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Peter Osten: Integrative Psycho­therapeutische Diagnostik

Cover Peter Osten: Integrative Psychotherapeutische Diagnostik (IPD). UTB (Stuttgart) 2019. 384 Seiten. ISBN 978-3-8252-5088-1. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Thema

Der Autor stellt ein Lehrbuch über die Integrative Psychotherapeutische Diagnostik (IPD) vor. Integrationsbewegungen in der Psychotherapie legen seit langem eine Überschreitung schulenspezifischen Denkens nahe. Dieses Buch führt tiefenpsychologische, stresstheoretische, behavioristische und systemische Denkströmungen zusammen. Es enthält alle notwendigen diagnostischen Instrumente – Erstinterview, Anamnese, Befunderhebung, Klassifikation und Behandlungsplanung – und zeigt Methoden auf, mit deren Hilfe die Genese von Dysfunktionalität präzise erfasst werden kann.

Autor

Peter Osten, geboren 1958, arbeitet seit 1995 als Lehr-/Kontrolltherapeut und Supervisor. Er vertritt das Verfahren „Integrative Therapie“ in Deutschland (EAG/FPI), in der Schweiz (SEAG) und in Österreich (Donau Universität Krems). Zudem ist er seit langem in freier psychotherapeutischer Praxis in München tätig. 13 Jahre lang war er in der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilian-Universität in München beschäftigt. Seit Beginn der 1990er Jahre arbeitet er für die Integrative Therapie an Modellen und Konzepten einer Integrativen Anamnese und Diagnostik.

Entstehungshintergrund

Der UTB-Band aus dem facultas Verlag hat das Ziel auf einem Masterniveau Lehrbücher und Lernmedien für das Studium zu veröffentlichen. Meines Erachtens richtet sich dieses Buch insbesondere an Psychotherapeut*innen. Der Autor möchte die wissenschaftlichen Communities von querschnittlich-pathologiezentrierter und longitudinal-salutogeneseorientierter Diagnostik zusammenführen und so nach Verbindungen zwischen seinem Verfahren und einer klassischen psychiatrischen Diagnostik suchen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach dem Geleitwort und dem Vorwort in sieben Kapitel und ein Register, mit einem 33-seitigen Literaturverzeichnis und einem Sachwortregister.

  • Im ersten Kapitel stellt der Autor einführend das Integrationsparadigma vor.
  • Im umfangreichen zweiten Kapitel werden die Hintergründe der integrativen Diagnostik erörtert. Zunächst werden die für die Psychotherapie wesentlichen Hintergründe der klinischen Philosophie, die den Überbau des Verfahrens bilden, vorgestellt. In einem zweiten Aspekt diskutiert der Autor klinische Grundlagentheorien.
  • Im dritten Kapitel werden ätiologische Konzepte vorgestellt.
  • Das vierte Kapitel befasst sich mit dem methodischen Aufbau der IPD, sodass im fünften Kapitel alle Ansätze miteinander in der Praxis verknüpft werden können.
  • Im sechsten Kapitel wird die integrative Diagnose von ihrem strukturellen Aufbau her beschrieben und anhand eines Fallbeispiels exemplarisch dargestellt.
  • Das Buch schließt mit einem kurzen Schlusswort.

Der Verlag bietet zudem umfangreiches Online-Material in Form von 18 Checklisten für die einzelnen Phasen der Diagnostik an.

