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Lutz Raphael: Jenseits von Kohle und Stahl

Cover Lutz Raphael: Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. 525 Seiten. ISBN 978-3-518-58735-5. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 38,50 sFr.

Reihe: Frankfurter Adorno-Vorlesungen - 2018.
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Thema

Das zu besprechende Buch untersucht den Strukturwandel, d.h. den Vorgang der Deindustrialisierung in Westeuropa, genauer in Großbritannien, Frankreich und (West)Deutschland in den drei Jahrzehnten vor 2000. Dabei steht die Industriearbeiterschaft in den „alten Industrien“ in den Branchen Stahl, Kohle, Schiffsbau oder Textil im Zentrum dieser Vorgeschichte der heutigen postindustriellen Gegenwart. Des Weiteren soll die Untersuchung zum Verständnis der aktuellen Krise der liberalen Demokratien beitragen.

Autor

Der Autor ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Trier.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist das Produkt eines vor acht Jahren von Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael ins Leben gerufenen Forschungsprojektes „Nach dem Boom – Studien zur Geschichte Westeuropas nach 1970“ an den Universitäten Tübingen und Trier. Wesentliches Ziel dieses Forschungsverbundes war das Verständnis des Strukturwandels der Gesellschaften Westeuropas in diesem Zeitraum.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einer theoretisch-methodischen Einführung zum Gegenstand, der zwei große Hauptkapitel mit jeweils Unterkapiteln folgen. Abgerundet wird das Werk mit einem resümierenden Schlusskapitel.

Den grundlegenden Prozess der Deindustrialisierung will Lutz Raphael durch eine Geschichte „von unten“ beschreiben, die „die Lebenslagen und Erfahrungswelten von Industriearbeiterinnen und -arbeitern in den Mittelpunkt stellt“. Eine derartige „kritische Geschichtsschreibung“ nimmt die „Kosten des Fortschritts“ wie sozialer Abstieg, wachsende soziale Ungleichheit oder Marginalisierung in den Blick, die die Veränderungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen einer schrumpfenden Arbeiterschicht und einen „vernachlässigten Ausschnitt auch gegenwärtiger Arbeits- und Lebenswelten sichtbar machen“. Der Vergleich dreier westeuropäischer Gesellschaften soll regional oder national verschiedene Wege des Wandlungsprozesses vor dem Hintergrund der Globalisierung beleuchten. Großbritannien, Frankreich und die Bundesrepublik Deutschland wurden gewählt, weil es sich um die drei größten Volkswirtschaften Westeuropas handelt und umfangreiches empirisches Material bereitsteht.

Methodisch will die Arbeit die westdeutsche Gesellschaftsgeschichte überwinden, wie sie vor allem von Hans-Ulrich Wehler nationalgeschichtlich auf einer Makroebene unter Verzicht einer Mikro- und auch Kulturgeschichte betrieben wurde. Eine nationale Perspektive sei nicht geeignet, weil die nationalstaatliche Begrenzung wegen des europäischen Einigungsprozesses ihre Bedeutung verloren habe. So leben viele ausländischen Arbeitnehmer in mindestens zwei sozialen, ökonomischen und kulturellen Bezugsräumen: „Ihre Sozialräume waren völlig andere als die ihrer einheimischen Kollegen, werden aber in einer nationalzentrierten Gesellschaftsgeschichte allein einem nationalen Gesellschaftscontainer zugeordnet.“

