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Maren Langlotz-Weis: Körperorientierte Verhaltenstherapie

Cover Maren Langlotz-Weis: Körperorientierte Verhaltenstherapie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2019. 116 Seiten. ISBN 978-3-497-02850-4. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

Reihe: Psychotherapie.
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Thema und Zielgruppe

Das Buch ist aus curricularen Konzepten für die Verhaltenstherapieausbildung am IFKV in Bad Dürkheim und aus erweiterten Handouts für die Workshops entstanden, die Maren Langlotz-Weis zur körperorientierten Verhaltenstherapie anbietet. Es enthält eine kurze theoretische Fundierung und konkrete Interventionsbeispiele mit Fallvignetten und richtet sich an (zukünftige) Verhaltenstherapeut*innen, die das Potenzial des Körpers therapeutisch stärker nutzen möchten. Beeinflusst wurde die Autorin unter anderem auch von George Downing, der einen tiefenpsychologisch fundierten Ansatz vertritt. So weist das Buch über den Rahmen der Verhaltenstherapie hinaus und arbeitet insbesondere eine Haltung der Achtsamkeit, d.h. der nicht wertenden gegenwartsbezogenen Körperwahrnehmung heraus.

Autorin

Maren Langlotz-Weis ist approbierte Verhaltenstherapeutin mit Weiterbildungen in Psychodrama, systemischer Familientherapie und Körperorientierter Therapie in eigener Praxis. Sie war leitende Psychologin der Psychosomatischen Fachklinik Bad Dürkheim und ist als Supervisorin (KBV, DVT) und Dozentin an verschiedenen Institutionen tätig.

Aufbau 

Das Buch enthält neben Geleit- und Vorwort, Einführung, Literaturverzeichnis und Sachwortregister drei große Abschnitte:

  1. Theoretische Grundlagen
  2. „Handwerk“ – konkretes Arbeiten
  3. Interventionen (konkrete therapeutisch begleitete Atem- und Körperübungen)

Inhalt

In der Einführung werden zunächst Bereiche aufgezählt, in denen die Verhaltenstherapie bereits die körperliche Seite des menschlichen Erlebens mit einbezieht: in der Angst- und Phobien-Behandlung, im SORCK Modell, beim Biofeedback, bei Körperschemastörungen oder im weiteren Sinne auch bei Aufstellungen oder Verhaltensexperimenten. Die in diesem Buch dargestellten Interventionen stammen zum großen Teil aus der körperpsychotherapeutischen Arbeit nach George Downing und aus dem Yoga angelehnten Verfahren. Hierbei wird immer wieder auf zwei unterschiedliche Ziele in der körperpsychotherapeutischen Arbeit verwiesen:

  • Die Arbeit im „Hier und Jetzt“ mit der Wahrnehmung des Körpers und der dazugehörigen Gefühle, Gedanken, Handlungsimpulse, Bilder und Phantasien und zum anderen
  • den Körper und seine Erinnerungsfähigkeit nutzbar zu machen, um einen besseren Zugang zu den eigenen Gefühlen und Erinnerungen zu bekommen. Dies ermöglicht, therapeutische Gegenkonditionierungserfahrungen anzubieten.

Im Kapitel der theoretischen Grundlagen werden insbesondere Schemata in der praeverbalen Entwicklungsphase herausgearbeitet. Solche affektmotorischen Schemata lassen sich nach Downing in Bindung und Abgrenzung unterteilen. Bei wenig feinfühligen Eltern entsteht eine sogenannte Körperabwehr, die in der Therapie in einer Haltung der Achtsamkeit gemeinsam erforscht und verstanden wird. Dann geschieht in der Therapie eine Nachbeelterung mit alternativen Erfahrungen. Im vorliegenden Buch werden immer wieder Bezüge zur Schematherapie hergestellt.

Weiterhin geht es um Differenzierungslernen und den sogenannten Carpenter-Effekt: dieser beschreibt die äußerlich nicht sichtbaren, dennoch messbaren Muskelerregungen und Nervenimpulse, die bei einer Beobachtung oder Vorstellung einer Bewegung oder Berührung festzustellen sind. Diese werden therapeutisch aufgegriffen.

