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Katrin Menke: "Wahlfreiheit" erwerbstätiger Mütter und Väter?

Cover Katrin Menke: "Wahlfreiheit" erwerbstätiger Mütter und Väter? Zur Erwerbs- und Sorgearbeit aus intersektionaler Perspektive. transcript (Bielefeld) 2019. 303 Seiten. ISBN 978-3-8376-4709-9. D: 39,99 EUR, A: 39,99 EUR, CH: 48,70 sFr.

Reihe: Gesellschaft der Unterschiede - Band 53.
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Thema

Das Erforschen der Umsetzung einer gelingenden Vereinbarkeitspraxis von Beruf und Familie steht im Mittelpunkt der vorliegenden Dissertationsarbeit. Untersucht wird die tatsächliche Wahlfreiheit von erwerbstätigen Eltern, wenn es darum geht beide Aufgaben parallel und konvenierend zu gestalten. Inwiefern die soziale Positionierung entlang des Kategorien-Trias Geschlecht, Ethnizität und Klasse Wahlmöglichkeiten in beruflichen und privaten Entscheidungssituationen ermöglichen oder verunmöglichen, bildet die Forschungsfrage. Damit im Zusammenhang steht, ob sich der Mechanismus der Intersektionalität stärker auf die Wahlfreiheit oder stärker auf die nationale Familien- bzw. Sozialpolitik auswirkt. Dazu werden im empirischen Teil die konkreten beruflichen Situationen von erwerbstätigen Müttern und Vätern offengelegt. Neben 19 ausgewerteten narrativen Interviews mit Müttern und Vätern die im Krankenhaussektor beschäftigt sind, befindet sich in der Arbeit eine ausführliche Literaturanalyse über Intersektionalität, sozialer Ungleichheit, Wohlfahrtsstaatlichkeit und Familienpolitik. Durch die erfolgte Verknüpfung der intersektionalen Perspektive mit der Wohlfahrtsstaatforschung stellt sich heraus, dass Eltern primär als Wirtschaftssubjekte und nicht als Sorgetragende aufgefasst werden.

Autorin

Dr. Katrin Menke ist Soziologin. Sie forscht, lehrt und schreibt schwerpunktmäßig zu Wohlfahrtsstaatlichkeit und Sozialpolitik im Wandel, sozialen Ungleichheiten im Kontext von Gender bzw. Intersektionalität sowie (Flucht-) Migration und Sozialpolitik. Aktuell ist sie in einem Forschungsprojekt am Institutes für Arbeit und Qualifikation (IAQ) beschäftigt, bei welchem ihr Habilitationsprojekt zum Thema Integration geflüchteter Frauen auf den Arbeitsmarkt angesiedelt ist.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel.

  1. In der Einleitung (Kapitel 1) werden die Begrifflichkeiten und theoretischen Perspektiven erläutert.
  2. Im zweiten Kapitel dann das intersektionale Verständnis sozialer Ungleichheit im Zusammenhang mit Wohlfahrtsstaatlichkeit und der gegenwärtigen Familienpolitik.
  3. Das dritte Kapitel wendet sich der empirischen Umsetzung zu, erläutert die methodische Vorgehensweise und den Krankenhaussektor als Forschungsfeld.
  4. In der Darstellung der empirischen Ergebnisse im vierten Kapitel rücken Väter und Mütter in den Fokus und mit ihnen ihre Strategien, Wahlfreiheit einzufordern oder anzuwenden bzw. daran zu scheitern.
  5. Das fünfte Kapitel ist das letzte vor dem Fazit und greift noch einmal die Intersektionskategorien „Klasse“, „Geschlecht“ und „Ethnizität“ auf. Diesmal jedoch nicht nur definitorisch, sondern analysierend und bewertend vor den wohlfahrtstaatlichen Gegebenheiten.
  6. Im sechsten Kapitel vollzieht sich eine Schlussbetrachtung auf theoretischer und politischer Ebene, um Wahlfreiheit nochmals auf der Metaebene darzustellen und welche Hemmnisse ihr der Wohlfahrtsstaat und mit ihm die Familien- und Gleichstellungspolitik entgegenstellt.

