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Dietmar Seel, Siegfried Zepf: Psychoanalyse und politische Ökonomie

Cover Dietmar Seel, Siegfried Zepf: Psychoanalyse und politische Ökonomie. Kritik der psychoanalytischen Praxis und Ausbildung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 220 Seiten. ISBN 978-3-8379-2873-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
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Thema

ist die Sorge um die Entwicklung der Psychoanalyse in Theorie und Praxis durch die Anpassung an die neoliberale Entwicklung, den Verzicht auf sozialkritische Fragen und die Anpassung an Versorgungsleistungen i.S. einer ‚analytischen Psychotherapie‘, anstelle einer ‚Psychoanalyse‘.

Autoren

Dietmar Seel ist Diplompsychologe und arbeitet als niedergelassener Psychoanalytiker in der eigenen Praxis. Prof. em. Dr. Siegfried Zepf ist Lehranalytiker und war Direktor des Instituts für Psychoanalyse, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin der Universitätskliniken des Saarlandes; von ihm gibt es zahlreiche Veröffentlichungen zu wissenschaftstheoretischen, sozialpsychologischen Fragen und therapeutischen Konzepten.

Entstehungshintergrund

Der Entstehungshintergrund ist – in Form einer Streitschrift aus der Perspektive der Marx‘schen Warenanalyse – eine Kritik an der psychoanalytische Praxis und Ausbildung. Als kleinbürgerlicher Dienstleister, vergleichbar mit anderen Freiberuflern, – nach Marx zwischen Kapitalist und Arbeiter, – sei sein vorrangiges Interesse die materielle Tauschwertrealisierung seiner Arbeitsleistung für den Preis des Verzichts auf sozialkritisches Engagement. Auch die Ausbildung sei nur am Tauschwert orientiert, wie auch die Praxis einer ‚analytischer Psychotherapie‘ anstelle einer ‚Psychoanalyse‘. Die originär psychoanalytische Methode, das eigene Unbewusste als Erkenntnisinstrument zu nutzen, sei in den Hintergrund gerückt und habe im Einvernehmen mit der neoliberalen Ideologie zu einer ‚déformation professionelle‘ geführt.

Aufbau

Das Vorwort enthält anstelle einer Einführung Fragen und, nach der Definition von Marx, die kritische Darstellung des niedergelassenen Psychoanalytikers als eines Kleinbürgers, der – als Arbeiter und Kapitaleigner seiner Arbeitskraft – nur anscheinend Psychoanalyse betreibe. Die Konsequenz sei, dass seine Behandlungen zunehmend einen verdinglichten Warencharakter (Marx) angenommen hätten auf Kosten des auch ihm selbst ‚abhandengekommenen Subjekts‘, das auch in einer Lehranalyse nicht mehr zurückgewonnen werde. Sowohl die Ausbildung als auch die Organisationsform der psychoanalytischen Institute stünden einer grundlegenden Veränderung im Weg.

Inhalt

Vorwort

Der Tagungsband der DPG (Deutsche psychoanalytische Gesellschaft) über ‚Die phantastische Macht des Geldes‘ 2015 habe keinen Hinweis auf Marx‘ Warenanalyse enthalten, der selbstständige Kleinunternehmer als ‚Kleinbürger‘ definiert habe. Bei regelmässigen Treffen hätten die Autoren die Marxchen Begriffe ‚Ware‘, ‚Gebrauchs-, Tausch- und Mehrwert‘, ‚Warenfetischismus‘ und ‚Entfremdung‘ diskutiert und zusätzlich Bourdieu und Enzensberger und Überlegungen der Frankfurter Schule zur Verdinglichung des Menschen im Kapitalismus zu Rate gezogen für einen kritischen Blick auf den ‚desolaten‘ Zustand der Psychoanalyse (bezogen auf die Institute und die Veröffentlichungen). Ein erster kritischer Entwurf dieses Buches aus historisch-materialistischer Perspektive wurde von soziologisch (Hermann Kotthoff), ökonomisch (Werner Müller) und psychoanalytisch (Thierry Simonelli, Burkhard Ullrich) versierten Kollegen gelesen. Da Arbeitskraft Ertrag bringe, sei sie auch Kapital und ein Handwerker sei (nach Marx) im Besitz der Produktionsmittel und gleichzeitig sein eigener Lohnarbeiter, der seinen Profit (Mehrwert) aus seinem Kapital zieht. 

Das vorliegende Buch sei ein Ergebnis dieses kritischen Dialogs, ergänzt um eine Kapitel über die gegenwärtige Situation der Psychoanalyse.

Statt einer Einführung: Fragen

Focke et al. haben 2013 die Funktion des Geldes in der Psychoanalyse analysiert: Unbewusste Bedeutung, intersubjektiv geteilte Phantasmagorie, Darstellung latenter Beziehungskonflikte, Real-Abstraktion von sozialen Prozessen, Funktion für das narzisstische Gleichgewicht, Geld und Libido als Befriedigungsmittel; und in Bezug auf den Geldverkehr, das Ausfallhonorar, die Kassenfinanzierung, die Selbstzahlung, und die angeblich tabuierte Kränkung, dass der Analytiker vom Geld seiner Patienten – wie auch ein Arzt – lebt. Nur ein Soziologe beschäftige sich in der o.g. Veröffentlichung ansatzweise mit dem sozioökonomischen Bedingungen, unter denen Psychoanalytiker ihr Einkommen erwirtschaften.

