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Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.): Rausch - Trance - Ekstase

Cover Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.): Rausch - Trance - Ekstase. Zur Kultur psychischer Ausnahmezustände. transcript (Bielefeld) 2016. 262 Seiten. ISBN 978-3-8376-3185-2. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.

Reihe: Edition Kulturwissenschaft - Band 78.
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Thema

Rausch, Trance und Ekstase werden als psychische Ausnahmezustände seit jeher in gesellschaftlich-kulturellen Abgrenzungs-, Wissens- und Bewusstseinsdiskursen verhandelt. Wo sie aus einer kontemporär-westlich geprägten Perspektive als nicht viel mehr als bloße Realitätsflüchte erscheinen mögen, werden sie durch die polydisziplinäre wissenschaftliche Behandlung des Bandes vielmehr als im Herzen so zentraler Konzepte wie jenen des aufklärerischen rationalen Menschenbildes oder der modernen ökonomischen Gesellschaftsordnung ersichtlich. Die nüchterne Betrachtung stellt sie als reiche Phänomenbereiche heraus, welchen man in einfachen annehmenden oder ablehnenden Urteilen nur selten gerecht wird. Die Ausdifferenzierung dieser Phänomene redet Freud das Wort, da die Unheimlichkeit von Rausch, Trance und Ekstase in ihrer Nähe zum Heimeligen zu liegen scheint.

Herausgeber und Herausgeberin

Michael Schetsche hat in Berlin Politikwissenschaft studiert, wonach er in Bremen in Soziologie promovierte, sowie habilitierte und schließlich – auch in Bremen – als Privatdozent für Soziologie tätig wurde. Seit 2002 ist er außerplanmäßiger Professor in Freiburg sowie Forschungskoordinator am Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP). Seine Forschungsinteressen betreffen mitunter Wissens- und Mediensoziologie, Kulturanthropologie und Xenologie.

Renate-Berenike Schmidt hat in Berlin Erziehungswissenschaft studiert, anschließend promovierte sie in Bremen zu „Sexualität in Biologiebüchern“. Ebenso in Bremen habilitierte sie zum „Lebensthema Sexualität“. Sie besitzt die Venia Legendi für Erziehungswissenschaft und Sozialisationsforschung, arbeitet und lebt derzeit in Freiburg im Breisgau.

Entstehungshintergrund

Die Arbeit ist als 78. Band der Edition Kulturwissenschaft des Transcript Verlages erschienen. Der Sammelband ist dem jüngst verstorbenen Christian Kaden gewidmet, welcher den Beitrag „Klang als Brücke zwischen den Welten“ verfasste.

Der vorliegende Sammelband ist Rausch, Trance und Ekstase und der Kultur psychischer Ausnahmezustände gewidmet. Die Beiträge diskutieren die Rolle von bewusstseinsverändernden Substanzen und Praktiken von der Antike bis in die Gegenwart und betrachten dabei sowohl außereuropäische als auch europäische kulturelle Kontexte. Die Gegenstandsbereiche in denen außergewöhnliche Bewusstseinszustände reflektiert werden, erstrecken sich über deren Verhältnis zu staatlicher Kontrolle, Krieg, Religion, Kunst, etc. und betreffen dabei Praktiken wie etwa den Tanz, das Musizieren, die Leistungssteigerung, Sex, etc. Die Beiträge umfassen ihrer Typik nach sowohl theoretische Analysen, historische Berichte, psychologische Deutungen als auch Fallstudien und teilnehmende Beobachtungen. Aus der Gesamtheit der polydisziplinären Perspektiven erscheinen Rausch, Trance und Ekstase als Kontrastfolie zu einer seit der Aufklärung rationalen Gesellschaftsordnung, wie sie gleichsam als Fluchtpunkt für Ausstiegsstrategien ersichtlich werden. Letztlich wären viele zentrale Kulturphänomene wie Musik, Religion, Krieg und Rationalität ohne unter anderem durch psychische Ausnahmezustände gebildeten Gegenhorizont nicht zur Gänze verständlich.

Aufbau

Die Arbeit umfasst abzüglich einer vorangestellten Einleitung durch die HerausgeberInnen (Außergewöhnliche Bewusstseinszustände in der Moderne) elf Kapitel, welche sich aus vielfältigen disziplinären und theoretischen Perspektiven der thematisch leitenden Begriffstriade „Rausch, Trance und Ekstase“ annähern.

