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Gottfried Leder: Bei Unrecht: Widerspruch!

Cover Gottfried Leder: Bei Unrecht: Widerspruch! Unterwegs in der Welt und in der Kirche. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) . ISBN 978-3-643-14375-4.
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Erlebtes, Engagiertes

Sind Lebensberichte intime, aufschlussreiche Erinnerungsunternehmungen, gewollte oder geforderte Erzählungen von Zeitzeugen oder Antriebe für biographisches Schreiben? Autobiographien können literarische Sparten im kulturellen und zivilisatorischen Vielerlei sein, sie können Selbstlob ausdrücken oder Reflexionen über Vergangenes und Erlebtes formulieren. Beeindruckende Beispiele darüber, was Menschen gewissermaßen als Lebensfazit öffentlich machen, liegen vor. Zu erwähnen sind z.B. die Erinnerungen und Verschriftlichungen, die der Philosoph und Sozialwissenschaftler Oskar Negt (* 1934) mit den Begriffen „Überlebensglück“ (2016) und „Erfahrungsspuren“ (2019; www.socialnet.de/rezensionen/25393.php) benennt.

Autor

Es sind Sympathien und Anerkennung, die den Rezensenten veranlassen, auf eine bemerkenswerte Autobiographie aufmerksam zu machen, die der 1929 geborene akademische Lehrer Gottfried Leder als (em.) Politikwissenschaftler, zuerst an der Pädagogischen Hochschule Alfeld/Leine und danach an der Universität Hildesheim tätig, in der Publikationsreihe „KirchenZukunft konkret“ als Band 13 soeben vorgelegt hat. Der bekennende Katholik und Aktive bei verschiedenen christlichen Organisationen war und ist bis heute ein „Einmischer“.

Der Titel des Buches: „Bei Unrecht: Widerspruch!“ will schließlich ausdrücken, dass Widerstand gegen Unrecht, wo und wie es auch immer geschieht, Menschenpflicht ist. Es sind die Menschenrechte, die Freiheit, Gleichheit, Würde und Gerechtigkeit jedem Menschen zusprechen und die das Recht auf Gedanken-, Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit garantieren, über die es aufzuklären und zu bilden gilt. Pädagogisch und weltanschaulich können diese Haltungen und Tugenden weder per Ordre du Mufti noch als Offenbarung und schon gar nicht als Ideologie vermittelt werden, sondern nur dialogisch und „auf Augenhöhe“.

Aufbau und Inhalt

Ein Bewusstsein und Gespür, wenn jemandem Unrecht geschieht, und die beinahe zwanghafte Reaktion darauf wäre ihm, so der jetzt 90-Jährige, in seinem (schlesischen) Elternhaus mitgegeben worden; ebenso die Liebe zur Musik. Geigen, in jeweils unterschiedlichen Ausführungen und Qualitäten, begleiten Leder seitdem sein ganzes Leben. Wer behütet, anerkannt, selbstbewusst und gefördert aufwächst, wird in seinem Leben immer ein „Hab-Acht!“-Zeichen spüren, wenn ego- und ethnozentristische, nationalistische und populistische, menschenfeindliche Parolen laut werden. Bereits während seiner Schulzeit wurde er mit der Literatur von Walter DirksEugen Kogon, Oswald von Nell-Breuning und Karl Rahner konfrontiert. Beim Jurastudium in Göttingen wurde er bald mit den verschiedenen, individuellen und kollektiven Weltbezügen konfrontiert.

Die Kontakte und Begegnungen mit Studierenden aus skandinavischen Ländern im „Bund demokratischer Studenten“, und in den Vorlesungen und Seminaren mit dem akademischen Lehrer Rudolf Smend führten ihn bald hin zu gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen und zur Politikwissenschaft. Das Thema von Leders Dissertation (1952) lautete: „Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen“. Die akademische Laufbahn jedoch war zu der Zeit nicht abzusehen. Denn seine erste Stelle trat er beim „Institut der deutschen Wirtschaft“ an. Konzepte und Etablierung der „Sozialen Marktwirtschaft“ im Konfrontationsfeld des „Dialektischen Materialismus“ galt es zu vertreten und zu publizieren.

Es folgte die Tätigkeit bei der BDA-nahen Walter-Raymond-Stiftung, die jedoch mit einem Widerspruch Leders wegen eines unangemessenen Eingriffs seitens der Stiftung bei einem Publikationsprojekt endete. Die Anstellung als Assistent im Büro des damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke am 1. Juli 1960 vermittelte Leder vielfältige Erfahrungen beim Umgang mit Politiken und politischer Macht. So erlebte er hautnah den Berliner Mauerbau am 13. August 1961.