Inhalt

In der Einführung (erstes Kapitel) erläutert Peter Osten die Geschichte der Integrationsbewegung in der Psychotherapie und definiert den Integrationsbegriff, der über eine eklektische Zusammenstellung weit hinausgeht. Dieser Ansatz stellt einen Versuch dar, wirksame Haltungen aus humanwissenschaftlicher Sicht zu beleuchten, Menschenbilder anzureichern und Hintergrundtheorien verschiedener Verfahren und unter einem philosophischen Dach zu einem integrativen Ansatz zu verbinden. Der Autor bezieht sich hierbei insbesondere auf die Forschung von Hilarion Petzold und Anton Leitner. Abschließend erfolgt eine erste Annäherung an die spezifische Form der vorgestellten psychotherapeutischen Diagnostik. Hierbei kritisiert der Autor, dass in der Vergabe einer Klassifizierung nach standardisierten Manualen weder ätiologische Hypothesen noch interventive Perspektiven abgeleitet werden können. Die Persönlichkeit der Patienten wird hierbei nur in ihren pathologischen defizitären Erscheinungsformen beschrieben, unter anderem bleiben die Salutogenese und sozial-ökologische Perspektive unberücksichtigt. In dem vorgestellten integrativen Konzept wird hingegen das Subjekt als „belebter Leib“ betrachtet, welches in familiäre, kulturelle, gesellschaftliche, ökologische und zeitepochale Kontexte eingebunden ist. Das Subjekt kreiert daraus mit seinen sozialen Kontexten in einer produktiven Realitätsverarbeitung seine Bedeutungssysteme.

Die Hintergründe der Integrativen Diagnostik werden im zweiten Kapitel erörtert. Nach einer wissenschafts-theoretischen Vorbemerkung werden die metatheoretischen Aspekte betrachtet. Es folgt eine Einbettung des Psychischen in die Leibphilosophie. Im dritten Unterkapitel werden Aspekte des klinischen Hintergrundes betrachtet. Hierzu gehören die Themen: Gesundheit in der Lebensspanne, Antriebe des Lebens, Beweggründe des Handelns: Motivations- und Willenspsychologie, Klinische Entwicklungs- und Sozialisationswissenschaft, die Entfaltung der Identität und die Betrachtung des Menschen im ökosozialen Kontext. Neu ist für viele Psychotherapeuten vermutlich der starke Leibbezug, wobei Leiblichkeit niemals isoliert gedacht wird sondern immer in einem Zusammenhang von Interaktion, Sozialität und Ökologie, also der Zwischenleiblichkeit.

Im dritten Kapitel Ätiologische Modelle und ihre Integration erörtert Peter Osten Krankheitstheorien und ihre Passung zum Menschenbild des integrativen Denkens. Hierzu gehören ein Modell der Multiplen Entfremdung und Ergebnisse der Longitudinalforschungen, die zu Ansätzen einer „Klinischen Entwicklungspsychologie“ zusammengeführt werden. Im Unterkapitel über die ätiologischen Standardtheorien wird insbesondere die Bindungstheorie zusammengefasst. Im Weiteren wird unter anderem die Stressforschung im Kontext der Psychosomatik erörtert und auf den Megastress eines Traumas eingegangen. Im vierten Unterkapitel wird die Bedeutung einer transgenerationalen Dynamik fokussiert. Anschließend werden „Sechs ätiologische Ebenen“ (Defizite, Konflikte, Lern- und Adaptionsmodelle, Stress, Traumatisierungen und sozialökologische Synergieeffekte) zusammengefasst. Im letzten Unterkapitel werden mit Hilfe eines Akkumulationsmodells Erfahrungen mit Stress aufschlussreich und prägnant zusammengestellt.

Das vierte Kapitel thematisiert den methodischen Aufbau der IPD, betont wird die Bedeutung der initialen Phase der Psychotherapie, die nicht nur hohe fachliche Anforderungen, sondern auch im Sinne der Zwischenmenschlichkeit stellt. Methodisch werden die Aufgaben dieser ersten Phase in diagnostischer Hinsicht auf fünf diagnostische Module verteilt (psychosoziale Anamnese, Klassifikation, ätiologische Diagnostik, Persönlichkeitsdiagnostik einschließlich einer Ressourcen-, Potenzial- und der Resilienzdiagnostik und im fünften Modul die Behandlungsplanung). Die Bedeutung der psychotherapeutischen Beziehung erörtert der Autor im nächsten Unterkapitel, um dann auf die Biografische Anamnese, einschließlich einer entwicklungspsychologischen Tiefenexploration einzugehen. Möglichkeiten einer mediengestützten Diagnostik werden im nächsten Unterkapitel erörtert, da insbesondere die Arbeit mit kreativen Medien zusätzliche Möglichkeiten eröffnet. Abschließend wird im sechsten Unterkapitel „Initiale und prozessuale Diagnostik“ betont, dass jede Diagnose als eine Hypothese zu verstehen ist, die immer prozesshaft in einem Gespräch entsteht.

