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Franz Hamburger: Abschied von der interkulturellen Pädagogik

Cover Franz Hamburger: Abschied von der interkulturellen Pädagogik. Plädoyer für einen Wandel sozialpädagogischer Konzepte. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 3., durchgesehene, erweiterte Auflage. 216 Seiten. ISBN 978-3-7799-3843-9. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.

Reihe: Edition soziale Arbeit.
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Entstehungshintergung

Diese „durchgesehene, erweiterte 3.Auflage“ des erstmalig 2009 erschienenen Werkes unterscheidet sich von den vorangehenden Auflagen im wesentlichen durch ein neues vorangestelltes dreieinhalbseitiges Vorwort, das sehr allgemein auf die Zuwanderung durch die Fluchtmigration der letzten Jahre eingeht. Alles Weitere – insbesondere auch die Literaturhinweise – sind unverändert geblieben. Das ist besonders bedauerlich, gingen doch schon die Ausführungen der ersten Auflage in Teilen auf ältere Texte des Autors zurück. Wir haben es bei dieser 3.Auflage also mit Materialien zu tun, die in großen Teilen zehn bis fünfzehn Jahre alt sind. Es ist daher zu prüfen, inwieweit die Thesen des Autors angesichts der seitdem erheblich veränderten politischen und rechtlichen Situation und der zwischenzeitlichen Weiterentwicklung des fachlichen Diskurses noch Bestand haben.

Aufbau

Was Aufbau und Inhalt des vorliegenden Bandes angeht, erübrigt sich eine neuerliche Darstellung. Stattdessen verweise ich auf die die Rezension der 1. Auflage (https://www.socialnet.de/rezensionen/7686.php).

Inhalt

In seiner Beschreibung und Analyse von Integrationsprozessen und ihren Hemmnissen fordert der Autor zunächst die strukturellen Bedingungen einer Gesellschaft in den Fokus zu stellen. In der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion richtet sich die Aufmerksamkeit nämlich auf „multikulturelle Gesellschaft“ und „interkulturelles Lernen“, auf „kulturelle Identität“ und „Kulturkonflikt“. Wenn man den Integrationsprozess als ganzen und seine Folgen betrachtet und analysieren will, dann sind aber zunächst die strukturellen Bedingungen und Prozesse einer Gesellschaft in den Vordergrund zu stellen: „(…) Es sind (also) Fragen des Arbeitsmarktes, des Einkommens, der Unterkunft, aber keine kulturellen Aspekte, die über das Schicksal der Migranten entscheiden.“ (26)

Als Elemente dieser Struktur stellt er

  • die (Einkommes-) Armut der MigrantInnen,
  • deren Gewalt und Diskriminierungserfahrungen
  • die Rolle der Religion (Islamophobie)

heraus und weist auf die Bedeutung der jeweiligen aktuellen Ausländerpolitik als kontextuellen Rahmen hin. „Jede Diskussion und Reflexion über Kultur, Multi- und Interkulturalismus hat sich dieses Rahmens von Ausländerpolitik zu vergewissern, weil die im Kulturdiskurs zu führende Auseinandersetzung über Differenz und Differenzen unter den Voraussetzungen der fundamentalen Ungleichheit von In- und Ausländern ganz anders aussieht als unter der Voraussetzung gleicher Bürgerechte“ (25).

In seinem Verständnis von Integration ist funktionale Assimilation, also beispielsweise das Erlernen der Sprache die Voraussetzung für Teilhabe und Bildungschancen. Er skizziert den Entwicklungsprozess vereinfacht in vier Schritten:

„(1) Assimilation ist Voraussetzung für Integration; (2) Integration wird vom Zuwanderungsland erschwert (beispielsweise durch rechtliche Barrieren beim Zugang zum Arbeitsmarkt); (3) dadurch wird Assimilation abgelehnt (Angst, die alte Identität zu verlieren und gleichzeitig die gewünschte Integration nicht zu erreichen); (4) So wird Integration weiter erschwert, weil ja Assimilation Voraussetzung für Integration ist“ (27).

Folgt man dieser Analyse, ergeben sich zwei Ansätze, den Integrationsprozess zu unterstützen: auf der Ebene der Subjekte die Kompetenzen und Motivation für Assimilation trotz offensichtlicher Schwierigkeiten zu fördern und gleichzeitig die hinderlichen strukturellen Barrieren abzubauen.

Hamburger kritisiert, dass mit dem (vorrangigem) Blick auf „Kultur“ „…die Beziehung von Mehrheit und Minderheit, von Einheimischen und Zugewanderten, von Staatsbürgern und Ausländern, von Angehörigen der Oberschicht und solchen der Unterschicht, von Lehrern und Schülern, von Sozialarbeitern und Jugendlichen, von Beratern und Ratsuchenden, von Therapeut und Klient von allen sozialen und insbesondere machthaltigen Aspekten abgelöst wird“ (71).