Inhalt

1. Einleitung

Der Begriff der Intersektionalität wird historisch hergeleitet und in seiner Wortbedeutung erklärt. Auch wird die Debatte über die Passfähigkeit des Wortes Interdependenz in Bezug auf die Kumulierung verschiedener Benachteiligungen von Menschen geführt. Die Diskussion über den Verwendungshintergrund scheint von besonderem Interesse, da der Intersektionalitätsbegriff vielfältig kritisiert worden ist, da er nur die Schnittmengen der Ungleichheit betrachtet und nicht den gesamten Zusammenhang aller Benachteiligungen. Die Überlegung den verwandten aber weitergreifenden Begriff der Interdependenz zu verwenden, wird kurz angeführt aber dann nicht weiterverfolgt. Für die Erläuterung der Begriffe „Klasse“, „Geschlecht“ und „Ethnie“ als Differenzkategorien spannt die Autorin einen weiten Bogen zurück in die feudale Ständeordnung, den Beginn der Spätmoderne als auch in ritualisierte Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse.

2. Wahlfreiheit intersektional denken

Bei den drei Kategorien „Klasse“, „Geschlecht“ und „Ethnie“ handelt es sich um subjektive Konstrukte, die erst in späteren Epochen und Zeiten der Aufklärung ausdifferenzieren und teilweise künstlich neu angelegt wurden. So war zum Beispiel die ausschließliche Ausrichtung auf Haus- und Familienarbeit ein Privileg für weiße Frauen der höheren Schichten (S. 33). Transferiert auf den Wohlfahrtsstaat modernen Typus ist die Kapitalismuslogik ausschlaggebend für die weitere Argumentation. So ist die Sicherung der sozioökonomischen Produktionsverhältnisse, die Herstellung von Produktionsmitteln und die Reproduktion von Arbeitskräften vordergründig. Die Reproduktionsarbeit, welche innerhalb von Familien erfolgt, ist aus dem Arbeitsmarkt ausgelagert. Generell geht es darum aus den Definitionen von Klasse, Geschlecht, Ethnie heraus Zugangsvoraussetzung auf den Arbeitsmarkt zu bestimmen. (Erwerbsarbeits-)Organisationen werden in dem Zusammenhang als Orte der Produktion von Ungleichheit gesehen.

Das Stichwort für das Teilkapitel 2.3 Familienpolitik als Politik der Wahlfreiheit ist „ehezentrierter Familialismus“ (S. 67). Es beschreibt die familienpolitischen Maßnahmen Deutschlands, die seit der Nachkriegsphase angestellt wurden. Die Familienpolitik war bis tief in die 1990er Jahre monetär geprägt und versuchte die Armut von Männern und Frauen durch die Geburt eines oder mehrerer Kinder zu vermeiden. Zudem sollte der Lastenausgleich für alle Kinder gleiche Ausgangsbedingungen schaffen. So wurde die in einem Haushalt lebende Familie als Ganzes in den Blick genommen, nicht aber die individuelle Situation ihrer Mitglieder (Mütter/Väter; Ehemänner/Ehefrauen). Die sozialpolitische Umverteilungsnorm ging damit zu Lasten der Geschlechtergerechtigkeit und führte in der Konsequenz zu der noch heute bestehenden Entgelt- und Sorgeungleichheit zwischen Männern und Frauen bzw. Vätern und Müttern. Die nachhaltige Familienpolitik analysiert das Betreuungsgeld (eingeführt 2013), welches als Beispiel für eine eingeschränkte Wahlfreiheit fungierte. Es erweise als familienpolitischer Flop, da es die traditionelle Aufteilung von Erwerbs- und Hausarbeit unter den Geschlechtern zementierte. Hingegen schaffte es das Elterngeld nachhaltiger für das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit einzustehen und stellte die Bedarfsgerechtigkeit in den Hintergrund. Davon profitieren Mütter und Väter zumindest faktisch und mehr Wahlfreiheit bzw. Spielraum Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.

