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Michael Raab: Care in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken

Cover Michael Raab: Care in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken. Sorgende Netze jenseits der Norm. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 254 Seiten. ISBN 978-3-86388-817-6. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Die vorliegende Studie fragt nach der gesellschaftlichen Bedeutung unkonventioneller Beziehungsformen, die heute unter dem Begriff Polyamory gefasst werden und seit den 90er Jahren zunehmend mediale Aufmerksamkeit erfahren. Der Begriff der Polyamory bezeichnet eine Lebens- und Beziehungsform, in der die Beziehung nicht eine exklusive Paarbeziehung, sondern mehrere Personen umfasst und in der alle Beteiligten voneinander wissen und mit der Beziehungsform einverstanden sind.

Michael Raab richtet sein Augenmerk jedoch nicht auf die Liebesbeziehungen in diesen Beziehungsformen sondern im Zentrum seiner Studie steht Care: die Sorge und die Fürsorge, das sich umeinander kümmern, die Verantwortlichkeit füreinander, die Solidarität untereinander. Und das besondere an seiner Blickrichtung ist zudem, dass er aus feministischer Perspektive sein Interesse darauf richtet, wie Care-Arbeit, die sich auf gesellschaftlicher Ebene vorrangig als Aufgabe der weiblichen Reproduktions- und Privatsphäre darstellen, in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken auf die Geschlechter verteilt sind, sie mehr Selbstbestimmung und inwieweit sie emanzipatorisches Potenzial im Blick auf eine solidarische Gesellschaft entwickeln.

Autor und Entstehungshintergrund

Michael Raab schreibt in der Danksagung zu der vorliegenden Studie, die als Dissertation eingereicht wurde, dass ohne diverse Beziehungen und Beziehungsnetzwerke die vorliegende Studie nicht denkbar gewesen wäre sowie das unterstützende Diskussionsklima im Kolloquium der Arbeitsgruppe „Arbeit-Gender-Technik“ an der TU Hamburg viel zu seinem eigenen Zurechtfinden in der „oft exklusiven Welt der Akademie“ beigetragen hat. Mehr erfahren Leser_innen nicht über den Autor.

Aufbau

Das Buch umfasst einschließlich der Einleitung 7 Kapitel plus einer umfangreichen Literaturliste und einen Anhang mit einer Übersicht über die analysierten Beziehungsnetzwerke:

  1. Einleitung
  2. Aspekte einer Theorie der Intimbeziehungen
  3. Intimbeziehungen als zentrales Feld gesellschaftlicher Reproduktion
  4. Zur Methode
  5. Care in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken
  6. Das emanzipatorische Potenzial konsensueller Nichtmonogamie
  7. Strategien zur Erweiterung des emanzipatorischen Potenzials konsensueller Nichtmonogamie

Inhalt

Im ersten Kapitel der Einleitung erörtert M. Raab zu Beginn warum er anstelle des populären Begriffs der Polyamory den etwas sperrigen Begriff der konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerke gewählt hat. Er gibt dafür zwei Begründungen an: zum einen haben die Teilnehmer_innen seiner Studie selbst unterschiedliche Bezeichnungen für ihre Beziehungsform genannt, z.b. Mehrfachbeziehung, polyamores Netzwerk, Beziehungsgeflecht, Kommune oder Lebensgemeinschaft. Zum anderen will der Autor mit dem Begriff des konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerkes der Vielfalt dieser Beziehungsform gerecht werden und darüber hinaus interessiert ihn vorrangig die Frage, ob in solchen Beziehungsformen eine geschlechtergerechte Verteilung von Care Arbeit praktiziert wird.

Im 2. Kapitel geht Raab mit vergleichenden Blick auf die dominante monogame Beziehungsform, die nicht nur statistisch die vorherrschende Norm ist, der Frage nach, welche Bedeutung nicht-monogame Beziehungen als „eine Form eigensinniger Lebensführung“ für die Beteiligten und die gesellschaftliche Entwicklung haben. Dazu rekurriert er zunächst auf die Entwicklungsgeschichte der Monogamie in Europa und die ersten staatlichen Ansätze einer geschlechtergerechten Familienpolitik in der Frühphase der russischen Oktoberrevolution, die eine solidarische Lebensweise fördern, den Frauen mehr Wahlmöglichkeiten als die Reproduktionsarbeit gewähren sollte, um so die ökonomische Abhängigkeit der Frauen in der bürgerlichen Kleinfamilie zu beenden. Dieser Versuch, eine nicht auf der Monogamie fußende Kollektivierung von Care zu entwickeln, ist insofern gescheitert als sich zeigte, dass die Kleinfamilie für die industrielle Entwicklung besser geeignet ist.

