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Marie-Therese Reichenbach (Hrsg.): Teilhabe exklusiv

Cover Marie-Therese Reichenbach (Hrsg.): Teilhabe exklusiv. Soziale Arbeit im Bereich diakonischer Wohnungsnotfallhilfe und Straffälligenhilfe. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2019. 196 Seiten. ISBN 978-3-7841-3161-0. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

Reihe: Lebenslagen. Straffälligenhilfe.
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Thema

„Das Buch dient der kritischen Selbstreflexion derjenigen, die Soziale Arbeit im Bereich diakonischer Wohnungsnotfallhilfe und Straffälligenhilfe leisten, zum einen zur Selbstvergewisserung der eigenen Ansätze, zum anderen der eigenen Positionsentwicklung. Die Beiträge erläutern beispielsweise die Struktur der diakonischen Wohnungsnotfall- und Straffälligenhilfe, greifen aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen wie auch die öffentliche Debatte auf und diskutieren den Ruf nach Partizipation sogenannter ‚Betroffener‘“. (Umschlagstext)

Herausgeberin

Marie-Terese Reichenbach, Jg. 1984, Sozialarbeiterin (MSW), Diakonie Deutschland – Arbeitsfeld: Hilfe in besonderen Lebenslagen und Wohnungspolitik (Verlagsangaben).

Inhalt

Im ersten Beitrag („Struktur der diakonischen Wohnungsnotfallhilfe und Straffälligenhilfe“) stellt Wolfgang Schmitt Ergebnisse der Einrichtungsstatistik der Diakonie in Deutschland bezogen auf das Arbeitsfeld vor. Wie von einem Statistiker nicht anders zu erwarten, werden Zahlen an Zahlen gereiht. Man erfährt beispielsweise etwas über die Entwicklungen teilstationärer Einrichtungen der Wohnungsnothilfe in der Diakonie zwischen 2002 und 2014 oder von Mitarbeitenden ambulanter Angebote der diakonischen Straffälligenhilfe. Diese Informationen werden am Ende auch noch aufgeteilt nach Bundesländern und vieles andere mehr. Der Artikel dürfte eine Fundgrube sein für alle, die beispielsweise über die Wohnungslosenhilfe in der Diakonie Deutschlands promovieren. Für andere sind die Zahlen mäßig spannend, zumal Vergleiche mit anderen Trägern und Einrichtungen fehlen. Lapidar teilt uns der Statistikexperte der Diakonie am Ende seines Beitrages mit: „Die inhaltliche Interpretation und Einordnung dieser Daten bleibt den in diesem Handlungsfeld Tätigen überlassen.“ (S. 44)

Ein Gespräch mit Akteuren/​-innen aus dem Handlungsfeld wird von der Herausgeberin Marie Reichenbach selbst geführt und ist als nächster Beitrag abgedruckt („Seismografen aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen“). Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass die eben vorgelegten statistischen Daten einer Einordnung bedürfen. Die sechs Teilnehmer/​-innen beginnen das Gespräch mit dem Thema „Zeitdruck“, „mangelnde Fachleistungsstunden“ und „Zwangspädagogisierung“. Dann überbieten sie sich darin, die früheren Zeiten für gut und die heutigen für schlecht zu halten: „keinen Fortschritt“ erkennt der eine, „es wird doch wieder schlimmer“, antwortet der andere, der dritte fügt hinzu: „Es ist Stillstand“. Der Rezensent gesteht, dass er, auf die angekündigte Einordnung der Statistik durch die Gesprächsteilnehmer wartend, zunehmend ratlos wird. Keiner von ihnen nimmt auf die Zahlen Bezug und offen bleibt die Frage: Wird etwa alles schlechter, obwohl oder weil – wie die Statistik zeigt – die Zahl der Einrichtungen und Mitarbeitenden steigt oder zumindest auf höherem Niveau ist als in den angeblich so goldenen 90er-Jahren? Weitere Themen sind die Zusammenarbeit von Straffälligen- und Wohnungslosenhilfe, die Individualisierung bzw. Finanzierung der Hilfen, Rechtsdurchsetzung, diakonisches Profil und vieles mehr. Diese (keineswegs annähernd vollständige Auflistung von) Gesprächsthemen machen 30 Seiten des Buchs aus, in denen das Gespräch ohne viel Struktur hin und her wogt. Eine ordnende, kürzende und strukturierende Hand der Herausgeberin hätten dem Beitrag sehr gutgetan.

