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Eveline Ammann Dula: Familienleben transnational

Cover Eveline Ammann Dula: Familienleben transnational. Eine biographieanalytische Untersuchung einer Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien. transcript (Bielefeld) 2019. 408 Seiten. ISBN 978-3-8376-4607-8. D: 39,99 EUR, A: 39,99 EUR, CH: 48,70 sFr.

Reihe: Kultur und soziale Praxis.
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Thema

Die qualitativ-empirische Studie verbindet transnationale Migrationsforschung mit Biographie- und Intersektionalitätsforschung. Gegenstand der Forschungsarbeit ist die intergenerationale Transmission von Migrationserfahrungen im transnationalen Migrationskontext, und zwar familialen Generationsbeziehungen und den durch den transnationalen Migrationsprozess weiter vermittelten Werten und Normen. Im Zentrum steht eine Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien mit kosovarischen Wurzeln. Insbesondere wird vor diesem Hintergrund die Verwobenheit individueller Lebensverläufe im intergenerationellen Kontext mit den gesellschaftlichen Strukturen untersucht zwischen der Schweiz und Jugoslawien, reflektiert sowohl aus der Schweizer wie auch der jugoslawischen Perspektive. In der Studie wird die Biographieforschung mit den soziokulturellen Grenzziehungen verbunden und dabei die Bedeutung vielfältiger sozialer Ungleichheiten für intergenerationelle Transmissionsprozesse herausgearbeitet.

Die vorliegende Studie ist als Dissertation im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/Main vorgelegt worden.

Autorin

Dr. phil. Eveline Ammann Dula ist Dozentin im Departement Soziale Arbeit der Berner Fachhochschule. Die Arbeitsschwerpunkte der Autorin sind: Migrations- und Biographieforschung, Intersektionalität und soziale Ungleichheiten.

Aufbau

Die Monographie gliedert sich inklusive Einleitung in acht Kapitel. In den Kapiteln zwei bis fünf geht es um theoriebezogene Näherungen. In den umfangreichen Kapiteln sechs und sieben steht die empirische Erhebung und Auswertung im Mittelpunkt. Das achte Kapitel liefert ein Fazit.

Das Kapitel zwei (nach der Einleitung als Kapitel eins) gibt einen Einblick in intergenerationale Transmission im transnationalen Migrationskontext mit Blick auf Familien und Generationen, während im dritten Kapitel theoretische Zugänge zu Biographieforschung und soziale Ungleichheiten im transnationalen Migrationskontext im Zentrum der Darstellung stehen. Das vierte Kapitel widmet sich den methodischen Zugängen und dem methodologischen Rahmen der biographischen Fallrekonstruktionen. Im fünften Kapitel geht es um die Verflechtungsgeschichte der Migrationsprozesse zwischen Jugoslawien und der Schweiz in der jeweiligen länderbezogenen Sicht.

Im Zentrum des sechsten Kapitels stehen die Ergebnisse der sieben Fallrekonstruktionen beider Elternteile und ihrer fünf Kinder. Diese Fallrekonstruktionen sind die Grundlage für die Beantwortung der drei Fragestellungen (S. 14) der intergenerationalen Transmission von Migrationserfahrungen. Im Vordergrund des siebten Kapitels steht die komparative Analyse der Fallrekonstruktionen mit Blick auf das analytische Konzept der soziokulturellen Grenzziehungen. Aufgezeigt werden dabei familiale Geschlechternormen, Ethnizität und soziale Mobilität als transnationale Positionierungen.

Schlussendlich wird im Sinne eines Fazits die Bedeutung sozialer Grenzziehungsprozesse für die intergenerationale Transmission von Migrationserfahrungen gebündelt dargestellt.

Inhalt

Nach dem Vorwort (von Anna Amelina) werden in der Einleitung neben dem Aufbau der Studie drei forschungsleitende Fragestellungen expliziert. Sie lauten:

  • „Inwiefern werden Differenzerfahrungen in einer Familie im transnationalen Migrationsprozess intergenerational weitergegeben?
  • Wie gestaltet sich die Transmission transnationaler Migrationserfahrungen über verschiedene Generationen hinweg?
  • Welche Bedeutung haben dabei multiple soziale Ungleichheiten im Sinne von soziokulturellen Grenzziehungsprozessen?“

Im zweiten Kapitel werden die Entwicklung der Bedeutung und die Konzeption von Familien im Migrationskontext thematisiert. Danach führt die Autorin beide Erkenntnisstränge in der Konzeption von Familie im transnationalen Kontext zusammen. Dabei geht es um Aushandlungsprozesse, um Zugehörigkeit, Überwindung von Distanzen und schließlich um die Skizzierung der Konzeption von Familie im vorliegenden Forschungsprojekt. Es folgt der Blick auf die Konzeption von Generationen, um anschließend die intergenerationalen Transmissionsprozesse herzuleiten und in der aktuellen transnationalen Migrationsforschung zu verorten.