Im dritten Kapitel „Handwerk“ geht die Autorin zunächst auf das Setting, die Voraussetzungen und die therapeutische Grundhaltung ein: Die Haltung ist unterstützend, Erlaubnis gebend, validierend und ressourcenorientiert. Es geht nicht nur um die reine Körpererfahrung, sondern anschließend um die kognitive Einbettung des Erlebten. Die Selbsterfahrung der Therapeut*innen und die genaue Abklärung der Erlaubnis, Patient*innen zu berühren sind von großer Bedeutung.

Körperorientierte Verhaltenstherapie ist besonders für Patient*innen geeignet, die kaum Zugang zu ihren Gefühlen haben und diese eher somatisierend oder intellektualisierend ausdrücken. Die Autorin geht in kurzen Abschnitten noch einmal besonders auf Menschen mit Essstörungen, Depressionen, Somatisierungsstörungen, Traumaerfahrungen und Persönlichkeitsstörungen ein.

Ein besonderer ausführlicher Abschnitt ist dem Thema „ Berührung und die Sorge um Erotisierung“ gewidmet. Hierbei geht es zum einen um die authentische Bereitschaft von Therapeut*innen, Patient*innen zu berühren, und zum anderen um die Frage, ob Letztere Berührungen wünschen, zulassen oder erlauben. Alternativ kann auch mit vorgestellten Berührungen gearbeitet werden.

Berührung kann

  • unterstützen,
  • die Erfahrung des Behütetseins vermitteln,
  • Trost spenden,
  • Halt geben,
  • Widerstand anbieten oder auch
  • als Verhaltensexperiment eingesetzt werden.

Die Autorin geht weiterhin noch genau darauf ein, wie man in den einzelnen Stunden die Körper- und/oder Atemarbeit einführen kann. Die konkrete Arbeit knüpft dann an Mikroverhaltensanalysen an, die live in der Situation fußend auf der Körperarbeit in achtsamer Art und Weise durchgeführt werden. Die Körperarbeit unterstützt insbesondere dabei, Gefühle wie Ärger, Wut, Trauer, Angst, Freude und Lust zu spüren und zu modulieren.

Knapp die Hälfte des Buches ist dann ganz konkreten Interventionen gewidmet, die mit gezeichneten Bildern illustriert sind und genau angeleitet werden. Hier zeigt sich, dass das Buch aus einer Handreichung für Seminare entwickelt worden ist.

Diskussion

Die Autorin stellt sehr praxisnah körperorientierte Interventionen dar, die in die verhaltenstherapeutische Arbeit integriert werden können. Sie konzentriert sich dabei insbesondere auf die Arbeit mit Atmung, Berührungen und Bewegungen, die die Emotionswahrnehmung steigern. Andere Aspekte der Körperorientierung bleiben außen vor: Insbesondere aktuelle Diskurse zum Zusammenhang zwischen Ernährung, Bewegung und Psyche sowie zu den Wechselwirkungen zwischen körperlichen und psychischen Krankheiten werden beispielsweise nicht thematisiert. Das hätte auch den Rahmen des Buches gesprengt.

Ein besonderes Plus des Buches ist die sensible Reflexion einer achtsamen therapeutischen Grundhaltung, verbunden mit sehr genauen Anleitungen, wie das therapeutische Arbeiten mit Atmung und Berührungen initiiert und durchgeführt werden kann.

Fazit

Das Buch zeichnet sich durch schulenübergreifende, sehr praxisnahe Anleitungen für Therapeut*innen aus, die das Potenzial des Körpers stärker nutzen möchten. Es verortet sich in der sogenannten „Dritten Welle“ der Verhaltenstherapie, die der Emotionalität, der Bindungsforschung und der Lerngeschichte der Patientinnen Rechnung trägt. In einer achtsamen therapeutischen Haltung geht es um das Zulassen körperlicher Selbsterfahrung und um das Verständnis für präverbale affektmotorische Schemata.


Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 17.03.2020 zu: Maren Langlotz-Weis: Körperorientierte Verhaltenstherapie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2019. ISBN 978-3-497-02850-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25996.php, Datum des Zugriffs 06.04.2020.


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ISSN 2190-9245

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