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Alfred Kieser, Mark Ebers (Hrsg.): Organisationstheorien

Cover Alfred Kieser, Mark Ebers (Hrsg.): Organisationstheorien. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 8., erweiterte und aktualisierte Auflage. 535 Seiten. ISBN 978-3-17-034896-7. 35,00 EUR.
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Thema

Dieses Lehrbuch stellt in 8. erweiterter und aktualisierter Auflage die wichtigsten Organisationstheorien vor und diskutiert neben den epistemologischen Grundlagen die Entstehungskontexte, Hauptaussagen der verschiedenen Theoriestränge, Anwendungsmöglichkeiten, Weiterentwicklungen und die jeweilige Aktualität der Theorien.

Herausgeber

  • Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Alfred Kieser ist Wirtschaftswissenschaftler und einer der führenden Organisationstheoretiker Deutschlands. Er ist em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Organisation der Universität Mannheim, war Gastprofessor an der Zeppelin Universität (Friedrichshafen) und lehrt noch an der Privaten Universität Witten/​Herdecke.
  • Prof. Dr. rer. pol. habil. Mark Ebers ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Unternehmensentwicklung und Organisation an der Universität zu Köln.

Entstehungshintergrund

Dieses Lehrwerk, erstmals im Jahr 1993 erschienen, liegt nunmehr in der 8. Auflage vor. Gegenüber der 7. Auflage aus dem Jahr 2014 wurden die Beiträge laut Vorwort „inhaltlich grundlegend überarbeitet“. Die Schwerpunktsetzungen und Autorenschaften wurden beibehalten, allerdings gibt es mehrere Änderungen gegenüber der 6. Auflage aus dem Jahr 2006 (hierüber liegt auch eine socialnet-Rezension vor). Interessierte Leser und Leserinnen, die aus früheren Studientagen noch über eine ältere Version des Lehrwerks verfügen und sich nun erneut mit Organisationstheorien beschäftigen möchten, erhalten nachfolgend Kurzinformationen zu den Änderungen im Vergleich zu früheren Auflagen. Für Erstleser und Erstleserinnen sind danach die einzelnen Beiträge mit Autorenschaften aufgeführt.

Die Änderungen im Einzelnen:

  • Das Kapitel zur Wissenschaftstheorie wurde stark gekürzt.
  • Die Ausführungen zu Taylorismus und Human Relations wurden unter dem Sammelbegriff Managementlehren in einem Kapitel zusammengefasst.
  • Der in der 6. Auflage aufgenommene Beitrag zur Strukturationstheorie (Giddens) ist leider wieder entfallen.
  • Zwei Beiträge wurden neu aufgenommen: „Interpretative Theorien: Sprache, Kommunikation und Organisation“ sowie „Netzwerktheorie“.
  • Außer wenigen und zum Teil lediglich redaktionellen Änderungen sind die Beiträge zu Max Webers Analyse der Bürokratie, zu den Institutionenökonomischen Theorien und zur Systemtheorie Luhmanns unverändert übernommen worden.

Aufbau

Die Veröffentlichung besteht aus folgenden Kapiteln, die jeweils in sich geschlossen eine einzelne Organisationstheorie oder aber eine zusammenhängende Theoriefamilie vorstellen:

  1. Scherer, Andreas Georg/​Marti, Emilio: „Wissenschaftstheorie der Organisationstheorie“ (28 Seiten)
  2. Kieser, Alfred: „Max Webers Analyse der Bürokratie“ (30 Seiten)
  3. Kieser, Alfred: Managementlehren – von Regeln guter Praxis über den Taylorismus zur Human Relations – Bewegung“ (47 Seiten)
  4. Berger, Ulrike/​Bernhard-Mehlich, Isolde/​Oertel, Simon: „Die Verhaltenswissenschaftliche Entscheidungstheorie“ (46 Seiten)
  5. Kieser, Alfred: „Der Situative Ansatz“ (28 Seiten)
  6. Ebers, Mark/Gotsch, Wilfried: „Institutionenökonomische Theorien der Organisation“ (62 Seiten)
  7. Woywode, Michael/Beck, Nikolaus: Evolutionstheoretische Ansätze in der Organisationslehre – Die Population Ecology – Theorie (42 Seiten)
  8. Walgenbach, Peter: Neoinstitutionalistische Ansätze in der Organisationstheorie (51 Seiten)
  9. Weik, Elke: Interpretative Theorien: Sprache, Kommunikation und Organisation (40 Seiten)
  10. Ebers, Mark/Maurer, Indre: Netzwerktheorie (22 Seiten)
  11. Martens, Will/Ortmann, Günther: Organisationen in Luhmanns Systemtheorie (36 Seiten)

Das Literaturverzeichnis wurde für alle Beiträge zusammengefasst und umfasst auf 80 Seiten ca. 2.000 Literaturangaben. Zudem gibt es am Ende des Buches ein Stichwortwortregister.