Das Kapitel schließt mit der Bedeutung von Walfreiheit im nationalen und internationalen Diskurs. National werden staatliche Subventionierungen an Familien und ihre geringe Anreizwirkung, die Sorgeverantwortung unter den Geschlechtern gerechter aufzuteilen kritisiert. Egalität könne nur über eine Reformulierung familienpolitischer Gesetze und des deutschen konservativen Wohlfahrtsstaates entstehen. Im internationalen Diskurs zeigt sich, dass die Debatte zur Wahlfreiheit mehrheitlich an Frauen und Mütter adressiert ist und weniger an Männer und Väter. Das kommt einer impliziten Reproduzierung von Frauen für Familienarbeit gleich (S. 81). Hintergrund sind in den meisten europäischen Ländern die sehr unterschiedlichen Arbeitsmarktaktivierungen und die schichtspezifischen Differenzierungen (hier Zugangsmöglichkeiten) zu Kinder- und Altenbetreuung. Neben der monetären Ausstattung ist die geschlechter- und ethnienspezifische Differenzierung ein weiteres Merkmal für eine ungleiche Wahlfreiheit.

3. Wahlfreiheit intersektional erforscht

Vor der eigentlichen methodischen Darlegung erfolgt eine Operationalisierung des Begriffs der Wahlfreiheit. Danach wird die rekonstruktive Sozialforschung als Forschungsdesign und mit ihr die Grounded Theory als angewandte Methode erläutert. Methodologisch wird auf Glaser und Strauss zurückgegriffen sowie auf eine erweiterte Perspektive der Mehrebenenanalyse (Winkler & Degele) und der intersektionalen Analyseperspektive nach Riegel. Das Sample umfasst 19 berufstätige Mütter und Väter aus unterschiedlichen Beschäftigungsgruppen des deutschen Krankenhaussektor in Nordrhein-Westfalen. Die Rekonstruktion subjektiver Deutungsmuster wird mittels qualitative Interviews erhoben. Sie sollen darlegen, welche Motive, Bedingungen und Beurteilung von Handlungsalternativen Eltern in ihrem Entscheidungsprozess um die Verteilung der Erwerbs- und Sorgearbeit hatten. Die kategoriale Auswertung zeigte, dass die Konstellation von Familie und Partnerschaft ebenso entscheidend für Wahlfreiheit ist wie die innerbetrieblichen Leistungen. Aus diesem Grund war es der Forscherin wichtig ein breites Sample an Befragten abzubilden, die sowohl über mehr als auch über weniger finanzielles Kapital verfügten (Ärzt*innen, Bereich Pflege und Verwaltung vs. (Reinigungskräfte, Kantinen-Personal, Servicemitarbeitende).

Als weiterer methodischer Baustein fand der intersektionale Mehrebenenansatz nach Winker und Degele (2019) Beachtung. Dazu zählt die Ebene

  • der Sozialstrukturen,
  • der Identitätskonstruktion und
  • der symbolischen Repräsentativität (S. 97).

Die erste meint die Wahlfreiheit von erwerbstätigen Müttern und Vätern vor dem Hintergrund von Wohlfahrtsstaatlichkeit und darin inkludierten familien- und sozialpolitischen Rechten. Die zweite Ebene betrachtet die Individuen an sich und ihr inhärentes Rollenverständnis. Die dritte Ebene meint in der Arbeit die Reproduktion von Stereotypen und Werten in der eigenen Berufstätigkeit. Um spezifische Entscheidungssituationen im Lebenslauf von Müttern und Vätern zu erfahren, wurde das episodische Interview gewählt und ein Leitfaden erstellt, der fünf Themenblöcke umfasste: Genese der Vereinbarkeitssituation; Gegenwärtige Vereinbarkeitssituation; Bewertungen, Alternativen Lebenspläne; soziales Umfeld, Herkunft sowie Zukunft und Ausblick.

