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Ingo Gottschalk (Hrsg.): VSOP Kursbuch Sozialplanung

Cover Ingo Gottschalk (Hrsg.): VSOP Kursbuch Sozialplanung. Orientierung für Praxis und Wissenschaft. Springer VS (Wiesbaden) 2019. 135 Seiten. ISBN 978-3-658-25444-5. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: Research.
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Thema

Das Buch bietet einen ersten kompakten Einstieg ins Thema Sozialplanung, eine (wie bereits das Cover verkündet) erste Orientierung. Es handelt sich also um ein Kompendium, ist daher in allen Teilen knapp und übersichtlich gehalten und dabei gut lesbar. Das ist begrüßenswert, da sich am Thema Interessierte ansonsten in etlichen anderen Fachbüchern und Aufsätzen Informationen über Sozialplanung und damit verwandte Begriffe und Themen (wie z.B. Jugendhilfeplanung) zusammensuchen müssen.

Herausgeber

Dr. Ingo Gottschalk ist Vorsitzender des Vereins für Sozialplanung e.V. (VSOP).

Aufbau

Das Buch gliedert sich in zehn Kapitel, die von fast ebenso vielen Autor/-innen verfasst sind; im Folgenden werden ausgewählte Kapitel besprochen. Da die einzelnen Kapitel des Buches wenig bis keinen expliziten Bezug aufeinander nehmen, erfolgt auch die Besprechung kapitelweise.

Leider enthält das Buch statt eines Autor/-innenverzeichnisses, wie es für Fachbücher üblich ist und aus dem die institutionelle Verortung und jeweilige Expertise der Personen hervorgehen sollte, lediglich ein Gruppenfoto der Autor/-innen (das aber immerhin inkl. der Namen). Für alle, die neu in den Sozialplanungsdiskurs einsteigen, wäre eine entsprechende Ergänzung in einer eventuellen zweiten Auflage des Bandes wünschenswert.

Inhalt

1) Ziele, Aufgaben und Arbeitsweise des Vereins für Sozialplanung (VSOP) e.V.

Gleich zu Beginn wird klar: Es geht um angewandte, nicht um reine Wissenschaft (vgl. Lüdtke 2011: 760). Das ist zumindest wichtig für „Dozierende und Studierende der Politikwissenschaft“ und der Soziologie, welche auf dem Rückumschlag des Buches als Zielgruppen aufgeführt sind. Denn diese werden an Universitäten zumeist mit reiner Wissenschaft konfrontiert und u.U. eher weniger mit außeruniversitär-praktischen Verwendungsmöglichkeiten ihrer jeweiligen Disziplin vertraut sein (das mag jedoch von Curriculum zu Curriculum unterschiedlich sein).

Darüber hinaus wird im ersten Kapitel „nur“ der Verein für Sozialplanung vorgestellt. Das ist nicht uninteressant für eine Einordnung der jeweiligen Beiträge, zumal für die oben genannte, eher im universitären sozialwissenschaftlichen Rahmen sozialisierte sowie die eher theoretisch interessierte Leser/-innenschaft. Für sie ist womöglich insbesondere folgende Selbstbeschreibung interessant: „Der VSOP arbeitet praxisorientiert, aber mit Bezug auf theoretische Positionen und empirische Daten“ (3). Welcher Art dieser Bezug sein und auf welche theoretischen Positionen er erfolgen könnte, bleibt hier wie im Folgenden leider offen (Kapitel 3 belässt es bei der bloßen Nennung von Namen und Theorieansätzen, ohne jedoch mögliche Bezüge zu konkretisieren).

2) Vorwort – Sozialplanung aktuell

Kapitel 2 gibt sodann eine kurze inhaltliche Einführung ins Thema des Buches und verortet Sozialplanung wie folgt: „Sozialplanung bewegt sich heute im Spannungsfeld von Politik, Wissenschaft und Praxis und ist dabei Sozialforschungs-, Planungs- Koordinationstätigkeit“ (5). Dies beschreibt die Praxis von Sozialplaner/-innen (bei notwendiger definitorischer Abstraktheit) ziemlich gut.

Bereits in diesem Vorwort merkt man, dass der VSOP keine (zumindest keine ausschließlich) wissenschaftliche Vereinigung ist, sondern Sozialplanung dezidiert aus einer Perspektive der Praxis denkt und darüber hinaus in diesem Bereich auch eine Lobbyfunktion ausübt. Dieser Eindruck mag auch dadurch entstehen, dass an einigen Stellen Behauptungen aufgestellt werden (z.B. „Dies erfordert einen übergreifenden Planungsansatz, der in den Kommunen mit spezialisiertem Personal eigens organisiert werden muss“; 11), die dann aber weitgehend unbegründet bleiben. Auch die Behauptung, dass Sozialplanung „in der Kommunalverwaltung angekommen“ sei (12), kann man so pauschal durchaus infrage stellen.

3) Geschichte der Sozialplanung, theoretische Grundlagen, Methodologie

In einem historischen Abriss wird zunächst erklärt, dass Sozialplanung ihre Ursprünge im Bereich des Rechts hat (15) und die Forderung nach kommunaler Sozialplanung erstmals Ende der 1960er Jahre aufkommt. Danach wird eine stichpunktartige Aufzählung von Protagonisten und Stationen der Sozialplanung von den 1970er bis in die 1990er Jahre gegeben.

Nach dem geschichtlichen Teil geht es dann um „Theorieansätze in der Sozialplanung“ (17). Erste Irritationen lösen hier bereits zwei der vier dem Abschnitt vorangestellten Leitfragen aus, scheint ein Theoriekapitel doch mindestens ein ungewöhnlicher Ort zur Besprechung von Professionalisierungsprozessen und „sozialplanerische[n] Top-Themen“ (a.a.O.) zu sein. Der wichtigste Satz des Kapitels ist dann auch die Feststellung „Eine kohärente Theorie der Sozialplanung […] gibt es (bislang) nicht“ (18), Leider wird diese Aussage durch den Theorie-Teil des Kapitels selbst gleich eindrucksvoll unter Beweis gestellt, da dieser sich im bloßen Nennen großer Namen (z.B. Niklas Luhmann, Martha Nussbaum oder Pierre Bourdieu) und wissenschaftlicher Perspektiven (Systemtheorie, Capability-Ansatz, Stadtsoziologie; 18 f.) erschöpft, ohne hinreichende Verbindungen zwischen der sozialplanerischen Praxis und soziologischen Theorien herzustellen. Irreführend auch die vermeintliche Gemeinsamkeit von Soziologie und „Sozialplanung auf lokaler Ebene“, die sich in den ganz großen gesellschaftstheoretischen Fragen ausdrücken soll. Diese gehören sicherlich zum fachlichen Hintergrund von Sozialplanenden. Aber dass sie stets bewusst und in voller Tragweite mitgedacht werden, kann man durchaus anzweifeln – denn eine solche Frage könnte die Möglichkeit gesamtgesellschaftlicher (vielleicht gar: imperativer) Steuerung suggerieren, wie sie sowohl in Soziologie als auch Politikwissenschaft mittlerweile konsensual ad acta gelegt worden sein dürfte (vgl. exemplarisch Wiesenthal 2006). Hier hätte man auch von einem Kompendium durchaus mehr erwarten dürfen. Auch die Frage, wie genau das „Top-Thema“ Inklusion – das für sich genommen recht gut mit Sozialplanung verzahnt wird – mit der sozialplanerischen Theoriebildung zusammenhängt, bleibt offen.

Wesentlich besser als der Theorie- ist dann der Methodenteil. Er gibt einen guten Überblick über das Handwerkszeug, das Sozialplanende benötigen, dergestalt, dass er sowohl Standardaufgaben als auch Handlungsebenen von Sozialplanung stichwortartig und übersichtlich so benennt, dass interessierte Lesende hinreichend Anknüpfungspunkte für eine vertiefende Lektüre finden (21 f.). Etwas ausführlicher wird dann noch auf Sozialberichterstattung und Wirkungskontrolle eingegangen (22 f.), Sozialraumorientierung wird nochmal ausführlicher vorgestellt (23 ff.).

5) Sozialraumorientierung

Eines der eher wissenschaftlich orientierten bzw. informierten Kapitel, was sicherlich einerseits auf die starke Verankerung in der empirischen Sozialforschung, sowie andererseits auf die Stellung der Autorin als Professorin an einer Hochschule zurückzuführen ist. Eingangs wird als eine mögliche Begründung für Sozialraumorientierung ausdrücklich die Aktivierung von Ressourcen im Rahmen bürgerschaftlichen Engagements genannt, „um soziale Angebote und Dienstleistungen trotz immer knapper werdender finanzieller Spielräume weiterhin ausreichend vorzuhalten“ (40). Dies geht in eine Richtung, die durchaus unter dem Stichwort „Ausbeutung“ auch kritisch betrachtet werden könnte (vgl. Haubner 2017), was an dieser Stelle jedoch unterbleibt (aufgrund des Formates vielleicht auch unterbleiben muss).