Weiter bewertet er kritisch, dass die Migration selbst und die Lebenswelt der MigrantInnen vorwiegend defizitorientiert und problematisch gesehen werden. Demgegenüber fordert er zu einem Perspektivwechsel auf: „Das Leben in zwei Kulturen enthält Entwicklungsanreize, die als Anregungen zum Vergleich zwischen jeweils mindestens zwei Handlungs- und Interpretationsmodellen wahrgenommen werden und die nicht zu einer Unterordnung unter ein Modell, sondern zur reflexiven Wahl einer Alternative veranlassen……Migration muss deshalb als Chance des Kulturfortschritts definiert werden, vor allem aber im Hinblick auf die Ermöglichung von Handlungsautonomie untersucht werden“ (97).

Hamburger bemerkt kritisch, dass sich die Grundlagen und die Entwicklung interkultureller Pädagogik nicht theoretisch-systematisch entwickelt haben und kritisiert insbesondere „…die Pädagogisierung von gesellschaftlichen Problemen, die reduzierende Kulturalisierung von komplexen Sachverhalten und den naiven Habitus des Antirassismus“ (131).

Er konstatiert, dass diese Pädagogik „sich ausschließlich auf der Ebene der lebensweltlichen Fremdkeitsdefinitionen …bewegt“ (134), rechtliche Benachteiligungen hingegen ausgeblendet werden. Gleichzeitig werde durch den interkulturellen Fokus auf kulturelle Aspekte Fremdheit und Differenz häufig erst konstruiert (135).

„Die Verwendung des Kulturbegriffs hat im praktischen Handlungszusammenhang beschreibende, analytische und orientierende Funktion. Beschreibend werden Personen und Handlungen als kulturzugehörig bezeichnet. Dabei kommt die Perspektive dessen, der die Bezeichnung verwendet zum Ausdruck“ (142). Und weiter: „Es ist nicht erforderlich, über konkretes Handeln von Individuen in bestimmten Situationen zu sprechen und dieses Handeln differenziert zu beschreiben, sondern das Handeln wird ent-individualisiert und einer scheinbar in ihm selbst liegenden Typik zugeordnet“ (139).

Den Kern seiner Kritik fasst er prägnant zusammen: „Der springende Punkt des Interkulturalismus ist die Aktivierung einer nicht weiter reflektierten Setzung des kulturellen Unterschieds“ (44). Diese Setzung konstituiert zugleich auch ein spezifisches Machtgefälle: „Die Vorstellung, es müsse eine Integration, also eine Veränderung stattfinden, geht implizit oder explizit von der Feststellung einer Differenz aus, die es zu behaben gilt. Weil für den Autochtonen fraglos die Integration in die eigene Kultur richtig…erscheint, muss sich der Träger der anderen Kultur verändern. Die aufzuhebende Differenz wird als interkulturelle Differenz definiert“ (143).

Fazit

Die Überlegungen des Autors zur interkulturellen Pädagogik und die daraus abgeleitete Kritik haben weiterhin ihre Gültigkeit. Allerdings muten manche Argumentationslinien – auch in ihren Begrifflichkeiten – eigentümlich antiquiert an, beziehen sie sich doch im Wesentlichen auf den Diskussionsstand Ende der neunziger Jahre. Zwischenzeitlich ist der Diskurs über Interkulturalität und interkulturelle Pädagogik deutlich weiter. Eine fortgeschrittene Sensibilisierung für die Problematik kulturalisierender Wirklichkeitsdeutungen, ein dynamisches Kulturverständnis, die zunehmende Relevanz antirassistischer und antidiskriminierender Ansätze in der Pädagogik, der Paradigmenwechsel von interkulturellen Deutungen zu einem transkulturellen Verständnis pädagogischer Begegnungen und Prozesse und die Forderung an unsere Gesellschaft, Gleichberechtigung und Teilhabe von Menschen mit Migrationsgeschichte und Fluchterfahrung ähnlich wie die Inklusion strukturell zu fördern und zu ermöglichen, haben die zentralen Diskurslinien verändert. Viele der vom Autor beschriebenen Probleme und „Fallen“ interkultureller Arbeit sind den professionellen Akteuren mittlerweile mehrheitlich bewusst und haben zur Weiterentwicklung, teilweise sogar zum Paradigmenwechsel in den pädagogischen Konzepten geführt.

Daneben haben sich auch die strukturellen Bedingungen in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegend gewandelt: Einbürgerungs- und Zuwanderungsrecht haben sich ebenso verändert wie Asylpolitik und Asylrecht. Globale politische Entwicklungen haben zudem durch verstärkte Zuwanderung von Kriegsflüchtlingen zu neuen Zielgruppen staatlicher Integration mit neuen Herausforderungen durch Kriegsfolgen und Traumatisierungen geführt.

Die Arbeit mit MigrantInnen und Geflüchteten findet also unter politisch, rechtlich und konzeptionell neuen Bedingungen statt. Dies hätte bei einer Neuauflage unbedingt Berücksichtigung finden müssen.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP, www.hiip-hamburg.de)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 20.11.2019 zu: Franz Hamburger: Abschied von der interkulturellen Pädagogik. Plädoyer für einen Wandel sozialpädagogischer Konzepte. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 3., durchgesehene, erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7799-3843-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26019.php, Datum des Zugriffs 07.12.2019.


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