Der deutsche Krankenhaussektor als Forschungsfeld erhält ein eigenes Teilkapitel (3.5), in welchem die Auswahl auf diesen begründet ist. So beherbergen Krankenhäuser eine Vielzahl von unterschiedlichen Berufsfeldern und Statusgruppen, zudem ist der Frauenanteil hoch, was auf eine höhere Vereinbarkeitsnotwendigkeit schließen lässt. Weiter hat das Untersuchungsfeld bestimmte Charakteristika, wie den Fachkräftemangel, die Ökonomisierung oder die Beschäftigungsbedingungen, welche eine Auseinandersetzung mit den Mitarbeitenden und insbesondere mit dem Arbeitsumfeld erfordert. Krankenhäuser stehen exemplarisch als Stellvertreterinnen für den sozialstaatlichen Wandel Deutschlands insgesamt.

4. Manifestation von Wahlfreiheit in der Empirie

Das Kapitel beschreibt die Notwendigkeit von Solidargemeinschaften innerhalb von Familien. Die Erörterung der jeweiligen Solidaritätsbeziehung erfolgt in vier Punkten: Solidarität in

  1. Paarbeziehungen;
  2. in Mehrgenerationenbeziehungen und Verwandtschaft;
  3. innerhalb sozialer Netzwerke und
  4. in Quasi-Solidargemeinschaften im Kontext bezahlter Dienstleistungen.

Die Analyse der jeweiligen Kategorie zeigte alte Stereotype und neue Abhängigkeiten. Dort wo Familie nicht unterstützen kann oder nicht vorhanden ist, müssen andere Systeme greifen (S. 152). Das erhobenen Material zeigt weiter, dass bei Sorge- und Vereinbarkeitskonflikten vermehrt auf soziale Netzwerke zurückgriffen wird oder auf Quasi-Solidargemeinschaften als monetäre Dienstleistungen (Haushälterin, Tagesmütter, Au-pair-Frauen etc.). Letzte sind nur von finanziell unabhängigen Familien zu realisieren. Ein dauerhafter Ausfall aller genannter Arrangements käme einem Systemzusammenbruch der Betreuung gleich.

Im Resümee des Teilkapitels zeichnet die Autorin die gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisse aus Solidarbekundungen eindrücklich nach. In allen Konstellationen lässt sich erkennen, das die Erwerbstätigkeit der Sorgearbeit vorgelagert ist. Dahinter verbergen sich klassisch ökonomische Gründe sowie das Aufrechterhalten von ethnizitäts- und geschlechterspezifischen Herrschaftsverhältnissen (S. 167). Das wiederrum verundeutlicht Verpflichtungszusammenhänge im Kontext von Elternbeziehung und verweist es auf ein Gesamtproblem, welches sich auf die nur unzureichend vorhandenen familienpolitischen sowie wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen und Dienstleistungen bezieht. Zwischenfazit: Durch die wechselseitigen Verpflichtungszusammenhänge wird die Wahlfreiheit auch über Solidaritäten eingeschränkt.

Der betriebliche Mikrokosmos ist ein weiteres Teilkapitel unter Punkt vier. Als Ort der ausgeführten Erwerbsarbeit kommt den Krankenhäusern eine maßgebliche Rolle in dem Vereinbarkeitssetting von Familie und Beruf zu. Um diese Vereinbarkeit herzustellen, zeigten sich in der Analyse vorrangig informelle Verhandlungen mit den Vorgesetzten über Dauer, Lage und Verteilung der Arbeitszeit (S. 173). Es kommen vier Betrachtungen zur Anwendung, die alle für die Möglichkeit der Wahlfreiheit im betrieblichen Kontext verantwortlich sind: (1) die Arbeit in Teilzeit, (2) die Stationskultur, (3) das persönliche Verhältnis zu Vorgesetzten und (4) die individuelle berufliche Performance.

