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C. Otto Scharmer: Essentials der Theorie U

Cover C. Otto Scharmer: Essentials der Theorie U. Grundprinzipien und Anwendungen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2019. 173 Seiten. ISBN 978-3-8497-0274-8. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.

Reihe: Management.
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Thema

Die Theorie U ist ein Ansatz organisationalen Lernens, der mit der Intention „von der Zukunft her führen“ auch zunehmend in Institutionen und Unternehmen im deutschen Sprachraum bekannt und verbreitet ist. Aus den Einflüssen einer landwirtschaftlich geprägten Sozialisation im Alten Land bei Hamburg, des anthroposophisch geprägten Feldes an der Universität Witten-Herdecke und dem wissenschaftlichen Netzwerk des Massachusetts Institute of Technology (MIT) entstand eine Theorie für Führung und Organisationsentwicklung, die u.a. Systemdenken, Veränderungsmanagement, Bewusstseinsentwicklung und Achtsamkeitstraditionen miteinander verbindet. Der daraus entwickelte Presencing-Prozess wurde zuerst durch MOOCs und inzwischen in den Social Transformation Labs des Presencing Institutes weltweit vermittelt.

Dieses Buch ist eine Kurz- und Neufassung des über 500 Seiten starken Buches „Theorie U – Von der Zukunft her führen“ von C. Otto Scharmer, und entstand auf Wunsch seines amerikanischen Verlegers, der als Vorgaben machte: „lesbar“ und „kürzer, verständlicher, aktualisiert“. Die selbstironische zitierte Anekdote im Vorwort beschreibt die Herausforderung, die viele Leser/innen mit der Lesbarkeit des Originals zu diesem auch „Presencing“ genannten Ansatzes für soziale und organisationale Transformation hatten, recht treffend. Zugleich zeigt sie Intention, Gestaltung und Inhalt dieses Buches auf: eine kurze, lesbare, aktualisierte Einführung in Theorie U, in eine „bewusstseinsbasierte Methode für die Veränderung von Systemen“, in der Otto Scharmer versucht, folgende Fragen zu beantworten:

  • Wie lernen wir in dem Moment, wo wir mit Umbrüchen konfrontiert sind?
  • Wie lernen wir von der im Entstehen begriffenen Zukunft?

Autor

Otto Scharmer, aufgewachsen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb im Alten Land, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Witten-Herdecke, wo er unter anderem die Arbeiten von Friedrich (Fritz) Glasl kennenlernte. Er forscht und lehrt als Senior Lecturer Wirtschaft an der MIT Sloan School of Management am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, USA.

Die Theorie U entstand im dortigen Umfeld, wo er unter anderem mit Peter Senge (Die fünfte Disziplin) zusammenarbeitete, und fand ihren ersten Ausdruck in dem über 500 Seiten starken Buch „Theorie U: Von der Zukunft her führen“. 2015 gründete Scharmer mit Kolleg/innen die MITx uLabs, ein Massive Open Online Course (MOOC), der von über 140.000 Teilnehmer/innen weltweit belegt wurde. 2019 gründete er das Social Transformation Lab, das aktuell in die zweite ULab-Phase geht.

Aufbau und Inhalt

Vorwort und Danksagungen geben einen guten Einblick in die Geschichte der Theorie U und in die Projekte und Ansätze, die mithilfe der Theorie U im über die Jahre gewachsenen Feld der Praktiker/innen inzwischen entstanden sind – von Projekten in verschiedenen Wirtschaftsfeldern (u.a. Banken, Landwirtschaft, Bildung) und in politischen Zusammenhängen (u.a. in der schottischen Regierung).

Teil I: Das soziale Feld sehen lernen (Der Bezugsrahmen)

Kapitel 1: Der blinde Fleck – Neben Einblicken in die persönliche Erkenntnis-Entwicklung des Autors von der Schulzeit über Studienzeiten bis heute gibt das Kapitel eine Einführung in zentrale Aspekte der Theorie U, wobei der „blinde Fleck“ im Kontext von Führung, Management und sozialem Wandel als ein zentraler Reflexionspunkt in der gesamten Theorie U und der daraus hervorgegangenen Presencing-Methode beschrieben wird. Zudem wird Scharmers Verständnis sozialer Felder skizziert, und das eines ‚Lernens von der im Entstehen begriffenen Zukunft‘: „Es gibt zwei unterschiedliche Quellen des Lernens: (1) Lernen, indem man über die Vergangenheit nachdenkt, und (2) Lernen, indem man entstehende Zukunftsmöglichkeiten erspürt und verwirklicht.“ (S. 26).

Kapitel 2: Theorie U – Form folgt Bewusstsein – Die Einflüsse verschiedener Menschen auf das Denken Scharmers (u.a. Francisco Varela) geben hier den erzählerischen Rahmen für die Entstehung des ‚U‘, und dessen einzelne Schritte vom ‚Herunterladen‘ bis zum ‚Verwirklichen‘ des Neuen. Dies sind zentrale Aspekte des Ansatzes, die in der vielfach bereits bekannten Skizze des U – links die Bewegung des Herunterladens bis zum Presencing, rechts die Aufwärtsbewegung zum Verwirklichen – verknüpft sind (https://www.ottoscharmer.com/theoryu).