  1. Die Zeit des Rauschs (Robert Feustel)
  2. Drogenfreie Zone. Zur Rauschkultur der DDR (Ina Schmied-Knittel)
  3. Rausch und Konsum psychotroper Substanzen in Kriegssituationen. Eine fragmentarische Bestandsaufnahme aus sozialwissenschaftlicher Perspektive (Wolf-Reinhard Kemper)
  4. Rausch, Trance, Ekstase – und das gesellschaftliche Unbewusste (Lorenz Böllinger)
  5. Die rationale Organisation von Entgrenzung. Zur Soziologie des sexuellen Rausches (Thorsten Benkel)
  6. Dionysische Ekstase in der griechischen Antike (Susanne Gödde)
  7. „Manchmal tanze ich auf Dornen!“ Ekstase und Trance im Sufi-Islam (Jürgen Wasim Frembgen)
  8. Ayahuasca, schamanische Trance und Santo Daime (Gebhard Mayer)
  9. Ausnahmezustände. Von der besonnenen Begeisterung zum kommerzialisierten Rausch (Joseph Imorde)
  10. Rausch und Ekstase als choreographische KörperSzene (Sabine Huschka)
  11. Klang als Brücke zwischen den Welten. Musik und Trance, Musik und Ekstase (Christian Kaden)

Kapitel 2, 5, 7 und 10 beinhalten Theoriearbeiten zu Rausch, Trance und Ekstase i.w.S. Kapitel 3, 4, 7, 8 und 9 befassen sich damit in unterschiedlichen kulturellen Kontexten und beinhalten dabei Theoriearbeiten gleichermaßen wie Fall- und Feldstudien. Kapitel 11 und 12 sind vornehmlich damit beschäftigt, diese psychischen Ausnahmezustände in ein Verhältnis zur Kunst zu stellen.

Inhaltsdiskussion

Eine den ganzen Band durchziehende Leitthese zum Verhältnis von Rausch und Rationalität formulieren der Herausgeber und die Herausgeberin in der Einleitung wie folgt:

„In auf permanente Selbstkontrolle und rationales Handeln der Subjekte abstellenden modernen Gesellschaften liefern (in der Psychologie so genannte) außergewöhnliche Bewusstseinszustände einen kulturellen Gegenhorizont im doppelten Sinne. Rausch, Trance und Ekstase sind – als individuelle wie als kollektive Erfahrungen – einerseits Ausgangspunkt von Abgrenzungsdiskursen und -praktiken, mittels derer die alltägliche soziale Ordnung hergestellt und abgesichert wird. Andererseits stellen sie für viele Subjekte Ausstiegsstrategien aus dem gut organisierten und kontrollierten Alltagsleben bereit, die individuell und auch kulturell überhöht, gelegentlich sogar mythisiert werden (können)“ (S. 8–9).

Gemäß dieser Leitthese entfalten die unterschiedlichen Beiträge in ihrer Gesamtheit eine Perspektive der Verschränkung auf Wissens-, Bewusstseins- und Gesellschaftsdiskurse, wie sie nicht nur im Umgang mit Rauschmitteln, Riten, Kunst etc. entwickelt werden, sondern vielmehr auch, wie sie den Umgang mit diesen entwickeln, mithin jene diese regeln. Als solche leistet jene Perspektive einen wichtigen Beitrag die sog. „psychischen Ausnahmezustände“ aus dem Bereich des Unsagbaren und – wenn nicht das, dann doch den Bereich des – Ungesagten ins Licht wissenschaftlicher Behandlung zu rücken. Grundeinsicht einer solchen aufklärerischen Beleuchtung ist mitunter, dass Rausch, Trance und Ekstase derart reichhaltige Phänomene sind, dass sie schwerlich eindimensional angenommen oder abgelehnt werden können, sei es als angemessener Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung oder i.S. eines moralischen Urteils.

