socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Anke Grotlüschen, Sabine Schmidt-Lauff u.a. (Hrsg.): Das Politische in der Erwachsenenbildung

Cover Anke Grotlüschen, Sabine Schmidt-Lauff, Silke Schreiber-Barsch, Christine Zeuner (Hrsg.): Das Politische in der Erwachsenenbildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2019. 268 Seiten. ISBN 978-3-7344-0725-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Non-formale politische Bildung - Band 13.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK


Herausgeberinnen

Alle vier Herausgeberinnen lehren Erwachsenenbildung bzw. Weiterbildung in Hamburg. Anke Grotelüschen und Silke Schreiber-Barsch an der Universität Hamburg; Sabine Schmidt-Lauf und Christine Zeuner an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um den Tagungsband eines zweitägigen Symposions an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg im März 2017. Die Tagung stand ganz im Zeichen der Erinnerung an Peter Faulstich, der von 1995 bis zu seinem Tod 2016 als Professor für Erwachsenenbildung ebendort wirkte.

Aufbau

Der Band ist in zwei große Abteilungen untergliedert: Die Abteilung I ist „Diskurse“ überschrieben und enthält 8 Aufsätze, die sich dem Begriff des „Politischen“ in der Erwachsenenbildung grundsätzlich widmen.

Die weit umfangreichere Abteilung II ist „Foren“ überschrieben. Hier werden 10 jeweils kurze Stichworte vorgegeben, „Impulse“ genannt, denen jeweils bis zu 4 Erörterungen folgen. Die Themen der Foren behandeln die verschiedenen Arbeitsgebiete des Andragogen Peter Faulstich und reichen von „Theorien des Lernens und Lehrens“ über „Strategien der betrieblichen Weiterbildung“ bis zu „Kunst, Comic und Museum“.

Zusammen mit der Einleitung umfasst der Band insgesamt 34 Beiträge. Zieht man von den 268 Seiten des Buches die Seiten für Literaturangaben, Autorennotizen und Titellage ab, bleiben sechs Seiten für jeden Beitrag übrig: Ein Häppchen-Patchwork, ein Feuerwerk von Andeutungen, Anspielungen und Wiederholungen.

Inhalt

Erwachsenenbildung

Ist bei pflicht- und hochschulischer Bildung ein Ende in Form von „Abschlüssen“ abzusehen, so gilt das für die Erwachsenenbildung nicht. Das „Lifelong Learning“ steht über allen ihren Angeboten. Peter Faulstich hat sich immer am Wort „lebenslang“ gestoßen, das ihn an eine Höchststrafe erinnerte, „lebenslänglich“. Auch das Wort „Lernen“ ist nur ein Etappenbegriff, der schließlich zur „Bildung“ führen soll. Faulstich schlägt stattdessen den Begriff „lebensentfaltende Bildung“ vor. Alle Erwachsenenbildung steht im Dienste lebensentfaltender Bildung.

Das Politische

Zwischen „der Politik“ und „dem Politischen“ besteht eine Differenz; staatliches Handeln meint das eine, Selbstbestimmung das andere, um es sehr grob zu sagen. Bei Hannah Arendt steht es differenzierter. Als Zoon politikon oder Animal politicum ist das Sozialwesen Mensch Mitglied einer Polis und für die solidarische Regelung aller Belange und Angelegenheiten des Zusammenlebens zuständig. Das Politische gehört, gewissermaßen als Kompensat, zur instinktreduzierten Natur des Menschen. Das Politische in der Erwachsenenbildung besteht darin, den Lernenden als Polis-Wesen mit einem emanzipatorischen Erkenntnisinteresse zu respektieren, sei dieses auch undeutlich oder gar verschüttet. Wer beispielsweise einen Computerkurs besucht, sollte nicht nur technisches Know how lernen, sondern auch über Freiheitschancen und Repressionsgefahren der neuen Technologie nachdenken können. Alles Lernen sollte im Dienst einer zu verändernden Gesellschaft stehen, nicht im Dienst einer unkritischen Fortschreibung des Staus quo; alles Lernen sollte im Interesse der Befreiung aus ungleichen Unterdrückungs- und Abhängigkeitsverhältnissen stehen; alles Lernen sollte die Mündigkeit und Emanzipation der Lernenden fördern. Darin drückt sich das Politische aus.

Entpolitisierungsgefahren

Erwachsenenbildung als Inbegriff der Fort- und Weiterbildung ist der ständigen Gefahr der vorsätzlichen Entpolitisierung ausgesetzt, wenn in den Seminaren und Kursen allein die wirtschaftliche Brauchbarkeit des Gelernten im Mittelpunkt steht und der Teilnehmer nicht als Homo politicus, sondern als abhängig Beschäftigter in Anspruch genommen wird, in dessen Employabilität investiert werden soll, um seine Ausbeutung profitabler zu machen.

Lernen braucht Zeit

Die Möglichkeiten und Grenzen der Erwachsenenbildung sind von der Zeit bestimmt. Für Kurse und Seminare liegen bepreiste Zeitpensen fest, die weder unter- noch überschritten werden sollten. Konflikte mit der „Eigenzeit“, die jeder Lernende individuell fürs Lernen braucht, sind programmiert.