  1. Teilzeitarbeit ist im mehrschichtigen Klinikbetrieb keine Selbstverständlichkeit. Mitarbeitende müssen auf zwei Ebenen verhandeln. Einmal mit den Vorgesetzten und einmal mit den Kolleg*innen auf den jeweiligen Stationen. Dadurch entsteht kein verlässliches Konzept, sondern eine auf Wohlwollen und günstige Umstände beruhender informeller Kontrakt. Als theoretischen Konzept für diesen Umstand führt die Autorin Bourdieu und das grundlegende Prinzip von Tauschverhältnissen an.
  2. Die Stationskultur meint ein kollegiales Miteinander und die Zugewandtheit, Offenheit und Wertschätzung der Stationsleitungen zum Thema der Vereinbarkeit. Mit diesen Attributen eröffnen oder verschließen sich Möglichkeiten für Eltern. Die internen Strukturen können sich von denen der Gesamtorganisation oder anderen Station unterscheiden und sind etwas nicht Planbares, sondern eine atmosphärische Kategorie von hoher Subjektivität. Somit ist die organisationale Kultur im Kleinen dafür maßgeblich verantwortlich, wie viel Wahlfreiheit für Mütter und Väter entsteht.
  3. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das persönliche Verhältnis zu Vorgesetzten. Organisationen seien mehr durch ihre Praktiken geprägt als durch ihre bürokratischen Strukturen. Das heißt, dass ein Großteil von Arrangements auf informellen Absprachen beruht (196ff). Somit entsteht eine Asymmetrie und auch Abhängigkeit gegenüber dem Wohlwollen der Führungskräfte.
  4. Der Punkt der Narration der beruflichen Performance verdeutlicht, dass hauptsächlich Personen mit höherer Qualifikation und guten beruflichen Leistungen Zugeständnisse bei der Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit erhielten. Weiterhin gehören Geschlecht und Alter zu den unterschiedsbildenden Faktoren. Frauen wurden nie frei von Sorgearbeit wahrgenommen. Vor diesem Hintergrund ergab sich das Bild, dass Frauen in Aushandlungsprozessen zuerst mit ihrer Rolle als Mutter argumentierten und nicht mit ihrer beruflichen Performance, wie die Männer es taten. Die Betriebszugehörigkeit spielte ebenso eine wichtige Rolle. Je länger diese ausfiel und die Leistungsfähigkeit bereits beweisen werden konnte, desto selbstbewusster wurden Forderungen vorgetragen (S. 207).

Das vierte Kapitel schließt mit einer Betrachtung von Mehrfachbeschäftigungen. Die Parallelität von Arbeitsverhältnissen reduziert die individuellen Wahlmöglichkeiten substanziell. Besonders Frauen mit geringer Bildung und Einkommen gehen häufiger, zum Zwecke der Sicherung des Familieneinkommens, einem Zweit- oder Drittjob nach. Weitere Funktionen von mehreren Arbeitsverhältnissen sind die Unsicherheitsapprobation bei befristeten Verträgen sowie das Ausüben einer (weiteren) sinnstiftenden Tätigkeit, oder der Gedanke der Weiterbildung bzw. -qualifizierung (S. 229f). Perspektivisch wirken sich die letzten drei Punkte auf eine höhere Wahlfreiheit für Eltern aus.