Dabei spiele das Geld gerade ökonomisch eine große Rolle in Bezug auf Wartezeiten für einen Therapieplatz, Überweisung an Weiterbildungskandidaten (wegen des geringeren Honorars) oder Bemessung des Honorars nach der Zahlungsfähigkeit des Patienten (bei dessen steigenden Einkünften Erhöhung des Honorars); selbst die Stundenfrequenz sei von ökonomischen Interessen abhängig, und es habe sogar auch jährliche Vorauszahlungen gegeben.

Das ökonomische Interesse der Analytiker ist nicht neu (Beispiel S. Freud), umso erstaunlicher ist, dass so wenig über die sozioökonomischen Bedingungen, unter denen Analytiker arbeiten, nachgedacht wird. Fenichel erwähnt 1938 als Motive eine bessere Bedürfnisbefriedigung, ein Wille zur Macht, ein Streben nach Besitz und als viertes das kapitalistische Wirtschaftssystem. Die Autoren erwähnen noch verschiedene andere Autoren mit unbefriedigenden Antworten, was ihnen Anlass zu Fragen unter Rückgriff auf Marx ‚politischer Ökonomie‘ gibt, den Warencharakter psychoanalytischer Dienstleistung zu untersuchen.

Der Psychoanalytiker – ein Kleinbürger

Der Begriff Kleinbürger bezeichnet Handwerker, Händler, kleine Produzenten und Eigentümer, später auch Beamte und Angestellte (klein = kleiner Betrieb), nach Marx auch selbstständige Ärzte, Rechtsanwälte, Anlageberater, die Dienstleistungen anbieten (ein Mittelding zwischen Kapitalist und Arbeiter). Soziologisch besitzen sie ihre Produktionsmittel und verfügen selbst über ihren Mehrwert. In der NS-Zeit waren sie nach David-West (2013) eine Massenbewegung, mental schnell bereit, sich dem Sieger anzuschließen, was auch auf viele Psychoanalytiker zutraf. Nach Parin ist der Kleinbürger aufstiegsorientiert, deshalb ideologisch ständig auf den nächst Höheren bezogen. Anpassungsvorgänge von Psychoanalytikern (C.G. Jung, Schultz-Hencke, M.H. Göring, Müller Braunschweig, aber auch Ernest Jones und Böhm) werden beschrieben und führten in der NS-Zeit in Deutschland, anstelle einer Auflösung der Institute, zum Austritt der jüdischen Mitglieder.

Aber es gab auch Widerstand: Die Autoren beschreiben, wenn auch kurz zusammengefasst, die Biographien von Siegfried Bernfeld, Otto Fenichel, Kate Friedländer, Edit Gyomröi, Edith Jacobson, Karl Landauer, Marie Langer, Barbara Lantos, Paul Parin, Annie Reich, Wilhelm Reich, John Rittmeister, Ernst Simmel.

Ein Kapitel ist dem ‚psychoanalytischen Kleinbürger heute‘ gewidmet, der nur noch daran interessiert sei, eine Ansammlung von Werkzeugen zu haben, um therapeutische Ziele zu erreichen, ohne sich sozialkritisch um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen seiner Patienten zu kümmern. Ihm wird Anpassung und ‚pfauenhafte Eitelkeit‘ mit den Insignien des gehobenen Mittelstandes vorgeworfen; die Autoren zitieren Bourdieu (ein ‚Hochstapler, der so tut, als wäre er bereits dort angekommen, wohin er aufsteigen möchte‘) und Enzensberger (Der Kleinbürger will alles, nur nicht Kleinbürger sein), d.h. er versucht sich eine soziale Identität zuzulegen, die er innerlich nicht besitzt. Er ist bildungsbeflissen, denkt ‚auf Sicht‘, verfügt über eine Halbbildung, setzt Wissen mit Bildung gleich und ist ständig in Angst, aufzufliegen. Nach Parin (1976) sichert seine Erziehung zu Ordnung, Sauberkeit, Gehorsam und Fleiß die bürgerliche Ideologie, kanalisiert Aggression und unterdrückt Sexualität. Als Mann der Wissenschaft will er über Bourgeois und Proletariat schweben und wird doch ständig zwischen Kapital und Arbeit, politischer Ökonomie und Kommunismus hin- und hergeworfen.

Psychoanalyse – eine Scheinwissenschaft?

Es gebe eine Vielzahl inkonsistenter Theorien in der gegenwärtigen Psychoanalyse (es werden zahlreiche Autoren als Beleg zitiert) und widersprüchliche und signifikante Unterschiede in der Deutung der Übertragung, der Abwehr, des Widerstandes. Aus dem ursprünglich einheitlichen Haus sei inzwischen ein Warenhaus geworden. Anstelle einer kritischen Diskussion werde die Verschiedenheit akzeptiert; so gebe es z.B. elf verschiedene Narzissmustheorien. Ohne eine kritische Auseinandersetzung sei aber eine Weiterentwicklung nicht möglich.

Sozialkritische Fragen würden nicht mehr gestellt und damit auch wesentliche Erkenntnisse nicht mehr gewonnen. Psychoanalytische Behandlungen seien wirksam trotz unterschiedlicher Behandlungsmethoden; es gebe aber kein zentrales Kriterium der Wirksamkeit. Die Ergebnisse liessen sich nicht generalisieren, wenn widersprechende therapeutische und technische Konzepte gleichermaßen gültig und zudem jede Behandlung einen einzigartigen Charakter habe. Man wisse nicht mehr wann, wie und warum etwas hilft. Die Psychoanalyse, die sich von der Wahrheitssuche verabschiedet habe, könne als wahrheitslose Wissenschaft auch nicht mehr falsifiziert werden.