Inhalt

Die Reihenfolge der verschiedenen organisationstheoretischen Ansätze entspricht zumindest grob dem Zeithorizont der Paradigmenentwicklung. Die einzelnen Kapitel sind sehr klar gegliedert und in sich geschlossen. Für jede Theorie oder Theoriefamilie wird zunächst die Entstehungsgeschichte erläutert. Ausführliche Ausführungen zu den zugrundeliegenden Weltbildern, Leitideen und erkenntnisleitenden Interessen erleichtern die Einordnung in den jeweiligen Denkhorizont. Gleichermaßen werden in jedem Kapitel die Hauptaussagen, die Grundkonzepte und Methoden, die Anwendungsbereiche und die Verzweigungen der jeweiligen Theoriefamilie dargestellt. Jedes Kapitel schließt ab mit einer „kritischen Würdigung“ oder einem Fazit im Hinblick auf die Frage: Was kann man mit dieser spezifischen Sicht auf Organisationen erkennen? Welchen Erkenntnisgewinn hat die Theorie gebracht? Welche Lücken oder auch offen gebliebenen Fragen wären noch zu schließen?

Um einen Eindruck zu vermitteln von der inhaltlichen Tiefe, die alle Kapitel durchgängig auszeichnet, sei exemplarisch das Kapitel 8 „Neoinstitutionalistische Ansätze in der Organisationstheorie“ von Peter Walgenbach vorgestellt.

Zunächst wird hier die Entstehungsgeschichte und Grundkonzeption der Theorie im Rückgriff auf Meyer/Rowan, DiMaggio/Powell und Scott erläutert. Sie besagt, dass „Organisationen ihre Strukturen entsprechend den Erwartungen in ihrer gesellschaftlichen Umwelt gestalten“ (S. 300), da die formale Struktur der Organisation Legitimität verschaffe. Die zentralen Begriffe „Institutionalisierung“ und „Institution“ werden ausführlich anhand des theoretischen Bezugspunkts der Wissenssoziologie nach Berger und Luckmann behandelt. Weiterhin werden die Rezeption der Begriffe, diverse Forschungsergebnisse aus den 1980er und 1990er Jahren sowie die Entwicklung hin zu den beiden Hauptströmungen des makroinstitutionalistischen und des mikroinstitutionalistischen Ansatzes geschildert. Der erstgenannte Ansatz wird ausführlich behandelt, indem die Beschreibung der technischen und institutionellen Umwelten, die daraus entstehenden organisatorischen Folgen und hier insbesondere das Phänomen der Isomorphie in organisationalen Feldern beschrieben wird: Isomorphie durch Zwang, durch mimetische Prozesse und durch normativen Druck. Sehr nachvollziehbar und kenntnisreich wird das „Drei-Säulen-Modell“ von Scott vorgestellt, welches, so der Autor, einen differenzierten Blick auf unterschiedliche Arten von Institutionen ermögliche und somit auch den Blick auf die Legitimität normativer Systeme eröffne. Demgegenüber wird der mikroinstitutionalistische Ansatz eher kurz abgehandelt und besteht größtenteils in der Schilderung eines Laborexperiment zur sozialen Einflussnahme von Zucker aus dem Jahr 1977.