Silke Vlecken beginnt ihren Artikel („W-Fragen in der Sozialen Arbeit: Um zu wissen was zu tun ist“) mit den Zeilen: „Menschen, die ohne eigene Wohnung oder gar Obdach überleben müssen, sind zumeist von massiven, sozialen Problemen betroffen, die in ihrer Entstehung und Aufrechterhaltung mehrniveaunal beeinflusst sind. […] Der folgende Beitrag stellt unabhängig des Handlungsfeldes ein allgemeines Verfahren für die Diagnose sozialer Probleme und auf dieser Grundlage zu entwickelnden professionellen Interventionen zur Lösung oder Linderung der Probleme dar.“ (S. 77) Es folgt in der Tat eine Darstellung der „Systemischen Denkfigur“, wie sie in der Folge von Staub-Bernasconi, Geiser und Obrecht entwickelt wurde. Wie eingangs geschrieben, gibt die Autorin gar nicht vor, dass sie sich mit Wohnungslosigkeit oder Straffälligenhilfe befasst, denn das tut sie auch nicht. Vielmehr wird anhand der aus der systemisch-prozessualen Theorie bekannten „W-Fragen“ idealtypisch ein Ablauf einer Problem- und Ressourcenanalyse erläutert. Die Schwierigkeit, die dabei für den Leser entsteht, sei an einem Beispiel erläutert: In der WARUM-Frage geht es um die Erklärungsmodelle für das entsprechende Phänomen. In diesem Buch sind es Erklärungsmodelle für Wohnungslosigkeit und oder Straffälligkeit. Wie soll der Praktiker vorgehen? Die Autorin schlägt – getreu der systemtheoretischen Denkfigur – vor: „Um systemtheoretisch ausreichende Erklärungen sozialer Probleme zu entwickeln, sollten alle ontischen Niveaus (physikalisch, chemisch, biologisch, psychisch und sozial) ebenso wie die sozialen Niveaus (Beziehung, kleine soziale Systeme bis zum Weltgesellschaftssystem) beachtet werden.“ (S. 85) Wer, wie der Rezensent, erlebt hat, wie schwer sich manche Praktiker/​-innen mit schon weniger komplexen Erklärungsmodellen tun, wird zustimmen, dass an dieser Stelle ein wenig Hilfestellung sehr willkommen gewesen wäre.

Der Beitrag von Sascha Facius („Minimalkonsens Partizipation? Über die engen Grenzen der Partizipation von oben“) geht von der Unterscheidung zwischen Partizipation von „oben“ („Partizipation [ist] seitens der Organisationen gewünscht (sic!) um ‚Effizienz‘ und ‚Rationalität‘ zu steigern“ S. 98) und Partizipation von „unten“ („Hilfe zur Selbsthilfe“) aus. Erstere sieht der Autor „in Zeiten von Neoliberalismus und Austerität“ als „standardisierte Managementprozesse“, letztere als Ausdruck des „holistischen Lebensweltansatzes“ (S. 99). Außerdem stellt der Autor die Behauptung auf, es gebe jahrzehntealte, aber immer noch „fortbestehende implizite Logiken der Armutsfürsorge in der aktuellen Wohnungsnotfallhilfe“ (S. 100), weil die „tradierte Differenzierung zwischen verschuldet und unverschuldet konsequent weitergeführt“ (S. 101) werde. Damit wird der Sozialen Arbeit der Vorwurf gemacht, nicht „den Strukturfokus“, sondern die „Perspektive der individuellen Schuld weiter voranzutreiben.“ (S. 105) Deshalb käme es zu „einer dauerhaften Unterbewertung von Ressourcen und Resilienz von Menschen in Wohnungsnotfällen“ (S. 101 f.). Die dichotome Argumentation, als habe man die Wahl zwischen Arbeit mit der Person und der Veränderung der Struktur, erscheint nicht nur unbegründet, sondern auch dysfunktional für eine Soziale Arbeit, die immer für sich in Anspruch nimmt, Phänomene im Kontext von „person in environment“ (Germain/​Gitterman 1999) zu erklären und zu behandeln. Dass Einzelfallhilfe unterstellt wird, sie gehe vom Verschuldungsprinzip auf Seiten des Klienten aus, ist höchst problematisch und diskreditiert einen wichtigen Bestandteil diakonischer Wohnungsnothilfe. Im Übrigen hätte man erwarten können, dass der Vorwurf an die Soziale Arbeit mit wissenschaftlichen Belegen untermauert wird.