  • Herunterladen alter Muster – Innehalten – Sehen mit neuen Augen – Umwenden – Erspüren vom Feld aus – Loslassen
  • Presencing – Verbinden mit der Quelle
  • Kommen lassen – Verdichten, Visionen und Intentionen – Erkunden – Erproben (Prototyping) – Verkörpern – Verwirklichen, Handeln aus der Sicht des Ganzen.

Vier Arten des Zuhörens und verschiedene Feinde und Hindernisse (z.B. gedankenloses Handeln, handlungsloses Denken) auf diesem Weg vertiefen die Beschreibung dieses Prozesses.

Kapitel 3: Die Matrix der sozialen Evolution beschreibt die vier Systemebenen sozialer Felder (Mikro: Zuhören, Meso: Gespräche führen, Makro: Organisieren, Mundo: Koordinieren) und die vier Bewusstseinsebenen (gewohnheitsmäßig, egosystemisch, empathisch, schöpferisch-ökosystemisch), und führt weiter zu einer Matrix der sozialen Evolution.

Kapitel 4: Das Nadelöhr – Verschiedene Ereignisse und Personen, die Scharmer auf seinem Weg zur Theorie U – und insbesondere zur Bedeutung des tiefsten Punktes des U, des Presencing – beeinflussten und „die Beziehung zwischen einem System und meinem eigenen Selbst im Laufe der Jahre verändert und transformiert“ (S. 89) haben. Das Kapitel zeigt zudem die Wirksamkeit gemeinsamer Inspiration und Co-Kreation auf – was hier unter anderem in der Gründung der uLabs resultierte.

Teil II: Eine Methode zur bewusstseinsbasierten Systemveränderung (Die Methode)

Kapitel 5: Ein Prozess, fünf Bewegungen: Erneuern von der Zukunft her – Das methodische Kernkapitel nimmt inhaltlich wie vom Umfang her den meisten Raum ein, hier finden sich nun Praktiken und Hinweise, wie Presencing und der U-Prozess an sich umgesetzt werden kann. Insgesamt 24 Prinzipien des U-Prozesses werden z.T. mit sehr konkreten Anleitungen und zahlreichen Beispielen aus der Praxis erläutert, so dass sie – zumindest die für die individuelle Praxis gedachten Prinzipien – von den Leser/innen direkt angewendet werden können.

Teil III: Ein Narrativ des evolutionären Gesellschaftswandels (Die Bewegung)

Kapitel 6: Die Aktualisierung des gesellschaftlichen Betriebssystems fragt: „Wie können wir die ökonomischen, demokratischen und bildungspolitischen Betriebssysteme in unserer Gesellschaft auf den neuesten Stand bringen?“ (S. 146). Scharmer setzt dafür unter anderem an den sieben ‚Akupunkturpunkten der ökonomischen Transformation‘ an: Natur, Arbeit, Kapital, Technologie, Management, Konsum, Koordination, für die jeweils zwei ‚praktikable Hebelpunkte‘ definiert werden – so werden als Hebelpunkte für den Bereich Arbeit ein ‚universelles Grundeinkommen‘ und ‚Co-Kreativität‘ benannt. Die notwendige Aktualisierung der einzelnen Bereiche, beschrieben als Entwicklung zum jeweiligen ‚System 4.0‘ wird z.B. für das Gesundheitssystem als „von der Pathogenese zur Salutogenese“ (S. 157) beschrieben.

Kapitel 7: Zurück zu den Wurzeln beschreibt abschließend die Entwicklungsgeschichte des uLab und seine Bedeutung als „Teil einer im Entstehen begriffenen globalen Innovationsökologie von Menschen, die etwas verändern wollen und die generative soziale Felder bewirtschaften, damit unsere Ökonomie, Demokratie- und Bildungssysteme sich entfalten können“ (S. 165). Einer der (nach außen sichtbaren) Kernbereiche des uLab ist es, sogenante Innovationslabore zu schaffen, also Räume – oder eben soziale Labore – in denen Menschen zusammenkommen, um die in Kap. 5 beschriebenen Methoden anzuwenden, um damit gesellschaftliche Transformationsprozesse voranzubringen.

Diskussion

„Er lauscht dem aus sich Werdenden, dem Weg des Wesens in der Welt; nicht um von ihm getragen zu werden: um es selber so zu verwirklichen, wie es von ihm, dessen es bedarf, verwirklicht werden kann.“ (Martin Buber, zitiert S. 89 f.) – ein Zitat, das darauf hinweist, dass die Wurzeln der Theorie U in einem breit gefächerten Feld von Theorien, Modellen und einzelnen Menschen liegen, und dass der oftmals als zentral angesehene Satz „von der Zukunft her führen“ nicht der revolutionär neue Ansatz ist, der mit der Theorie U in die Welt kam. Jedoch hat Otto Scharmer es mit seinem Ansatz übernommen, bereits vorhandene Einsichten über das Erspüren dessen, was werden will, mit seiner eigenen Intuition, seinem Wissen und seinem Netzwerk zusammenzubringen und so Form werden zu lassen, dass andere dort wiederum anknüpfen und dies für das Lernen in Organisationen umsetzen können. Beidem, den Wurzeln des Ansatzes wie dem Neuen, das er aus der Zukunft heraus erspürt hat, will Scharmer meines Erachtens in diesem Buch Ausdruck geben, und dies gelingt ihm auch.