Diese Fehlentwicklung solle nun aus einer politökonomischen Perspektive erkundet und zur sozioökonomischen Lage der Psychoanalytiker in Beziehung gesetzt werden.

Der Begriff der Ware

Waren haben nach Marx einen Gebrauchswert zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, der mittels des Tauschwertes auf andere übertragen werden kann; der Wert kann sich auch in Arbeitszeit ausdrücken. Der gesellschaftliche Wert entzieht sich jedoch der unmittelbaren Erkenntnis, verselbstständigt sich und nimmt einen Fetischcharakter an: Durch das Geld erhält der Tauschwert der Ware eine eigene Existenzweise, es erobert – wie ursprünglich das Gold – den Platz des allgemeinen Äquivalents. Nach Haug (2009) hat das zwei Konsequenzen: Der Gebrauchswert ist für die Produzenten nur insoweit von Interesse, als er vom Käufer der Ware erwartet wird und dessen Interesse durch Werbung i.S. eines Gebrauchswertversprechens weckt, um ihn zum Kauf zu veranlassen. Wenn sich die Produkte aber nicht mehr im Gebrauchswert unterscheiden, geht es mehr um den Erlebniswert des Angebotenen (Beispiel Offroader auf Asphaltstrassen), d.h. die Ware soll mit der potentiellen seelischen Bedürfnislage des Käufers korrespondieren. Da der Mensch als potentieller Käufer auch Kaufkraft verkörpert, liegt es im Interesse des Verkäufers, dass der Tauschwert zum instrumentellen bedürfnisbefriedigenden (z.B. Prestige, Status), auch unbewussten Gebrauchswert wird. Indem Aspirationen (J. Israel 1985) geschaffen werden, kann sich der Konsum auch weitgehend unabhängig von den Bedürfnissen der Individuen entwickeln (Beispiel die durch die Medien produzierte Marktidentität von Donald Trump).

Durch die Verwandlung von Geld in Kapital über den Mehrwert, das wiederum benutzt wird um neuen Mehrwert zu schaffen, gelingt es einigen immer mehr Geld zu machen. Die Produzenten und Verbraucher beziehen sich nicht mehr direkt, sondern vermittelt über den Wert der von ihnen produzierten Waren, wozu auch Dienstleistungen gehören, aufeinander.

Diese kurze und von mir noch gekürzte Zusammenfassung leitet über zum eigentlichen Thema:

Der Warencharakter psychoanalytischer Behandlungen und die Konsequenzen

Dienstleistungen haben einen Gebrauchs- und Tauschwert. Das trifft auch für Psychoanalytiker zu, unabhängig ob die Leistung durch Kassen oder privat bezahlt wird. Analytiker sind Kapitalist und Arbeiter zugleich (wie auch Lehrer und Juristen) und eignen sich den produktiven Mehrwert an (nach Abzug der Lebenshaltungskosten). Der Wert der Dienstleistung wird gesellschaftlich gespiegelt durch das Äquivalent des Honorars. Der Gebrauchswert seiner Dienstleistung ist das Mittel, mit dem sich der von ihm produzierte und im Tauschwert seiner Dienstleistung enthaltene Mehrwert realisieren lässt, den er in Kapital verwandeln kann mit den folgenden Konsequenzen:

  • In der kapitalistischen Gesellschaftsform ist das Geldverdienen wesentlicher als das, womit man es verdient.
  • Auch Dienstleistungen unterliegen der Tauschwertrealisierung
  • und produzieren Mehrwert.
  • Der Gebrauchswert ist das Mittel zur Realisierung des Tauschwerts,
  • wobei dem Dienstleister tendenziell gleichgültig ist, womit der Tauschwerrealisiert wird.

Besonders das letztere sei zwingend für den Kapitalismus. Das vorrangige Interesse an der Tauschwertrealisierung habe sich bei Psychoanalytikern bei der Übernahme des Terminus ‚analytische Psychotherapie‘ (anstelle von ‚Psychoanalyse‘), um an der kassenärztlichen Versorgung teilnehmen zu können, gezeigt.

Es folgen dann zahlreiche Zitate, die belegen sollen, wie kritiklos selbst Analytiker ihre Tätigkeit wahrnehmen, mit wie unterschiedlichen Konzepten sie arbeiten und wie sehr die sozioökonomischen Interessen im Vordergrund stehen, im Gegensatz zum Interesse am tatsächlichen Gebrauchswert. Als Beleg führen die Autoren die unterschiedlichen Frequenzen (kaum noch Langzeitbehandlungen) in der Praxis an. Auch bei den Gutachtern stünde nicht der Gebrauchswert im Mittelpunkt, da die oft bereits genormten Anträge den individuellen Fall nicht mehr berücksichtigten und bei Kurzzeittherapien nicht mit Auflösung einer Übertragungsneurose i.S. von Freud zu rechnen sei; man erfahre nur, was der Patient in den Analytiker hineinprojiziert habe.