Im dritten Kapitel werden die theoretischen Zugänge über die Biographieforschung und soziale Ungleichheiten in ihrer Bedeutung für die Migrationsforschung und Transnationalität erschlossen. Dabei wird auch die Überwindung des methodologischen Nationalismus und eines essentialistischen Raumkonzeptes angesprochen. Überdies wird der Frage nach dem Zusammenspiel verschiedener Kategorien sozialer Ungleichheiten im transnationalen Raum nachgegangen. Hierbei wird in die Debatte zu Intersektionalität eingeführt, deren Ziel „das Erkennen von Überschneidungen und Konstruktionen sichtbarer und unsichtbarer Stränge sozialer Ungleichheit“ (S. 54) ist. Ferner wird reflektiert, wie mit dem Konzept der sozialen Grenzziehungsprozesse die Verknüpfung mit verschiedenen Ebenen sozialer Ungleichheiten konzipierbar ist und wie durch die Verbindung der rekonstruktiven Biograpfieforschung mit dem Konzept der soziokulturellen Grenzziehungen individuelle Handlungsmuster in gesellschaftlichen Machtkonstellationen verortbar sind.

In ihren Überlegungen zum methodologischen Transnationalismus im vierten Kapitel bezieht sich die Autorin auf die Forschungen von Anna Amelina und Thomas Faist. Das Herzstück des Kapitels bilden die Ausführungen zur rekonstruktiven Biographieforschung als methodologisches Rahmenkonzept. Dabei hebt die Verfasserin vor allem das Prinzip der Offenheit bei der Datenerhebung und damit einen Verzicht auf hypothesengenerierte Datengenerierung hervor. Die Fragestellungen präzisierten sich im Zuge der Datenerhebung durch die biographisch-narrativen Interviews. Außerdem ergab sich im Zuge der Datenerhebung auch die Beschränkung auf eine Einzelfallstudie von sieben Mitgliedern einer Familie. Diskutiert wird von Eveline Ammann Dula die Notwendigkeit biographischer Reflexivität, um in diesem Zusammenhang den Einfluss der Forscherin auf den Forschungsprozess zu verdeutlichen. Neben dem Prinzip der Offenheit ist das der Kommunikation bei der Datenerhebung biographisch-narrativer Interviews von grundlegender Bedeutung, wie die Autorin betont. Zum Ende des vierten Kapitels werden sechs Analyseschritte vorgestellt: Analyse der biographischen Ereignisdaten, Text und thematische Feldanalyse, Rekonstruktion der Fallgeschichte, Feinanalyse einzelner Textstellen, Kontrastierung der erzählten und erlebten Lebensgeschichte und komparative Analyse.

Das fünfte Kapitel beginnt mit der Beschreibung des gesellschaftlichen Kontextes der Migrationsgeschichte von Jugoslawien mit Blick auch auf den überwiegend albanisch besiedelten Ort im heutigen südlichen Serbien, dem Herkunftsort der Familie. Im Anschluss wird ein Perspektivwechsel zwischen Jugoslawien und der Schweiz vorgenommen. Es werden nun die Migrationsprozesse aus der Sicht der schweizerischen Migrationspolitik erläutert. So gelingt es, den gesellschaftlichen Zusammenhang als Verflechtungsgeschichte vorzustellen. Mit dieser Verflechtungsgeschichte entsteht „die Grundlage für die Analyse von Ungleichheit, Macht, und Gewalt im transnationalen Kontext“ (S. 89). Ein spezifischer Fokus liegt auf dem Kosovo. Vor dem Hintergrund der verwobenen Geschichte zwischen Jugoslawien, Kosovo und Schweiz wird der Bezug zur Produktion und Transformation von soziokulturellen Grenzziehungsprozessen deutlich. Mit dieser Darstellung wird die Basis für die Fallrekonstruktionen der Mitglieder einer Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien geschaffen.