Die Untersuchung bezieht sich somit auf ein offenes Konzept von Gesellschaft und wendet fünf „Beobachtungsformate“ an: Die politische Ökonomie, arbeits-, sozial- und tarifrechtliche Regulierungen, Wissensgeschichte, d.h. Deutungen der sozialen Welt, „große“ politische Ereignisse und Mikroereignisse wie Berufswahl, Renteneintritt usw. und die sozialräumliche Dimension (Betriebe, Industrieviertel, Wohngebiete). Der Autor wechselt mit „Nah- und Fernsichten“ ständig zwischen Mikro- und Makroebene wie auch zwischen Ländern, Regionen, Betrieben bis „runter“ zu Haushalten und Individuen. „Forschungsideen“ sollen neue Forschungsperspektiven oder neue Untersuchungsgegenstände eröffnen. Hierbei zieht der Autor (industrie)soziologische und ethnologische Konzepte heran und betont seine sozialtheoretische Grundannahme, die „Arbeit nach wie vor als einen Knotenpunkt sozialer Strukturbildungen“ betrachtet. Für die anvisierte Gesellschaftsgeschichte gebe es keine bevorzugten Quellen, sondern „nur Spuren von Ereignissen, Prozessen oder Vorstellungen, die sie aufnimmt, und zwar ganz gleichgültig, wie sie überliefert worden sind und von wem sie aufbewahrt wurden“.

Das erste Hauptkapitel bietet eine „Vogelperspektive“ mit fünf Unterkapiteln, nämlich erstens einen politökonomischen Überblick über die Industriearbeit in Westeuropa nach dem Boom, zweitens den „Abschied von Klassenkämpfen“, drittens eine Politikgeschichte von Arbeitskämpfen und sozialen Bewegungen von „unten“, viertens den Blick auf Industriebürger und Lohnarbeiter und fünftens werden Deutungen im Übergang zur Wissensgesellschaft problematisiert.

Das erste Unterkapitel untermauert den enormen Abbau industrieller Arbeitsplätze in den drei westeuropäischen Staaten. Dieser Deindustrialisierungsprozess, „definiert als ein absoluter und/oder relativer Rückgang des industriellen Sektors“, bewirkte krisenhafte Begleiterscheinungen, war aber „aufs Engste mit der Steigerung der Arbeitsproduktivität in der gewerblichen Wirtschaft verbunden“, die den Aufstieg eines neuen tertiären Sektors ermöglichte. Die Deindustrialisierung, zuerst in Großbritannien, verlief parallel zu einem gleichzeitigen industriellen Aufstieg in Asien. Vor dem Hintergrund der Globalisierung ist auf den Aufbau des europäischen Binnenmarktes mit der Liberalisierung der Märkte seit den 1990er Jahren zu verweisen. Trotz dieser „Globalisierung“ konnten sich Branchen behaupten und in der Automobilindustrie gelang in Deutschland ein weltweiter Aufstieg. Technologisch ist die enorme Ausbreitung computergestützter Kommunikation in den Unternehmen hervorzuheben.

Schließlich skizziert Raphael den politischen Rahmen der Deindustrialisierung seit den 1980er Jahren und der Wendung zu einer restriktiven Währungspolitik, Privatisierungen und den Rückzug des Staates. In Großbritannien mit der Regierung Thatcher war „Deindustrialisierung maßgeblich das Ergebnis strategischer Entscheidungen einer Wirtschaftspolitik“, während in Deutschland und Frankreich die staatliche Industriepolitik mittels Subventionen eher abbremste. Insofern sei Deindustrialisierung keineswegs ein einheitlicher, gradliniger Prozess, vielmehr seien die nationalen Unterschiede zu bedenken.

Dennoch bestünden Gemeinsamkeiten als „Teil einer historischen Umbruchphase, in der die Spielregeln des Kapitalismus weltweit geändert wurden“ (Finanzmarktkapitalismus, Shareholder-Value-Prinzip, Massenentlassungen, stagnierende Löhne, prekäre Beschäftigungen). Vom Niedergang industrieller Arbeitsplätze waren viele Frauen betroffen, was auf die anhaltende Diskriminierung von Frauen in der industriellen Arbeitswelt Westeuropas verweist.