Es folgt eine scharfe Kritik an Bion und Fonagy, deren Erkenntnisse nichts Neues gebracht hätten, und an allen Versuchen, die Wirksamkeit psychoanalytischer Therapien zu quantifizieren, da sie faktisch nichts über ihren tatsächlichen Gebrauchswert aussagten (Scheinbestätigungen).

Es folgt ein Abschnitt über Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Wahrheit; letztere gründe vor allem in der Übereinstimmung einen realen Sachverhalt betreffend. Die Unterscheidung verschiedener semantischer Stufen stelle Übereinstimmungsrelationen fest unabhängig davon, ob man sie (noch nicht) feststellen kann (Rückgriff auf Kopernikus). Die Überprüfung ergebe lediglich den Wahrheitswert einer Aussage, der bereits vor der Aussage inhärent gewesen sei. Beobachtungsaussagen seien nicht notwendig wahr, es gebe auch falsche Beobachtungen. Eine logische Widerspruchsfreiheit sei eine notwendige Bedingung jedes wahren Aussagesystems, so seien Mythen und Märchen zwar logisch, aber nicht wahr. Wahrheit könne nicht tolerant sein. Erkenntnis leitendes Ziel sei eine Erkenntnistheorie, die über das Wesen und die Gesetzmäßigkeit der Erkenntnis Auskunft gibt. Als Beispiele einer wahrheitslosen Epistemologie werden einzelne Sätze von Bion zitiert. Der Positivismus habe den Glauben der Wissenschaft an sich selbst dogmatisiert und die Forschung gegen eine erkenntnistheoretische Selbstreflexion abgeschirmt. Mit dem Verzicht auf den aristotelischen Wahrheitsbezug der Erkenntnis werde auch Freud verabschiedet, für den die ‚die Wahrheit‘ das absolute Ziel der Wissenschaft (1910 in einem Brief an Ferenczi) gewesen sei. Die Verabschiedung des Wahrheitsbegriffes liefere das Wissen an die Ökonomie aus. Dem Patienten werde zwar die Rückgewinnung des Subjektstatus durch Bewusstmachen des Unbewussten versprochen, was aber unmöglich sei, wenn die Wahrheit als Erkenntnis leitende Zielvorstellung aufgegeben worden sei.

Es geht den Autoren um eine fundamentale Kritik am desolaten Zustand der Psychoanalyse und der Unfähigkeit der Psychoanalytiker, den Patienten wieder zum Subjekt seiner Geschichte werden zu lassen.

Es folgt dann ein Kapitel für eine andere Vergütungsart psychoanalytischer Leistungen: Patient und Psychoanalytiker schliessen einen Behandlungsvertrag bezüglich des Gebrauchswertversprechens, das gebunden ist an die Realisierung, Unbewusstes wieder bewusst zu machen. Methodische Anweisungen an den Analytiker seien: Gleichschwebende Aufmerksamkeit, Empathie, Abstinenz, Neutralität, Durcharbeiten, ‘Klarifikation‘, Konfrontation, Deuten; und an den Patienten: Freies Assoziieren, Kategorien der Übertragung, Übertragungsneurose, Gegenübertragung, Agieren, Widerstand, – Anweisungen, deren Befolgen zum Erfolg führen. Behandlungstheoretische Konzepte sagten nichts über einzelne Behandlungen aus, sondern darüber wie Behandlungen im allgemeinen erfolgreich verlaufen können (Konzeption der inneren Entwicklung des Patienten). Erfolgreiche Behandlungen könnten in einer Behandlungstheorie verallgemeinert werden, ohne dass ihre Einmaligkeit verloren gehe. Durch permanenten Vergleich könnten Zusammenhänge spezifiziert und bestätigt werden. Einmaligkeit und Effizienz seien in allgemeiner Form in der Behandlungstheorie zu finden, die die Wahrheit wieder zu einer relevanten Kategorie macht. Offene Auseinandersetzungen würden unvereinbare Konzepte ausschließen und der Verbesserung des Gebrauchswerts dienen.

Praktisch sei eine Grundvergütung am Anfang und eine Prämie bei erfolgreicher Behandlung vorstellbar, damit gelänge es, Psychoanalytiker dazu zu bringen, verbindliche Kriterien für eine erfolgreiche Behandlung zu entwickeln. Vergütung finde erst statt, wenn der versprochene Gebrauchswert mit dem verwirklichten Gebrauchswert identisch sei.

Der Zustand der Wissenschaft der Psychoanalyse sei eine Folge des Warencharakters der Behandlungen, solange dieser nicht in seiner Tauschwertrealisierung bewusst werde. Das könnte selbstkritisch dazu führen, auf den Status des Arbeiters zu rekurrieren und sich einer ‚Verramschung‘ (Horkheimer 1948) der Psychoanalyse entgegen zu stellen. Diese solle mit metaphysischen Illusionen, Vorurteilen und Aberglauben aufräumen und Grundbegriffe der Rationalität wie Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit tradieren und sich von Freud nicht verabschieden durch Adaptation an die leere Dynamik unseres Gesellschaftssystems.

