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Oskar Negt: Politische Philosophie des Gemeinsinns

Cover Oskar Negt: Politische Philosophie des Gemeinsinns. Ursprünge europäischen Denkens: Die griechische Antike. Steidl (Göttingen) 2019. 320 Seiten. ISBN 978-3-95829-650-3. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.
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„An Disziplingrenzen habe ich mich nie gehalten“

Nimmt man die Buchtitel als Stichwörter eines akademischen und praktischen philosophischen Denkens, so gerät man zwangsläufig an einen Philosophen, der sich erinnert und feststellt: „Zusammenhänge herzustellen, große Bögen zu spannen, das war mein eigentliches Anliegen“. Wir reden vom Hannöverschen Sozialwissenschaftler Oskar Negt. Mit den Titeln „Der politische Mensch“ (2011), „Philosophie des aufrechten Gangs“ (2014), „Überlebensglück“ (2016) und „Erfahrungsspuren“ (2019) hat der Rezensent im Internet-Rezensionsdienst socialnet auf die Reflexionen von Negts Hochschultätigkeit und biographischen Erinnerungen aufmerksam gemacht. In allen seinen theoretischen Forschungen und praktischen Aktivitäten kommt dabei zum Ausdruck, dass es ihm immer darum ging und weiterhin geht, „die Autonomie der Theoriebildung gegenüber politischem Aktionismus … zu verteidigen“. Dieses Bewusstsein ist es, das zu allen Zeiten den „zôon politikon“ (Aristoteles) gegenüber dem „Homo loquax“ (Bergson) auszeichnet. Der „Geschwätzige“ und der „Fake Newser“ sind es, die Wahrheiten und Geschichte verklittern.

Entstehungshintergrund

Es sind die Relativisten, Nationalisten, Narzissten und Populisten, die – entgegen des philosophischen, lebensweltlichen und aufgeklärten Rates, sich des eigenen Verstandes zu bedienen – immer wieder versuchen, ihr ideologisches Denken „Followern“ aufzudrücken. Damit praktisch-emanzipatorische Bildungs- und Emanzipationsprozesse gelingen können, braucht es die Aufmerksamkeit und das intellektuelle Wissen, wie wir geworden sind, was und wie wir sind. Mit der Frage: „Ist das Universelle europäisch?“ hat das Europäische Parlament in Straßburg im November 1991 einen „Dialog der Zivilisation“ angestoßen (vgl.: UNESCO-Kurier 7-8/1992). Die UNO hat mit der „Globalen Ethik“ die Maßstäbe dazu geliefert (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948). Oskar Negt sieht in der „(Selbst-)Aufklärung des Geistes“ das Ziel einer Lebenslehre, die er in seinen akademischen Vorlesungen im Jahr 2001 an der Universität in Hannover vorgetragen hat.

Aufbau und Inhalt

Das Thema „Max Weber und die Frage nach den Ursprüngen okzidentaler Rationalität“ (10.04.2001) wird bestimmt von der logischen Nachschau darüber, wie unser Denken sich von der griechischen und römischen Antike an vom Mythos hin zum Logos entwickelt hat.

