. Sie betont, dass das dritte Mandat „Sozialer Arbeit als Disziplin und Profession von der «Bedürftigkeit» und dem «Gedeihen» – allgemeiner formuliert – von den Sozialen Problemen von Individuen und Gruppen im Zusammenhang mit menschlichen Bedürfnisse, Lern- und Lebensbewältigungsprozessen in bestimmten gesellschaftlichen Situationen auszugehen hat, wenn sie ihrem professionellen Mandat gerecht werden will“ (208). Zur Bearbeitung Sozialer Probleme müssen die W-Fragen gestellt werden, um „individuelle und kollektivierte Definitionsprozesse und Vorstellungen über deren Ursachen, über wünschbare Zustände und Interventionsoptionen“ (210) zu erheben: Was-Frage (beschreibend), Warum-Frage (erklärend), Was-ist-gut und woraufhin-Frage (bewerten und kritisieren), wer- und womit-Frage (Ressourcenerschließung) (vgl. 211 ff.). Welche anschließend durch die Ergänzung der „Was-ist-(nicht)-gut oder Ethik Frage“, zum transformativen Dreischritt versehen werden (vgl. 225 ff.). Dieser bildet den Schlüssel, „einzel- und transdisziplinäres Wissen eigenständig, kritisch und kreativ“ (241) im Feld, Kooperationsnetzwerken und öffentlichen Debatten eizubringen (vgl. 241).

Teil III: Soziale Arbeit als kritische professionelle Praxis – Spezielle Handlungstheorien für spezielle Soziale Probleme – … oder die in den Seiten zuvor erwähnte Wie-Frage.

Das Kapitel 1 startet mit einer Diskussion über Diagnose als positives oder negatives Instrument und wird definiert als partizipativ-demokratisch strukturierten Interaktionsprozess zwischen den drei Mandaten (vgl. 264 ff.).

Kapitel 2 befasst sich mit verschiedenen Methoden (Arbeitsweisen, 272) im Sinne des transformativen Dreischritts, die je nach Problemgeflecht gewählt, angepasst und durchgeführt werden müssen (vgl. 271 ff.). Dabei geht sie auf Ressourcenerschließung, Bewusstseinsbildung, Identitäts- und Kulturveränderung, Handlungskompetenz-Training und Teilnahmeförderung, Soziale Vernetzung und der Ausgleich von Rechten und Pflichten und Umgang mit Machtquellen und Machtstrukturen ein (vgl. 273 ff.).

Kapitel 3 „soll die Forderung nach wissenschaftlicher, transdisziplinärer Begründung von Arbeitshypothesen, Handlungsleitlinien und Arbeitsweisen anhand des transformativen Dreischritts“ (284) darstellen und den Schlüssel der Professionellen zum Verbindungsstück zwischen Theorie und Praxis reichen. Allerdings betont Silvia Staub-Bernasconi, dass dieser keine absolute Sicherheit bietet, jedoch ein Reflexionsangebot darstellt (vgl. 313).

Kapitel 4 bezieht sich auf fünf spezielle Handlungstheorien Sozialer Arbeit (Ressourcenerschließung, Bewusstseinsbildung, Identitäts- und Kulturveränderung, Symmetrischer Tausch und Vernetzung, Umgang mit Machtquellen und Machtstrukturen) für drei spezielle Soziale Probleme, welche nach gleichem Schema bearbeitet werden. Dabei steht zunächst die jeweilige inhaltliche Beschreibung der entsprechenden Handlungstheorie, im Nachgang das jeweilige Soziale Problem und anschließend die Behandlung des jeweiligen Sachverhaltens mit dem transformativen Dreischritt (vgl. 315 ff.) im Fokus. Weiterhin behandelt sie das Thema Macht dezidierter. Silvia Staub-Bernasconi geht speziell auf Machtquellen, als Folge von Machtstrukturen und die entsprechende Machtverteilung ein. Der professionelle Umgang mit Macht steht im Vordergrund, um unwirksamen Protest in Form von „Ärger, Kritik, Wut; man jammert immer wieder über das Gleiche bestimmte Machtträger, klientenfeindliche Maßnahmen, aber: das Jammern ist längst zum Selbstzweck, zum psychischen, Stress reduzierenden Mechanismus geworden – so passiert auch bei der größten Verletzung von KlientInnenrechten nichts!“ (430) zu vermeiden. Anschließend füllt die Autorin auch diese ausführlich beschriebene spezielle Handlungstheorie zum Umgang mit Machtquellen mit Praxisbeispielen (vgl. 435 ff.) auf.