Verdinglichung – das abhandengekommene Subjekt

Die Verdinglichung des Menschen geht nach Marx mit einer Subjektivierung von Dingen einher. Im Kapitalismus werde der Mensch/Arbeiter verdinglicht, das betreffe auch den Analytiker als Arbeiter, selbst wenn er das nicht wisse. Das Adjektiv ‚selbstständig‘ sei eine Mystifizierung; seine ‚Dienstleistung‘ bringe den Warencharakter zum Ausdruck. Der Markt bestimme die Grenzen und Möglichkeiten seines Handelns, z.B. durch die Begrenzung der Stundenzahl bei kassenfinanzierter ‚analytischer Psychotherapie‘. Verdinglichung finde sich auch bei den Bootsflüchtlingen (durch die Schlepper) und bei der Frühbetreuung von Kindern in Tageseinrichtungen, – eine Investition in ‚kognitive und soziale Schlüsselqualifikationen‘, aber nicht in ein gesundes Selbstbewusstsein. Es folgen Beispiele von sprachlicher Verdinglichung des Menschen oder einer Vermenschlichung von Dingen (als Beispiele Organtransplantationen und Psychopharmaka). Individualität werde zu einem Substitut für das Subjekt, das man innerlich nicht mehr sei. Auch die Liebesobjekte bekämen einen Warencharakter, wenn Sinnlichkeit modelliert werde. Liebesbeziehungen würden sich nur rentieren, wenn der Nutzen des Zusammenseins den des Alleinseins übersteige ( als Beispiel für Nutzenoptimierung in Beziehungen wird auf Le Père Goriot von Balzac verwiesen).

Lehranalyse – die vermeintliche Rückgewinnung des Subjekts

Nach Freud diene die Lehranalyse zur ‚Befreiung und Vollendung des eigenen Wesens‘ des Analysanden und zur Stärkung seiner Autonomie. Es sei fraglich, ob dieses Ziel erreicht würde, da am Ende eine Identifizierung mit dem Beruf und dem Lehranalytiker angestrebt werde (von den Autoren mit ‚wilder Analyse‘ gleichgesetzt). Blinde Flecke und unbewältigte neurotische Konflikte beim Lehranalytiker würden über die Gegenübertragung auf die Kandidaten übertragen. Der Kandidat erfahre, was er schon bei seinen Eltern erfahren habe, dass er den unbewussten Bedürfnissen des Lehranalytikers Rechnung tragen solle. Die Psychoanalytiker erkennten aufgrund ihrer Restneurosen in den Behandlungen nur was sie immer schon gewusst hätten.

Es folgen weitere kritische Überlegungen zum ‚Meinungspluralismus‘ (Anna Freud 1972), die eklektizistische Handhabung von Behandlungsregeln (Hamilton 1996) und das Scheitern eines ‚consensual common ground‘ (Wallerstein 1998).

Lehranalytiker und Kandidat glauben sich als Subjekte zu begegnen, eine Maske, die den Warencharakter ihrer Beziehung verbirgt; die gesellschaftliche verinnerlichte Verdinglichung führe zu einer Entsubjektivierung (Adorno 1955). Veränderung sei nur durch Bewusstwerden der polit-ökonomischen Situation, in der sich beide befinden, möglich, womit allerdings die systemimmanenten Bedingungen des Kapitalismus nicht aufgehoben würden.

Gesellschaftliches Alltagsbewusstsein und die »Restneurose« des Psychoanalytikers

Aufgrund des allgemein verfügbaren gesellschaftlichen (ökonomischen und kulturellen) Bewusstseins bildeten sich individualisierte Formen des Bewusstseins, die Engels 1859 als ‚Alltagsbewusstsein‘ (Theorien, Meinungen, Informationen) zusammengefasst habe. Dieses sei inzwischen nach Enzensberger 1976 durch eine Bewusstseinsindustrie geprägt. Untergliedert in ein moralisches, wissenschaftliches, juristisches, politisches, religiöses und ökonomisches Alltagsbewusstsein, liege dem eine gemeinsame Ideologie der Herrschenden und Beherrschten zugrunde, im Wesentlichen bestimmt von den Interessen der Herrschenden. Analytiker würden ihren Status als ‚Kleinbürger‘ nicht hinterfragen und sich stattdessen auf klinische Fragen beschränken, solange es ihnen im kapitalistischen System nicht um den Wert ihrer Arbeit, sondern um den Wert ihrer Arbeitskraft gehe. Gesellschaftliche Widersprüche würden entproblematisiert. Profit und zinstragendes Kapital (Formen des Mehrwerts) würden als ‚Arbeitslohn‘ verbucht und zur Mehrwertakkumulation benutzt und gleichzeitig die systemimmanente Ausbeutung verschleiert.

Im Neoliberalismus trat an die Stelle der staatlichen Interventionen ein System von ‚Deregulierung, Liberalisierung, Privatisierung, Flexibilisierung und Freihandel‘, das von der Selbstregulierung des Marktes, gleichbedeutend mit Unterordnung unter den Bedingungen des Markts, ausging. Freie Entfaltung und Wohlstand für alle wurden versprochen und ideologisch unbewusst in den Köpfen – auch der Analytiker – verankert, was sich auf die Behandlungen so auswirkt, dass die blinde Einbindung der zu Objekten gemachten Subjekte in seiner Widersprüchlichkeit nicht mehr erkannt und bearbeitet wird. Nach Horkheimer (1948) macht sich die im Psychoanalytiker privatisierte herrschende Ideologie ‚noch in den feinsten Details der Therapie geltend‘, nach Parin 1975 in Form von unanalysierten ‚Restneurosen‘. Die Patienten werden so zu nützlichen Mitgliedern des destruktiven Ganzen (Adorno 1955). Soziale, politische und ökonomische Ursachen werden ausgeblendet und einer schleichenden Entpolitisierung (Negt 2011) i.S. einer neoliberalen Sozialisierung Vorschub geleistet.