Im ersten Kapitel wird den kulturellen Diskursen über den Rausch, im Besonderen mit Blick auf dessen Zeit, nachgespürt. Dabei beschreibt der Rausch „eine doppelte Zeitdimension“ (S. 47): Einmal lassen sich historisch vielgestaltige Versuche davon rekonstruieren, wie Drogenerfahrungen symbolisiert, allgemeiner gesagt, verarbeitet wurden. Darüber hinaus stellt die „junge Geschichte des Rausches [- insb. im 19 und 20 Jh. – für; W.H.] eine Kartographie des modernen Denkens“ (S. 47) dar, insofern Rauschzustände als ehemalige Kontrastfiguren zu denen der Vernunft, nun von dieser – in einer an Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung erinnernden odysseischen List – bedient und gezielt elizitiert werden. Letztlich zielen kulturell-formierte Rauschdiskurse immer auch darauf ab, dem Rauscherleben über die individuelle Bedeutsamkeit hinaus einen intersubjektiven Sinn zu erschließen (S. 25 f.).

Das Verhältnis von Abgrenzung und Rückverweis zwischen dem Rausch und der Sprache eignet sich zu einer exemplarischen, ausführlicheren Diskussion. Rausch und Sprache scheinen einander gleichermaßen zu implizieren wie zu exkludieren, insofern der Rausch erst im vernünftigen Sprechen bedeutsam wird, wobei die besprochenen Rauscherfahrungen – häufig – als vorsprachlich oder unsagbar ausgezeichnet werden. Das vernünftige Sprechen wiederum vermag erst vermittels des Rausches in den Spiegel zu sehen, sodass sich anhand von Rauschdiskursen erschließen lässt, welches Selbstverständnis vernünftigem Sprechen zugrunde liegt. Die diskursanalytisch typische, Foucault’sche Gestalt einer Teratologie des Außen, von der her erst das Innen des Diskurses begreifbar wird, wiederholt sich ebenso in dem den Begriff des Rausches betreffenden Bedeutungswandel, weg von Rausch als rauschhaftem Wahnsinn i.S. einer ausgezeichneten Wahrheitsschau, hin zum Rausch als einem – nüchtern – rational bedienbaren, Freudianisch-ozeanischen Gefühl. Drogenpolitik und -hype, insbesondere wie sie sich in der Selbstoptimierungskultur der 70er und Techno- wie Raveszenen der 1990er finden, können von dieser Warte als kulturell-diskursive Annäherungen an das vermeintlich Indiskutable verstanden werden. Man könnte geneigt sein, darin zu sehen, dass die ursprüngliche Abgrenzungsgestalt des Rausches jüngst vom ökonomisch-rationalen Kalkül der instrumentellen Vernunft, wie sie besonders deutlich in der Gestalt des warmen Kapitalismus auftritt, verdaut und letztlich entschärft wurde.

Das zweite Kapitel rückt dem Drogenkonsum und Rauscherleben in der DDR zu Leibe. Dabei wird insbesondere das – vornehmlich westdeutschen Vorurteilen zuwiderlaufende (S. 26) – Verhältnis von sozialistisch-strenger Drogenpolitik und scheinbar frei flottierender gesellschaftlicher Akzeptanz von massivem Alkoholkonsum beleuchtet. Wenngleich staatlich Bedingungen sichergestellt wurden, die die Abwesenheit illegaler Drogen bedingten (S. 61), etwa vermittels Grenzkontrollen und eingeschränkter Reisefreiheit, aber schließlich wiederum mitbedingt wurden durch die schwache Währung, zeigt sich die Rolle legaler Drogen, d.h. die des Alkohols, sowohl als konservativ, herrschaftsaffirmativ, wie auch als revolutionär und unkontrollierbar (S. 67 f.). Das Bild des ostdeutschen Alkoholkonsums als Betäubung und Flucht vor untragbaren, repressiven Verhältnissen greift zu kurz, denn dieser wurde ebenso als bloßes Mittel zur Energiezufuhr (S. 66) oder mit dem Ziel einer Intensivierung des Erlebens (S. 67) konsumiert. Dabei machte Alkohol gleichermaßen mundtot und gefügig, wie er enthemmt und aufständig machte. Gemäß der Autorin wäre es womöglich „ohne das alkoholzentrierte System nie zur Wende gekommen“ (S. 68).

