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Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Soziale Arbeit in der digitalen Transformation

Cover Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Soziale Arbeit in der digitalen Transformation. Ausgabe 2. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2019. 96 Seiten. ISBN 978-3-7841-3127-6. D: 14,50 EUR, A: 15,00 EUR.

Reihe: Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit - 01.
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Thema

Welcher soziale Dienstleister, der sich auf dem Feld der sozialen Arbeit behaupten will, kann es sich leisten, nicht im Web vertreten zu sein und darauf zu verzichten, die durch die weitere Digitalisierung hervorgerufenen Innovationen zu verschlafen? Die Anschlussfähigkeit aller Services ist eine Voraussetzung für ein tragfähiges Geschäft in der Zukunft. Ersparnis an Zeit und Aufwand, Kooperation, Reaktionsschnelligkeit, Informationsverarbeitung, Reichweite und freie Zugänglichkeit, Qualitätsverbesserung, Controlling, Betreuung sind nur ein paar Stichworte, die zeigen, wie viele Prozesse durch fortschreitende Digitalisierung optimiert werden können. Die Konkurrenz schläft nicht, und man sollte auf der Höhe der digitalen Möglichkeiten arbeiten. In Zeiten knapper Fachkräfte wird es zudem immer notwendig sein, die Arbeiten zu digitalisieren, die digitalisiert werden können. Mit weniger Personal und intensiver Digitalisierung soll das gleiche Arbeitsvolumen und mehr erledigt werden, wenn, ja wenn alles gut läuft. Digitalisierung ist Optimierung der Arbeitsabläufe, aber auch weitere Intensivierung der Arbeit. Von dem neuen Digitalisierungsschub werden- wie oft bei Innovationen dieser Art- Wunder der Verbesserungen erwartet. Ob die Erwartungen alle erfüllt werden, steht auf einem anderen Blatt.

Aufbau und Inhalt

Dem Leser dieser Archivausgabe wird eine grundlegende Orientierung über die digitale Umwandlung der Sozialen Arbeit in acht unterschiedlichen Feldern geboten. Wie nicht anders von einem langlebigen und stets gut betreuten Archiv zu erwarten ist, sind alle Autoren vom Fach und beschreiben die Veränderungen anschaulich und kenntnisreich:

  • Helmut Kreidenweis: Digitale Transformation- Grundlagen, Strategien und Rahmenbedingungen
  • Matthias Selle: Digitalisierung aus kommunaler Sicht: Praxis und Perspektiven
  • Eva M.Welskop-Deffaa: Freie Wohlfahrt in der Plattformökonomie: Seismographin, Solidaritätsstifterin, strategische Herausforderungen
  • Volker Rebhan: Digitale Transformation der Sozialverwaltung: die nutzerzentrierte Entwicklung von Online-Angeboten der Jobcenter 
  • Pascal Bastian/Mark Schrödter: Risikodiagnostik durch „Big Data Analytics“ im Kinderschutz
  • Frank Weidner: Digitalisierung für die Pflege- Wege zur Alltags- und Nutzer/innenorientierung 
  • Birte Schiffhauer: Digitalisierung menschzentriert, ethisch und sozial: Ziele und Strategien für Hilfs-und Wohlfahrtsverbände am Beispiel des ASB NRW e.V.
  • Stephan Idel: Kommunale Sozialämter in der digitalen Transformation

Werfen wir einen Blick auf die ersten drei Beiträge:

Mit der Frage, wie sich die Digitalisierung auf Gesellschaft und Soziale Arbeit auswirkt, beschäftigt sich eingangs Helmut Kreidenweis. Nach einer kurzen, jedenfalls lesenswerten Aufklärung folgen die zentralen Themen: Die Veränderungspotenziale der digitalen Transformation auf die Soziale Arbeit werden nicht nur beschrieben, sondern es werden auch Vorschläge gemacht, wie die sozialen Organisationen auf diese Entwicklungen reagieren sollen. Die Herausforderungen müssen vorrangig zunächst in die Köpfe von Leitung und Mitarbeitern wandern – also Problembewusstsein als Voraussetzung. Dann kann man daran denken, Strategien für lokale Organisationen bis hin zur Verbandsebene zu entwickeln. Im Hintergrund steht die Frage, ob sich die Verbände der Wohlfahrt gegenüber den Planungen der freien Wirtschaft behaupten können, wenn von hier aus und auf der Höhe der Digitalisierung der Einstieg in den Aufbau sozialer Hilfesysteme angestrebt wird.

Einige Beispiele gelungener Digitalisierung in der sozialen Praxis einer Kommune werden von Matthias Selle vorgestellt: Anwendungen von Messenger-Apps mi Wiki-Funktion, Videosprechstunde in der Pflegeberatung, Online-Elternkurs, Familienberichterstattung, Jugendpflege, Videoübersetzung, Ehrenamt und Bildung. Zusammenfassend: „Da die Digitalisierung unaufhaltsam voranschreitet, sind die sozialen Arbeitsfelder gut beraten, sie konstruktiv zu begleiten.“

Für Eva M. Welskop-Deffaa sind es vor allem drei Herausforderungen, denen sich die freie Wohlfahrtspflege in der digitalen Transformation stellen muss: die Algorithmisierung der Entscheidungen (festgelegte Handlungsschrittfolgen zur Lösung eines Problems), die Hybridisierung des Sozialraumes (Entgrenzung der Lebenswelt und Bildung von virtuellen und wirklichen Sozialräumen) und die Plattformisierung der Arbeits-und Leistungsbeziehungen. Diese Aufgaben sind für alle Träger sozialer Dienstleistungen gleich gestellt, wenn sie kein Opfer der zunehmenden Digitalisierung der Sozialen Arbeit werden und sich stattdessen auf dem Markt behaupten wollen. Dabei betont unsere Autorin den im Vergleich zu den anderen Anbietern besonderen Charakter der Freien Wohlfahrtspflege, der im Spannungsdreieck als Anbieter sozialer Dienstleistungen, als Förderer des freiwilligen Engagements und als Anwalt der Interessen derjenigen besteht, die sich nicht selbst vertreten können. Die Wahrnehmung und Verschränkung dieser Arbeitsfelder macht die Digitalisierung für die Wohlfahrtsverbände zu einer eminent komplexen und sorgfältig zu behandelnden Aufgabe. Der „Mehrwert“ der Wohlfahrtsverbände als Seismograph sozialer Probleme und gesellschaftlicher Solidaritätsstifter könnte ansonsten in Gefahr geraten.

Diskussion

Jede Innovation bedarf einer Folgenabschätzung, die nicht nur die guten Seiten enthalten darf, sondern auch eine Negativ-Liste. Die Autoren und Autorinnen sind zweifelsfrei optimistische Vertreter der digitalen Transformation. Deshalb bleibt die Reflexion auf Risiken und Nachteile der weiteren Digitalisierung wenig ausgeprägt. Gerade in der für die Soziale Arbeit entscheidenden Frage des Nutzens für die Kundschaft bleiben Fragen offen. Welche Gruppen von Betroffenen bleiben vor der digitalen Tür stehen? Ist Entscheidungsfindung nicht mehr als Auswertung von Dateien nach Schema? Wo bleibt der unabdingbare Blick auf die Einzelperson und deren Lebenswelt, die oft anders aussieht, als man unterstellt? Von allen diesen Fragen bleibt die Tatsache unberührt, dass Digitalisierung unsere zukünftige Arbeitswelt noch stärker als jetzt gestalten wird.

Fazit

Diese kleine Schrift kann ich jedem empfehlen, der daran interessiert ist, sich über die Umgestaltung der Sozialen Arbeit infolge fortschreitender Digitalisierung kompetent informieren zu lassen. Solche kleinen Wegweiser wie diese Publikation geben uns oft mehr Orientierung als die „dicken Schwarten“.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 27.09.2019 zu: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Soziale Arbeit in der digitalen Transformation. Ausgabe 2. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2019. ISBN 978-3-7841-3127-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25987.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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