Die psychoanalytische Ausbildung

Jeder Dozent könne unterrichten, was er wolle, was zu heterogenen Konzeptualisierungen oder einer eklektischen Auswahl verschiedener Theorien führe ohne eine einheitliche wissenschaftliche Ausrichtung. Auch würden Kandidaten nicht mehr in Psychoanalyse sondern in ‚analytischer Psychotherapie‘ ausgebildet, eine Form des Gebrauchswertes, in der sich der Tauschwert am besten realisieren lasse. Auch bei den Kriterien zur Auswahl der Lehranalytiker nach den Richtlinien der IPA stünden organisatorische und administrative Aufgaben im Vordergrund neben Praxiserfahrung, theoretischen Kenntnissen und Unterrichtsveranstaltungen. Die Restneurosen der Analytiker würden auf die Kandidaten übertragen und ideologisch verfestigt. Veränderungen seien – vielleicht (!) – möglich durch

  • Fortsetzung der Eigenanalyse als Selbstanalyse,
  • periodische Wiederholung der Eigenanalyse,
  • kasuistische Diskussion in Intervisionsgruppen.

Dem stünden aber Individualinteressen im Weg und professionelle Deformationen durch die Verankerung der Psychoanalytiker in das gesellschaftliche Alltagsbewusstsein: Der Tauschwert psychoanalytischer Dienstleistungen sei wichtiger als das inhaltliche Interesse an der Psychoanalyse. Zudem sei die zwingend vorgeschriebene Lehranalyse im Vergleich zu der therapeutischen unabhängig von ihrem analytischen Gebrauchswert, sichere aber den Lehranalytikern feste Einkünfte, u.a. auch durch die von Glover 1955 kritisierte quantitative Dauer.

Die Organisationsform psychoanalytische Institute

Freud und Ferenczi hatten keine demokratische Organisationsstruktur intendiert. Stattdessen vielmehr eine autoritäre, z.B. inForm des ‚geheimen Komitee‘ (Existenz und Wirkung sollten geheim bleiben). Mit der Gründung des Berliner Instituts wurde die Ausbildung formalisiert: Einführung der obligaten Lehranalyse, keine Diskussion der Beschlüsse mit den Mitgliedern, eine Elite von Lehranalytikern bildete den Unterrichtsausschuss und bestimmte den Lehranalytiker für die Analysanden; dieser empfiehlt weitere Ausbildungsstufen und den Abschluss der Ausbildung. 1925 wurde auf dem IX. Internationalen Kongress die Ausbildung an die IPV-Mitgliedschaft gekoppelt, die der Kandidat mit Ende der Ausbildung erwirbt. Inzwischen berichten die Lehranalytiker nicht mehr über den Fortgang der Lehranalyse (es sei denn über ‚averbale Kanäle‘ Kernberg 1986), aber die hierarchisch-autoritär strukturierte Ausbildung habe bis heute Bestand. Wie die Zünfte beanspruche die Psychoanalyse für sich das Recht der Selbstverwaltung (Aufnahmekriterien, autoritative Techniken, Idealisierungen und ‚dogmatische Vorstellungen von Wahrheit‘). Viele der ersten kreativen Psychoanalytikergeneration würden heute kein Aufnahme mehr finden (Anna Freud 1950).

Verschulung und Abkapselung gegenüber den Nachbarwissenschaften, verdeckter Umgang mit Macht, Hierarchisierung, Abhängigkeiten, eher Anpassung als Autonomie (Ermann 1995) seien Fehlentwicklungen und nach den Autoren typische Merkmale des Kleinbürgers, ein nach Decker (2016) immer noch vorhandener Typus, zwar weniger orientiert an einer autoritären Figur als an einer Idee. Zwischen den analytischen Ausbildungsstrukturen und solchen Charakteren bestehe eine gewisse Affinität. Das Ergebnis seien fixierte idealisierte Übertragungen und eine Überidentifikation mit den Ausbildungsinstituten. Deshalb habe auch ihr Qualitätszirkel ‚Kritische Psychoanalyse‘ keine Unterstützung gefunden. Hilfen für Publikationen seien nicht angenommen worden und die Dozentenregelung sei ein ständiges Ärgernis geblieben.

Bei den Reformen der Richtlinientherapie habe die Eigendynamik des Geldes den Weg gewiesen (Lieberz 2018). Da die Analytiker von den sozialen Widersprüchen lebten, seien sie auch an einer Kritik der Verhältnisse nicht interessiert. Die ‚feudalistisch-vordemokratische‘ Organisationsform widerspreche den bürgerlich-demokratischen Strukturen unserer Gesellschaft. Veränderungen in ‚tiefenpsychologisch fundierte Therapien‘ und die Auflösung von Einzelpraxen in Ambulatorien und Anstalten nach dem Angestelltenmodell führe dazu, dass der Mehrwert den Unternehmern zugute kommt. Die Ausbildung habe sich von Freud entfernt auf dem Weg zu einer ‚Dienstmagd der Psychiatrie‘ (Freud 1938) und ‚Hilfswissenschaft der Psychopathologie‘ (Freud 1925).