Das fünfte Kapitel thematisiert die Praxis der Integrativen Psychotherapeutischen Diagnostik. Aufgeführt werden Informationen über das Erstinterview, die psychosoziale Anamnese, die Befunderhebung und Klassifikation, den psycho-pathologischen Befund, die Multiaxiale Klassifikation nach ICD, DSM und ICF, die Psychodynamische Diagnostik nach OPD, die Praxis der ätiologischen Diagnostik, die Akutsymptomatik und klinische Phänomenologie mit zum Beispiel einer Beschreibung der jeweiligen subjektiven Krankheitstheorien des Klienten. Im letzten Unterkapitel werden nochmals Einschränkungen im Lebensvollzug und Leidensdruck zusammengefasst.

Da der Mensch nicht nur krank ist stehen im fünften Kapitel die Themen, Ressourcen, Potenziale und Resilienz im Mittelpunkt. Anschließend erfolgt unter dem Stichwort Persönlichkeit eine Diagnostik der Persönlichkeitsstörungen. Im sechsten Unterkapitel steht die Behandlungsplanung im Fokus.

Im sechsten Kapitel wird um die dargestellte Komplexität zu reduzieren in einer Kurzform die Integrative Psychotherapeutische Diagnose zusammengefasst. Dargestellt werden der strukturelle Aufbau und eine exemplarische Durchführung.

Im siebten Kapitel folgt ein kurzes Schlusswort, dem sich im achten Kapitel ein Register mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis und einem Sachwortregister anschließt.

Diskussion

Der Autor fasst theoretische sehr differenziert und fundiert wichtige diagnostische Grundlagen zusammen. Die Darstellung erfolgt dabei sehr systematisch. Viele Diskurse sind theoretisch anspruchsvoll und benötigen ein gewisses Vorwissen.

Bei der umfassenden Aufstellung fehlen mir lediglich die sozialen Faktoren und ihre Bedeutung für die Gesundheit und das gesamte Leben. Diese kommen auch hier, wie allgemein in der Psychotherapie, zu kurz. Zu nennen wären hier beispielsweise die biopsychosozialen Auswirkungen der Bedeutung von Arbeit, Arbeitslosigkeit, Hafterfahrungen oder der Wohnumgebung. Allerdings wird allgemein die Bedeutung des Gesundheitsverhaltens, der Selbstfürsorge und der ökosozialen Systeme kurz thematisiert. Bei dieser Kritik ist allerdings zu beachten, dass alle Psychotherapeut*innen ihre Vorlieben haben und bestimmte Aspekte betonen. So wie mir die sozialen Faktoren bedeutsam sind, könnte ein Familientherapeut das Fehlen innerfamiliärer Strukturen, wie zum Beispiel von Delegationen, Vermächtnissen und Koalitionen vermissen.

Fazit

Theoretisch fundiert, praxisnah, undogmatisch und sehr systematisch stellt der Autor eine Übersicht über die Integrative Psychotherapeutische Diagnostik vor, die von allen Psychotherapieschulen genutzt werden kann. Das Stichwortverzeichnis bietet die Möglichkeit einzelne Konzepte, wie zum Beispiel über die Motivations-und Willenspsychologie oder über die psychotherapeutische Beziehung nachzuschlagen.

Dieses Buch kann allen Psychotherapeut*innen sehr empfohlen werden. Den Leser*innen wird sehr kompakt eine umfassende Darstellung zu einem günstigen Preis geboten.


Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 04.09.2019 zu: Peter Osten: Integrative Psychotherapeutische Diagnostik (IPD). UTB (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-8252-5088-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26018.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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