Das zweite Unterkapitel thematisiert „Ordnungsmuster und Deutungskämpfe“ über die Umbrüche der industriellen Arbeitswelten „nach dem Boom“, die zumeist massenmedial von Politikern, Unternehmern, Gewerkschaftern und Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern propagiert wurden: Neoliberalismus, angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, Liberalisierungen im Finanzsektor, Einschränkungen bei Sozialleistungen. Ein in den 1970er Jahren einsetzender Krisendiskurs betonte eine „quasi naturgeschichtliche Erzählung vom Ende der Industriegesellschaft und deren Überführung in eine neue „Dienstleistungsgesellschaft“ sowie das vielstimmig formulierte Narrativ der Globalisierung. Entsprechend den divergierenden Selbstbeschreibungen ihrer Sozialordnungen wichen auch die sozialen Klassifizierungen der jeweiligen amtlichen Statistik voneinander ab. So ermöglicht seit 1981 die amtliche französische Statistik eine eindeutigere Verortung des Einzelnen in der französischen Klassengesellschaft im Vergleich zur amtlichen bundesdeutschen Statistik, die ohne soziologische Merkmale ein „notorisch unterkomplexes Bild der westdeutschen Gesellschaft“ bereitstellte. Nach Lutz Raphael habe man es in der Bundesrepublik „bewusst vermieden, die Existenz von Klassengegensätzen und sozialer Ungleichheit durch entsprechende Kategorisierungen zu betonen“, wichtiger sei politisch die „ethnische Homogenität des Staatsvolkes“ gewesen. Damit wurde das Leitbild einer Gesellschaft ohne Klassengegensätze als soziale Wirklichkeit präsentiert, in das sich Helmut Schelskys berühmtes Konzept einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ im „Wirtschaftswunder“ nahtlos einfügte.

Seit den 80er Jahren wurden in der deutschen Soziologie Deutungen jenseits von Klassenlagen präsentiert (Erlebnisgesellschaft“, „Risikogesellschaft“) und in Großbritannien und Frankreich traten Deutungsmuster hervor, demnach eine „Gesellschaft neuen Typs an die Stelle der alten industriellen Klassengesellschaften träte“ und es rückten „die sozialen Wirklichkeiten, Konflikte und Probleme, die in den Arbeitswelten sehr vieler Menschen ihren Bezugspunkt und ihre Ursache hatten, immer mehr ins Abseits“. Letztlich verschwand die Kategorie „Industriearbeit“ aus der öffentlichen Wahrnehmung wie auch im Sprachgebrauch linker Parteien.

Der dritte Abschnitt skizziert eine Politikgeschichte von „unten“ mit Arbeitskämpfen und neuen sozialen Bewegungen in Abgrenzung zu einer Historie „großer Politik“. Während die Arbeiterbewegungsgeschichte in den Hintergrund getreten sei, wird zunehmend eine Geschichte der sozialen Bewegungen und des Sozialprotests in vergleichender, internationaler Perspektive betrieben. Dennoch gehöre zu einer Gesellschaftsgeschichte der Deindustrialisierung „auch eine solche politische Ereignisgeschichte von Arbeitskämpfen und Sozialprotesten.“ Als symbolischen Ausgangspunkt in allen drei Ländern wählt Raphael das Jahr 1968. Während in Frankreich und in Großbritannien massive Arbeitskämpfe auftraten, gab es in Deutschland wesentlich weniger Streiks und es erweiterten sich seit dem Antritt der sozialliberalen Koalition 1969 die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Arbeitnehmerschaft. Soziale Proteste wie die Anti-AKW-Bewegung, Umwelt- oder die Frauenbewegung agierten ohne, bzw. zum Teil auch gegen die Gewerkschaften. Spektakuläre Arbeitskämpfe waren der Stahlarbeiterstreik in Longwy/​Denain 1978/79, der heftige britische Bergarbeiterstreik 1984/85, den die Regierung Thatcher als eine „Entscheidungsschlacht“ um ihre konservative Wirtschaftspolitik betrachtete, die durchaus militanten Proteste in Rheinhausen 1987/88, der Konflikt um die 35-Stundenwoche in der Bundesrepublik, den es so weder in Großbritannien noch in Frankreich gab und die erfolgreiche Anti-Poll-Tax-Kampagne in Großbritannien 1989/90 gegen eine Besserverdienende bevorteilende Gemeindesteuer.