Rekonstruktion einer psychoanalytischen Ausbildung, die es nie gegeben hat

Psychoanalyse ist nach dem Verständnis der Autoren eine ‚kritische Sozialwissenschaft‘. Ihr Gegenstand sei das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. Dabei gehe es um die Frage, wie das Unbewusste gesellschaftlich hergestellt und die Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Kulturgüter – Kunst, Rechtsprechung, Religion, Familie, Polizei, Parteien – unterstütze. Sowohl die psychoanalytische Therapie als auch Sozialpsychologie seien kritische Verfahren, die gesellschaftlich hergestellte Pseudonatur (Dahmer 1980) wieder in selbstbewusste Subjektivität – ‚Herr im eigenen Haus‘ – zu verwandeln. Gesellschaftlich habe sie die Aufgabe die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Institutionen und den Individuen zu erforschen, das Ziel sei also weiter gesteckt als nur Therapie. Deshalb sei eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaften wichtig und die Anwendung der Psychoanalyse auch auf Kulturgüter i.S. eines Methodentransfers (Freud 1926). Unter diesem Aspekt müssten nicht nur Ärzte und Psychologen zur Ausbildung zugelassen werden. Nur so wäre eine therapeutische Kritik an der ‚Pseudonatur‘ und eine Parteinahme gegen unzumutbare gesellschaftliche Forderungen gewährleistet. Auch Kultur- und Religionswissenschaftler brauchten praktische Erfahrungen mit der Psychoanalyse, wie auch Ärzte, die im psychosomatischen Bereich arbeiteten. Um einen Menschen von einer Phobie oder Zwangsvorstellung zu befreien, sei der Umweg über ein Medizinstudium überflüssig. Zur Ausbildung gehöre allerdings unverzichtbar eine Eigenanalyse.

Würden andererseits auch Kulturgüter psychoanalytisch untersucht, dann zeige sich das auch darin verborgene Konfliktpotenzial. Ein qualitativer Unterschied zwischen therapeutischer und Lehranalyse bestehe nicht. Auch müssten die Kandidaten nicht einem Ausbildungsinstitut oder einer Fachgesellschaft angehören. Eine Trennung von persönlicher Analyse und Ausbildung sei notwendig. Supervisoren seien durch ihre Praxistätigkeit ausgewiesen und durch die in Publikationen und Diskussionen gezeigten Kenntnissen der psychoanalytischen Technik. Für Dozenten anderer Fachbereiche könne man kasuistisch-technische Mittwochs-Seminare einrichten.

Nach einem Vorschlag von Dahmer (1983) gehörten zu den Aufgaben eines Instituts:

  • Selbstaufklärung der Psychoanalyse (theoretische Schulen und deren Abhängigkeit von zeitgenössischer Philosophie, Kultur und Politik),
  • Klärung des Verhältnisses zu Soziologie, Historiografie, Philosophie und Sprachtheorie,
  • eine historisch-kritische Gesamtausgabe von Freud und ein Psychoanalytiker-Lexikon, das Lebensschicksale und Lehrmeinungen enthält,
  • Beseitigung des Zugangsprivilegs für Ärzte und Psychologen,
  • Entwicklung von Fähigkeiten, Therapie in Fallgeschichten darzustellen,
  • autonome Formulierung der Logik des Therapieverfahrens,
  • spezielle Schulung in Soziologie,
  • Weiterentwicklung von Freuds Trieb und Kulturtheorie.

Während Freud noch kritisch meinte, dass die meisten Menschen in einer ‚Hölle‘ leben, hätten sich die Psychoanalytiker heute mit ihren Patienten in dieser Hölle pragmatisch so eingerichtet, dass für Utopien (s.a. Dahmer) kein Platz mehr sei. Die Hoffnung von Freud, dass die Psychoanalyse ihn, wie er sie begründet habe, überlebe, habe sich nicht erfüllt. Neue Begrifflichkeiten seien nicht zwingend Ausdruck einer zunehmenden Erkenntnisfähigkeit.

Die Autoren wehren sich gegen den Vorwurf, mit ihrer Kritik Feinde der Psychoanalyse zu sein, da sie doch einen Großteil ihres Berufslebens mit der Psychoanalyse verbracht hätten. Doch seien sie nicht gewillt, den gegenwärtigen Weg der Psychoanalyse mitzugehen, sondern willens an den gegenwärtigen Verleugnungen und dem Unbehagen an der aktuellen psychoanalytischen Kultur und Wissenschaft aufklärend zu arbeiten.

Diskussion

Fundamentalkritik aus marxistischer Perspektive an der fehlenden sozialengagierten und -kritischen Anwendung der Psychoanalyse (Kulturkritik), den psychoanalytischen Instituten, der Ausbildung, den wissenschaftlichen Standards, den Therapiemethoden, den widersprüchlichen Theorien, der fehlenden Laienanalyse. Indem man sich bewussst werde, unter welchen Bedingungen man als Analytiker in einem kapitalistisch-liberalistisch organisierten System arbeite, könne man das zwar nicht einfach verändern und aufheben, aber kritisch und deutend hinterfragen. Die Spuren dieses ökonomischen Systems reichen nach den Autoren bis in die Tiefen des individuellen und gesellschaftlichen Unbewussten. Indem man sich fraglos den Zwängen eines profitorientierten Marktes unterwirft, in dem nicht der Gebrauchswert (auch von Behandlungen) sondern nur der Mehrwert zählt, übt man Verrat an Freud und an den Patienten. In diesem System machen auch Analytiker ihre Patienten verdinglicht zu Objekten, so wie sie selbst Objekte einer Ausbildungsstruktur waren, die in Anpassung an die gesellschaftlichen Verhältnisse ihre Subjektivierung nicht unterstützte.