Die Aktualität und Bedeutsamkeit als eine der „international…..führenden Organisationstheorien“ (S. 332) des Neoinstitutionalismus ergibt sich, so der Autor, insbesondere aus ihrem Nutzen für das strategische Management. Die Grundfrage laute: Welche strategischen Vorteile sind aus einer Anpassung an die Umwelterwartungen oder auch aus der Abweichung von diesen zu erwarten? Sind Organisationen passiv den Anforderungen aus der Umwelt ausgesetzt oder können sie selber agieren, um die notwendige Legitimität zu schaffen, zu erhalten und zu maximieren? Hier werden die strategischen Reaktionsmöglichkeiten nach Oliver ebenso herausgearbeitet wie die Folgen von Deinstitutionalisierung infolge veränderter Umweltbedingungen, etwa gewandelter normativer Erwartungen in einer pluralisierten Gesellschaft. Der Autor beschreibt aber auch die Nicht-Geschlossenheit der neoinstitutionalistischen Theorie, bewertet die mannigfachen und anhaltenden Diskussionen innerhalb des Theoriegebäudes jedoch positiv mit den Worten „Sie zeugen davon, dass eine Theorie ‚lebendig‘ ist und die Diskussion derselben lebhaft.“

Soweit die exemplarische Darstellung des 8.Kapitels. Die Tiefe und Ausführlichkeit insbesondere hinsichtlich der differenzierten Darstellung der Weitverzweigtheit der je unterschiedlichen Theoriestränge in den einzelnen Kapiteln kann hier nur unzulänglich erfasst werden. Allen Kapiteln ist eine extrem verdichtete Darstellung und komprimierte Sprache zu eigen, dafür werden aber auch, um im Bild des Theoriegebäudes zu bleiben, alle möglichen Hausfundamente, Anbauten, Erker, Nebengebäude, Räume für viele Familienmitglieder und letztlich die Dachfirste und Fenster mit weitem Ausblick skizziert.

Diskussion

Die Anschaffung dieses umfangreichen Standardwerkes ist nicht nur für Studierende sozialwissenschaftlicher einschließlich betriebswirtschaftlicher Studiengänge lohnend. Man kann es hervorragend als Lehrbuch nutzen, dafür wurde es konzipiert. Doch ebenso lohnend ist der Gebrauch als umfangreiches Nachschlagewerk. Trotz der verschiedenen Autorenschaften ist es auch in dieser Auflage gelungen, eine stringente und schnelle Orientierung über Organisationstheorien zu ermöglichen aufgrund der übersichtlichen Gliederungen der einzelnen Kapitel, des gut lesbaren Sprachduktus und der vielen Literaturhinweise auf Primärliteratur.

Leseunfreundlich ist allerdings die sehr kleine Schriftgröße gepaart mit maximaler Zeilenlänge. Bei einem Umfang des Buches von insgesamt 535 Seiten wäre eine besser lesbare Ausgabe der Printversion offenkundig druckereibedingt zu umfangreich geworden. Wer über die technischen Voraussetzungen verfügt, sollte sich daher für die Downloadversion entscheiden.

Fazit

Bei dieser Veröffentlichung handelt es sich um ein Standardwerk, welches überaus kenntnisreich und differenziert die wichtigsten Organisationstheorien von Max Webers Bürokratieansatz bis hin zur Netzwerktheorie und zu Luhmanns Systemtheorie hinsichtlich ihrer Entstehungsgeschichte, ihrer Grundannahmen, ihrer Hauptaussagen, Anwendungsbereiche und Weiterentwicklungen portraitiert. Eine kritische Würdigung schließt jedes Kapitel ab. Die beiden Herausgeber und die weiteren 13 beteiligten Autoren und Autorinnen haben die achte erweiterte und aktualisierte Auflage eines Lehrbuches vorgelegt, welches mit Sicherheit noch viele Generationen von Studierenden und andere Interessierte begleiten wird, die der Frage nachgehen wollen, wie und warum Organisationen überhaupt funktionieren und welche unterschiedlichen Denkmodelle und Erklärungsansätze hierfür entwickelt wurden.


Rezension von
Dipl.-Sozialpädagogin Iris Jänicke
Dipl. Sozialpädagogin, Diakoniemanagement M.A., Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes Lüdenscheid-Plettenberg
Homepage www.xing.com/profile/Iris_Jaenicke2?sc_o=mxb_p
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Zitiervorschlag
Iris Jänicke. Rezension vom 24.01.2020 zu: Alfred Kieser, Mark Ebers (Hrsg.): Organisationstheorien. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 8., erweiterte und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-17-034896-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25980.php, Datum des Zugriffs 20.02.2020.


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ISSN 2190-9245

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