In Kapitel 5 wird exemplarisch die Sozialverträglichkeit der Wirtschaft anhand verschiedener Beispiele beschrieben und schließt mit „ein Blick zurück und einer nach vorn“ – Kapitel 6 ab, in welchem sie die derzeitigen Konsequenzen für Disziplin und Profession aufgrund des neoliberalen Steuerungsregimes (vgl. 483) aufzeigt und somit die Definition als „einfachen Beruf“ (484) folgert. „Man kann auch nicht schneller empathisch sein, trösten, Hoffnung zusprechen; eine tragfähige Arbeitsbeziehung aufbauen; motivieren, etwas im Verhalten, in sozialen Beziehungen verändern, wovor man bis [d]ahin [sic!] Angst hatte; ein diesbezügliches erneutes Scheitern besprechen und neuen Mut fassen usw. Wie soll man diese Tätigkeiten in Zeit- und Geldeinheiten festlegen?“ (485). Sie schlägt dazu eine automatische Mikrosteuer auf den gesamten Zahlungsverkehr vor, welche sie abschließend kurz beschreibt (vgl. 486 ff.).

Diskussion

„Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft“ ist gemäß Silvia Staub-Bernasconi für Bachelor-, als auch gleichermaßen für Masterstudierende geeignet. Dazu gibt sie einen geeigneten Leseweg für einen leichteren Einstieg (vgl. 16). Besonders die Einführung durch die drei Pionierinnen Arlt, Addams und Follett bieten eine umfangreiche Wissensbasis für den weiteren Verlauf des Werkes.

Dabei sind vor allem Teil II (Kap. 5.8), Teil III (Kap.4) zur Vorauflage deutlich ausführlicher und exemplarischer dargestellt. Auch der Untertitel hat sich zur Vorauflage (2007) von „Systemtheoretische Grundlagen und professionelle Praxis – ein Lehrbuch“ zu „Soziale Arbeit auf dem Weg zu kritischer Professionalität“ verändert. Diese Umformung des Titels lässt sich in den inhaltlichen Umgestaltungen der Neuauflage erkennen und u.a. durch die Diskussion der Mandate deutlich begründen. Ebenso stellt die zweite Auflage ein größeres Spektrum an nachvollziehbaren Beispielen, als die Vorauflage, zur Verfügung, weswegen der Zusatz „[…] – ein Lehrbuch“, hätte durchaus weiterhin Bestand haben können.

Das letzte Kapitel „Ein Blick zurück und einer nach vorne“ wurde ebenfalls inhaltlich erweitert und gibt einen Lösungsvorschlag zur Ersetzung des Steuersystems und zwar, eine automatische Mikrosteuer auf den gesamten täglichen Zahlungsverkehr (vgl. 487) einzurichten. „Bezogen auf die Ziele wie die ‚Überwindung des Kapitalismus‘ mag dieser Vorschlag bescheiden daherkommen“ (488), betont Silvia Staub-Bernasconi. Auf der einen Seite betont sie damit die augenscheinlich relative Leichtigkeit der Problembewältigung im Gesamten, auf der anderen Seite gibt sie ein hoch gestecktes Ziel und den „Vorschlag, der den SozialarbeiterInnen sowohl als Personal des Sozialwesens als auch als Mitglied von ‚Kritischen Arbeitskreisen‘ oder öffentlichen Foren die Gelegenheit gibt“ (487), sich dafür zu engagieren.