Den Fallrekonstruktionen einer Familie (Vater und Mutter sowie fünf Kindern) widmet sich das sechste Kapitel. Die sieben Fallrekonstruktionen werden nach der knapp beschriebenen Analysemethode (nach G. Rosenthal) dargestellt. Am Ende jeder Fallrekonstruktion steht eine Zusammenfassung der Strukturhypothesen als Vorbereitung auf die komparative Analyse (Kapitel sieben). Die Fallrekonstruktionen beginnen mit den Eltern: Admir und Adifete. Insgesamt werden je zwei Interviews in längerem zeitlichen Abstand geführt. Pointiert werden Kontaktaufnahme und Interviewsituation beschrieben (S. 133 ff.). Admir beschreibt die Kindheit im Dorf, seine Distanzierung vom Herkunftsort, Wehrdienst in Jugoslawien, Migration der Familie in die Schweiz, Trennung der Familie, Investition in Immobilien und Rückkehr in den Kosovo. Zentrales Kennzeichen der Fallstruktur ist: Realisierung des sozioökonomischen Aufstiegs der Familie und Streben nach sozialem Aufstieg über Bildung und Arbeit bei gleichzeitiger Anbindung an den Kosovo als neuen Lebensmittelpunkt der Familie.

Adifete ist die Hüterin des familialen Zusammenhaltes, während der Ehemann als Arbeitsmigrant in der Schweiz ist. Zentraler Interviewpunkt ist die Überbrückung der Trennung vom Ehemann, ihre Migration in die Schweiz, ihren Einstieg in die Erwerbsarbeit und ihre Rückkehr in den Kosovo nach Prizren. Wesentliches Merkmal ist neben der Bewahrung der familialen Geschlechternormen auch die Weitergabe der geschlechtsspezifischen Rollenaufteilung.

In der Reihenfolge der Geburt werden die Fallrekonstruktionen der fünf Geschwister vorgestellt. Wie bei den Fallrekonstruktionen der Eltern werden auch bei den Geschwistern die Analyseschritte dargestellt mit einem letzten Schritt der Zusammenstellung der Fallstruktur. Im Folgenden beschränke ich mich jeweils auf die Darstellung dieses letzten Schrittes.

Abresha, älteste Tochter, in der Schweiz lebend, stellt ihre Orientierung an den Eltern und damit die Frage nach ihrer Zugehörigkeit dar. In der Schweiz führt sie die von ihren Eltern vorgelebte geschlechtsspezifische Rollenteilung weiter, obwohl sie im Gegensatz zu ihrem Ehemann über eine Ausbildung verfügt. Zentral für Abresha ist der soziale Aufstieg der Kernfamilie in der Schweiz als Streben nach Anerkennung, aber auch pragmatisch der Wunsch, die schweizerische Staatsbürgerschaft als Möglichkeit zum Pendeln zwischen dem Kosovo und der Schweiz zu erwerben.

Blerina, zweitälteste Tochter, auch in der Schweiz lebend, steckt im Spannungsfeld zwischen eigenem Lebensentwurf und den Elternerwartungen, letztere realisiert durch die Heirat eines kosovo-albanischen Mannes. Der Verbleib in der Schweiz kennzeichnet aber gleichzeitig die Distanzierung von elterlichen Erwartungen.

Clirim, ältester Sohn, im Kosovo lebend, ermöglicht eine Kontrastierung zu den Falldarstellungen der älteren Schwestern. Im Gegensatz zu ihnen hat er sich nicht um die beiden jüngeren Brüder zu kümmern. Wie die Schwestern erlebt auch er das Spannungsfeld zwischen familialen Erwartungen, verbunden mit dem Kosovo, und einem selbstbestimmten Leben in der Schweiz und damit die Fragen nach der Zugehörigkeit. Sein Streben nach beruflichem Aufstieg wird erst nach der Migration in den Kosovo zu einer zentralen Handlungsstrategie, nicht zuletzt, um so eine Außenseiterposition im Kosovo zu überwinden.