  • In der Vorlesung vom 11.04.2001 reflektiert Negt „Die Geografie der antiken Philosophie: Küstenstädte und Kolonien“. Es ist der Paradigmenwechsel, der den Blick weitet, weg von den gesandten (göttlichen) Mythen hin zu vom Menschen gemachten Entwicklungen.
  • Am 17.04. setzte er sich mit dem „griechischen Mythos und Polis“ auseinander. Bedeutsam die Neugier und die Fähigkeit zur Veränderung, die sich in der Schrift und in den Sprachen ausdrücken.
  • Am 18.04. wendet er den „Jetzt“-Blick zurück zu den „Anfängen der Philosophie“, zu den Vorsokratikern, bei denen bereits Gedanken von „Ganzheit“ und „Vollkommenheit“ zum Tragen kommen.
  • Am 24.04. verweist der Autor auf Vorläufer eines aufgeklärten Wissens: „Innerweltliches Denken und das Entstehen von Kategorien“, das die Janusköpfigkeit beim Denken und Handeln verdeutlicht.
  • Am 25.04. ging es um „Fortschritt der Reflexion: von Thales zu Heraklit“. Es sind das Denken in Widersprüchen, die Suche nach Ordnungen und die Erkenntnis, „dass die Dinge in Bewegung sind“.
  • Am 02.05. wurde thematisiert: „Zôon politikón, zôon logon echon und der Beginn der Abstraktion“, die als die bedeutsamen Grundbestimmungen des Menschseins betrachtet und mit dem „Logos als Weltgesetz“ eingeordnet werden können. Am 08.05. kommt es endlich zur kritischen Auseinandersetzung mit Heidegger und seiner Bezugnahme auf Heraklit. Es ist das „Nichtgesagte Gesagte“, das für den Leser überraschende und vielsagende Bezüge zu (heutigen) Tendenzen von undemokratischer, nationalistischer und populistischen Entwicklungen aufzeigt.
  • Am 09.05. sprach Negt über „das politische Fundament der klassischen Philosophie: das Perikleische Zeitalter I“. Es ist das Erwachen der Subjektivität, die „die Wahrheit aus dem Objekt ins Subjekt verlagert“. Die Fortsetzung in das „Perikleische Zeitalter II“ vollzog er am 15.5., indem sich „die Suche, eine kulturelle Suche nach dem, was fest ist, was wahr ist, worauf man sich verlassen kann und was auch in Turbulenzen Bestand hat“.
  • Am 16.05. macht sich der Vortragende „auf dem Weg zur Apologie des Sokrates“. Mit Sokrates' sophistischer Aussage: „Wenn ich gefragt werde, antworte ich, und ich sage noch etwas mehr, als ich gefragt werde“, verdeutlicht Negt die Wesenszüge des Dialogs, die er am 22.05. mit Beispielen aus Sokrates' Verteidigungsrede aufzeigt: „Die Methode des Sokrates: die anti-autoritäre Selbstbefragung der Vernunft“.
  • Am 23.05. ging es mit „Dialog und Dialektik um die beiden Seiten derselben Medaille“: Freiheit und Sicherheit, Einsicht und Kritik, Individualität und Kollektivismus.
  • Am 29.05. kommen „Platon, der Tod und die Ideen“ aufs Tablett. Es sind die den anthrôpos auszeichnenden Fähigkeiten, Hoffnung, Zuversicht und Wahrheitsbewusstsein zu leben.
  • Am 30.05. wurde die bekannte, vielfach interpretierte „Ideenlehre und Höhlengleichnis I“ diskutiert. Eine neue Wirklichkeit wirkt durch Einsicht und Lernen und bringt die Erwartungen zusammen, nämlich „die Gerechtigkeit, das Schöne und das Gute“.
  • Am 12.06. wurden die im „Höhlengleichnis“ angelegten Lebenshinweise weiter diskutiert.
  • Zwangsläufig stellte sich am 20.06. die Frage nach der Bildung und der Erkenntnis, die aus dem Höhengleichnis herausgelesen werden können: Die Ideen liegen in den Dingen.
  • Am 03.07. ging es um Aristoteles und den Aristotelismus. Es ist die Überzeugung, dass ein Gemeinwesen nur gerecht existieren könne, wenn es von Freien bewohnt wird.
  • Am 04.07. setzte sich Oskar Negt mit dem „politischen Ursprungscharakter der (aristotelischen) Philosophie“ auseinander. Es ist der homo socialis, der sich im Gemeinschafts-, und weiter gedacht auch in Gleichheits- und Gerechtigkeitsgedanken zeigt; denn darauf wies schon Aristoteles hin: „Zu viel Reichtum und zu viel Armut gefährden das Gemeinwesen, wobei ersteres gefährlicher ist als Letzteres“. Wie kann es gelingen, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen? (siehe dazu auch: Jos Schnurer, Die Menschen motivieren, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen! In: Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363ff). Auch bei dieser Frage hat uns Aristoteles etwas zu sagen, worauf Negt am 10.7. in seiner Vorlesung über „Polis und Politik, Erziehung und Tugenden bei Aristoteles“ hinweist.
  • In der Schlussvorlesung am 12.07.2001 reflektiert Negt die Bedeutung der antiken Philosophie für unser europäisches Denken. Mit der nach wie vor und mehr und mehr bedeutsamen und notwendigen Besinnung darauf, wie wir geworden sind, was wir sind und wie wir werden wollen, kommt zum Ausdruck, dass Philosophieren „nicht als bloße Wissensvermittlung (verstanden werden darf), sondern sich selbst als Bestandteil der theoretischen Vermittlung jeder politischen Praxis begreifen (muss), die allein die fortwährende Inhumanität des gesellschaftlichen Daseins der Menschen aufzuheben imstande wäre“.

Fazit

Oskar Negts Auseinandersetzung mit den antiken philosophischen Ideen ist kein l'art pour l'art und mehr als Savoir Vivre. Es gelingt ihm, die dort vorgefundenen Denkungsarten in die Gegenwart zu transportieren und deutlich zu machen, welche auch aktuelle Bedeutung die abendländischen Wurzeln für unser Denken und Handeln Hier und Heute haben. Es sind nicht in erster Linie praktische Anregungen, wie sie z.B. auch von der Praktischen Philosophie angeboten werden, schon gar keine Rezepte, sondern auf der theoretischen Basis ruhende Grundlagen des intellektuellen Denkens, die eine Nachschau und Auseinandersetzung mit den antiken, philosophischen Quellen lohnen. Die Veröffentlichung der Vorlesungstexte aus 2001 jetzt, 2019, ist kein nostalgischer Akt, sondern – darauf wird man in den ausgreifenden und interpretierten Betrachtungen Negts zu den Ursprüngen unseres Denkens immer wieder hingewiesen – Aufforderung, selbst zu denken und nicht andere für sich denken zu lassen ( vgl. dazu auch: Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php; sowie ders., Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22496.php). Der Gewerkschaftler und Homo investigans Oskar Negt hat die Vorlesungsschriften in Zusammenarbeit mit dem Düsseldorfer Mitbestimmungs-, Forschungs- und Studienförderungswerk, der Hans Böckler Stiftung, veröffentlicht. Die HBS zeichnet als Herausgeber des Buches. 

Alle, die denken und denkend handeln, als Studierende, Lernende und Lehrende, ist die Sammlung der Vorlesungsschriften über das abendländische, antike Denken aus dem Vorlesungsprojekt vom 10. April bis 11. Juli 2001 anzuempfehlen. 

Der Rezensent will nicht versäumen, auf ein Handwerkszeug zum Denken hinzuweisen, dass der Tübinger Philosoph Otfried Höffe 2005 in der Reihe Kröners Taschenbuchausgabe, Nr. 459, vorgelegt hat: Aristoteles-Lexikon, 640 S. Darin greifen zahlreiche Denker die Stichworte der antiken, aristotelischen Philosophie auf und ordnen sie unserem heutigen Denken zu.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 29.10.2019 zu: Oskar Negt: Politische Philosophie des Gemeinsinns. Ursprünge europäischen Denkens: Die griechische Antike. Steidl (Göttingen) 2019. ISBN 978-3-95829-650-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26023.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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