Dass das Verhältnis des Staates zu Drogen untergründiger ist, als man zu glauben geneigt wäre, zeigt auch das dritte Kapitel. Der geschichtliche Bericht illustriert, inwiefern Kriegssituationen einen Ausnahmezustand bilden, was die staatliche Behandlung von Drogen angeht – nicht nur verbreiteten sich viele Wahrheits- oder Leistungsdrogen im Westen erst über diverse Kriege, so etwa Coffea arabica aus der zweiten Belagerung Wiens 1638 (S. 86) oder aber D-IX, ein Kokain-Pervitin-Eukodal-Präparat, welches im Konzentrationslager Sachsenhausen 1944 entwickelt wurde (S. 89). Vielmehr kommt Drogen – handelt es sich nun um Hypnotika, Analgetika oder Stimulanzien – auch in der Selbstwahrnehmung der Soldaten ein entscheidender Anteil bei der Missionserfüllung zu (S. 90). Lévinas behält somit Recht, wenn er den Krieg als dasjenige bezeichnet, angesichts dessen die Moral lächerlich wird: Drogeneinsatz zur Bewältigung ansonsten unerträglicher Situationen, welcher in Friedenszeiten staatlich gefahndet wird, wird in Kriegszeiten massenwirksam verordnet. Man möchte i.d.S. ferner dazu geneigt sein, das Foucault’sche Philosophem der Biopolitik auf dasjenige der Psychopolitik hin zu erweitern – die Gelehrsamkeit und die instrumentelle Verfügbarkeit des Subjekts endet nicht an der Sphäre des Innerpsychischen.

Einer weiteren Facette des Verhältnisses des Staates zu Drogen nähert sich das vierte Kapitel aus tiefenpsychologischer Perspektive. Um zu erklären, weshalb „Drogenstrafrecht bis heute Moralstrafrecht geblieben ist“ (S. 26) und letztlich entgegen der für „sinnwidrig“ (S. 106) befundenen, in Therapie-Richtlinien institutionalisierten, Erschwerung der psychotherapeutischen Behandlung von Drogenabhängigen zu arbeiten, bemüht der Autor die Idee des kollektiven Unbewussten. So sollen illegale Drogen vom Sexualtabu erfasst werden, sofern sie – zumindest in der Phantasie – einen Moment der grenzenlosen Luststeigerung einschließen, eine Ekstase, aber auch nach Wiederholung verlangen, und zwangsartige Süchte schüren. Damit ist gleichsam Goethe oder Nietzsche das Wort geredet: Der lustvolle Augenblick soll ewig verweilen. Die Analogie zur Sexualität lässt sich darüber hinaus eine Bedeutungsverschiebung anhand der Dimensionen des Innen und des Außen, des Privaten und des Öffentlichen anreichern: Sex gleichermaßen wie Drogen können im Privaten als das gute Objekt schlechthin gesehen werden, dasjenige, das aufzusuchen eine Einkehr in das ozeanische Gefühl überhaupt bedeutet, wohingegen der Überschlag ins Öffentliche das Objekt gleichsam in ein schlechthin böses verwandelt, nämlich indem es hier Gegenstand von Repression und Scham (werden kann und) wird, und dessen äußere Kritik gleichermaßen die Öffentlichkeitsfähigkeit des Subjekt in Frage stellt. Auf dem Spiel steht nichts geringeres als die Diskurs- und Gesellschaftsfähigkeit des Subjekts.

Das fünfte Kapitel liefert eine soziologisch eingestellte Untersuchung insbesondere des sexuellen Rausches und dessen rationaler Organisation in kulturellen Praxen, etwa der Pornographie. Schon bei oberflächlicher Betrachtung sticht ins Auge, dass der im Sex erreichten Ekstase eine Sonderstellung zukommt, sofern sie substanzunabhängig herbeiführbar ist (S. 113). Dennoch ist das darin auftretende, vor-wertige Rauschhafte (S. 116) einem Mittel-Zweck-Rational zugänglich (S. 116). Dies artikuliert sich mitunter in der „hyper-individualistische Maßlosigkeit“ (S. 119), wie sie von der Pornographieindustrie bedient wird, vermittels einer Spektakularisierung des Unsichtbaren erreicht wird (S. 116), in der „(para-)sozialen Interaktion“ der Masturbation (S. 111) ausagiert wird und letztlich im Verlust des Geheimnisvollen am Sex mündet (S. 114). Theoretisch kann mit de Sade (S. 117) einerseits die vernünftige Ordnungswidrigkeit des Sexes gefasst werden im Sinne eines kalkulierten Grenzüberschrittes, d.h. wiedermals als eine Weise, wie auf vernünftigem Wege das Vernünftige – je nach Situation lediglich beinahe – überschritten wird, aber andererseits auch einen Aspekt des rauschhaften Sich-Gehen-Lassens an sich trägt. Folgt man Bataille, so bedarf es gerade für den zweiten Aspekt einer (Nicht-)Logik des Umsonst, d.h., dass es das Verschwenderische hierfür stark zu machen gilt, entgegen einer Konzeption der Lust nach Maß (S. 122 f.), welches auch immer dafür gewählt werde. Aber schon bei Plessner und bei Nietzsche wird das im Sex erlebbare gleichzeitig-gleich-und-anders-mit-sich-selbst-Sein in den Status einer anthropologischen Konstante erhoben – das ekstatische am Sex exzentriert den Menschen: Der Mensch ist das wahnwitzige Tier (S. 125).