Darüber wirft er einen kritischen Blick auf die Beziehungsformen der „freie Liebe“ im Kontext der sozialen Bewegungen der 1970er Jahre, die einen weiteren Versuch zur Überwindung der Kleinfamilie als zentraler Reproduktionsstätte des Kapitals darstellte.

In den weiteren Abschnitten diskutiert Raab zwei care-theoretische Diskursstränge die für die Sicht auf Care in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken von Bedeutung sind. Zum einen sind dies die sozioökonomischen Care-Theorien, deren erste Ansätze in der kontroversen Debatte über „Lohn für Hausarbeit“ in den 1970er Jahren entwickelt wurden und bis zu den gegenwärtig vorliegenden Reproduktionsmodellen aus feministischer und kapitalismuskritischer Sicht reichen. Der zweite Strang des Care-Diskurses hat seine Ausgangspunkt mehr in der feministischen Kritik an einer androzentristischen Moralphilosphie, die entsprechend ihrer Pflichtethik das autonomen Einzelwesen zum universellen Muster erklärt und verkennt, dass es ohne Fürsorge und Abhängigkeit keine Autonomie errungen hätte. Care-Ethik stellt die Sorge für einander und eine Ethik der Achtsamkeit in den Mittelpunkt. In der Praxis sollten Menschen sich nicht als getrennte Subjekte sondern als grundsätzlich einander verbunden wahrnehmen.

Auf der Basis dieser Care-Theorien entwickelt Raab einen Begriff von Care, der Tätigkeiten umfasst – gleichgültig ob bezahlt oder nicht- die vorrangig und unmittelbar auf das Wohlergehen von Menschen ausgerichtet sind und mit einer zugewandten Haltung einhergehen (S. 14).

Ausgehend von diesem Theoriegerüst formuliert Raab für seine empirische Untersuchung drei gegensätzliche Hypothesen, die den Zusammenhang von Care, Gender und kapitalistischer Ökonomie empirisch erfassen soll:

  1. Nichtmonogamie kann zur Emanzipation der vorherrschenden Heteronormativität und zur Etablierung egalitärer Geschlechtermodelle beitragen.
  2. Neue nichtmonogame Intimbeziehungen können als Anpassung oder sogar Vereinnahmung neoliberaler Entwicklungen gesehen werden, die den „flexiblen Menschen“ nicht nur im Arbeitsleben sondern auch in seinen privaten, intimen Beziehungen benötigen.
  3. Die Persistenzhypothese versteht Nichtmonogamie als Retraditionalisierung von Geschlechterungleichheit monogamer Beziehung, lediglich mit dem Unterschied, dass mehr Personen „freiwillig“ beteiligt sind.

Im 3. Kapitel diskutiert der Autor die komplexen Vermittlungen zwischen Gesellschaftsstruktur und individuellen Beziehungsformen, in dem er den analytischen Rahmen des Intersektionalen Mehrebenenansatzes mit wertkritischen, feministischen sowie habitus- und handlungstheoretischen Überlegungen verknüpft. Erkennbar soll damit werden, das in kapitalistischen Gesellschaften in der Zurichtung zur Arbeit und der Sorge um konkrete Menschen ein Spannungsverhältnis besteht, das im Alltagshandeln ständig austariert werden muss. Beide Sphären sind funktional aufeinander bezogen: Care soll die Ware Arbeitskraft reproduzieren und zugleich Werte und Normen vermitteln, die sowohl für den Erhalt individueller Beziehungen als auch für den Fortbestand der Gesellschaft notwendig sind.

Im 4. Kapitel erläutert M. Raab die Methodik der empirischen Untersuchung, die über ein Onlinesurvey ca. 200 Interviewpartner aus konsensuell-nichtmonogamen Beziehungen findet und daraus mit 14 ausgewählten Gesprächspartner narrative Interviews führt.