Ist der Gebrauchswert psychoanalytischer Behandlungen nur ein überschätzter Fetisch, der dem Patienten verkauft wird und ihn damit gleichzeitig, soweit der die angebotene Therapie in Anspruch nimmt, verdingtlicht? Ist die Beziehung zwischen Analytiker und Patient mithin systemkonform im Neo-Liberalismus, Ausdruck der Selbstentfremdung nicht nur des Analytikers, sondern auch des Patienten? Und sind die bestehenden psychoanalytischen Institute und ihre Ausbildungsrichtlinien ebenfalls Ausdruck dieses von Marx beschriebenen Kleinbürger-Kapitalismus, der nicht nur zur Selbstentfremdung (entfremdet dem wahren Selbst) führt, sondern auch eine Subjektwerdung (Herr im eigenen Haus) verhindert, solange das nicht bewusst gemacht wird. Die unterstellten Restneurosen bei den Lehranalytikern führten dazu, dass diese auch bei den Kandidaten nicht bearbeitet werden, was diese wiederum auch auf ihre Patienten übertragen. Ein Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gibt, für den aber die Autoren die Beweise aufgrund ihrer pauschalierenden und den Systemzwängen ausgelieferten Urteile auch nicht antreten können, trotz der umfangreichen Literatur, die aber weitgehend unter dem Gesichtspunkt gelesen und ausgewählt wurde, dass sie die Thesen der Autoren stützt.

Was bleibt als Anstoss zum Nachdenken? Die allerdings aktuell fehlende Kulturkritik, die Freud wichtig gewesen ist, wozu aber auch die psychoanalytische Methode der Aufdeckung des Unbewussten im Alltagsleben gehört, sonst hätte sich ‚Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten‘ erübrigt, eine Analyse die sich längst einen Platz im Alltagsleben erobert hat. Auch unter dem Stichwort ‚analytische Psychotherapie‘ ist nicht ausgeschlossen, dass analytisch gearbeitet wird, auch wenn es nicht immer um die von den Autoren so benannten ‚Restneurosen‘ geht, was auch suggeriert, dass die analytische Selbsterforschung auch irgendwann ein Ende, wenn die letzten Reste analysiert sind, finden kann, während sie nach meiner Meinung aufgrund der vielen unvorhersehbaren inneren und äusseren Einflüsse nie ein endgültiges Ende finden kann. Auch schliessen die begrenzten Kassenleistungen Langzeitanalysen, wenn sie denn notwendig sind, nicht aus durch Zuzahlungen und Verantwortungsübernahme der Patienten.

Anscheinend geht es auch gar nicht um die Länge der Analysen, sondern nach den Eingangsüberlegungen von Marx zum Kleinbürgerstatus der Analytiker um die unbewusste Übernahme dieser gesellschaftlichen und politischen systemkonformen und damit auch systemstützenden und existenzsichernden Entwicklung der Psychoanalyse unter dem Stichwort ‚Medizinalisierung‘.

Was bleibt von der Fundamentalkritik? Ein Nachdenken über die Trennung von Lehranalyse und Ausbildung an den Instituten, eine Öffnung der Ausbildung und Anerkennung von Laienanalytiker, was aber auch ohne direkte Anerkennung immer schon möglich war, dass Historiker, Literaturwissenschaftler, Soziologen und Politiker ihre in der individuellen Analyse gewonnenen Einsichten auch in ihrem Fachgebiet angewandt haben. Gesellschaftskritisches Nachdenken über ökonomische Entwicklungen, die nicht mehr sozial kontrolliert und eingebunden in soziale Kontexte sind, da das Geld international ist und mit der Macht, die das Geld in Verbindung mit politischer Macht (oder Ohnmacht) verleiht, soziale Bindungen (Geldelite) unterstützt aber auch zerstört, wie die riesigen Flüchtlingsströme zeigen.

Ob man dieser Entwicklung noch mit Marxschen Kategorien gerecht wird, möchte ich bezweifeln, weil das Vorhandensein einer Arbeiterklasse durch die Leistungen von Robotern und ein schwindendes Klassenbewusstsein nicht mehr vorhanden ist und inzwischen telefonische oder Internet-Behandlungen direkte Begegnungen zwischen Analytiker und Patient überflüssig erscheinen lassen.

Die Entschuldigung am Ende, dass sie nicht Feinde der Psychoanalyse seien, zielt auf einen Nebenkriegsschauplatz, den in der Hauptsache geht es doch um die Klärung, ob die von ihnen vertretene Psychoanalyse (einschliesslich der ökonomischen Analyse) die einzige wahre Psychoanalyse ist, die sich nicht nur auf Marx, sondern vor allem auch auf Freud und seine Nachfolger berufen kann.

Fazit

Ein nicht leicht lesbares Buch, das nicht nur, wie der Titel sagt, Kritik an der psychoanalytischen Praxis und Ausbildung übt, sondern mit Marxschen Kategorien versucht, die unbewussten ökonomischen Systemzwänge aufzuzeigen, die eine Subjektivierung und Autonomie von Analytiker und Patient verhindern.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 17.10.2019 zu: Dietmar Seel, Siegfried Zepf: Psychoanalyse und politische Ökonomie. Kritik der psychoanalytischen Praxis und Ausbildung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. ISBN 978-3-8379-2873-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25973.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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