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Hassan Poorsafir: Soziale Beschleunigung in nicht-westlichen Gesellschaften

Cover Hassan Poorsafir: Soziale Beschleunigung in nicht-westlichen Gesellschaften. Eine Fallstudie zum Iran. transcript (Bielefeld) 2019. 394 Seiten. ISBN 978-3-8376-4791-4. D: 49,99 EUR, A: 49,99 EUR, CH: 61,00 sFr.

Reihe: Sozialtheorie.
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Kritik ist Kritik, ist Kritik, ist Kritik…

Der Blick über den individuellen und gesellschaftlichen, fachspezifischen und interdisziplinären Gartenzaun – wird die Aussicht nicht durch ideologische Blenden oder Potemkinsche Dörfer verstellt – vermittelt gelegentlich unerkannte, unbedachte und unreflektierte Erkenntnisse über den Zustand der (Um-)Gebung. Die Motive, die dabei entstehen können, sind Neugier und Wissenserwerb darüber, was „da hinten“ zu sehen, zu entdecken und zu (be-)greifen ist. Es können aber auch Ohnmachts-, Resignations- und fatalistische Reaktionen sein. Bleiben wir bei der wissenschaftlichen Neugier, so gilt es, die auftretenden Herausforderungen entweder disziplinär oder interdisziplinär anzugehen. Als ein Think Tank im wissenschaftlichen, soziologischen Diskurs lässt sich in Deutschland das Max-Weber-Kolleg der Universität in Erfurt ausmachen. Dessen Direktor, der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa, zeigt mit seinen Gesellschaftsanalysen auf, dass das scheinbar (Be-)Greifbare und Habhaftbare im anachronistischen Wechselspiel des Lebens „zwischen dem, was uns verfügbar ist, und dem, was uns unverfügbar bleibt, uns aber dennoch ‚etwas angeht‘; es ereignet sich gleichsam an der Grenzlinie“. Mit der „Manifestation des Unverfügbaren“ entwickelt er eine „Soziologie der Weltbeziehung“, in der nicht Habenmentalitäten im Vordergrund stehen, sondern „Resonanzen“. Seine Analyse: „Dem Fortschritt der Moderne wohnt eine Verschleißunruhe inne, während die Vergangenheit zunehmend entwertet und die Zukunft ihrer Substanz beraubt wird“ (vgl. dazu: Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25302.php).

Entstehungshintergrund

Eine „Soziologie der Weltbeziehung“ will den lokalen Blick erweitern hin zum globalen Ganzen. Beschleunigungs- und einhergehende Entfremdungstendenzen in westlich hoch entwickelten Gesellschaften verdeutlichen die Herausforderungen, die sich für Dimensionen des Sozialen ergeben. ragenhorizonte, Thesenbildungen und „die soziologischen Maßstäbe und Kategorien solcher Beschreibungen von Gesellschaften (sind) zumeist westlich geprägt“ (S. 16). Sind die Blickrichtungen und Theoriebildungen vergleichbar den westlichen, oder sind andere, autochthone Aufmerksamkeiten erforderlich? Mit der Rosa’schen „soziologischen Beschleunigungstheorie“ ließen sich, so die These von Poorsafir die Entwicklungen im globalen Vergleich analysieren. Mit der Fallstudie zur Entwicklung im Iran „sollen die Zeitlichkeiten von beschleunigenden und entschleunigenden Verhältnissen und Kräften in einer nicht-westlichen Gesellschaft untersucht werden“ (S. 16).

Autor

Hassan Poorsafir (H.P. Safir) ist Sozialwissenschaftlers am Max-Weber-Kolleg in Erfurt.

Aufbau und Inhalt

Die Fallstudie wurde 2018 an der Universität in Jena als Promotionsschrift vorgelegt. Der Autor gliedert die Arbeit, neben der Einleitung, in der er die Phänomene der sozialen Beschleunigung moderner Gesellschaften analysiert, in acht Kapitel und schließt sie mit der Schlussbetrachtung ab.

  • Im ersten Kapitel diskutiert er „das theoretische Grundgerüst der traditionellen und modernen Gesellschaft als selbst-adaptierende und beschleunigende Sozialformationen“,
  • im zweiten wird „die iranische Gesellschaft als eine selbstadaptierende Sozialkonstellation“ vorgestellt;
  • im dritten stellt der Autor „Überlegungen zur Situation im Iran des späten 18. und 19. Jahrhunderts“ an;
  • im vierten setzt er sich mit der „institutionelle(n) Transformation einer selbst-adaptierenden Gesellschaft: Die konstitutionelle Revolution (1905 – 11)“ auseinander;
  • im fünften werden „die ersten Schritte zur Etablierung eines modernen Staates im Iran (1907 – 1921“ thematisiert;
  • im sechsten informiert H.P. Safir über „die Herausbildung einer sich beschleunigenden Gesellschaft (1925 – 1941)“;
  • im siebten geht es um „die Sozialbewegung der Verstaatlichung der Ölindustrie und den Putsch 1953“; und
  • im achten Kapitel werden die Gründe der Revolution 1977. 1979 untersucht, indem „die soziale(n), wirtschaftliche(n) und kulturelle(n) Verhältnisse 1954 – 1979“ analysiert werden.

Es ist die umfangreiche, formell und informell vorliegende Quellenlage, die eine Analyse des Aufkommens von neuen, gesellschafts-politischen, ökonomischen, kulturellen und weltanschaulichen Transformationsprozessen möglich macht. Das ist in nicht-offenen, sich als ideologisch, nationalistisch oder fundamentalistisch darstellenden Gesellschaften nicht einfach. Der kritische Blick für ein Forschungsvorhaben wie diesem ist dabei unverzichtbar. Wenn der Autor bei seiner Fallstudie über den Iran drei Thesen voranstellt, kann er sich der Aufmerksamkeit im wissenschaftlichen Diskurs gewiss sein:

  1.  „In manchen Gesellschaften – wie der Irans – ist es möglich, entschleunigende Kräfte bis an jenen Punkt dominant werden zu lassen, an dem der Prozess der Herstellung des Akzelerationszirkels behindert, wenn nicht sogar unwirksam wird“ (S. 22).
  2. „Die iranische Revolution 1979 war die Konsequenz der unvollendeten Differenzierung der sozialen Teilsysteme einerseits und einer Reihe von sozialen und ökonomischen Konflikten zwischen beschleunigenden und entschleunigenden Kräften. Letztere erwiesen sich dabei als dominanter und somit als siegreich“ (S. 24).
  3. „Die Verheißung einer heiligen inner- und außerweltlichen Zukunft durch die Religion erwies sich in einigen Gesellschaften als einflussreicher als die säkulare Verheißung der Beschleunigung, sodass die Religion folglich das soziale und gesellschaftliche Leben der Individuen eindringlicher prägte“ (S. 24f).

Die Rückgriffe und Erklärungsmuster, die sich für eine „Theorie der sozialen Beschleunigung“ anbieten – Nachhaltiger Fortschritt/Demokratische Selbstbestimmung/Habituelle Orientierung/Sekuläre, mundane Zukunftsorientierung – können zweifelsohne als selbstadaptierende Sozialkonstellation im globalen Maßstab angewendet werden. In der vormodernen iranischen(persischen) Volksgeschichte finden sich zahlreiche Begründungszusammenhänge, die Anschlüsse hin zu modernen, menschenrechtlichen Institutionalisierungen erlauben; jedoch auch von den zähen, festgefügten und islamistischen Traditionalismen künden. Die revolutionären Kräfte saugten ihre Motive aus den beiden Grundpositionen: Machtumverteilung versus Machterhalt. Die Bilanzen, die sich für oder gegen einen strukturellen sozialen Wandel in der iranischen Gesellschaft ergaben, wie z.B. Fragen einer gerechten Nationenbildung, der Landreform in den urbanen Gebieten, der gerechteren Verteilung aus den Erlösen der Rohöl-Exporte, der Technisierung und der Einkommensgerechtigkeit, konnten die Verheißungen einer moralischen und religiösen Sozialordnung nicht erfüllen: „Diese Verheißung hat in der Mitte der 1970er Jahre ihre Überzeugungskraft angesichts der vertieften sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit einerseits und der wirtschaftlichen Krise andererseits verloren“ (S. 327 ff). Gleichzeitig zeigt sich das Paradoxon bei gesellschaftspolitischen Beschleunigungsprozessen (nicht nur) bei politischen Regimen, die autokratische Modernisierungsprojekte initiieren: „Sie bahnen durch die Modernisierungsmaßnahmen den Weg für die Herausbildung und Entwicklung der beschleunigenden Kräfte in der Gesellschaft, zugleich wollen sie diese Kräfte jedoch möglicherweise kontrollieren oder zumindest in eine gewünschte Richtung lenken“ (S. 369).

Fazit

Die Fallstudie endet mit der Analyse der ökonomischen und gesellschaftspolitischen Entwicklung im Iran der 1960er/1970er Jahre; das ist gewollt, weil es in der wissenschaftlichen Arbeit nicht (in erster Linie) um eine Länderstudie geht, sondern um den Versuch einer Weiterentwicklung der Rosa’schen Beschleunigungstheorie, die überwiegend für westliche, hochentwickelte Gesellschaften Anwendung findet. Die Frage, wie sich soziale Beschleunigung in nicht-westlichen Gesellschaften auswirkt, beispielhaft am Fallbeispiel des Iran thematisiert, beantwortet der Autor mit einem „Ja, aber…“, indem er einerseits die im Sinne Rosas bereitgestellten Theoreme als Analyse-Instrumente benutzt, andererseits den in der historischen, kulturellen und politischen Betrachtung vorgefundenen Entwicklungen neue, gesonderte Zuweisungen gibt. So kann die soziologische Arbeit auch hilfreich sein für ökonomische und politische Analysten, Berater und Politiker im Hier und Heute.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.09.2019 zu: Hassan Poorsafir: Soziale Beschleunigung in nicht-westlichen Gesellschaften. Eine Fallstudie zum Iran. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4791-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26028.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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