Johannes Brandstäter gliedert seinen Artikel („Soziale Dienste als Reparaturwerkstatt der Einwanderungsgesellschaft“) in vier kleinere und ein großes Kapitel. Von den vier kleinen Kapiteln sind drei aufeinander aufbauend:

  1. Deutschland ist ein Einwanderungsland,
  2. Integration ist besser als ihr Ruf,
  3. Das Zusammenwachsen ist manchmal sehr anstrengend.

Der 4. Abschnitt behandelt die Schnittmenge zwischen Straffälligkeit und Einwanderung, richtet an die Straffälligenhilfe die konzeptionelle Frage, „wie sich die zunehmend multikulturelle Belegung [in der JVA, W.K.] auf ihre Arbeit auswirkt“ und kommt zu dem (wenig überraschenden, aber auch etwas unbefriedigenden) Schluss, dass „Konzepte zur Wiedereingliederung […] entsprechend breiter angelegt werden [müssen]“. (S. 119) Der inhaltliche Schwerpunkt liegt dann aber auf dem Thema „Einwanderungssituation und Wohnungslosigkeit“ und der These bzw. der Frage: „Die Wohnungsnothilfe ist also zur Hälfte migrantisch geprägt, mit steigender Tendenz, aber reagiert sie ausreichend darauf?“ (S. 122) Auf diese Frage antwortet der Autor mit einer „Fehl-Anzeige“, die betont, es fehle an Fremdsprachenkompetenz, an Dolmetschern und überhaupt an den Mitteln, denn die Träger seien überlastet und überfordert. Anschließend verliert der Artikel etwas seine innere Kohärenz und mäandert zwischen verschiedenen (im Einzelnen durchaus nachvollziehbaren) politischen Forderungen. Erst ganz zum Schluss findet sich das Thema („Soziale Dienste“) wieder.

Der Artikel von Volker Busch-Geertsema („Housing First. Paradigmenwechsel für die Praxis, alter Wein in neuen Schläuchen oder schöne Idee, aber leider nicht umsetzbar?“) ist bei Weitem der beste in diesem Buch. Er ist gut gegliedert, mit einem nachvollziehbaren roten Faden versehen und mit wertvollen Informationen über den „Housing First“-Ansatz angereichert. Der Duktus des Autors führt mit vielen Verweisen auf weitere Literatur (z.B. in Bezug auf Wirkungsnachweise) zu einer klaren These: „Systemsprenger“ unter den Wohnungslosen sind quasi „hausgemacht“, ihnen könnte mit dem „Housing first“-Ansatz geholfen werden. Der Artikel ist sowohl wissenschaftlich als auch mit seinen praktischen Implikationen wichtig und verdient weite Verbreitung sowie noch mehr intensive Diskussion innerhalb der Sozialen Dienste.

„Armut. Unerhört!“ überschreibt Ulrich Lilie (der im Autorenverzeichnis fehlt) seinen Artikel, in dem es u.a. um Armut im Allgemeinen, um Armutsgefährdung, um zunehmende Polarisierung der Gesellschaft, die Wahlstrategie der AFD und soziale Ungleichheit geht. Wohnungslosigkeit als eines der vielen Armutsphänomene wird dabei am Rande auch erwähnt, Straffälligkeit gar nicht.

Rolf Keicher referiert über das Thema „Der Evangelische Bundesfachverband Existenzsicherung und Teilhabe e.V. Einige Schlaglichter auf seine Anforderungen und Chancen“. Der Autor berichtet über die Arbeit des Bundesfachverbandes, der ein Zusammenschluss der Fachverbände Wohnungsnotfall- und Straffälligenhilfe darstellt. „Der Bundesfachverband sieht eine seiner Aufgaben darin, alle neu ins Gespräch gebrachten Lösungen auf die unmittelbaren, vor allem aber auf die längerfristigen Auswirkungen auf einkommensarme Menschen und Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten hin zu überprüfen.“ (S. 172) Themen, mit denen sich der Bundesfachverband befasst, sind u.a. die Duschbusse, die sogenannten Beacons, also bargeldloser Transfer von Zuwendungen an Obdachlose und Vorarbeiten zur ersten systematischen Erhebung der Lebenslagen wohnungsloser Menschen in den Diensten und Einrichtungen der Diakonie.

Im letzten Kapitel wird der Versuch unternommen, „gemeinsam mit Menschen, die selbst wohnungslos sind […] einen Kommentar zu den Buchbeiträgen zu erstellen.“ (S. 181). Das Ergebnis fasst Michael Stiefel unter dem Titel „Wohnungslosen-Erfahrung kommentiert Wohnungslosen-Forschung“ zusammen. Dass dieser Versuch, so interessant er zunächst klingt, ziemlich misslungen ist, soll nur an einem Zitat gezeigt werden. Wohnungslose sprechen über den oben rezensierten Beitrag von Rolf Keicher. Die Zusammenfassung liest sich so: „Die Gewährleistung der Menschenrechte muss oberstes Qualitätsziel im Hilfeprozess sein. Dies wird umso bedeutsamer in Zeiten, wo überlaufene Hilfseinrichtungen immer stärker auch in Schwierigkeiten kommen mit dem Andrang hilfesuchender Menschen klar zu kommen. Allzu leicht fallen diese Standards sonst der Überforderung und begrenzten Ressourcen zum Opfer.“ (S. 188) Man muss nicht Klischees bedienen, um zu der Vermutung zu gelangen, dass sich Wohnungslose (zu Recht) wenig Gedanken machen über die Ziele eines Fachverbandes. Wahrscheinlich sprechen sie auch nicht von „Standards“ oder „begrenzten Ressourcen“ und die „Gewährleistung der Menschenrechte“ auf Ebene der „obersten Qualitätsziele“ von Einrichtungen der Diakonie dürfte nicht unbedingt ihr oberstes Anliegen darstellen. Hier hat also eine Fachkraft eine Diskussion über Fachtexte, wie immer sie gelaufen sein mag, in einem weiteren Fachtext zusammengefasst, um sie in einem Fachbuch für Fachleute verwertbar zu machen. Schade eigentlich, denn die Idee, auch Experten-Themen mit Betroffenen zu diskutieren, hat Potenzial in sich. Aber wenn man Texte aus einem Fachbuch mit den Betroffenen diskutiert, ist das in etwa so, als würde der Chirurg am Krankenbett dem Patienten chirurgische Fachliteratur vorlesen, um ihn auf die Operation vorzubereiten. Hier würde man wohl zu Recht einwenden, dass die (absolut notwendige) Beteiligung des Patienten an dem, was da mit ihm geschieht, patientengerecht verlaufen muss. Partizipation ist ein wichtiges Anliegen, das aber braucht didaktische Überlegungen zur „responsivity“.

Diskussion und Fazit

Wenn der Rezensent alle Artikel Revue passieren lässt, fällt der Ertrag sehr durchwachsen aus. Ein hervorragender Artikel, den zu lesen ein echter Gewinn darstellt, ein Artikel, der zwar nicht unbedingt zum Thema passt, aber didaktisch gut aufgebaut ist, und ein paar gute Gedanken hier und da stehen auf der Habenseite. Auf der Soll-Seite finden sich (mit dem Titel geweckte) unerfüllte Erwartungen: Zunächst ist anzumerken, dass sich kaum etwas Substanzielles zum Thema Straffälligenhilfe findet. Doch auch wenn man sich auf die Wohnungslosenhilfe beschränkt, behandelt des Buches (mit Ausnahme der genannten Artikel) vornehmlich Strukturfragen und bewegt sich häufig auf einer z.T. sehr abstrakten normativ-politischen Ebene. Forderungen nach Verbesserung der Lebensverhältnisse Betroffener und der Arbeitsbedingungen von Fachkräften sind natürlich Teil des Auftrages Sozialer Arbeit, aber eben nur ein Teil. Viele der Autoren scheinen die Hoffnung zu nähren, dass sich die praktischen Probleme schon lösen werden, wenn es bessere äußere Rahmenbedingungen gibt. Wenn man sich jedoch in die Arbeit der Praktiker/​-innen vor Ort versetzt, die jeden Tag mit faktischen Notlagen von Wohnungslosen zu tun haben, stellen sich mutmaßlich andere, viel praktischere Fragen:

  • Wie sehen partizipative Konzepte aus, wenn Wohnungslose massiv psychisch erkrankt sind?
  • Wie kann Teilhabe verwirklicht werden, wenn Freundlichkeit mit Aggression beantwortet wird?
  • Was heißt „Inklusion“ beispielsweise von dekompensierten, älteren Alkoholabhängigen?

