socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Martina Schmidhuber, Andreas Frewer u.a. (Hrsg.): Menschenrechte für Personen mit Demenz

Cover Martina Schmidhuber, Andreas Frewer, Sabine Klotz, Heiner Bielefeldt (Hrsg.): Menschenrechte für Personen mit Demenz. Soziale und ethische Perspektiven. transcript (Bielefeld) 2019. 252 Seiten. ISBN 978-3-8376-4495-1. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.

Reihe: Menschenrechte in der Medizin - Band 7.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK


Thema

Die vorliegende Publikation befasst sich mit dem vielfach und dem immerwährenden Thema der Demenz und zwar aus einer ethischen und menschenrechtlichen Perspektive. Menschen mit Demenz sollen gleiche Chancen zur Mitbestimmung und Beteiligung haben wie gesunde Menschen, sie dürfen nicht als bloße Fürsorgeobjekte betrachtet werden, sondern als das, was sie sind: Individuen mit eigenen Rechten.

HerausgeberInnen

Die Reihe, in dem dieser Band 7 erscheint, wird von Prof. Dr. Heiner Bielefedt, Inhaber des Lehrstuhls für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik der Universität Erlangen-Nürnberg und Andreas Frewer, Professor für Ethik in der Medizin, der an der gleichen Universität lehrt, herausgegeben.Herausgeber des Buches sind neben den Genannten Dr Martina Schmidhuber, Privatdozentin für Ethik und Sabine Klotz, Mitarbeiterin im Kraft-Stiftungs-Projekt „Menschenrechte und Ethik in der Medizin für Ältere“, die beide an der Universität Erlangen-Nürnberg beschäftigt sind.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in zehn Kapitel unterschiedlicher Länge gegliedert.

Das erste Kapitel „Ein gutes Leben mit Demenz“, das von den vier HerausgeberInnen verfasst wurde, verweist zunächst darauf, dass Menschen mit Demenz Individuen mit Rechten seien und keine reinen Fürsorgeobjekte. Wenn auch die kognitiven Fähigkeiten reduziert würden, sollte dieser Mensch in seiner ganzen Lebensgeschichte und Leiblichkeit gesehen werden, insofern verliere er seine Identität nicht.

Es folgt eine „Danksagung“. Die inhaltlichen Grundlagen des Bandes beruhten auf der Fachkonferenz „Menschenrechte für Personen mit Demenz“, die im November 2018 in Nürnberg stattgefunden hat.

„Standards in Dementia Care“ von Knut Engedal ist ein englisch sprachiges Kapitel, in dem zwei Strategien der Behandlung von Demenz aufgezeigt werden. In einigen Ländern wie z.B. in Frankreich, Dänemark und Finnland würde das diagnostische Assesment in speziellen Kliniken durchgeführt, während dieses in Deutschland und anderen Ländern über den Hausarzt, der dann an die Neurologie oder Geriatrie weiter überweist, realisiert werde.

Im dritten Kapitel von Heiner Bielefeldt mit dem Titel „Würde und Rechte von Menschen mit Demenz“ wird darauf verwiesen, dass die Demenz mit einem schattenhaften Dasein verglichen werde, das man sich um jeden Preis ersparen wolle. Die Demenz sei massiv angstbesetzt, was das Leben enger mache. Die Mauern aus Angst, Scham und Verdrängung würden pflegende Angehörige mit einschließen (S. 37). Mit der „Behindertenrechtskonvention“ (BRK), die 2006 von der UNO verabschiedet wurde, könnte ein Weg der Integration in dieses Gesetzeswerk für das Thema Demenz gegangen werden, wobei das Leitprinzip „Inklusion“ mit Blick auf Menschen mit Demenz und deren Angehörige bisher kaum Berücksichtigung findet.

Katja Stoppenbrink ist die Autorin des folgenden Kapitels „Zwischen allen Stühlen – oder besonders berechtigt?“. Sie greift das soeben behandelte Thema auf, bezieht aber die deutsche Position mit ein. Im Anschluss diskutiert sie drei wichtige Einwände – die Stigmatisierung, den Symbolpolitikeinwand und den Devalorisierungseinwand.