Die Phase von 1990 bis 2005 tituliert Raphael als „Rückkehr der Rebellion“ und nennt als Beispiel Unruhen in den französischen Vorstadtvierteln, die er als „Krisenphänomenen der Deindustrialisierung“ deutet. Insbesondere Massenarbeitslosigkeit habe einen Rückzug der Industriearbeiter von der politischen Bühne bewirkt. Begrifflich wurde „Klasse“ abgewertet und Kategorien wie Gender oder Ethnizität rückten in den Vordergrund. Insgesamt sei in der Phase der „Zyklus politisierter Arbeitskämpfe“ zum Ende gekommen.

Der vierte Unterabschnitt beschäftigt sich mit Industriebürgern und Lohnarbeitern, also mit kollektiven Arbeitsbeziehungen, Sozialleistungen und Löhnen in der Industrie seit den 1970er Jahren. Dabei fungiert als umfassender Begriff die Sozialbürgerschaft, der die kollektivrechtliche Absicherung gewerkschaftlicher Rechte (Tarifautonomie), betriebliche Mitbestimmung, Mindestlöhne, individuelle Schutzrechte wie Kündigungsschutz, Arbeitsschutz, Diskriminierungsverbote und Ansprüche auf Sozialleistungen beinhaltet. Die Umsetzung dieses „Katalogs“ diskutiert der Autor kritisch u.a. an der Erosion des kollektiven Tarifrechts. Allerdings gab es „keine (neo)liberale Einbahnstraße in Westeuropa“ zur Schwächung kollektiver Arbeitsbeziehungen, denn die Gewerkschaften in Großbritannien mussten zwar einen Machtverlust hinnehmen, aber in Frankreich und in (West)Deutschland wurde das Tarifvertragssystem verteidigt. Insgesamt hätten sich Unterschiede zwischen den drei Ländern eher vergrößert, aber bei den Schutzrechten könne „von einem gezielten Abbau dieser Rechte eigentlich keine Rede sein“. Allerdings wurden diese nicht auf atypische Arbeitsplätze oder Teilzeitarbeit ausgedehnt. Letztlich könne man „gleichermaßen von einer Erosion lohnbasierter sozialer Sicherheit sprechen“ (Deutschland: Hartz-Gesetze).

Im fünften Unterabschnitt rückt der Autor den „Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft“ als dritte industrielle Revolution in den Mittelpunkt mit deren Auswirkungen auf Bildungswege, Entlohnung und Berufsordnungen. Hierbei nehmen die jeweiligen Berufsbildungssysteme breiten Raum ein, so das anerkannte duale System der Berufsausbildung in Deutschland, die Dominanz der Betriebe bei den Ausbildungen in Großbritannien mit einer vergleichsweise geringeren Fachkräftequote und die Bedeutung der berufsbildenden Gymnasien oder Fachhochschulen in Frankreich vor dem Hintergrund eines Ausbaus des allgemeinen Schulsystems seit den 1970er Jahren. Interessanterweise blieb im Prozess der Deindustrialisierung der Anteil von Frauen unter den Facharbeitern, Technikern oder Ingenieuren nahezu unverändert.

Im zweiten Hauptkapitel rücken „Nahaufnahmen“ in den Vordergrund, nämlich erstens individuelle Lebensläufe und Berufskarrieren, zweitens überindividuell der Betrieb und drittens der lokale Raum von den Industriedistrikten bis zu „Problemvierteln“ und Wohnquartieren.

Das erste Unterkapitel beschäftigt sich mittels einer sozialwissenschaftlichen Biographie- und Lebenslaufforschung mit dem Arbeitsleben, um die „Soziallagen derjenigen Menschen auszuloten“, die von den großen Transformationen nachhaltig betroffen waren. Hierzu werden vier „Ereignisse“ im Lebensverlauf von Industriearbeitern betrachtet:

  • Der Übergang von der Ausbildung in das Berufsleben,
  • die Partnerwahl und Familiengründung,
  • der Wechsel von Arbeitsplatz und/oder Beruf und
  • das Ausscheiden aus dem Berufsleben und der Eintritt in den Ruhestand.

Herangezogen werden die quantitative Sozialbeobachtung, Paneldaten und Egodokumente: “Es handelt sich also um den bewussten Versuch, unterschiedliche Methoden und Ansätze für die sozialhistorische Analyse zu kombinieren“.

Seit den Einschnitten durch die großen Wirtschaftskrisen Anfang der 1970er Jahre wurde die Berufskarriere von Industriearbeitern nachhaltig beeinflusst, was Raphael mit vielfältigem Datenmaterial ausführt. So hatte in Frankreich die Deindustrialisierung eine massive Änderung der Altersstruktur der Industriearbeiterschaft zur Folge, d.h. man begann sein Arbeitsleben später und beendete es früher, sodass ein drittes Lebensalter durch die Senkung des Renteneintrittsalters gewonnen wurde. Individuelle Lebensverläufe aus den drei Ländern fließen hier in die Untersuchung ein. Aufgrund des „rasanten Tempos“ der britischen Deindustrialisierung waren mittlere Altersgruppen und Jüngere vielfach zu beruflichen Veränderungen gezwungen. Prekäre Lebensverhältnisse und mehr Sozialhilfeempfänger insbesondere in den altindustriellen Regionen kennzeichneten das Leben in vielen Arbeiterhaushalten. Demgegenüber zeigte sich in Westdeutschland der Abbau der Industriearbeitsplätze weniger dramatisch, was u.a. auf das deutsche Ausbildungssystem zurückzuführen war, wenngleich auch das Instrument der Frühverrentung zur Anwendung kam. Abschließend erfolgt ein Blick auf die Familiengründung, wobei in allen drei westeuropäischen Gesellschaften beim Heiratsverhalten eine „Klassenmonogamie“ vorherrschte, d.h. man heiratete in der gleichen sozialen Schicht.

Das zweite Unterkapitel verlässt die individuelle Ebene und analysiert die betrieblichen Sozialordnungen. Der Autor kombiniert organisations- und arbeitssoziologische Perspektiven und weist u.a. die marxistische These, dass nur das neoliberale Modell betrieblicher Sozialordnungen Geltung beanspruche, zurück, vielmehr „blieb eine überraschende Vielfalt betrieblicher Sozialordnungen erhalten“. Dennoch berücksichtigt er die „Machtasymmetrie zwischen Kapital und Arbeit“ im Industriebetrieb, der als „soziales Handlungsfeld“ (Welskopp) verstanden wird, um konkrete betriebliche Sozialordnungen zu untersuchen. Raphael unterscheidet monokratische von pluralistischen Betriebsordnungen, d.h. von den Unternehmensleitungen vorgegebene Ordnungen und solche unter Mitbestimmung der Belegschaften. Hier wird auf die deutsche Tradition vielfältiger Kooperation zwischen Kapital und Arbeit hingewiesen, was in Großbritannien weitgehend fehle und in Frankreich durch politische Interventionen versucht werde. Der Industriebetrieb fungiert darüber hinaus als „Stabilitätsanker“ und „als Gegenwelt zu den Distanz- und Ohnmachtserfahrungen in Gesellschaft und Politik“. Raphael sieht im Erfahrungsraum des Betriebes einen Ort demokratischer Teilhabe, der ein „wichtiger Ankerpunkt der demokratischen Ordnungen in allen drei hier untersuchten Ländern“ sei.

Das dritte Unterkapitel untersucht Sozialräume der Deindustrialisierung wie Industriedistrikte, „Problemviertel“ und Eigenheimquartiere. Hierbei ist der Wandel in Großbritannien sehr markant, wo sich ein zurückgefallener Norden mit den traditionellen Industrien und ein boomender Süden bzw. Südosten um die Region London gegenüberstehen. In Deutschland sind der Zusammenbruch der Industrie in der ehemaligen DDR oder der Wandel im Ruhrgebiet sowie ein bestehendes Nord-Süd-Gefälle zu konstatieren. In Frankreich wuchs die Hauptstadt Paris schnell und der Dienstleistungsbereich nahm zu, während die Industrie stark schrumpfte. Schließlich blickt der Autor kleinteilig auf die Stadtviertel und Wohnquartiere, in denen bis in die 1970er Jahre als „Erbteil“ der Industrialisierung die Wohnviertel der Arbeiterschaft von denen der Bürger getrennt waren. In den 80er Jahren wurde der soziale Wohnungsbau gekürzt und der Erwerb von Wohneigentum gefördert. Insbesondere in Großbritannien herrschte ein politisch geförderter Trend zum Wohneigentum (Reihenhaussiedlungen), in Frankreich und Deutschland dagegen bevorzugte man das freistehende Haus oder Doppelhaus, wenngleich in Deutschland der Mieteranteil höher blieb. Der Trend zum Wohneigentum war mitverantwortlich für die Verwahrlosung der Sozialwohnungsquartiere vorrangig an den Stadträndern und die Entstehung von „Problemvierteln“, in denen viele Zuwanderer untergebracht waren. Die Deindustrialisierung beendete die Existenz sog. sozialmoralischer Milieus (Arbeiterkultur), denn die Industriearbeiterschaft wohnte zunehmend an der Peripherie bzw. in Kleinstädten oder in Dörfern. Auch großindustrielle Ballungszentren verschwanden.

Das Schlusskapitel diskutiert die Befunde der Epoche der Deindustrialisierung und untermauert deren Gesellschaftsgeschichte als Problemgeschichte unserer Gegenwart, die die „Erbschaften“ und Herausforderungen für unsere Gegenwart herausarbeiten soll. Jedenfalls sei in der Deindustrialisierungsepoche der berühmte „Fahrstuhleffekt“ aus dem Nachkriegsboom wegen des Verlusts vieler Industriearbeitsplätze ausgelaufen und durch die neue Dienstleistungsbeschäftigung nicht adäquat kompensiert worden. Dennoch gebe es in Westeuropa in der Industrie noch qualifizierte Arbeitsplätze oberhalb der „prekäreren“ Dienstleistungsjobs. Eine Begleiterscheinung der Deindustrialisierung stellt der Rückzug großer Teile der Industriearbeiterschaft aus der politischen Ebene dar, was insbesondere die Linksparteien betraf. Von dieser „Krise der politischen Repräsentation“ führe im Übrigen ein direkter Weg zu den rechtspopulistischen Protesten der Gegenwart. Die Jahrzehnte von 1970 bis 2000 waren sehr wohl eine „eigenständige Epoche“ mit Zäsuren wie etwa „1968“ am Anfang und dem Jahr 2000 als Endpunkt, da sich in allen drei Gesellschaften die alte „Industriemaloche“ endgültig verabschiedet habe. Neu sei insbesondere der „rasante Siegeszug des Internets“, der auf völlig neue Phänomene wie auch Probleme verweist. Jedenfalls könne der Zeitraum von 1970 bis 2000 als eine Übergangsperiode angesehen werden, in der „aus einer primär industriell geprägten Gesellschaftsordnung eine deutlich pluraler strukturierte Sozialordnung mit drei gleich starken Wirtschaftssektoren – öffentlicher Dienste, private Dienstleistungen und industrielle Produktion – geworden ist“. Soziale Folgen der Wandlungsprozesse mit regionalen bzw. lokalen Besonderheiten hätten eine „kleinteilige Kartierung europäischer Industrieregionen im Umbruch“ ergeben. Auch als ein Ergebnis politischer Entwicklungen (Stichworte: Kriege, Terror) sei der nationale Bezugsrahmen vorherrschend geblieben. Die Transformation der EU in eine „neoliberale Modernisierungsmaschinerie“, die wenig an einer Sozialbürgerschaft interessiert sei, und zu einem Projekt der Eliten geworden sei, habe nationalen Protest hervorgerufen. Insofern bildete Westeuropa zwar den Bezugsrahmen, aber die „Erfahrungsgeschichte der Akteure führt uns jenseits der lokalen und regionalen Bezüge immer wieder auf die Ebene der Nationalgesellschaften zurück“.

Diskussion

Hervorzuheben ist der Mut ein derart „großes“, die nationalen Grenzen weit überschreitendes Thema in Angriff zu nehmen und die bei vielen Historikern – einschließlich des Rezensenten – vorhandene Scheu vor Themen, die sich „nah“ an der eigenen Gegenwart bewegen, abzubauen. Sehr anregend wirken die Hinweise zu einem methodischen „Mix“. Inwieweit die Ergebnisse einer Gesellschaftsgeschichte „Bielefeldscher“ Provenienz hier dennoch Eingang finden können, hält der Rezensent durchaus für möglich, weil die jeweiligen Spezifika der ausgewählten drei Gesellschaften thematisiert werden sollen, wie der Verfasser mit dem Hinweis auf die „Nationalcontainer“ selbst einräumt. Hervorzuheben sind die differenzierenden Ergebnisse des Wandels, der nicht nur als Verlustgeschichte interpretiert wird, sondern Gestaltungsmöglichkeiten und Gewinner erwähnt. Wie überhaupt, etwa bei einem Blick auf den Sozialstaat in der Bundesrepublik Deutschland, keinesfalls von einer bloßen Verlust- und Abbaugeschichte angesichts der Zahlen des jährlichen Sozialbudgets gesprochen werden kann. Nur am Rande sei erwähnt, dass die Einschätzung der EU als neoliberales Elitenprojekt m.E. etwas zu kurz greift, siehe u.a. die europarechtlich implementierten Schritte zur Gleichstellung der Frauen oder arbeitsschutzrechtliche Verbesserungen für die Beschäftigungen. Ein lohnendes Unternehmen wäre eine Untersuchung des fundamentalen Prozesses der Deindustrialisierung auf einem begrenzteren Raum, z.B. der Bundesrepublik Deutschland, das viel zum Verständnis unserer unmittelbaren Gegenwart – und damit ist nicht nur die massive Deindustrialisierung der ostdeutschen Länder seit 1990 gemeint – beitragen könnte.

Fazit

Die vorliegende Untersuchung des fundamentalen Strukturwandels der Deindustrialisierung der drei westeuropäischen Gesellschaften bietet auf hohem Niveau sowohl aus einer Makroperspektive wie auch „heruntergebrochen“ auf eine Mikroebene ein Panorama dieses Prozesses des Verschwindens „alter Industrien“ und deren Folgen für die Industriearbeiterschaft. Obwohl dieser Wandel über nationale Grenzen hinausreichte, sind dennoch nationale Spezifika und Reaktionen nicht zu übersehen, sodass ein im Einzelnen auszufüllender Gestaltungsraum „nationaler Politiken“ bleibt. Wer sich mit der Vorgeschichte unserer Gegenwart befassen will, kommt an dem Werk von Lutz Raphael nicht vorbei.


Rezension von
Dr. phil. Manfred Krapf
M.A. (Geschichte/Politikwissenschaft), Dipl. Sozialpädagoge (FH), selbstständig tätig in der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung, sozialpolitische Veröffentlichungen
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Zitiervorschlag
Manfred Krapf. Rezension vom 09.12.2019 zu: Lutz Raphael: Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-518-58735-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26014.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


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