Natürlich müssen fördernde, politische Rahmenbedingungen eingeklagt werden, aber sie werden erst dann glaubwürdig eingefordert werden können, wenn man seine verbandlichen „Hausaufgaben“ gemacht hat. Diese bestehen zu allererst in der Konzeption und Darstellung von innovativen Konzepten, die sozusagen in die „Startlöcher“ gebracht werden. Wie die Verbindung von konkreter Maßnahme und politischer Forderung gelingen kann, hat der Beitrag von Busch-Geertsema gezeigt. Hier wird deutlich, was die Soziale Arbeit vorschlägt („Housing first“), warum sie es vorschlägt (Wirksamkeitsnachweis) und was die sich daraus ergebenden politischen Forderungen sind (öffentliche Wohnungspolitik, Housing-first-Konzepte). In einem vor einigen Jahren dargestellten herausragenden historischen Überblicksartikel haben Okpych/Yu (2014) gezeigt, dass Soziale Arbeit den Übergang von der Vertrauensgesellschaft zur Wissensgesellschaft bislang kaum realisiert hat. Sie muss, so die Quintessenz des Artikels, verstehen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen ihr die Öffentlichkeit den Expertenstatus allein aufgrund vertretener ethischer Werte (z.B. Menschenrechte, Soziale Gerechtigkeit) zubilligt. Dieses blinde Zutrauen zu Experten hatte seinen Platz in der „Vertrauensgesellschaft“, in der „Wissensgesellschaft“ zählen nur noch Nachweise und evidenzbasierte Lösungen (siehe den derzeitigen Konflikt um die Homöopathie). Zu glauben, man überzeuge, weil man etwas als großer „Verband“ oder als wertegebundene Gruppe sagt, oder weil man eine „Tradition“ der guten Arbeit vorzuweisen habe, kann sich demnach leicht als Illusion herausstellen und in der Frustration enden, die sich in dem aufgezeichneten Interview gezeigt hat. Vielmehr muss, folgt man den Autoren, fachliche Arbeit durch den Nachweis der Wirkungen eigener Maßnahmen nach außen und innen präsentiert werden („evidence based“). Wenn man diesen Gedanken weiterträgt, so wird auch die Parteinahme für die Klientel mit dem Ziel besserer Rahmenbedingungen weniger durch normativ aufgeladene Betroffenheitssemantik von Experten durchgesetzt, sondern vielmehr mit der „empirischen Wende“ (Rauschenbach 2019), also durch den Nachweis der Wirkungen angestrebter Maßnahmen. Wohlfahrtsverbände Sozialer Arbeit müssen deshalb in ihrem eigenen und im Interesse ihrer Klientel fachliche Konzepte entwickeln, beschreiben, deren Praxis evaluieren und die Wirksamkeit ihrer Maßnahmen nachweisen. Erst dann sind politische Forderungen auch realistischerweise durchsetzbar. Dieser Prozess der Verbindung von fachlicher Arbeit und politischer Forderung, der Verbindung der Fall- mit der Systemlogik, kann nach Lage der Dinge nur zusammen mit der Wissenschaft erfolgen. Er fordert von der Praxis eine radikale Offenheit in Bezug auf das „Was?“, das „Warum-so-und-nicht-anders?“ und das „Wie?“ ihrer Maßnahmen. In diese Richtung weiterzudenken ist eine Dimension, die dem vorliegenden Buch leider fast völlig fehlt. Auch in dieser Hinsicht ist es den Erwartungen nur zum Teil gerecht geworden.

Literaturhinweise

Germain C./Gitterman A. (1999): Praktische Sozialarbeit. Das „Life Model“ in der sozialen Arbeit. Fortschritte in Theorie und Praxis, Stuttgart³

Okpych, N.J./Yu, J. L. H. (2014): A historical analysis of evidence-based practice in social work: The unfinished journey toward an empirically-grounded profession.” Social Service Review,88(1),3–58

Rauschenbach T. (2019): Die empirische Wende. In: Begemann M.-C./Birkelbach K. (Hg.): Forschungsdaten für die Kinder- und Jugendhilfe, Wiesbaden, 21–47


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Klug
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Fakultät Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Wolfgang Klug. Rezension vom 18.11.2019 zu: Marie-Therese Reichenbach (Hrsg.): Teilhabe exklusiv. Soziale Arbeit im Bereich diakonischer Wohnungsnotfallhilfe und Straffälligenhilfe. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2019. ISBN 978-3-7841-3161-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25990.php, Datum des Zugriffs 07.12.2019.


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