5. Wahlfreiheit im transformierten deutschen Wohlfahrtsstaat

Vor dem Fazit bündelt die Autorin die zu Beginn ausgemachten intersektionalen Kategorien „Klasse“, „Geschlecht“ und „Ethnie“ und verschränkt sie sowohl in ihren Wechselwirkungen als auch in der Analyse, wie sie Macht- und Herrschaftsverhältnisse (re-)konstruieren (S. 246). Anhand der Klasse wird gezeigt, dass Betreuungs- und Flexibilitätskonflikte für Mütter und Väter besonders unter eingeschränkten finanziellen Mitteln entstehen. Während die Oberschicht aufgrund von Position und Einkommen in die Lage versetzt wird, sich in Quasi-Solidargemeinschaften einzukaufen, bleiben Elternteile, die nicht zur Oberschicht gehören, auf unbezahlte Solidargemeinschaften angewiesen und damit auf Verpflichtungszusammenhänge (S. 247). Damit trägt die Auslagerung der Sorgearbeit zu bestehenden Machtasymmetrien, der Verfestigung von traditionellen Geschlechterordnungen als auch zu ökonomischer Ausbeutung bei. Der Kategorie Geschlecht wird eine konstruierte Ordnung zugewiesen, die sich auf naturalisierende sowie biologische Argumente stützt, welche Frauen im Gegensatz zu Männern angeblich kompatibler für Sorgearbeit machen. Sozialpolitische Anreize, Männer stärker in die Sorgearbeit einzubinden, sind nur sehr marginal forciert. Traditionelle Geschlechterverhältnisse werden im Kontext von Ethnie und Migration wahrscheinlicher. Weiterhin ist der Zugang für Menschen mit Migrationshintergrund auf den Arbeitsmarkt schwerer realisierbar als für die Mehrheitsgesellschaft. Neben dieser Hürde besteht das Problem einer nicht konstant verlässlichen Solidargemeinschaft, um Erwerbs- und Sorgearbeit zu vereinbaren. Meist sind Großeltern nicht vor Ort und die Community des sozialen Netzwerkes ist kleiner. Zudem verunmöglicht der Einsatz im Niedriglohnsektor vielen Migrant*innen den Zugriff auf kostenintensive Quasi-Solidargemeinschaften.

6. Fazit

Das Fazit der Forschungsarbeit bezieht sich vier Perspektiven. Die erste bildet die feministische Theorie ab und verdeutlicht, dass sich unverändert Konstrukte, wie die Trennung von öffentlicher und privater Sphäre oder die Be- bzw. Abwertung reproduktiver Arbeit, halten (S. 270). Frauen sind mehr in der privaten und Männer mehr in der öffentlichen Sphäre aktiv. Frauen mit Migrationshintergrund gelingt es wesentlich schlechter als den deutschen Frauen sich aus diesen Bezügen zu lösen. Die zweite Perspektive bildet eine intersektionale Analyse, in der auf den Duktus bestehender Strukturen verwiesen wird, die sich vorerst nicht auflösen lassen, da dies eine Dekonstruktion von Kategorien mit sich bringen müsste. So regt die Autorin an, sich mehr in die Forschung zu Intersektionalität und Organisation zu befassen. Die wohlfahrtsstaatliche Transformationsforschung bildet die dritte Schlussfolgerung. Ob sich der Wohlfahrtsstaat tatsächlich gewandelt hat, kann nur über eine Analyse konkreter Alltagsbewältigung von Müttern und Vätern geschehen. Wie das System familien- und arbeitsmarktpolitische Strukturen modifiziert, lässt sich an der Bevorzugung oder Benachteiligung unterschiedlicher Lebensformen ablesen. Zum Schluss wird als vierter Punkt die Familien- und Gleichstellungspolitik aufgegriffen. Sie gehört zu den Ermöglicherinnen der Verknüpfung von Elternschaft und Erwerbsarbeit. Dabei suggeriert sie die prinzipielle Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Wahlfreiheit bleibt jedoch entlang der genannten intersektionalen Kategorien höchst subjektiv und ist Statusabhängig. Im Idealfall kann die Debatte um die Wahlfreiheit von Eltern inhaltlich dahin gelenkt werden, dass es sowohl um das Recht geht Fürsorgearbeit zu leisten aber auch um das Recht diese nicht zu leisten. Das bedürfte eine eigenständige Existenzsicherung jeder*s Einzelnen.

