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Margrit Kinsler: [...] Kulturelle Alterskompetenzen in einer modernen Gesellschaft

Rezensiert von Prof. Dr. Reinhold Knopp, 25.10.2005

Cover Margrit Kinsler: [...] Kulturelle Alterskompetenzen in einer modernen Gesellschaft ISBN 978-3-8300-0965-8

Margrit Kinsler: Alter - Macht - Kultur. Kulturelle Alterskompetenzen in einer modernen Gesellschaft. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2003. 316 Seiten. ISBN 978-3-8300-0965-8. 88,00 EUR.
Reihe: Schriftenreihe Schriften zur Kulturwissenschaft - Band 49.

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Einführung in das Thema

Das Thema Alter hat Konjunktur. Die Prognosen der demografische Entwicklung sind zwar schon seit längerer Zeit bekannt, aber ihre Auswirkungen werden erst seit einigen Jahren für die unterschiedlichsten Bereiche der Gesellschaft thematisiert und diskutiert. An erster Stelle steht dabei die Entwicklung der Sozialsysteme, deren Überlastung vorausgesagt wird. Die Verschiebung innerhalb des Verhältnisses von jüngeren und älteren Menschen wird damit vielfach zur Legitimation von Einschnitten im sozialen Bereich heran gezogen. Solche Legitimationsversuche von Sozialabbau sind bei genauerem Hinschauen nur begrenzt haltbar. Das hat u.a. der katholische Sozialethiker Friedhelm Hengsbach in seinem Buch "Das Reformspektakel" (2004) herausgearbeitet. Er weist u.a. darauf hin, dass eine einseitige Orientierung am "Altenquotient" (Verhältnis der nicht mehr erwerbsfähigen Bevölkerung zu erwerbsfähigen) weder die Arbeitslosigkeit Jüngerer berücksichtigt, noch der Tatsache Rechnung trägt, dass mehr als die Hälfte der über 55jährigen bereits aus der sozialabgabenpflichtigen Erwerbsarbeit ausgeschieden ist - freiwillig oder unfreiwillig. Die Auseinandersetzung mit der "Alterung der Gesellschaft" wird in der jüngeren Vergangenheit fast ausschließlich aus dem Blickwinkel von Verlust und Defizit geführt. So wird z.B. das prognostizierte Schrumpfen der Städte unter solchen Gesichtspunkten wie Leerstand von Häusern und Ladenlokalen, unausgelasteter städtischer Infrastruktur und Wertverlust von Immobilien behandelt. Nur selten finden die Chancen, die auch immer in solchen Entwicklungen stecken, eine angemessene Berücksichtigung, wie dies z.B. in dem Buch "Das süße Leben. Der neue Blick auf das Alter und die Chancen schrumpfender Städte" (Günter/Vogelskamp 2005) der Fall ist. Die vorliegende Veröffentlichung von Margrit Kinsler verweigert sich diesem Defizitansatz und richtet den Blick auf Ressourcen. Sie gehört damit zu einer Reihe von neueren Veröffentlichungen, die nach den Potenzialen für die Gesellschaft fragen, die mit der Errungenschaft des Älterwerden verbunden sind.

Zum Hintergrund des Entstehens des Buches

Das Buch ist eine gekürzte Fassung der Dissertation der Autorin, die sie an der Universität Regensburg vorgelegt hat.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Drittel setzt sich die Autorin mit den theoretischen Grundlagen des Themas auseinander. Dabei geht es u.a. um Altersdefinitionen, um den Zusammenhang von Alter und Kulturarbeit, dem Verhältnis von Alter, Kultur und Macht und um Alterspotentiale und damit verbunden um ein neues Altersbild. Es folgt eine Einführung in die von der Autorin durchgeführten Untersuchung, eine Wiedergabe der Ergebnisse und ausführliche Diskussion derselben, die immer im Kontext zu der relevanten Fachliteratur geführt wird.

Im ersten Teil wird die Zielgruppenstrategie in der herkömmlichen Kulturarbeit kritisch hinterfragt, deren Praxis es ist, Kultur für Ältere anzubieten (22ff.). Mit Bezug auf die sog. neue Kulturpolitik der 70er/80er Jahre und deren Exponenten Hilmar Hoffmann wird ein anderes Verständnis von (Alters-)Kultur eingefordert und die Erwartung formuliert, das Alter könne aktiv einen "kulturellen Beitrag zur zukunftsfähigen Gestaltung der Gesellschaft leisten" (41). Dabei wird dem biografischen Zugang zu Bildung eine wesentliche Bedeutung zugemessen.