Das sechste Kapitel entfaltet eine historische Analyse des Dionysos-Kultes im antiken Griechenland. Hierbei steht die Beschreibung religiöser Festivitäten, die zu Ehren des Rauschgottes durchgeführt wurden, im Vordergrund. So etwa die Oreibasie, was die nach einem Kultkalender (S. 135) getaktete Tradition eines ekstatischen Laufes durch die Berge meint (S. 132), häufig mit dem Ziel der Ômophagie, dem Rohfleischfraß. Wenn in der Oreibasie die Ekstase aus dem Wechselspiel von lustvoller Gewalt am Sparagmos (S. 141) – der Zerreißung des Opfertieres, -menschen oder -gottes (der Dionysos der Orphiker wurde von den Titanen zerrissen und gefressen, wobei sein Herz verschont blieb, aus welchem Athena (je nach Textgrundlage auch Andere) Dionysos wiederherstellten) – und einem erlebten Kontrollverlust besteht (S. 147), dann rücken die Frauenfeste der Bakchen (S. 138) mehr die sexuell-erotische Komponente in den Fokus, etwa vermittels inszenierten Sexes und Hochzeiten mit dem Gott. Das disruptive Potenzial gegenüber männlich geprägter Hegemonie solcher kultureller Praktiken tritt spätestens dann ins Licht, bedenkt man die auf Platon (S. 150) und Euripides (S. 148) zurückgehende Annäherung von Vernunft und Wahnsinn – verfällt man nur dem rechten Wahn, d.h. respektive dem göttlichen oder dem asiatischen Wahn, dann bedeutet das gleichsam, in einem privilegierten Verhältnis zur Wahrheit zu stehen. Neben der Geschlechterfrage rückt diese historische Analyse somit ebenso die Frage nach den erschwerenden Folgen dieser Amalgamierung des Wahnsinnes mit der Vernunft in der Erfassung und Behandlung psychischer Störungen ins Bewusstsein: Lebt der Demente tatsächlich näher an den Werten, „die wirklich wichtig sind“? – oder hat man es vielmehr einfach mit einer Romantisierung eines Krankheitsbildes zu tun?

Im siebten Kapitel wiederum wird dem Verhältnis von Religion, Ekstase und Trance anhand noch heute gebräuchlicher kulturell-religiöser Praxen des Sufi-Islams nachgegangen. Dessen „Wesenskern“ zielt auf eine „Transformation des Selbst“, mitunter vermittels „gefühlsbetonter Religiösität“ (S. 157), welche etwa durch Gottgebete, traditionelle, rauschhafte Tänze oder aber Besessenheitsriten praktiziert werden (S. 168). Der der abendländischen Islamperzeption entgegenlaufende „sinnenfrohe“ (S. 27) Blick auf diese Religion, die vermittels Trancetechniken und Rauschmitteleinsatz auch den Cartesianismus und Logozentrismus zu unterwandern sucht, indem Grenzerfahrungen der Art einer „unio mystica“, einer Verschmelzung mit Gott, angestrebt werden, überführt der Autor schließlich auch in ein Plädoyer für eine mehr genderinklusives Islamverständnis (S. 173). Der Appell dieses Beitrages entfaltet seine Wirkung vermöge der bereits globalisierten Kultur außergewöhnlicher Bewusstseinszustände: In diesem Fall, wenn man so will, überbrücken Trance und Drogenkonsum religiöse Fremdheit.