Das Tempo, mit dem heute, im digitalen Zeitalter, technische Neuerungen einander ablösen, auf die man sich ebenso schnell einzustellen hat, raubt die Zeit zum gründlichen Nachdenken und macht aus einschlägigen Seminaren und Trainings eindimensionale Anpassungsfortbildungen. Wieder wird das Politische aus dem Spiel genommen, hier auf dem Wege des Zeitregimes.

Lernen braucht Mitbestimmung

Im konkreten Lehr-Lern-Verhältnis zwischen DozentInnen und TeilnehmerInnen besteht das Politische in der Durchsetzung von Relevanzen, in dem, was wichtig ist zu lernen, zu wissen und zu können; und in dem, was als nachrangig und irrelevant betrachtet wird. Hier sollten die Lernenden zumindest ein Mitbestimmungsrecht haben.

Peter Faulstich verfolgte einen Ansatz subjektbestimmten Lernens und teilnehmerorientierten Lehrens. Mit diesem Ansatz ist eine eigene Optik auf die Geschehnisse verbunden. So erklärt er einmal die Lernunlust und Lernwiderstände Jugendlicher mit der fehlenden Bedeutsamkeit des Lerngegenstands für die Heranwachsenden – und stellt sich damit auf die Seite der Lernverweigerer. Grundsätzlich gilt: Alles Lernen hat der Selbstentfaltung des Einzelnen in einer mit Anderen geteilten Welt zu dienen.

Kulturelle Bildung

Peter Faulstich war nicht nur ein talentierter Hobby-Maler, sondern auch ein engagierter Befürworter der kulturellen Erwachsenenbildung und der „lebenskunstorientierten Bildungsarbeit“. Das politische Element, dass er in die kulturelle Bildung einführte, bestand in der Befähigung unterer sozialer Schichten, die Hervorbringungen der Hochkultur ästhetisch zu würdigen und kundig zu beurteilen. Seine Methode, vermittels „Bildergesprächen“ in Hamburger Museen klassische Werke zu erschließen, war unter Studierenden aus „einfachen Elternhäusern“ ein besonders beliebtes Seminarformat. Faulstich verband damit zugleich die Frage nach der „Lernförderlichkeit von Orten“. Die Universität und ihre Vorlesungs- und Seminarräume präformieren ein anderes Lernen als etwa ein Kunstmuseum oder eine Holocaust-Gedenkstätte. Selbst die Raum-Wahl hat eine politische Seite.

Diskussion

Die Angebote der außerschulischen Erwachsenenbildung, wie sie exemplarisch von kommunalen Volkshochschulen repräsentiert werden, reichen von der Allgemeinbildung bis zur beruflichen Fortbildung, von der politischen über die kulturelle bis zur gesundheitlichen Bildung; sie schließen auch kreative Übungen und sportliche Trainings, Ausstellungen und Bildungsreisen ein. Die Angebote richten sich an Menschen in der Erwerbs- und Nacherwerbsphase, eben an Erwachsene. Alle diese Angebote sollen insofern „politisch“ sein, als eine herrschafts- und ideologiekritische Grundhaltung wiedererkennbar ist, die der Mündigkeit und Selbstbestimmung der Teilnehmer zugutekommt. – Soll das auch auf den Yoga-Kurs und das Seminar „Die Kunst des Origami“ zutreffen? Ist das wirklich wünschenswert? Dass „alles“ politisch ist, – geschenkt! Aber ist es deshalb nötig, jeden Kursus politisch zu dogmatisieren? Dass man dadurch Teilnehmer abschrecken und das Zustandekommen des Seminars gefährden kann, scheint eher wahrscheinlich und dürfte nicht im Interesse der Volkshochschule liegen. Zum Politischen in der Erwachsenenbildung sollte auch ein Wissen um seine pragmatischen Grenzen gehören.

Fazit

Erwachsenenbildung, vormals „Volksbildung“, ist bis heute ein randständiger Bildungsbereich, verglichen mit Schule, Hochschule und Berufsausbildung. Die Wendung „quartärer Bildungssektor“ weist ihr die vierte Stelle zu. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Erwachsenenbildung dürfte ähnlich randständig sein. Nicht einmal die eigene Disziplinbezeichnung „Andragogik“ hat sich durchgesetzt. – Peter Faulstich war ein Andragoge, der sich vehement der Marginalisierung seines Fachs widersetzte und sich auch bildungspolitisch engagierte, indem er ein „Bundesweiterbildungsgesetz“ forderte, das es bis heute nicht gibt. Das vorliegende Buch dient dazu, den politischen Andragogen Peter Faulstich in guter Erinnerung zu behalten und sein Werk als Vermächtnis zu betrachten.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
E-Mail Mailformular


Alle 89 Rezensionen von Klaus Hansen anzeigen.


Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 04.10.2019 zu: Anke Grotlüschen, Sabine Schmidt-Lauff, Silke Schreiber-Barsch, Christine Zeuner (Hrsg.): Das Politische in der Erwachsenenbildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2019. ISBN 978-3-7344-0725-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25997.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung