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Edoardo Costadura, Klaus Ries u.a. (Hrsg.): Heimat global

Cover Edoardo Costadura, Klaus Ries, Christiane Wiesenfeldt (Hrsg.): Heimat global. Modelle, Praxen und Medien der Heimatkonstruktion. transcript (Bielefeld) 2019. 454 Seiten. ISBN 978-3-8376-4588-0. D: 39,99 EUR, A: 39,99 EUR, CH: 48,70 sFr.

Reihe: Edition Kulturwissenschaft.
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Heimat ist eine Konstruktion

Im etymologischen, philologischen und philosophischen Diskurs wird der Heimatbegriff als ein „Gedankengebäude“ bezeichnet, was bedeutet, dass „Heimat“ eine menschliche Erfindung ist. Die verschiedenen Zuschreibungen, wie z.B. in Udo Lindenbergs Lied – „Heimat ist, wo ich meinen Hut hinhäng“, oder: „Wo ich mich wohlfühle“ – bringen zum Ausdruck, dass im lokal- und globalgesellschaftlichen Nachdenken über „Heimat“ ganz unterschiedliche, rationale und emotionale, rechtliche und mentale Aspekte zur Geltung kommen. An der Universität in Jena ist die interdisziplinäre Forschungseinrichtung „Laboratorium Aufklärung“ tätig. Es geht um Fragen und Analysen darüber, welche Bedeutung und Bezug der Heimatbegriff und das Heimaterleben in der Vergangenheit hatte, und wie sich Veränderungen und Bewusstseinswandel in den Zeiten der sich immer interdependenter, entgrenzender und globaler entwickelnden (Einen?) Welt vollziehen (vgl. dazu: Edoardo Costadura / Klaus Ries, Hrsg., Heimat gestern und heute. Interdisziplinäre Perspektiven, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21311.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeber*innen

Das Jenaer „Laboratorium Aufklärung“ hat vom 20. – 23. 9. 2017 eine internationale Tagung zum Thema „Heimat – Ein Problem der globalisierten Welt“ durchgeführt. Das Forscherteam, der Ordinarius für Romanische Philologie, Edoardo Costadura, der Historiker Klaus Ries und die Musikwissenschaftlerin Christiane Wiesenfeldt geben den Tagungsband heraus.

25 Autorinnen und Autoren setzen sich mit den Veränderungs- und Wandlungsprozessen auseinander, die sich disziplinär und interdisziplinär Hier, Heute und Morgen vollziehen.

Die wissenschaftlichen Reflexionen basieren auf verschiedenen Annahmen und Vorbefindlichkeiten:

  • Mit der einen werden die aktuellen deutschen Entwicklungen, Deutungen und Umdeutungsversuche befragt.
  • Zweitens werden anthropologische und psychologische Betrachtungen angestellt und auf die „Indienstnahme der Heimatliebe für politische (restaurative) Zwecke als den Missbrauch der Sehnsucht nach der Zeit-Heimat“ verwiesen.
  • Drittens wird „Heimat als gesellschaftliches Projekt und interaktives Modell“ diskutiert.
  • Viertens wird die „mediale Renaissance von Heimat(en)“ thematisiert.
  • Und fünftens wird mit der Titelung „Heimat global“ dazu aufgefordert, Heimat neu zu denken!

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband wird in vier Kapitel gegliedert.

  • Im ersten wird die „Historische und politische Semantik“ thematisiert.
  • Im zweiten geht es um die „Hermeneutik der Weltbeziehung“.
  • Im dritten darum, „Heimat neu (zu) gestalten“.
  • Und im vierten Kapitel wird „Mediatisierte und narrativierte Heimat“ diskutiert.

Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht von der kalifornischen Stanford-Universität zeigt mit dem Beitrag „Nation vs. Natalität“ die historischen Bedingungen und epistemologischen Schichten von „Heimat“ auf. Er warnt vor der nationalen Bezugnahme des Heimatbegriffs und -zustandes und plädiert dafür, „dass Heimat ein Ort sein sollte, wo alle Menschen eine Chance zu wohnen haben, die sich dort aufgehoben und zuhause fühlen“.

Der Thüringer Minister für Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten, Benjamin-Immanuel Hoff und die Referentin Konstanze Gerling-Zeidler setzen sich auseinander mit „Heimat und das Janusköpfige des Nationalen“. Mit historischen Reflexionen, politischen und gesellschaftlichen Analysen verweisen sie auf ideologische Irr- und Umwege und plädieren für eine Politik der offenen Grenzen und einen Ort, „wo Menschen eine sichere Heimat (auch in der Fremde), damit Zukunft und Möglichkeitsräume haben“.

Der Volkskundler und Kulturgeschichtler Friedemann Schmoll diskutiert „Heimat-Ambivalenzen“, indem er über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen zwischen ideologischer Heimattümelei, Höherwertigkeitsvorstellungen, Verschlossenheit, Heimatlosigkeit, Beheimatung und Weltoffenheit spricht und verdeutlicht, dass „Imaginationen von Heimat… Humus für eine monokulturelle Züchtung des Eigenen bilden und … als Kehrseite die Bereitschaft zu Exzess und Gewalt am Fremden in sich tragen“.