Ebenso beschäftigt sich das achte Kapitel mit der Verquickung des Einsatzes psychoaktiver Substanzen – nämlich Ayahuasca (und verwandte) – durch neu entstandene Religionen in Brasilien – vorrangig die in den 1930ern gebildete Ayahuasca-Religion Santo Daime. Dabei wird nicht lediglich das Spannungsverhältnis von Drogenstrafrecht und Religionsfreiheitsrecht augenfällig (S. 27, 191), sondern es rücken auch soziologisch und politisch brisante Transformations- und Korruptionsbeziehungen entlang der Intersektion von substanzinduziertem Rausch, (regionaler) Religion und (touristischer) Ökonomie in den Blick. Der Beitrag schildert, wie Ayahuasca für die Suche nach kognitiven Universalien menschlicher Schöpfungskraft interessant werden kann (S. 182) und illustriert dies eindrücklich anhand des Berichts einer teilnehmenden Beobachtung einer dem Thema „Liebe“ gewidmeten Ayahuasca-Zeremonie (Kapitel 4.2). Anders als die Drogenkultur der 60er und 70er darauf zielte, Freiheit von kultureller und staatlicher Repression zu erlangen, ist es denn der Santo Daime Religion mehr daran gelegen, Freiheit von den Repressionen der eigenen Sinnlichkeit, des eigenen Fleisches zu erlangen (S. 190 ff.). Die Kultur rund um Ayahuasca kann in diesem Sinn als eine Verjüngung des platonischen Soma-Sema Gedankens verstanden werden, wenngleich sie, da sie von Beginn an innerhalb ökonomischer Rationale sich entfaltet, Gefahr läuft, in Selbsttherapierungstechniken – etwa zum Zwecke der Selbstoptimierung – herrschaftsprolongierend zu wirken: Dies artikuliert sich gleichsam im Drogentourismus wie in westlich-entfremdeter Gelassenheitskulturen.

Das neunte Kapitel diskutiert die Rolle des Rausches, etwa die der Begeisterung und des Enthusiasmus in den bildenden Künsten. Hierbei liegt der Fokus mehr auf den kulturellen Diskursen drogengestützter Kunstproduktion vom 18 bis ins 20 Jh. denn auf abweichendem Erleben in der Kunst (S. 27 f.). Treibende Intuitionen solcher Diskurse bestehen etwa darin, dass Kunst ohne Enthusiasmus zur ‚bloßen‘ Technik herabsinkt (S. 202) oder aber, dass es eine echte und eine falsche Begeisterung in der Kunst gebe (S. 203). Letzteres versteht sich am Besten in einer Anleihe bei Novalis Unterscheidung zwischen einem Rausch aus Stärke und einem solchen aus Schwäche, wobei ersterer durch eine Balance von Besonnenheit und Begeisterung ausgezeichnet ist, letzterer hingegen substanzinduziert „viel lebhaftere und durchdringendere Sensationen ermöglichte“ (S. 205). Hieran angelagert ist ein Kunstverständnis, das sie entweder als Vertiefung der Tradition oder aber als Eskapismus im Rausch fasst (S. 209). Ausnahmezustände fungierten allerdings ebenso als avantgardistischer Modegestus der Abgrenzung (S. 210). Der mit Glotz als anthropologische Konstante gefasste Rausch (S. 207) in der Kunst trägt es allerdings an sich, dass die Begierde nach ihm – nun mit Schlegel (S. 209) –, durch den in ihr liegenden Wiederholungsdruck, verrohend und abstumpfend wirkt. Im Wiederholungsdruck rauschhafter Begeisterung in der Kunst könnte ein weiterer Mechanismus angesprochen sein, welcher grandioses Kunstschaffen und Wahnarbeit einander annähert.