Als die Kultusministerkonferenz (KMK) aufgrund der NPD-Erfolge in der Bundesrepublik beschloss, zur Verteidigung und Förderung der Demokratie in allen Pädagogischen Hochschulen neue Lehrstühle für das Fach „Politische Wissenschaft“ einzurichten, bewarb sich Leder für eine Professur. Gottfried Leder hat niemals seine christlich-katholische Überzeugung geleugnet oder relativiert. In seinen Erinnerungen schildert er z.B. die Begegnung mit dem ehemaligen Kommilitonen aus der Göttingen Studienzeit, Horst Ehmke, der damals in der Bonner SPD-Zentrale tätig war.

Auf die Frage Ehmkes, ob er, Leder, sich tatsächlich an den niedersächsischen Pädagogischen Hochschulen beworben habe, und er dies bejahte, bekannte Ehmke, der die Begutachtung der Bewerber übernommen hatte, er habe über ihn, Gottfried Leder, geschrieben, er wäre so schwarz, dass er noch Schatten würfe, wenn er nachts durch den Urwald kröche, aber auch ein überzeugter Demokrat und offen für jede Debatte.

Die Schilderungen, die Leder an seine wissenschaftliche Arbeit als Politikwissenschaftler in der kleinen PH in Alfeld/Leine erinnert, sind konfrontiert und weitgehend bestätigt, weil der Rezensent von 1966 bis 1969 dort studierte und Gottfried Leder als aufrechten, souveränen, didaktisch versierten akademischen Lehrer erlebte. Es erfolgte die Verlegung der Alfelder PH nach Hildesheim und die Gründung der Universität. Die kurzzeitigen erfolglosen Versuche, sich auf der CDU-Liste als Landtagsabgeordneter durchzusetzen, sieht Leder heute eher als eine Episode an.

Sein aktives Engagement jedoch in der „Bischofsstadt Hildesheim“ als Synodaler im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und weiteren, katholischen Institutionen, waren und sind weiterhin bestimmt von Lust und Frust – den Erfahrungen beim (zögerlichen) interreligiösen Dialog, dem Bedauern, „dass es in unserer Kirche so oft am Mut zu einem ruhigen, aber klaren Widerspruch mangelt“, wie auch der nach wie vor vorherrschenden „defizitären Kultur des Umgangs mit Meinungsverschiedenheiten, Streitfragen und Konflikten“.

Überraschend, aber sympathisch und anerkennenswert ist Leders Einwand, er habe immer schon Hemmungen gehabt, Texte, die gedruckt werden sollten, locker aus der Hand zu geben. Diese Bedenken jedoch konnte er ausräumen durch ständige Mitarbeit bei der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“. Sein erster Beitrag 1986 trug den Titel: „Die Laien in der Kirche“, gleichsam ein Marker seines beruflichen und ehrenamtlichen Engagements. Dass Gottfried Leder beschloss, sich mit Ablauf des Sommersemesters 1991 von den Pflichten als akademischer Lehrer entbinden zu lassen, bedeutete freilich nicht, sich aufs Sofa oder in den Schrebergarten zurück zu ziehen.

Es sind zu vermelden die Aktivitäten, die er als Mitglied im „Beirat für Fragen der Inneren Führung beim Bundesministerium der Verteidigung“ ausübte; es ist seine Mitarbeit bei der Bundeszentrale für politische Bildung bei der Weiterbildung von ehemaligen Lehrerinnen und Lehrern der DDR in „Sozialkunde“ zu nennen; der Vorsitz beim Förderverein der „Heimstatt Röderhof“, einem katholisch geleiteten Schwerbehindertenzentrum nahe Hildesheim darf nicht vergessen werden. Und schließlich: seine Liebe zur Musik. Er ist bei der Bratsche gelandet und spielt(e) mit Engagement und Lust in einem Hildesheimer Quartett.

Fazit

Er habe nie bewogen, trotz Zweifel und vieler Konflikte und Auseinandersetzungen, „seine Kirche“ zu verlassen. Auch Vorwürfe, er würde sich bei seinen Argumentationen für Schwangerschaftsberatung, bei der Mitbegründung von niedersächsischen „donum vitae“, durch sein Eintreten für Laienbeteiligung in der Kirche, durch die Diskussion um die Priesterweihe von Frauen und bei seiner Auslegung „in Verantwortung vor Gott“ der „Häresie“ aussetzen, weist er zurück.

Seine Sorgen: „Unsere Kirche (befindet) sich nicht nur in einer Krise der Glaubwürdigkeit (…). Wir müssen uns eingestehen, dass diese Krise für unsere Kirche auch zu einer Glaubens- und damit zu einer Existenzkrise zu werden droht“. Gottfried Leder wäre nicht er selbst, wenn er nicht die Hoffnung verträte, dass die Kirche(n) sich als ecclesia semper reformanda begreifen würden. So kann er beten, dass „der Herr seine Kirche zu einem Ort der Wahrheit und der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens macht, damit die Menschen neue Hoffnung schöpfen“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.10.2019 zu: Gottfried Leder: Bei Unrecht: Widerspruch! Unterwegs in der Welt und in der Kirche. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) . ISBN 978-3-643-14375-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25972.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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