Ich habe dieses Buch gelesen als ein Beispiel für eine Zielgruppe, an die der im Vorwort bereits genannte amerikanische Verleger vielleicht auch dachte: als in transformative Prozesse involvierte Person, die seit vielen Jahren „Theorie U. Von der Zukunft her führen“ im Regal stehen hat und es schon oft zu lesen begonnen hatte, aber immer wieder von den „Längen“, die das Original hat, ermüdet wurde und es dann doch wieder weglegte – zu viel andere interessante Bücher aus dem Bereich transformative/​evolutionäre Ansätze stehen sonst noch in dem Regal, die sich besser lesen ließen.

Nun also ein neues, kürzeres Buch von Scharmer, und ich war äußerst motiviert, diesmal einen komprimierten Einblick in Prozess, Praktiken und Anwendungen zu erlangen. Und zu lesen bekam ich im Ganzen eine gut überschaubare Zusammenfassung, eben der „Essentials“ der Theorie U, deren Stärken ich insbesondere in folgenden Kapiteln sehe:

  • Kapitel 2: „Theorie U: Form folgt Bewusstsein“ zeigt die Bedeutung des „U“ und des damit verbundenen Prozessdenkens
  • Kapitel 5 „Ein Prozess, fünf Bewegungen: Erneuern von der Zukunft her“ gibt einen komprimierten Einblick in die Prinzipien und Praktiken
  • Kapitel 6 „Die Aktualisierung des gesellschaftlichen Betriebssystems“ zeigt Hintergründe und Beispiele für die notwendigen Veränderungen u.a. der gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen für eine gesellschaftliche Transformation auf

Soweit kann ich dieses Buch all denen empfehlen, die sich einlesen wollen in diese soziale Technik und in eben das, was ich vorhergehend kurz skizziert habe, Prozess, Praktiken, Anwendungen.

Persönlich hatte ich jedoch trotz der relativen Kürze (173 Seiten) zwischendurch ähnliche Ermüdungserscheinungen beim Lesen dieses Buches wie beim Lesen des Originals, und ich habe nebenbei erforscht, woran es liegen kann. An Interesse am Prozess wie Praktiken sowie an der transformativen Wirkung des Ansatzes mangelt es mir nicht – so bin ich selbst als Teammitglied eines Projekts im derzeit beginnenden uLab2 des Presencing Institutes involviert.

Für mich sind es jedoch noch zu viele „Geschichten“ in diesem Buch, und manchmal fehlten mir Struktur und roter Faden. Ich hatte mir in den „Essentials der Theorie U“ jedoch genau das gewünscht, die Essentials der Theorie und des Prozesses strukturiert und knapp zusammengefasst, und weniger die Geschichten, die zu ihrer Entstehung. Das Buch wäre dann schmaler geworden – das würde seiner Aussagekraft jedoch hoffentlich keinen Abbruch tun. So bleibt bei mir die Frage, was die Theorie U ohne die Geschichte Otto Scharmers ist, und wie eine wirklich auf das Minimum an Prozess- und Methoden-Beschreibung reduzierte Version der Theorie U aussehen mag. Ich erkenne und würdige die Wurzeln – individuell wie kollektiv – dieses Ansatzes sehr, glaube jedoch, dass es Bedarf an einer noch stärker fokussierten Beschreibung gibt – und dass dies der Verbreitung dieses wichtigen Ansatzes organisationalen und transformativen Lernens gut tun wird. 

Fazit

Theorie U und der Presencing-Prozess in relativer Kürze, mit verständlichen Beschreibungen der Essentials, des Kernprozesses selbst (das „U“) und zahlreicher Grundannahmen der Theorie, sowie von Prinzipien und Praktiken zur Umsetzung des Presencing-Prozesses. Gut geeignet für Menschen, die sich einen theoretischen Überblick verschaffen wollen über Wurzeln, Grundannahmen, Felder und Perspektiven dieses Ansatzes organisationalen Lernens, und zugleich erste praktische Einblicke und Umsetzungsmöglichkeiten mitnehmen möchten.


Rezension von
Dipl.-Pädagogin Bettina Wichers
Gerontologin (M.Sc.), Dipl.-Pädagogin & Coach
CommuniCare. Kommunikation im Gesundheitswesen, Göttingen
Homepage www.xing.com/profile/Bettina_Wichers
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Zitiervorschlag
Bettina Wichers. Rezension vom 28.01.2020 zu: C. Otto Scharmer: Essentials der Theorie U. Grundprinzipien und Anwendungen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2019. ISBN 978-3-8497-0274-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25978.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


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