Gegenstand des zehnten Kapitels ist das (Ausdrucks-)Verhältnis von Rausch und Ekstase im choreographischen Tanz, betrachtet anhand einiger Tanzender des 19. und des 20. Jh. Der Ekstase wie auch dem Rausch kommt hierbei eine Doppelrolle zu: Einmal, sofern sie als Erlebnis durch die Aufführenden angestrebt werden, unterlaufen sie das „Blickregime der Bühne“ (S. 222). Andererseits zielt das Bühnenspiel qua Aufführung gleichsam darauf ab, das Publikum zu affizieren. Eine Technik der „choreographischen Reflexion“ – nach Uhlich (S. 234 f.) – ist die Wiederholung einer Bewegung in Verbindung mit motorischer Variation, wobei eine Verselbstständigung der Bewegung den Grenzgang zur Ekstase bedeuten soll. Prominentes Beispiel hierfür ist Wigman, die „Choreosprache des Leids und der Transzendenz“ inszeniert, indem sie in dem für sie charakteristischen variierten Drehtänzen eine Gegenfigur zur dionysischen sowie zur sufi-islamischen Tradition entwickelt (S. 224 ff.). Hier, wie für die Kunst im Allgemeinen, macht die Autorin Nietzsches Wort stark, dass der Rausch als physiologische Vorbedingung für die Kunst und das ästhetische Tun und Schauen unersetzlich ist (S. 223). An den Phänomenen des Rausches und der Ekstase stellt sich die Ausdrucksfrage im Bühnenspiel neu: Einerseits ist fraglich, ob sie tatsächlich – obgleich der privaten Natur dieser außergewöhnlichen psychischen Zustände – unersetzliche Vorbedingung für den intendierten Ausdruck sein können und andererseits ist fraglich, was denn da – wenn überhaupt etwas – im Bühnenspiel ausgedrückt wird.

Im letzten Kapitel rückt das Verhältnis von Musik und Trance, sowie jenes von Musik und Ekstase in den Aufmerksamkeitsfokus. Der Autor spannt dabei den großen Bogen von der Antike bis in die Gegenwart, sowie jenen von außereuropäischen Kulturen bis zur europäischen Klassik (S. 28). Eine der Kernthesen hierbei ist, dass Musik, gleichsam wie Drogen, als Passagen fungieren, die vermittels Steigerung(sdynamiken) und (rhythmischer) Monotonie (zuzüglich etwaiger tonaler Oszillation) systematisch eine Labilisierung habitualisierter Wahrnehmungsmuster herbeiführen (S. 243). Aus den Kulturbetrachtungen wird klar, dass die Rolle der Musizierenden bei entsprechenden Ritualen – etwa jenen der Sufis – in einem doppelten Verhältnis zu der Trance steht: Einerseits können sich die Musizierenden analog zu den übrigen Ritualteilnehmenden in Trance versetzen, sich fallen lassen, oder andererseits selbst eine professionelle Immunität wahren, d.h. die Trance lediglich bei den anderen induzieren (S. 244). Aufschlussreich ist, dass häufig das Ansehen der Musizierenden selbst unter dasjenige der Handwerkenden sinkt, wenn sie im bloß induzierenden, nicht-teilnehmenden Verhältnis zur Trance im Ritus stehen (S. 249) (die Triangulierung von Musik, Ansehen und Ekstase, wiederum, verhält sich weitgehend analog, was etwa an der prestigeträchtigen Inszenierung sexueller Vereinigungen (im Sinne des Einswerden) mit Gott einzusehen ist (S. 246, 248, 252). Psychische Ausnahmezustände werden durch Musik nicht nur ermöglicht, wodurch der „Klang als Brücke zwischen den Welten“ (S. 239) auszuzeichnen ist, sondern ebenso sind musikalische Hingabe, gesellschaftliche Anerkennung und solche Ausnahmezustände eng ineinander verwoben.

Schließlich noch ein Wort zur Formatierung. Der Transcript-Band lässt (wie zu erwarten) wenig Raum für Kritik und ist durchweg gelungen. Einzig augenfällig bleibt ein Schnitzer, der in der Unregelmäßigkeit der Einschiebung einer freien Seite nach dem Literaturverzeichnis eines Beitrags und vor der ersten Seite des nächsten Beitrages besteht: manches Mal bleibt eine Seite frei, manches Mal nicht.