In historischer Perspektive verdeutlicht die Autorin, wie sich Altersbilder verschieben und Machtzuwachs und -verlust für Ältere durch gesellschaftliche Entwicklungen zustande kommt. Ihr Fazit dazu lautet: "Die Konstitution von Altersbildern verläuft dann positiv, wenn die Gruppe der Alten Machtfaktoren in der Gesellschaft vorweisen: finanzieller Reichtum, Einfluss oder soziale Beziehungen wie in der Barockzeit, Weisheit wie in der christlichen und israelischen Frühgeschichte... Das Altersbild wird dann negativ konstituiert, wenn die Gruppe der Alten keine Machtmittel hatte..." (49). Auf der Grundlage, dass Altersbilder "in dynamisch kulturellen Prozessen entstandene Konstruktionen" sind (53) folgt eine Aufarbeitung der "widersprüchlichen Konstituierung von Alter in der Moderne" (54ff.), die im Ergebnis "eine Vielzahl gleichzeitiger, nebeneinanderstehender, sich teilweise widersprechender und dennoch gültiger Konstruktionen von Alter" hervor gebracht hat (67).

Im Focus der weiteren Betrachtung steht die Frage nach "kulturrelevanter Kompetenzen im Alter". Diese werden in Anlehnung an das "Weisheitskonstrukt" von Paul B. Baltes in Fragen für die Untersuchung operationalisiert (93). Befragt werden per E-Mail zwei Gruppen, denen gemeinsam der Zugang und Bezug zu Bildung ist: Eine Gruppe Ältere ("ab dem 5. Lebensjahrzehnt") und eine Gruppe Jugendliche und junge Erwachsene, die "von der Bildungs-, Sozial und Lebensstilstruktur" her der ersten Gruppe vergleichbar ist (94f., 101).

Das Verfahren der Auswertung wird wie folgt beschrieben: "Orientiert sich der Zugang zu den Aussagen im Interview also zunächst über ein 'narratives Vernunftverständnis', so soll eine Systematisierung und darauf aufbauende Konzeptionalisierung auf hermeneutisch objektivierender Basis erfolgen und in einem dialogischen Prozess der Validierung immer wieder durch die einzelnen Aussagen der Probanden belegt oder korrigiert werden" (99).

Unter der Überschrift "Potentiale und Ressourcen" werden die Ergebnisse in Hinblick auf sieben unterschiedlichen Fähigkeiten dargestellt und hinterfragt:

  1. Der Fähigkeit "des problematisierenden und differenzierenden Urteilens",
  2. "zu mehrdimensionalen, zieloffenen Reflektieren",
  3. "zur sinnbestimmenden integrierten Zusammenschau",
  4. "zu schöpferischem Denken und kreativer Neuentwicklung",
  5. "zur Neubewertung von Zeit und Zeitverwendung",
  6. "zu Gesellschaftskritik und -distanz" und
  7. "zum Beraten".

Unter Einbeziehung zahlreicher Quellen setzt sich die Autorin auf dieser Basis mit einer Vielzahl von Bausteinen kulturrelevanter Alterskompetenzen und der Entwicklung von Alterskulturen auseinander und plädiert schließlich dafür, dass "spezifische Alterskulturen" für die Zukunftsplanung und Gestaltung einen "bislang noch unentdeckten, unerkannten, neuen Beitrag" leisten können und müssen (200).

Im Kontext ausführlicher Literaturarbeit und Hinweisen aus den Interviews entwickelt sie spezifische kulturelle Altersrollen, u.a. die des reifen Künstlers, des weisen Kritikers, des Vermittlers, des kulturellen Mentors.

In ihrer Untersuchung findet sie das Konstrukt "Weisheit als Expertensystem" bestätigt. Die "Entwicklung zum Experten in eigener Sache" ist eine Chance für das Alter, kann allerdings nur durch die Alten selbst geleistet werden, da nicht "auf bereits vorhandene gesellschaftliche und kulturelle Modell zurückgegriffen werden" kann (278). Altersspezifische Kompetenz kann, sofern sie von den Akteuren aktiv eingebracht wird, einen wichtigen Beitrag dazu leisten, den "gesellschaftlichen Diskurs (zu) fundieren und in Gang" (zu) halten (279). Diese Option wird abschließend auf einer "strategischen" und einer "operativen Ebene" erläutert.

Fazit

Eine gut lesbare Veröffentlichung, die mit vielfältigen Quellen einen neuen Blick auf das Alter öffnet und die Bedeutung der kulturellen Dimension für die Gestaltung von Zukunft unterstreicht. Wer neue Wege im Umgang mit dem Thema Alter in Theorie und Praxis gehen will, findet hier zahlreiche Bezugspunkte und Argumentationshilfen. Der hohe Preis mag einzelne Interessenten abschrecken, jedoch sollten Institutionen, Verbände und Vereine dieses Buch für ihre Arbeit nutzen und ihren Akteuren zur Verfügung stellen.

Rezension von
Prof. Dr. Reinhold Knopp
Professor für Stadt- und Kultursoziologie Hochschule Düsseldorf

Es gibt 25 Rezensionen von Reinhold Knopp.

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Zitiervorschlag
Reinhold Knopp. Rezension vom 25.10.2005 zu: Margrit Kinsler: Alter - Macht - Kultur. Kulturelle Alterskompetenzen in einer modernen Gesellschaft. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2003. ISBN 978-3-8300-0965-8. Reihe: Schriftenreihe Schriften zur Kulturwissenschaft - Band 49. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2598.php, Datum des Zugriffs 07.12.2022.


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