Diskussion

Besonders die begrifflichen Herleitungen und Beschreibungen zu Beginn der Arbeit sind wissenschaftlich anspruchsvoll abgehandelt. Wenngleich der Komplexität der Verflechtungen von Klasse, Geschlecht und Ethnizität Rechnung getragen wird, sind die Passagen von einem erschwerten Lesefluss geprägt. Eventuell hätte es sich gelohnt, die Sprache etwas zu simplifizieren. Die Vorschläge im ersten Drittel des Buches zur Reformierung des Wohlfahrtsstaates sind hinlänglich bekannt. Hier werden strukturelle Grenzen beschrieben, die jedoch nicht ohne Weiteres zu überwinden sind, da sie u.a. durch Gesetze und lang gewachsene Historien verfestigt sind. Es wäre eine Möglichkeit gewesen, jeweils optimistische und pessimistische Punkte zu Wandlungsmöglichkeiten alteingesessener Systeme anzuführen. 

In der Auswertung der Interviews verbindet die Autorin ihre Erhebungsergebnisse mit verschiedenen Theorien. Durch die direkte Verknüpfung ohne ein größeres Investment in die Herleitung der theoretischen Anknüpfungen, erscheinen diese manchmal zu kurz und es entsteht die Frage, warum jene Theorien Einzug hielten und andere nicht. Das wäre besonders für die Leser*innen relevant, die sich mit dem Soziologischen nicht näher verbunden fühlen. Sollte es das Ziel des Buches sein, eine breitere Masse zu erreichen, könnten hier Verständnisschwierigkeiten auftreten. Aufgrund dieser Tatsachen ist die Monografie mehr dem Fachdiskurs zuzuordnen. Das ist vor dem Entstehungshintergrund als Dissertation sehr nachvollziehbar, wenngleich das hochrelevante Thema weiter praxistauglich übersetzt werden müsste.

Anzumerken ist weiter, dass in dem Buch orthografisch wie grammatikalisch nicht immer sauber gearbeitet wurde. Es finden sich zudem nicht alle Quellen im Literaturverzeichnis oder sind namentlich teils in einer anderen Rheinfolge angegeben, was ihr Auffinden erschwert. Wünschenswert wäre es ebenfalls, wenn alle Anhänge, auf die im Text verwiesen wird, auch im Anhang zu finden sind. Das bezieht sich u.a. auf den Interviewleitfaden oder den Flyer mit dem Anliegen der Studie.

Fazit

Katrin Menke stellt ein aktuell hochrelevantes Thema vor. Die Herangehensweise sollte besondere Beachtung finden. Denn sie forscht nicht nach einem optimalen Vereinbarkeitsarrangement zwischen Familie und Beruf, sondern zeigt wie dieses aufgrund von intersektionalen Faktoren verhindert wird. Mehr noch führen die Zugehörigkeiten zu Geschlecht, Klasse und Ethnie im deutschen Wohlfahrtsstaat dazu, dass Eltern vorrangig als Wirtschaftssubjekte denn als Sorgetragende definiert werden. Betriebliche Strukturen unterstützen diese Form der Reproduktion von Ungleichheit weiter, in dem sie informelle Aushandlungen zur besseren Vereinbarkeit forcieren und damit keine Egalität zwischen den Mitarbeitenden schaffen, sondern sie noch verstärken, indem sie bessergestellte Gruppen bevorzugen. Die Forschungsarbeit hält sich mit Handlungsempfehlungen zurück und überträgt stattdessen die eindrücklichen Aussagen aus dem empirischen Teil auf die intersektionale Ebene in wohlfahrtsstaatlichen Strukturen. Es handelt sich um ein anspruchsvolles Fachbuch, welches in der Literatur und dem wissenschaftlichen Diskurs rund um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf Beachtung finden sollte und wird. Aus den empirischen Befunden können sich sowohl Ansätze für die Politikberatung als auch Ansätze für einen Praxistransfer entwickeln.


Rezension von
Dipl. Sozialpädagogin Katja Knauthe
M.A., Lehrkraft für besondere Aufgaben am Lehrstuhl für Soziale Gerontologie, Hochschule Zittau/Görlitz
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Zitiervorschlag
Katja Knauthe. Rezension vom 17.08.2020 zu: Katrin Menke: "Wahlfreiheit" erwerbstätiger Mütter und Väter? Zur Erwerbs- und Sorgearbeit aus intersektionaler Perspektive. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4709-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26026.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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