Da das Schlusswort des Bandes sich ebenso hervorragend eignet, diese Rezension zu beenden, weil sie noch einmal die den gesamten Band durchziehende Intuition stark macht, dass die Triade von Rausch, Trance und Ekstase tiefer ist, als man gemeinhin anzunehmen geneigt ist – und sich damit eignet, die eigenen Präjudikationen als fraglich erscheinen zu lassen –, indem sie ein Plessnerianisch anmutendes Plädoyer für die in den formalen Letztkategorien des Menschenseins angelegte Selbstrelativierung entfaltet, soll es dem jüngst verstorbenen Christian Kaden zu Ehren ihm gehören:

„Was Menschen offenbar immer wieder anzieht, wozu es allerdings des Trainings und der Motivation bedarf, ist die Befreiung aus dem Gefängnis ihres Körpers – und ihres empirischen Ichs. Dessen Vervielfältigung: im Widerspiel von Mensch und Naturgeist, Mensch und Totem, Mensch und Gott – muss nicht zu einer schizoiden Disposition führen. Es kann in der Stabilisierung von Mehrfach-Identitäten, systemisch, das Selbst stärken. Dass die Jugendkulturen unserer Tage nicht selten, und auch ohne ethnologisches Wissen, eine „Neotribalisierung“ anstreben (Maffesoli 1988), ja eine Wiederkehr der Riten und eine „Wiederverzauberung der Welt“ (Berman 1985), sollte nicht als Rückfall in die Barbarei gescholten werden. Die Zeugnisse der Geschichte wissen es anders. Noch einmal sage ich: Es könnte Sinn stiften, wenn wir die Kunst der Selbstrelativierung erlernten – nichts anderes vielleicht als eine höhere Form der Selbstbescheidung“ (S. 256 ff.).

Fazit

Alles in allem wird der Sammelband der durch die Herausgeber formulierten Eingangsthese insofern gerecht, als dass über die sukzessive Differenzierungsanreicherung, die mit einem jeden der Beiträge einhergeht, Rausch, Trance und Ekstase in ihrem Verhältnis zu Ordnungsbegriffen, insbesondere jenen der Selbstkontrolle und der Rationalität, als janusköpfig ausgewiesen werden. Nicht nur sind sie Gegenstand von Abgrenzungsdiskursen, sondern sie werden gleichsam Objekt von Fluchtphantasien. Die Abgründigkeit dieses Gegenhorizontes zur „bestehende Ordnung“, welcher in sogenannten „außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen“ konstituiert wird, liegt gleichsam darin, dass sich deren Beziehung bei genauerer Betrachtung als falsche Dichotomie herausstellt. Außergewöhnliche Zustände ermöglichen nicht selten einen privilegierten Zugang zu introspektiver Einsicht, religiöser Offenbarung oder schlechthin Menschen- und Weltkenntnis. Die Gedankenbewegung des Bandes folgt einer erhellenden und gelungenen durchgehaltenen internen Struktur, welche sich von allgemeinen zu speziellen Verhältnisbestimmungen zwischen psychischen Ausnahmezuständen und verschiedenen Ordnungs- oder Kulturfiguren und -diskursen fortpflanzt. Zugespitzt ließe sich im Sinne des Sammelbandes die programmatische Formel aufstellen, dass ohne Rausch, Trance und Ekstase und die sie betreffenden Diskurse, Begriffe wie Vernunft, Selbstkontrolle oder Ordnung unverständlich blieben.

Summary

The present collection is dedicated to delirium, trance and ecstasy and the culture of exceptional psychical states. The entries discuss the role of consciousness altering substances and practices from the antiquity to the present and investigate non-European as well as European cultural contexts. The fields of study, in which exceptional conscious states are reflected, concern their relation to state control, war, religion, art, etc. and target practises such as dancing, making music, improvement of performance, sex, etc. The entries encompass theoretical analyses, historical reports, psychological interpretations as well as case studies and participating observations. From the totality of the polydisciplinary perspectives, delirium, trance and ecstasy appear as a contrast foil to a rational order of society, that is influenced by enlightenment. Further, they can be seen at the core of escape strategies. Lastly, many central cultural phenomena like music, religion, war and rationality would be rendered incomprehensible as a whole, without regarding the counter-horizon built by – amongst others – exceptional psychical states.


Rezension von
Hannes Wendler
B.Sc. (Psychologie), B.A. (Philosophie)
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Zitiervorschlag
Hannes Wendler. Rezension vom 09.12.2019 zu: Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.): Rausch - Trance - Ekstase. Zur Kultur psychischer Ausnahmezustände. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3185-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25981.php, Datum des Zugriffs 11.08.2020.


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