Silvia Staub-Bernasconi bestärkt in ihrem Werk häufiger, dass „Soziale Probleme als Gegenstand der Profession […] zusätzlich einer kritischen ethischen Bewertung unterzogen werden [müssen], um ein Bild des Wünschbaren entwerfen und erstrebenswerte Ziele formulieren zu können“ (195). In diesem Zuge erwähnt sie ebenfalls exemplarische Möglichkeiten der schrittweisen Umsetzung zur Veränderung, als auch den transformativen Dreischritt als reflexiven Schlüssel für die Professionellen. Bei diesem handelt es sich um die „Formulierung von Handlungsleitlinien als Relationierung der Antworten auf die Wert-, Wer-, Womit-Fragen mit solchen auf die Wie-Frage – und dies unter Einbezug der Antworten auf die Was- und Warum-Frage“ (239) (oder siehe Teil II, Kap. 5). Dabei geht sie von einer Grundhaltung als Antriebskraft u.a. zur Wahrnehmung des Tripelmandates aus (vgl. auch 208) der Professionellen aus. Es stellt sich allerdings die Frage, wie die Professionellen (wie ab Teil II, Kap. 4.5.4 beschrieben), die sich in alltäglich produzierten Handlungsspielräumen der organisationalen Rahmenbedingungen des Mandates der privaten und staatlichen Träger befinden u.a. aus den Folgen unwirksamen Protests (u.a. erlernte Hilflosigkeit) eine solche innere Grundhaltung zur Ergreifung des dritten Mandates grundlegend entwickeln bzw. widerherstellen können. Oder direkter formuliert: wie geht man mit Professionellen um, bei denen eine Bewusstmachung nicht (mehr) gelingt und somit ein kollektives Verändern nur spärlich, bzw. gar nicht möglich ist? Handelt es sich dabei nicht sogar vielleicht um eine Art der sekundären Traumatisierung auf Seiten der Professionellen? Eine beispielsweise idealisierte Ersetzung (vgl. 431) derer, oder auch eine Fantasie des Verschwindens (vgl. 432) erscheint als keine adäquate Lösung dieses Umstandes.

Fazit

Die von Silvia Staub-Bernasconi vorgelegte Zweitauflage hat, die in der Vorauflage kritisierten Punkte, der zwei vorliegenden Rezensionen zur Vorauflage, teilweise aufgelöst. Dabei lässt sich das Werk größtenteils verständlich und mit gutem Zugang lesen. Ebenfalls ist der logische (Gedanken-)Aufbau gut nachvollziehbar. Wegen der vielseitigen Perspektiven, der kritischen Auseinandersetzung mit Disziplin und Profession ist die Publikation sowohl für die theoretische Auseinandersetzung, aber auch für die in der Praxis Tätigen eine gewinnbringende Möglichkeit eigene Prozesse zu reflektieren und somit (gemeinsame) Veränderungen zu initiieren. Das knappe letzte Kapitel lässt erahnen, welche Anstrengungen von Disziplin und Profession noch unternommen werden müssen, um die Umverteilung von Ressourcen durch Veränderung sozialer Regeln zur Entmanifestierung der Machtstrukturen zu gewährleisten. Das vorliegende Werk allerdings als hoffnungsloses (Auf)Begehren zu verstehen wäre jedoch fahrlässig, ergeben sich innerhalb der Gedankengänge hochgradig anspruchsvolle Potenziale zur Ergreifung des dritten Mandates.

Literatur

Giovannelli-Blocher (2006): Eine Pionierin auf verschlungener, waghalsiger Tour, die unbeirrbar das Ziel im Auge behält. 15–24. In: Schmocker, Beat: Liebe, Macht und Erkenntnis. Silvia Staub-Bernasconi und das Spannungsfeld Soziale Arbeit. Luzern, Freiburg i. Br.: interact Luzern, Lambertus Verlag.

Hollstein-Brinkmann, Heino; Staub-Bernasconi, Silvia (2005): Systemtheorien im Vergleich. Was leisten Systemtheorien für die Soziale Arbeit? Versuch eines Dialogs. Wiesbaden: VS Verlag.

Staub-Bernasconi, Silvia; von Passavant, Christina; Wagner, Antonin (1983): Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit. Entwicklung und Zukunftsperspektiven. Bern, Stuttgart: Verlag Paul Haupt.

Staub-Bernasconi, Silvia (1983): Soziale Probleme – Dimensionen ihrer Artikulation. Umrisse einer Theorie Sozialer Probleme als Beitrag zu einem theoretischen Bezugsrahmen Sozialer Arbeit. Diessenhofen: Verlag Rüegger.

Staub-Bernasconi, Silvia (1995): Systemtheorie, soziale Probleme und Soziale Arbeit: lokal, national, international. Oder: vom Ende der Bescheidenheit. Bern, Stuttgart, Wien: Verlag Paul Haupt.

Staub-Bernasconi, Silvia (2007): Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Systemtheoretische Grundlagen und professionelle Praxis – ein Lehrbuch. Auflage 1. Bern, Stuttgart, Wien: Haupt Verlag.


Rezensentin
Katharina Meyer
M.Ed./ B.Ed. Berufliche Bildung Sozialpädagogik, B.A. Pädagogik
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Zitiervorschlag
Katharina Meyer. Rezension vom 04.11.2019 zu: Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Auf dem Weg zu kritischer Professionalität. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-8252-4793-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25969.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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