Der Literaturwissenschaftler von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Werner Nell, konfrontiert mit dem Beitrag „Heimatdiskurse und Gewalt“ in zwölf Schritten die vorfindbaren, gewachsenen und traditionalistischen Gebräuche zwischen Weihnachts- und Heimatfest. Mit dem Analyseschema „Heimatdiskurse und Gewalttypologien“ betrachtet er Heimaträume von innen, von außen und nach außen: „Gewalt kann dabei als Medium gesehen werden, das im inneren Raum Heimat schaffen und zerstören kann; ebenso wirkt sie von außen als Heimat ermöglichend, gefährdend, hervorbringend und vernichtend“.

Der Dresdner Historiker und Germanist, Justus H. Ulbricht provoziert mit dem Beitrag „Heimat ohne Ausländer!“ sächsische Impressionen und nachdenkliche Reflexionen zum Konnex Lokalpatriotismus, Populismus und Fremdenangst. Es sind Eindrücke und Erfahrungen, die der Autor in der Jugend- und Erwachsenenbildung gesammelt hat, ihn verzweifeln lässt, aber gleichzeitig auch motiviert, Heimat neu und menschenwürdig zu denken und für ein lokales und globales Beheimatetsein einzutreten.

Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa bezieht sich mit dem Beitrag „Heimat als anverwandelter Weltausschnitt“ auf seine resonanztheoretischen Überlegungen (vgl. auch: ders., Unverfügbarkeit,2018, www.socialnet.de/rezensionen/25302.php). „Heimat soll … die Welt sein, die nicht schweigt, nicht entzaubert, nicht entfremdet ist, die uns nicht starr gegenüber steht… Heimat ist die Idee, dass es einen Weltausschnitt gibt, der antwortet und mit dem wir in Resonanz treten können“.

Der französische Schriftsteller Jean-Christophe Bailly denkt mit dem Beitrag „Das Gegenteil des Exils“ am Beispiel der Erzählung von W. G. Sebalds „Schwindel. Gefühle“ (1990) und weiterer Zeit-Heimat-Geschichten darüber nach, wie es wäre, wenn die Paradoxie einträte, „dass das, was uns als das Eigene erscheint, sich einnistet auf der glatten Oberfläche der Dinge“.

Die Psychologin und Pflegeforscherin von der Westsächsischen Hochschule Zwickau, Beate Mitzscherlich, plädiert mit dem Beitrag „Heimat als subjektive Konstruktion“ dafür, Beheimatung als einen aktiven Prozess zu begreifen. Weil Heimat Gefühl und Bedürfnis ist, bedarf es eines individuellen und kollektiven, exklusiven und inklusiven Zugangs.

Der Politikwissenschaftler und Stadtforscher von der Bauhaus-Universität Weimar, Frank Eckhrdt, schildert mit dem Beitrag „Heimat ohne Tamtam“ Gefühle und Entwicklungen zwischen Ortsgebundenheit und Fernweh in der Kleinstadt. Mit Fragen, was Menschen an Orte bindet und entfremdet, informiert er über ein Forschungsprojekt, bei dem, im Thüringer Raum, „eine Kongruenz zwischen Person, Ort und Vorstellungsräumen entsteht“.

Die Journalistin Renate Zöller macht sich auf, „Heimat oder das Projekt vom Glück auf Erden“ zu finden. Sie erzählt von den zahlreichen Begegnungen, Gesprächen und Konfrontationen mit Menschen, die Heimat gefunden und verloren haben, die integriert sind, angenommen und ausgegrenzt werden. Ihre Erfahrungen: Heimat muss man sich schaffen. „Heimat ist … eine Aufgabe, der sich nicht nur jedes einzelne Individuum, sondern auch jede Gesellschaft stellen muss“.

Gregor Reimann, Sophie Seher und Michael Wermke von der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena beginnen das dritte Kapitel des Tagungsbandes mit dem Beitrag: „Die Schule pflegt die Verbundenheit mit der Heimat in Thüringen und in Deutschland“. Der Heimatbegriff als Bildungsauftrag, wie er in allen Schulgesetzen verankert ist, beruht auf historischen, mentalitäts- und heimatgeschichtlichen Grundlagen, Die curricularen, didaktischen und methodischen Entwicklungen von der Heimatkunde zum Sach- und Fachunterricht vollzogen sich in den beiden deutschen Staaten in unterschiedlicher Weise. Sie werden in einer Schul- und Lehrbuchanalyse verdeutlicht. Das Autorenteam lenkt, auf der Grundlage des Thüringerschen Schulgesetzes, den kritischen Blick auf das unbestimmte Verhältnis zwischen dem (christlichen) Religions- und Heimatkundeunterricht.

Die Jenaer Rechtswissenschaftler Walter Pauly und Barbara Bushart konzentrieren sich mit dem Beitrag „Politische Heimat bei Hannah Arendt“ auf die Prämissen einer individuellen Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft und das Recht auf Menschenrechte. Heimat ist für Hannah Arendt „ein Platz in der Welt…, den man sich geschaffen hat und der einem Stand wie Raum gibt“.

Die Völkerrechtsexpertin Martina Haedrich richtet mit dem Beitrag „Recht auf neue Heimat“ den Blick auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik. Mit ihren rechtsphilosophischen und globalen völkerrechtlichen Herleitungen plädiert sie für einen anderen Umgang mit Migration. „Durch die Offenheit eines Rechts auf neue Heimat als Rechtsrahmen wird der Tatsache Rechnung getragen, dass Heimat veränderbar und auch verschieden ist“.

Wie geht Heimat? Der Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt/M., Peter Cachola Schmal, kann mit „Making Heimat“ Auskunft geben, wie neue Heimaten für Einwanderer in Deutschland geschaffen werden können. In der Ausstellung „Neue Heimat zu Making Heimat“ im Deutschen Pavillon der Architekturbiennale in Venedig wurde das Phänomen thematisiert, dass Jahr für Jahr weltweit Millionen von Menschen vom Land in die (Mega-)Städte ziehen: „Arrival City“. In acht Thesen werden die Situationen und Entwicklungen dargestellt.

Der Jenaer Geograf Karsten Gäbler fragt mit seinem Beitrag „Heimaten der Nachhaltigkeit“ zum einen danach, wo nachhaltige Entwicklung zu Hause ist, und zum anderen, welche nachhaltigen Ideen und Entwürfen von Heimat zur Disposition stehen. Sustainable development wohnt der Grundgedanke von einem Ort, der Menschen ein gutes, gelingendes Leben ermöglicht, inne. Es sind pragmatisch-technische, politische und kulturkritische Begründungsmuster, die einen „progressiven Localism“ schaffen.

Das vierte Kapitel beginnt die Rostocker Musik- und Theaterwissenschaftlerin Yvonne Wasserloos mit der Forderung „Heimat bewahren“. Sie setzt sich mit Inszenierungen und Vertonung des rechtsextremen Heimatbegriffs auseinander und arbeitet die bestimmenden, ideologisierten Formen, wie Monumentalität und Emotionalität, heraus. Die Kampfbegriffe und „das Prinzip politischen Handelns im Rechtsextremismus (können) verstanden werden als Prozess der Domestizierung extremistischer, diskriminierender und ausgrenzender Vorstellungen von Heimat“.

Der Mainzer Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs analysiert mit dem Beitrag „Auf ewig keine Heimat“ die Begriffs- und emotionalen Muster von „Utopie“ und „Heimat“ in der Musik von Helene Fischer und Frei-Wild. „Atemlos durch die Nacht“ und „Großstadt“ vermitteln, dass es in der Popkultur viel Utopie, aber keine Heimat gibt.

Die Jenaer Soziologin Sylka Scholz informiert mit dem Referat „Plurale Heimatentwürfe im ‚German Heimat Film‘“ über Muster und Identitätsangebote in klassischen und modernen Heimatfilmen. Am Beispiel von „Sushi in Suhl“, „Sommer in Orange“ und „Soul Kitchen“. In der Vermischung von traditionellen, traditionalistischen, populistischen und humanen Bildern und Vorstellungen wird sowohl radikalistisches Gedankengut befördert, als auch die Chance eröffnet, demokratisches Denken und Handeln zu fördern. Das To do ist entscheidend.

Edoardo Costadura beschließt den Tagungsband mit dem Beitrag: „‘Even if You return, Ulysses‘, oder die Geschichte von der Heimat“. Heimat kann an- und abwesend, erfüllend und verletzend sein; und die Heimkehr in die alte oder neue Heimat kann ge- oder misslingen. An ausgewählten, medialen Heimat-Erzählungen, und „in den Geschichten von der Heimkehr wird die Suche nach der Heimat entweder als ein fragwürdiges oder gar ein unmögliches Unterfangen inszeniert: ein fragwürdiges und unmögliches, aber letztlich notwendiges Unterfangen mit dem Ziel, die ursprüngliche 'Zeit-Heimat' zu bewältigen, ein neues Heimat-Verständnis zu begründen und mit Sinn zu füllen“.

Fazit

Kreative architektonische, städtebauliche, soziale, gegenwartsbezogene und zukunftsorientierte, nachhaltige, lokal- und globalgedachte, theoriebasierte und praxisangepasste Modelle und Projekte zum traditionellen, modernen Verständnis von Heimat bedürfen in den Zeiten der sich immer interdependenter, entgrenzender und globaler entwickelnden Welt eine nachhaltige Weltbeziehung. In der vom 20. – 23. 9. 2017 an der Universität in Jena durchgeführten internationalen Konferenz zum Thema „Heimat – ein Problem der globalisierten Welt?“ kamen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Wort, um interdisziplinär über „Heimat Global“ nachzudenken. Die Ergebnisse können sich sehen und einordnen lassen in den notwendigen, demokratischen Diskurs über Heimatbegriffe und -vollzüge.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.08.2019 zu: Edoardo Costadura, Klaus Ries, Christiane Wiesenfeldt (Hrsg.): Heimat global. Modelle, Praxen und Medien der Heimatkonstruktion. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4588-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25993.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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