Im 5. Kapitel, dem umfangreichsten stellt M. Raab die Ergebnisse der intersektionalen Mehrebenenanalyse dar und die drei Netzwerktypen, die er mittels einer empirisch fundierten Typenbildung beschreibt. Er unterscheidet zwischen den pragmatisch-kollektiven, den individuell-ideellen und den konventionell-kernzentrierten Typus und arbeitet die erheblichen Unterschiede zwischen den drei Typen hinsichtlich ihrer sozialen Lage (Milieuzugehörigkeit, Bildung, sozialen Status) und in ihrer Sorgepraxis heraus. Im nächsten Schritt verknüpft M. Raab die drei Typen mit den drei eingangs genannten Hypothesen. Themenspezifische Abschnitte beschreiben, wie sich die Teilnehmer_innen der untersuchten Netzwerke emotional, hinsichtlich der Haushaltsführung, bei Krankheit und im Umgang mit Ressourcen umeinander sowie um Kinder kümmern. Abschließend zieht M. Raab ein Fazit zu der empirische Gültigkeit und der gesellschaftlichen Bedeutung konsensueller Nichtmonogamie.

Im 6. Kapitelwerden die Ergebnisse unter Rekurs auf die drei Hypothesen – Emanzipation, neoliberale Indienstnahme, Persistenz- diskutiert. Obgleich M. Raab feststellen muss, dass es typenübergreifende Machtstrukturen zwischen den Geschlechtern gibt, erkennt er besonders in dem pragmatisch-kollektiven Typus ein großes emanzipatorisches Potenzial. Die Mitglieder dieses Typus kümmern sich um einander, helfen sich gegenseitig, unterstützen Schwächere und arbeiten aktiv daran, Konkurrenzverhalten oder geschlechterbezogene Zuständigkeiten zu vermeiden. Bei keinen der drei Typen findet er Ansätze einer Anpassung an neoliberale Anforderungen.

Im 7. Kapitel diskutiert M. Raab Mikro- und Diskurspolitiken sowie Institutionalisierungsstrategien und erarbeitet Vorschläge zur Veränderung der rechtlichen Bedingungen, die eine Ausweitung des emanzipatorischen Potenzials konsensueller Nichtmonogamie bewirken könnten.

Diskussion

Die Studie von M. Raab vermittelt einen differenzierten Einblick in unterschiedliche konsensuell-nichtmonogame Beziehungsnetzwerke, auch welchen Einfluss im fördernden wie hemmenden Sinn gesellschaftliche Strukturen auf die Care-Arbeit der untersuchten Beziehungsformen haben. Zwar werden auch in solchen Beziehungsformen heteronormative Strukturen wirksam, aber diese werden von den Beteiligten im Rahmen ihrer Ressourcen mehr in Frage gestellt und „eigensinniger modifiziert“ als in monogamen Beziehungen, nicht zuletzt deshalb, weil in Beziehungsnetzwerken mit mehreren Beteiligten die Notwendigkeit wie auch die Möglichkeit gegeben ist, von- und miteinander zu lernen, die eigenen individuellen Interessen zu vertreten und zugleich die Bedürfnisse der Anderen mitzudenken. So werden vor allem in pragmatisch-kollektiven Netzwerken neue Handlungsstrategien entwickelt, die vor allem die ungleiche Verteilung von Care zwischen den Geschlechtern innerhalb des Netzwerkes dann überwinden, wenn auf berufliche Ambitionen weites gehend verzichtet, sparsam und nachhaltig konsumiert sowie großer Wert auf die Pflege von Beziehungen gelegt wird.

Kritisch anzumerken wäre lediglich, dass nicht so recht nachvollziehbar ist, warum M. Raab in seiner Studie den Einfluss und die Bedeutung von Liebesbeziehungen in den konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken ausgeklammert hat, zumal diese meist relativ kleine Gruppen umfassen und die Bereitschaft zu Care, wie auch die tatsächliche Sorgearbeit nicht absolut unabhängig von Liebesbeziehungen in diesen Netzwerken ist, zumindest ist dies an manchen Stellen in dem Buch angedeutet.

Fazit

Zusammenfassend gesehen ist die Studie vor allem Studierenden und Lehrenden zu empfehlen, die an emanzipatorischen Entwicklungen in Gemeinschaften, an Fragen einer geschlechtergerechten Sorgearbeit und der Entwicklung einer solidarischen Gesellschaft interessiert sind.


Rezension von
Dipl. Soziologin Angela M. Laußer
Dipl. Soziologin, Beraterin, Trainerin und Coach
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Zitiervorschlag
Angela M. Laußer. Rezension vom 29.06.2020 zu: Michael Raab: Care in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken. Sorgende Netze jenseits der Norm. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. ISBN 978-3-86388-817-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26002.php, Datum des Zugriffs 26.09.2020.


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