„Die Patientenverfügung bei Menschen mit Demenz und die Rolle des Hausarztes“ wird im Kapitel fünf diskutiert. Martina Schmidhuber, Sandra Häupler, Velislava Marinova-Schmidt, Andreas Frewer und Peter L. Kolominsky-Rabas haben dieses Kapitel geschrieben. Grundlage der Ausführungen ist eine Umfrage im Rahmen des Bayrischen Demenzsurveys, nach der 85 % der Befragten über die Möglichkeit einer Patientenverfügung nachgedacht hätten. Signifikant sei der Unterschied, wenn der pflegende Angehörige der Ehepartner war. Die Chance, eine solche Verfügung verfasst zu haben, war wesentlich größer als wenn es sich beim Pflegenden um ein Kind handelte.

Das Thema „Forschung an Menschen mit Demenz“ von Johannes Jablonowski wird im folgenden Kapitel sechs aufgegriffen. Es geht hier um die Herausforderungen neuer Forschungsmethoden und eventueller Risiken, die durch die Verabschiedung des „Vierten Gesetzes zur Änderung arzneimittelrechtlicher und anderer Vorschriften“ durch den Deutschen Bundestag vom 11. November 2016, entstanden sind.

Das folgende Kapitel von Franziska Wolff, Hanna Hofstetter, Wolfgang Joa und Peter L. Kolominsky-Rabas widmet sich der „Partizipation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen“. Soziale Partizipation sei ein wenn nicht der wesentliche Faktor für ein erfolgreiches und gesundes Altern (S. 142). Es wird betont, dass je nach Stadium des Fortschreitens der Demenz unterschiedliche Dimensionen und Vulnerabilitäten der Partizipation bestimmend seien.

Helen Günther setzt sich mit der Problematik „'Pathogenic Vulnerability' in der Angehörigenpflege älterer Menschen“ auseinander. Sie kritisiert, dass mit der Pflegeversicherung familiale Hauptpflegekräfte durch den Wohlfahrtsstaat als kostengünstige „Care Reserve“ herangezogen und damit diese Angehörigen als eine sozial vulnerable Gruppe verstetigt und reproduziert würde.

Die nächsten Ausführungen beziehen sich auf „Menschen mit Demenz im Spielfilm“. Die Autoren dieses Kapitels sind Luise Holzhauser, Anna-Katharina Thum und Andreas Frewer. Insbesondere mit Spielfilmen könne die soziale Wahrnehmung dieser Krankheit positiv oder negativ beeinflusst werden. Es werden verschiedene Filme kurz vorgestellt und die populäre Zäsur, die mit dem deutschen Film „Honig im Kopf“ eingeleitet wurde, beschrieben.

Das letzte Kapitel ist dem Thema „Von der Patientin zur Bürgerin“ von Mike Laufenberg gewidmet. Es werden drei unterschiedliche Modelle im gesellschaftlichen Umgang mit Demenz, die verschiedene Implikationen und Effekte hinsichtlich der Lebens- und Sorgeverhältnisse von Menschen mit Demenzdiagnose enthielten, vorgestellt – das medizinische, das der Sozialgerontologie entstammende personenzentrierte und das Citizenship-Modell. Bei allen drei Modellen, die sicher theoretisch gut durchdacht sind, bleibe die Frage unbeantwortet, wie diese in Zeiten neoliberal dominierter Staatlichkeit durchgesetzt werden können.

Fazit

Die vorliegende Publikation hinterlässt bei mir einen etwas zwiespältigen Eindruck, der sich dadurch charakterisieren lässt, dass die Ausführungen auf einem theoretischen Niveau stehenbleiben, die immer wieder auf das Problem der „Behindertenrechtskonvention“ und deren Forderungen und wie diese auf Menschen mit Demenz übertragen werden müssen, hinauslaufen. Das sind alles theoretische Explikationen, die in der Praxis berücksichtigt werden müssten. Wie genau diese aber durchzusetzen sind und das bei sowohl kognitiven als auch basalen Einschränkungen bleibt den Lesenden vorenthalten. Verwunderlich ist des Weiteren, warum ein englisch sprachiges Kapitel aufgenommen wurde. Eine Übersetzung für LeserInnen, die nicht so sprachkundig sind, hätte dem Band gut getan.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
E-Mail Mailformular


Alle 135 Rezensionen von Gisela Thiele anzeigen.


Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 01.10.2019 zu: Martina Schmidhuber, Andreas Frewer, Sabine Klotz, Heiner Bielefeldt (Hrsg.): Menschenrechte für Personen mit Demenz. Soziale und ethische Perspektiven. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4495-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25994.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Teamleitung (w/m/d) für Wohnbereich, Mannheim oder Weinheim

Plegefachkraft (w/m/d), Treben

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung