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Andreas Mairhofer: Formalisierungen in der Sozialen Arbeit

Cover Andreas Mairhofer: Formalisierungen in der Sozialen Arbeit. Zur Institutionalisierung methodischer Modernisierungen in den sozialen Diensten. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 520 Seiten. ISBN 978-3-7799-6084-3. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
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Thema

Im Klappentext wird die Thematik des Buches wie folgt zusammengefasst: Formalisierte fachliche Instrumente und Verfahren (z.B. Diagnosebögen) gewinnen in vielen Feldern der Sozialen Arbeit an Bedeutung. Auf der Grundlage von empirischen Befunden einer Mixed-Methods-Studie zu Formalisierungsprozessen in Jugendämtern werden die (Hinter-)Gründe, Dynamiken und Folgen dieses Trends analysiert und diskutiert. Im Zentrum der neo-institutionalistisch gerahmten Untersuchung stehen dabei einerseits die Anlässe, Motive und Prozesse der Implementierung formalisierter Instrumente und Verfahren in sozialen Diensten, andererseits die Art und Weise, wie sozialpädagogische Fachkräfte diese Formalisierungen in ihrer Alltagspraxis nutzen. Es handelt sich um die Dissertationsarbeit von Herrn Dr. Mairhofer.

Aufbau

Die Arbeit ist inhaltlich in drei Teile gegliedert. In Teil I legt der Autor die konzeptionelle Rahmung fest. In Teil II wird das Forschungsfeld durch die Auseinandersetzung mit der Formalisierung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe präzisiert und das Forschungsvorgehen vorgestellt. Teil III beinhaltet die Auseinandersetzung mit den Ergebnissen. Die insgesamt 15 Kapitel bieten einen umfassenden Überblick über die aufgegriffenen Themenstellungen in den einzelnen Bereichen und gliedern die behandelten Thematiken des über 600 Seiten starken Werkes. 

Inhalt

Mairhofer legt eine fulminante Dissertation zur Themenstellung „Formalisierung in der Sozialen Arbeit“ vor. Im ersten Teil der Arbeit wird zunächst der konzeptionelle Rahmen der Themenstellung erörtert. Mairhofer analysiert die Soziale Arbeit auf der Ebene ihrer gesellschaftlichen Funktion, der Organisation und der Dienstleistungserbringung. Er nutzt zum Einstieg die Definition der Sozialen Arbeit nach der IFSW und präzisiert den Auftrag der Sozialen Arbeit anhand der genannten Makro-, Meso- und Mikroebene. Eine umfassende Auseinandersetzung mit den Sozialarbeitstheorien lässt der Autor offen, verweist jedoch ausdrücklich auf aktuelle Fachliteratur zur Einführung in diese Thematik, wie etwa Engelke 2014, Erath/​Balkow 2016 oder die entsprechenden Beiträge in Thole 2010.

Die Einordnung der Sozialen Arbeit lässt jedoch den Theoriebezug nicht missen. Die Ausführungen des Autors sind durchsetzt von Denk- und Rechercheanregungen zu vielfältigen Theoriekonstrukten (Systemtheorie, norm- und wertbasierte Ansätze sowie politische Bezugnahmen) und bietet einen umfassenden und der Komplexität der Profession gerecht werdenden Einblick in die Funktion der Sozialen Arbeit.

Die Analysetiefe beeindruckt auch in der definitorischen Annäherung an die Themenstellung der Formalisierung. Mairhofer stellt aktuelle Zugänge und Entwicklungen umfassend vor, um daran anschließend die (empirisch geprüften) Vor- und Nachteile in Relation zu setzen. Der Autor verweist dabei auf die inhaltliche und begriffliche Unterscheidung von formalisierten Instrumenten, zu denen etwa Diagnosebögen, Checklisten und Dokumentationsabläufe zählen und formalisierte Verfahren, die Handlungsschritte zur Umsetzungen einer spezifischen Aufgabenstellung beinhalten. Anschließend setzt er sich mit der Verknüpfung dieser beiden Aspekte z.B. im Rahmen von einer Fachsoftware auseinander.

Weiterführend werden umfassend die Prozesse der Standardisierung und Rationalisierung erläutert. Der Autor unterzieht den Prozess der Institutionalisierung und den (Neo)Instutionalismus einer weitreichenden Analyse und leitet sowohl historisch als auch unter Berücksichtigung aktueller gesellschaftssoziologischer Debatten die aktuelle Stellung der Rationalisierung und Standardisierung im Rahmen einer funktionalen Differenzierung der Gesellschaft her. Damit verbunden stellt Maierhofer den hohen Effizienz-, Transparenz- und Zielorientierungsdruck an moderne Professionen heraus. 

Der zweite Teil der Arbeit dient der Auseinandersetzung mit der Innenperspektive der Institutionalisierung bezogen auf den kommunalen Allgemeinen Sozial Dienst (ASD). Der Bedeutungsgewinn einer fachlichen Formulierung im Bereich dieses Arbeitsfeldes wird – nach Aussagen des Autors – in diesem Teil konstituiert und realisiert. Hierzu bietet Maierhofer zunächst eine umfangreiche Einführung in den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Sowohl die Geschichte des Handlungsfeldes als auch der rechtliche Rahmen werden dazu näher ausgeführt. Neben einer präzisen Aufgabenfeststellung des ASD bezogen auf den Kinderschutz und den gesellschaftlichen Funktionen des Jugendamtes werden auch frühe Ansätze der Fallbearbeitung, wie die Sozialen Diagnoseverfahren von Richmond und Salomon sowie im späteren Verlauf die psychosozialen Diagnosen in der Arbeit, aufgegriffen und vorgestellt. Weiter findet auch die Entwicklung der Sozialgesetzgebung und die damit unmittelbar einhergehenden Auswirkungen auf die Arbeit des Jugendamtes – speziell des ASD – Niederschlag in den Ausführungen des Autors.

Anschließend an diese sehr ausführliche Auseinandersetzung mit dem Forschungsfeld geht Maierhofer in die Vorstellung des aktuellen Forschungstandes über. Auch hier lässt der Autor nicht den historischen Bezug missen und beginnt die Vorstellung mit klassischen Studien zur Arbeit des allgemein Sozialdienstes. Weiter gliedert der Autor die Studienergebnisse nach deren inhaltichen Schwerpunkte und verdeutlicht dadurch die berücksichtigten Perspektiven seiner Forschungsarbeit. Zunächst werden zahlreiche Befunde zur Dokumentation und Aktenführungen im Jugendamt vorgestellt. Daran anschließend folgen Befunde zu EDV im ASD sowie Arbeitsinhalte und Arbeitssituationen. Modernisierungsprozesse innerhalb des Arbeitsfeldes werden genauso aufgeführt wie organisationale Entwicklungen. Auch hier beeindruckt die Analysetiefe des Autors. Zusammenfassend wird herausgestellt, dass sich der Forschungsstand des Feldes als sehr heterogen beschreiben lässt. Bereits die Ausführungen verdeutlichen die große Bandbreite an Forschungsergebnissen, die innerhalb des Feldes vorliegen. Maierhofer stellt in der Bewertung der Forschungsergebnisse heraus, dass gerade die Formalisierung in der Hilfeplanung einen blinden Fleck des Handlungsfeldes darstellen. Der Forschungsschwerpunkt lag gerade in den vergangenen Jahren auf anderen Themenfeldern, wie etwa den Beteiligungsprozessen.

Als Gegenstand der Forschungsarbeit benennt Maierhofer die Institutionalisierung fachlicher Formalisierung in der Sozialen Arbeit. Sein Forschungsinteresse liegt auf einer Differenzierten Darstellung und Analyse der Konstitution des Phänomens. Dazu stellt er zusammenfassend vier zentrale Forschungsfelder heraus:

  • Kenntnisse zur Verbreitung und Ausgestaltung formalisierter Instrumente und Verfahren in den Arbeitsbereichen jenseits des Kinderschutzes und entsprechend auch Befunde zum Verhältnis von fachlichen Formalisierungen in den unterschiedlichen Arbeitsbereichen der ASD.
  • Beurteilung und Nutzung von fachlichen Formalisierungen durch Akteure unterschiedlicher organisationaler Ebene in den ASD.
  • Prozesse der Institutionalisierung formalisierter Instrumente und Verfahren im sozialen Sektor.
  • Verhältnis zwischen Struktur- und Aktivitätsdimension im Arbeitsfeld.

Der Verfasser leitet aus diesen Forschungsthemen drei zentrale Forschungsperspektiven ab, welche jeweils mit spezifizierten Forschungsfragen ausgestaltet werden:

Bezogen auf die Formalstruktur in den ASD (Perspektive der Organisation):

  • Strukturdimension/​Zustandsdimension: Wie verbreitet, ausgestaltet und organisational eingebunden sind fachliche Formalisierungen in den Feldern Kinderschutz und Hilfeplanung in den bundesdeutschen ASD?
  • Kulturell-kognitive Dimension/​Zustandsdimension: Wie werden fachliche Formalisierungen von verantwortlichen Akteuren gesehen und beurteilt?
  • Strukturdimension/​Prozessdimension: Wie erfolgen Prozesse der Institutionalisierung bzw. Implementierung von formalisierten Instrumenten und Verfahren in den ASD?
  • Kulturell-kognitive Dimension/​Prozessdimension: Warum werden fachliche Formalisierungen in den ASD implementiert?

Bezogen auf die Aktivitätsstruktur in den ASD (Perspektive der Fachkräfte):

  • Strukturdimension/​Zustandsdimension: Wie werden formalisierte Instrumente und Verfahren in der ASD-Alltagspraxis genutzt bzw. welche Nutzungsweisen werden von den Fachkräften thematisiert?
  • Kulturell-kognitive Dimension/​Zustandsdimension: Warum werden die fachlichen Formalisierungen in der thematisierten Weise genutzt?

Bezogen auf das Verhältnis zwischen Formal- und Aktivitätsstruktur: Wie sind fachliche Formalisierungen mit den ASD-Praxen gekoppelt und mit welchen Konsequenzen?

Es zeigt sich, dass es sich um ein sehr umfangreiches und komplexes Forschungsfeld handelt. Der Autor möchte mit den Forschungsfragen einen Überblick über das gesamte Feld des ASD gewinnen. Um sich diesen Fragestellungen zu nähern, wurden zwei unterschiedliche Forschungszugänge gewählt: eine bundesweite Online-Befrage sowie qualitative Fallstudien in drei Kommunen.

Die Komplexität der Forschungsfragen sowie die hohe zu erwartende Datenmenge erklären den Umfang der Darstellung und Auswertung. Der Autor verknüpft die jeweilige Auswertung der Ergebnisse mit der bereits vorgestellten Theorie und stellt beispielsweise detailliert einzelne Instrumente des Kinderschutzes und Berücksichtigung der gesetzlichen Grundlage vor. Unterlegt werden die Erkenntnisse mit Aussagen aus den einzelnen Fallstudien.

Der dritte Teil der Arbeit dient einer abschließenden Diskussion der Ergebnisse. Hier verdeutlicht der Autor, dass die Nutzung von fachlicher Formalisierung in den meisten Ämtern an rigide Verbindlichkeitsregeln geknüpft ist. Weiter lässt sich ein Unterschied zwischen Kinderschutz und Hilfeplanung herausstellen. Das Vorgehen zum Kinderschutz ist an standardisierte und verbindliche Regelungen geknüpft während innerhalb der Hilfeplanung auch Abweichungen möglich sind. Weiter erfolgt entsprechend der sehr umfangreich gewählten Forschungsfragen auch eine detaillierte Darstellung der einzelnen Annäherungen an Einordnung der Ergebnisse.

Als Fazit und Ausblick formuliert Maierhofer, dass grundsätzliche eine Zunahme an Formalisierten Prozessen zu verzeichnen sind, die aus organisationstheoretischer Sicht und auf der Ebene der Leitungskräfte Legitimation erfahren. Auf der Ebene der Basiskräfte wird die Formalisierung ambivalenter beurteilt und werden eher situativ genutzt oder abgelehnt.

Fazit

Das sehr detaillierte und umfangreiche Werk bietet sowohl einen Überblick über einzelne Facetten der Sozialarbeitstheorie als auch über die Historie des Arbeitsfeldes Kinder- und Jugendhilfe. Die Arbeit beeindruckt mit einer großen Analysetiefe und geht kleinteilig auf vielfältige Entwicklungsperspektiven ein. Es lässt sich dadurch herausstellen, dass die Arbeit eher für Expert*Innen geeignet ist als für Praktiker*Innen oder Studierende. Die teils komplexen Herleitungen und die vielfältigen Details in Geschichte und Theoriebasis laden zum Weiterdenken und Recherchieren ein. Ein Blick in die Tagespresse (vgl. dazu u.a. Friedrichs et al. 2020) und die teils heterogenen Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre zeigt das durchwachsene Bild in den Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe. Die rezensierte Arbeit leistet einen wertvollen wissenschaftlichen Beitrag zur Ist-Stand-Analyse des Handlungsfeldes.

Literatur

Fiedrichs et al.: Gibt es eine schwierigere staatliche Entscheidung als die, ein Kind von seinen Eltern zu trennen? in: Zeit Nr. 23/2020, auch online unter: https://www.zeit.de (zuletzt geprüft am 11.06.2020).


Rezension von
Jutta Harrer-Amersdorffer
(M.A. Soziale Arbeit), Lehrbeauftragte KU Eichstätt, Fakultät für Soziale Arbeit, PhD Universität Ostrava (CZ)
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Zitiervorschlag
Jutta Harrer-Amersdorffer. Rezension vom 10.07.2020 zu: Andreas Mairhofer: Formalisierungen in der Sozialen Arbeit. Zur Institutionalisierung methodischer Modernisierungen in den sozialen Diensten. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6084-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26015.php, Datum des Zugriffs 30.11.2020.


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