Zunächst einmal nähert sich die Autorin (in der gebotenen knappen Weise) ihrem Begriff an. Dies geschieht über zwei unterschiedliche Verständnismöglichkeiten des Begriffs. Einerseits kann Sozialraum als auf unterschiedliche Weise administrativ abgegrenzter Teilbereich einer Kommune verstanden werden (vgl. 42), also als territoriale Bezugsgröße von Politik und Verwaltung zur Zuteilung von Ressourcen. Andererseits kann Sozialraum aber auch der räumliche Aspekt der Lebenswelt von Menschen sein. Damit ist dann kein dinglicher, sondern ein durch soziales Handeln konstruierter Ort (vgl. a.a.O.) gemeint. Eine sozialräumlich denkende Sozialplanung, so ist zu erfahren, geht nicht bloß von dieser erstgenannten physisch-räumlichen Verwaltungseinheit aus. Für sie ist Sozialraum vor allem jener Raum, den Menschen sich einerseits aneignen und gestalten, der jedoch andererseits auch Zwänge auf sie ausübt (vgl. 43 f.).

Im Methodenteil des Kapitels werden dann zunächst kurz Anwendungsmöglichkeiten empirischer Sozialforschung im Rahmen der Sozialraumorientierung aufgezeigt, im Bereich quantitativer Forschung beispielsweise die Bildung von Indikatoren und die Erhebung prozessgenerierter (also in der Kommunalverwaltung „ohnehin“ vorhandener) Daten zur Erstellung eines entsprechenden Monitorings sowie im Bereich qualitativer Sozialforschung beispielsweise Experteninterviews und Sozialraumbegehungen. Die Darstellung wird abgeschlossen durch eine grafische Übersicht, welche auch aufzeigen soll, dass qualitative und quantitative Methoden aufeinander zu beziehen sind. Dass die Autorin zwar aus der Wissenschaft kommt, jedoch auch die realen Probleme der kommunalen Ebene im Blick hat, wird in einer Fußnote deutlich, in der beispielsweise auf die Problematik uneinheitlicher sowie nicht bei einer zentralen Stelle gebündelter Daten in Landkreisen verwiesen wird. Ein weiterer Hinweis auf Handlungsempfehlungen für jene, die sich diesen Problemen stellen müssen, wird leider nicht gegeben. Dies könnte für eine Neuauflage des Buches bedacht werden.

Abschließend geht die Autorin auf „Anforderungen an eine sozialraumorientierte Planung“ ein (47 ff.), sie nennt hier ein einheitliches Planungsverständnis (vgl. 48), die Organisation von Sozialplanung (vgl. 48 f.) und Kommunikation und Vernetzung (vgl. 49 f.). Dabei wird der Dialog zwischen allen beteiligten Akteuren hervorgehoben, womit ganz nebenbei auf einen zentralen Punkt sozialplanerischer Praxis verwiesen wird: den Aushandlungscharakter der Netzwerkorganisation von Sozialplanung.

6) Managementkreislauf der Sozialplanung und kommunale Steuerungsprozesse

Ausgangspunkt des Managementkreislaufs sollen Grunddaten sein – welche es nun aber konkret sein sollen und wie man an sie rankommt, das wird an dieser Stelle leider nicht deutlich, auch ein Verweis auf die entsprechenden anderen Kapitel des Buches findet sich nicht. Probleme bei der Datenerhebung wie bspw. das Fehlen einer zentralen kommunalen Statistikstelle oder das Fehlen der Daten in der benötigten Kleinräumigkeit werden ebenfalls nicht dargestellt. Ebenso die mögliche Problematik, dass Daten etwa beim kommunalen Gesundheitsamt zwar vorhanden sind, aber nicht an die Sozialplanungsstelle weitergegeben werden. Bei der Hinzuziehung von Daten aus individuellen Hilfeplanverfahren (vgl. 55) könnte zumindest für alle nicht im Detail mit der Materie Befassten kurz erklärt werden, ob und wie dies unter den Voraussetzungen aktueller Datenschutzbestimmungen möglich ist. „Eine Grundlage für die Bereitstellung der Ressourcen zur Leistungserbringung ist das Kontraktmanagement“, wie es auf Seite 57 heißt. So sinnvoll diese Vorgehensweise auch sein mag, in der Praxis kann sie sich als unzureichend erweisen, da eine Kommune unter Umständen nicht mit jedem Träger vor Ort entsprechende Vereinbarungen hat. Dies kann sich dann als problematisch für die umfassende Erhebung der für die Planung nötigen Daten herausstellen. Die sich hieraus ableitende Frage lautet: Wie umgehen mit der Situation, dass es (für die Erreichung der von der Sozialplanung gesteckten Ziele) Maßnahmen gibt, für die keinerlei Kontroll- und Steuerungsinstrumente vorliegen?

Es soll nach dieser „Mängelliste“ aber auch nicht verschwiegen werden, dass der konzeptionelle Teil zur Verankerung von Sozialplanung in all seiner notwendigen Knappheit durchaus gelungen ist. Sozialplanung als Steuerungsunterstützung ist auf der strategischen Steuerungsebene verankert und nimmt somit eine Scharnierfunktion ein zwischen normativer und operativer Steuerung (vgl. 60).

Bevor abschließend beispielhaft zwei übersichtliche Tabellen zum kommunalen Steuerungskreislauf und zu zielorientierter Budgetplanung (vgl. 65 f. bzw. 67 ff.) gegeben werden, gehen die Autoren noch auf die Verbindung von Neuem Steuerungsmodell, Case Management und Sozialplanung ein. Dieser Teil ist bei aller Knappheit informativ geraten, gerade kritische Leser/-innen könnten sich hier jedoch zumindest den Verweis auf allfällige Kritik an den mit diesen Begrifflichkeiten verbundenen Phänomenen wünschen (vgl. exemplarisch Crouch 2008).

Insgesamt stellt der Beitrag stark darauf ab, was (idealtypisch) zu tun ist, lässt dabei das „Wie“ und die Problematik möglicherweise fehlender Machtressourcen jedoch weitgehend außen vor. Das lässt Raum für noch zu verfassende Publikationen zu entsprechenden Detailfragen, für eine zweite Auflage des vorliegenden Kompendiums wäre jedoch über das Einfügen von einigen thematisch einschlägigen Literaturhinweisen nachzudenken.

7) Wirkungsorientierung

Dankenswerterweise beginnt dieses Kapitel mit einer Definition seines zentralen Begriffs: „Wirkung ist die beabsichtigte Veränderung, die hinreichend plausibel auf ihre Quelle zurückgeführt werden kann“ (73). Darüber hinaus wird die Möglichkeit von Nebenwirkungen herausgestellt, welche wiederum in erwünschte und unerwünschte unterteilt werden. Hier ließe sich der Sozialplanungsdiskurs sicherlich gut mit soziologischen Fachdiskursen zu Nebenfolgendynamiken, gesellschaftlicher Transformation etc. verknüpfen (darüber hätte eventuell für Kapitel 3 nachgedacht werden können). Auch wird gut begründet, warum Sozialplanung überhaupt wirkungsorientiert denken und handeln sollte (Ursache-Wirkungszusammenhänge als Grundbestandteil wissenschaftlichen Arbeitens sowie ein politisches Interesse, in Zeiten knapper Ressourcen für die Wohlfahrt zu wissen, welche Maßnahme welchen Nutzen bringt; vgl. 74) sowie auf die Problematik der Annahme von Monokausalität verwiesen (vgl. 74 f.). Der Beitrag stellt heraus, dass Planung und Controlling als komplementäre steuerungsunterstützende Einheiten im Sinne einer integrierten Sozialplanung zusammenarbeiten müssen, denn sie stehen „in der Relation von Effektivität (die richtigen Dinge tun) und Effizienz (die Dinge richtig tun)“ (78). In diesem Zusammenhang wird auch eine Aufgabenverteilung bzw. Zuordnung von jeweils zu leistenden Tätigkeiten pro vorgegebener Aufgabe im Bereich Planung und im Bereich Controlling gegeben sowie auf eine Lektüremöglichkeit zur Vertiefung des Themas verwiesen (vgl. 79). Abschließend wir noch knapp auf das Thema Evaluation eingegangen, da Evaluationen naheliegender Weise als Standardinstrument zur Erhebung von Wirkung angesehen werden können. Diesen Teil hätte man durchaus noch um ein, zwei weitere Literaturempfehlungen zur Vertiefung der Evaluationslektüre ergänzen können.

9) Beteiligungsorientierte Sozialplanung

Der Einstieg ins Kapitel erscheint recht affirmativ – Knappheit ist zwar das Prinzip eines Kompendiums, man hätte an dieser Stelle jedoch auf allfällige Theorien und empirische Befunde (Wie und wozu Beteiligung? Wofür kann und soll sie im Rahmen dieser oder jener Theorie gut sein?), aus der politikwissenschaftlichen Demokratieforschung verweisen können. Immerhin ist zu erfahren, dass Beteiligung gesetzlich vorgeschrieben sein (vgl. 114 f.) oder auch aus Inklusionsbemühungen resultieren (vgl. 115 f.) kann.

Es wird dann aufgezeigt, dass es verschieden Grade von Beteiligung gibt, von informieren über mitwirken und mitentscheiden bis hin zur Selbstverwaltung der von Entscheidungen Betroffenen (vgl. 116). Es gibt außerdem verschiedene Formen von Beteiligung (vgl. 117 f.), näher eingegangen wird dabei auf dialogische Beteiligungsverfahren, wobei auch Grenzen (z.B. in Form verfassungsmäßig verbriefter Rechte und Pflichten) und die potentielle Konflikthaftigkeit von Beteiligungsverfahren aufgezeigt werden (vgl. a.a.O.).

10) Ausblick – Selbstverständnis, Standards und Haltung der Sozialplanenden

Das Abschlusskapitel mag zwar zumindest eingangs auf den ersten Blick wie ein Werbebeitrag anmuten (was aus Sicht des VSOP sicherlich ein legitimes Anliegen wäre), es hat jedoch wesentlich mehr zu bieten. Da werden etwa professionelle Kernkompetenzen aufgezeigt, über die Sozialplanerinnen und Sozialplaner verfügen sollten (vgl. 127) sowie das Spannungsfeld zwischen Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wissenschaft, in dem Sozialplanung sich notwendigerweise bewegt (vgl. 126). Wertvoll ist das auf jeden Fall für Berufseinsteiger oder solche, die es noch werden wollen; aber auch für „alte Hasen“ ist es nie verkehrt, hin und wieder eine Zusammenfassung des eigentlich bereits Bekannten zu erhalten. Weitere wichtige Hinweise finden sich zum Thema Politikfeldanalyse (mindestens wichtig, um Fettnäpfchen und Tretminen zu vermeiden – wovon es in der sozialplanerischen Praxis je nach individueller Lage vor Ort mal mehr und mal weniger geben kann; vgl. 129 ff.) und Erfolgsfaktoren gelingender Sozialplanung.

Diskussion

Die angesprochenen Defizite des Buches sind weniger grundlegender Natur (allenfalls aus der Perspektive einer theoretisch interessierten Sozialwissenschaft kann das so gesehen werden). Man sollte sie eben nur kennen, um das Buch für den eigenen Gebrauch einordnen zu können. Gut lesbar ist das Buch aber ob seiner Kürze (die an manchen Stellen gerne ein klein Wenig weniger kurz hätte ausfallen dürfen) und seines leser/-innenfreundlichen Stils aber allemal.

Leider – aber das mag dem Einführungsformat des Bandes geschuldet sein – finden sich wenige Hinweise, wie praktische Fallstricke und Probleme der sozialplanerischen Praxis gemeistert werden können. Was wäre beispielsweise zu tun, wenn ein Landrat, eine Bürgermeisterin oder eine Sozialdezernentin eigentlich gar keine Sozialplanung wollen, die Sozialplanungsstelle aber bereits vom Vorgänger geschaffen und die entsprechenden Gelder dafür im laufenden Haushalt verausgabt bzw. bereitgestellt sind? Man scheint – und das wäre für einen dezidiert der Sozialplanung gewidmetem Verein wie dem VSOP weder verwunderlich noch verwerflich – implizit davon auszugehen, dass Sozialplanung etwas „Gutes“ (und es ließen sich theoretisch wie empirisch sicher gewichtige Argumente für diese Annahme finden) und vor Ort stets erwünscht ist (wie es auch zu Beginn des sechsten Kapitels anklingt; vgl. 53) – oder zumindest, dass Sozialplanung dort, wo sie unerwünscht ist, eben nicht in dieser Form stattfindet. Auch dies ein Punkt, der bei weiteren Arbeiten zum Thema Beachtung finden sollte.

Um nochmals auf die angesprochene theoretisch interessierte Perspektive zurückzukommen: Die Begründungen für Sozialplanung erscheinen oftmals recht affirmativ und wenig theoretisch fundiert (bspw. folge beteiligungsorientierte Sozialplanung „einer Auffassung von Gesellschaft, demzufolge [sic!] direkte Demokratieerfahrung einen eigenen Wert besitzt“; 113). Auch hier gilt: man braucht diesen Umstand nicht zu verdammen, sollte ihn sich aber bewusstmachen – gerade, wenn man mit wissenschaftlichem Interesse an die Lektüre herangeht.

Sozialplanung hat dann auch ihre Wurzeln eher in der Praxis als in der Theorie (vgl. 9) und kann unter steuerungstheoretischen Gesichtspunkten vielleicht als eine Art Weg mittlerer Reichweite betrachtet werden. Denn einerseits scheint es heutzutage Konsens zu sein, dass eine Globalsteuerung, wie sie etwa in den Sowjetrepubliken versucht wurde, nicht möglich ist. Andererseits ist aber auch das Extrem einer rein marktlichen Steuerung spätestens, aber nicht erst seit der letzten großen Finanzkrise von 2008 stark in Verruf geraten. Aber: Steuern muss Politik ja irgendwie, das wird letztlich von ihr erwartet. Sozialplanung ist eine Möglichkeit, die in diesem Zusammenhang naheliegt – wenngleich, und auch das wird bei der Lektüre dieses Kompendiums deutlich – es hier noch erheblichen Forschungsbedarf insbesondere in Soziologie und Politikwissenschaft zu geben scheint.

Fazit

Alles in allem ist der Band gut geschrieben, könnte in Kleinigkeiten aber noch leserfreundlicher (z.B. intertextuelle Verknüpfungen zwischen den einzelnen Beiträgen; durchgehend korrekte Literaturverweise) sowie in seinen theoretischen Bezügen tiefgängiger sein. Hierbei wäre es wünschenswert gewesen, wenn der auf dem Buchcover angesprochene Wissenschaftsbegriff kurz erläutert worden wäre. Denn aus Sicht der reinen Wissenschaft hat das Buch sicherlich so seine Defizite, als Überblicksband zum Einstieg (etwa für praktisch interessierte Studierende) mag es als gleichwohl taugen – und das, so kann man es auch dem Umschlagstext entnehmen, ist wohl auch das Ziel des Bandes. Insofern kann man sagen, dass der Band bei all den oben genannten „Mängeln“ sein Ziel durchaus erreicht. Wie zufrieden man als Leserin oder Leser letztlich mit der Lektüre ist, was man an für sich selbst brauchbaren Informationen mitnehmen kann, hängt bei dieser Publikation stark von der eigenen Herangehensweise an das Thema ab.

Literatur

Crouch, Colin (2008): Postdemokratie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Haubner, Tine (2017): Die Ausbeutung der sorgenden Gemeinschaft. Laienpflege in Deutschland. Frankfurt am Main: Campus.

Lüdtke, Hartmut (2011): Wissenschaft, reine – angewandte, in: Fuchs-Heinritz, Werner et al. (Hrsg.): Lexikon zur Soziologie, 5., überarbeitete Auflage. Wiesbaden: Springer VS, 760.

Wiesenthal, Helmut (2006): Gesellschaftssteuerung und gesellschaftliche Selbststeuerung. Eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.


Rezensent
Jens Kretzschmar
Jens Kretzschmar, M.A. Wissenschaftlicher Mitarbeiter Institut für kommunale Planung und Entwicklung e.V.; Arbeitsschwerpunkte und Interessen: Politische Soziologie, Governance, Resilienz im Sozialen.
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Zitiervorschlag
Jens Kretzschmar. Rezension vom 18.09.2019 zu: Ingo Gottschalk (Hrsg.): VSOP Kursbuch Sozialplanung. Orientierung für Praxis und Wissenschaft. Springer VS (Wiesbaden) 2019. ISBN 978-3-658-25444-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26009.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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