Donikas unterschiedlicher Migrationsprozess ermöglicht eine ausgeprägte Kontrastierung zu den drei älteren Geschwistern. Sie ist nicht verheiratet und lebt noch bei den Eltern im Kosovo. Als jüngste Tochter wird sie weniger in eine geschlechtsspezifische Rollenaufteilung der Familie eingeführt. Donika erlebt die Migration in den Kosovo als Albtraum, findet aber durch beruflichen Aufstieg im Kosovo neue Freunde und Kollegen und kann sich auf diesem Wege auf den Kosovo einlassen. Der berufliche Erfolg schafft für sie die Voraussetzung, familiale und gesellschaftliche Geschlechternormen auszuhandeln.

Egzon, jüngster Sohn, im Kosovo lebend, weist Ähnlichkeiten zu seiner Schwester auf bei gleichzeitig ganz anderer Handlungsstruktur. Er empfindet Zugehörigkeit zu Menschen mit Migrationserfahrungen in der Schweiz und im Kosovo. Durch den erfolgreichen Abschluss seines Studiums hält sich Ezgon die Möglichkeit einer Rückkehr in die Schweiz offen. Ein Visum für das Studium in der Schweiz gestaltet sich gleichwohl als sehr schwierig. Seine Fallstruktur wird überschrieben mit „transnationale Suchbewegungen“ (S. 326).

Das Resümé des umfangreichen sechsten Kapitels ist überschrieben mit „Familiale Aushandlungsprozesse der fünf Geschwister“ (S. 327 ff.). Sichtbar werden im Abschluss des sechsten Kapitels die individuellen Handlungsstrukturen im familialen und gesellschaftlichen Kontext in Gestalt der intergenerationalen Transmission von Migrationserfahrungen und der Bedeutung sozialer Ungleichheiten. Deutlich wird ebenso der transnationale Migrationskontext als Verflechtungsgeschichte.

Im siebten Kapitel wird durch eine komparative Analyse die fallübergreifende Verwobenheit herausgestellt. Herausgearbeitet wird die komparative Analyse anhand des Themas des sozialen Aufstiegs und der Transmission familialer Geschlechternormen. Die Grundlage dafür bilden die in den Fallrekonstruktionen entwickelten Strukturaspekte. Verdeutlicht werden diese durch spezifische Interviewpassagen. Hinzu kommt das Thema der Ethnizität. Alle drei Aspekte sind Merkmale von Zugehörigkeit.

Wie bei der Mutter Adifete stehen auch bei Abresha und Blerina die eingeschränkten Bildungsmöglichkeiten im Zusammenhang mit Haushalts- und Sorgearbeit (S. 334), ausgelöst durch den Einstieg der Mutter Adifete in ihre Erwerbsarbeit. Gleichzeitig wird an der intergenerationalen Transmission von Sorgearbeit der beiden ältesten Töchter die Strategie des Umgangs mit soziokulturellen Grenzziehungsprozessen in der Schweiz deutlich. In Bezug auf Donika zeigt sich eine Veränderung der Transmission familialer Geschlechterrollen aufgrund der unterschiedlichen Position in der Geschwisterreihe.

Den Söhnen Clirim und Ezgon werden Experimentierräume zwischen Jugend- und Erwachsenenalter im Sinne einer Erweiterung der Gestaltung ihres Lebensentwurfs analog zu ihrem Vater Admir zugestanden. Bei den Töchtern wie auch den Söhnen wird der Übergang von der Jugend zum Erwachsenenalter durch familiale Geschlechternormen bestimmt. Der Vergleich der Fallrekonstruktionen erbringt, „dass familiale Geschlechternormen bei der Frage nach der intergenerationalen Transmission von Migrationserfahrungen bedeutend sind“ (S. 345). Verstärkt wird die intergenerationale Transmission durch soziokulturelle Grenzziehungsprozesse. Ein wichtiges Merkmal soziokultureller Grenzziehungserfahrungen ist ebenfalls die Ethnizität, die tendenziell durch soziale Mobilität ein wenig relativiert wird. Gleichwohl wird von den fünf Geschwistern erlebt, dass Ethnizität das Erfüllen der elterlichen Erwartungen an sozialem Aufstieg erschwert. Eine gewisse Gegensteuerung zeigt sich durch den Aufbau von Besitz, Bildung und beruflichem Erfolg. Dabei entwickeln die Familienmitglieder unterschiedliche Strategien transnationaler und lokaler Positionierungen zur Überwindung soziokultureller Grenzziehungen. Dieses Phänomen zeigt sich intergenerational.

Darauf verweist eingangs auch das achte Kapitel. Es skizziert abschließend die Bedeutung soziokultureller Grenzziehungsprozesse für die intergenerationale Transmission von Migrationserfahrungen. Das achte Kapitel zeigt noch einmal die Einschränkung familialer Aushandlungsprozesse durch soziokulturelle Grenzziehungen auf wie auch die lokale Positionierung als biographische Ressource für familiale Aushandlungsprozesse. In einem Ausblick wird am Ende die Relevanz soziokultureller Grenzziehungsprozesse für familiale Aushandlungsprozesse im transnationalen Migrationskontext allgemein hervorgehoben. Mit der Benennung weiterführender Leitfragen werden schließlich weiterführende Forschungsüberlegungen angestoßen.

Diskussion

In ihrem Vorwort zur Monographie von Eveline Ammann Dula hebt Anna Amelina, Erstgutachterin der Dissertation, die Qualität der empirischen Studie hervor, indem die Autorin die biographischen Narrative einer Familie aus dem Kosovo zu ihren transnationalen Verflechtungen zwischen dem Kosovo und der Schweiz herausarbeitet. Eine Besonderheit sieht Anna Amelina darin, dass die Autorin biographie- und familiensoziologische Ansätze verknüpft. Eine zweite wird in „einer sehr differenzierten Darstellung der biografischen Verarbeitung und Wahrnehmung multipler Ungleichheiten, mit denen sich die Interviewpartner_innen konfrontiert sehen“ 9 f.) gesehen. Vor diesem Hintergrund, so Anna Amelina, werde, aufbauend auf die Intersektionalitätsforschung, gezeigt, wie Klasse, Geschlecht und Ethnizität als „Achsen der Ungleichheit“ generationenübergreifend verhandelt würden. Diesen die Qualität der Monographie lobend hervorhebenden Einschätzungen kann sich der Rezensent anschließen.

Die Monographie ist klug in acht Kapiteln aufgebaut. Die methodische Herleitung und Begründung sind überzeugend. Ein knapper Exkurs auf die partizipative Forschung hätte allerdings den Text anreichern können. Bei der Verflechtungsgeschichte wäre es günstig gewesen, auf die Histoire Croisée Bezug zu nehmen, anstatt sich einzig auf Anwender zu beziehen. Gleiches gilt übrigens auch in Bezug auf die Chicago School of Sociology.

Hervorzuheben sind die präzisen Herausarbeitungen der zentralen, knapp gehaltenen, aber konsequent im empirischen Teil genutzten Begriffe.

Die Fallrekonstruktionen im empirischen Kapitel sechs sind feinsinnig ausformuliert, sodass die komparative Analyse im siebten Kapitel plausibel und sehr gut mitvollziehbar ist. Die drei forschungsleitenden Fragen (S. 14) werden ohne Einschränkung empirisch beantwortet. Die Fallrekonstruktionen zeugen davon, dass sich die Forscherin reflexiv im Forschungsprozess eingebracht hat, ohne dies extra in den jeweiligen Darstellungen herauszustellen. Überrascht hat den Rezensenten allerdings, dass das Jugendalter umstandslos ins Erwachsenenalter überging. Hier hätte sich die Lebensphase des jungen Erwachsenenalters auch als Übergangsphase angeboten.

Das knapp und bündig gehaltene Fazit mit Ausblick auf weitere Forschungsaufgaben überzeugt ebenfalls. Möglicherweise wäre eine knappe Rückbindung an die ersten theoriebezogenen Kapitel im Sinne eines hermeneutischen Zirkels sinnvoll gewesen.

An die Hand genommen fühlte sich der Leser durch die vielfältigen Hinweise über die jeweils nächsten Darstellungsschritte und ihre Begründungen. Diese vielfach eingestreuten Richtungsweisungen versöhnten den Rezensenten damit, dass im Text nach den Präpositionen „während“ und „wegen“ konsequent der Dativ benutzt worden ist, was syntaktisch, zumindest in einer Forschungsstudie, nach wie vor als ungewöhnlich gilt.

Fazit

Für die Forschung zu Familien im transnationalen Migrationskontext hat Eveline Ammann Dula aber mit ihrer Forschungsstudie einen bedeutenden Baustein geliefert, der in den entsprechenden wissenschaftlichen Diskursen Resonanz finden sollte.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
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Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 22.08.2019 zu: Eveline Ammann Dula: Familienleben transnational. Eine biographieanalytische Untersuchung einer Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4607-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25982.php, Datum des Zugriffs 15.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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