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Ute Samland, Anna Henkel (Hrsg.): Bewegung

Cover Ute Samland, Anna Henkel (Hrsg.): Bewegung. transcript (Bielefeld) 2019. 171 Seiten. ISBN 978-3-8376-4622-1. D: 17,99 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 22,90 sFr.

Reihe: 10 Minuten Soziologie - Band 3.
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Thema

Bewegung ist allgegenwärtig und entfaltet eine ganz eigene Dynamik, sozial, kulturell und materiell. In der modernen Gesellschaft ist alles in Bewegung die Güter, die Menschen, der Verkehr und vieles mehr. Die Beiträge des Bandes greifen die Bewegung aus verschiedenen soziologischen Perspektiven und Forschungsrichtungen auf. Anhand unterschiedlicher Fallvignetten zeichnen die Autor*innen differenzierte Bewegungen nach. Die Vielfalt des soziologisch aufgespannten Horizonts regt zur Beweglichkeit an – im Nachdenken über Bewegung.

Herausgeberinnen

Herausgeber sind Ute Samland, die sich im Rahmen ihrer Promotion mit Themen der Mobilität im ländlichen Raum beschäftigtund Anna Henkel, Professorin für Kultur- und Mediensoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Die Reihe „10 Minuten Soziologie“ wird von Anna Henkel herausgegeben.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist neben einer Einleitung in weitere elf Kapitel differenzierter Länge gegliedert, die allerdings nicht durchnummeriert sind.

In der „Einleitung“ wird betont, dass moderne Zeiten bewegte Zeiten seien. Die Bewegung zeige sich als grundlegendes Charakteristikum moderner Gesellschaften.

Das erste Kapitel von Günter Burkhart ist mit dem Titel überschrieben „Gesellschaftstheorie der Moderne“. Die Gesellschaft habe sich schon immer bewegt und ist dynamisch, aber die Moderne habe das Tempo und die Beschleunigung als Signum der Zeit, Rastlosigkeit, Unruhe und Hektik bestimmten das kulturelle Klima. Betrachte man soziale Bewegungen seien wir in der Soziologie, denn sie betont den Aspekt der Mobilisierung, im Sinne sich zu bewegen, etwas zu verändern, sich für die Gesellschaft zu engagieren. In der Moderne stelle sich die westliche Kultur grundlegend von einer statischen Ordnung auf Bewegung um (S. 20). In den weiteren Ausführungen wird zur Beschleunigung der menschlichen Fortbewegung, der Beschleunigung der Kommunikation, die sich von festen Ort-/Zeitkoordinaten gelöst habe und zur Flexibilisierung bzw. Mobilisierung der Arbeit Stellung genommen.

Im zweiten Kapitel „Filmsoziologie: ‚Head out on the highway‘“ wird der Sinn des Films „Easy Rider“ diskutiert. Es ist ein Film, der nach der Identität und der Standortbestimmung einer ganzen Gesellschaft sucht. Filme, so die Autorin, Manuela Klaut, thematisierten den Wandel in den sozialen Beziehungen und enthielten komplette Gesellschaftsbilder von ihren Bewegungen (S. 42).

Melanie Werner ist die Verfasserin des folgenden Kapitels „Systemtheorie“. All diese historischen sozialen Bewegungen spiegelten grundlegende gesellschaftliche Konflikte wider. Werner nehme in ihren Ausführungen einen systemtheoretischen Beobachtungsstandpunkt ein, um die Moderne als eine funktional ausdifferenzierte Gesellschaftsform zu beschreiben. Anschließend reflektiere sie, inwieweit es sich bei einer systemtheoretischen Lesart bei sozialen Bewegungen um eine konservative, systemstabilisierende Sichtweise handle, was sie letztlich bejaht.

Die „Historische Makrosoziologie“ nimmt Lars Döpking in den Blick. Es geht hier um die Steuerrevolten in Amerika und Italien und deren zugrunde liegenden Ursachen. Der Autor versucht, die generellen sozialen Mechanismen zu extrapolieren.

Mit der „Differenzierungstheorie“ setzt sich Sina Farzin auseinander. Der Klimawandel thematisiere etwas noch nicht Geschehenes, das unseren subjektiven Erfahrungshorizont in deren zukünftigen Ausmaßen überschreite. Mit Mitteln der Kunst könnten fiktive Räume konstruiert werden, in denen Größenordnungen der Veränderungen vorstellbar und kulturell bearbeitbar würden (S. 86).

„Poststrukturalismus: Dekonstruktion und/als Bewegung“ nennt Steffi Hobuß ihr Kapitel. Dekonstruktion sei eine Praxis der Arbeit mit und an Texten und damit eine Bewegung, eine bestimmte Aufmerksamkeit für Strukturen und gleichzeitig der Versuch ihrer Demontage. Am Beispiel der universitären Lehre resümiert sie, dass wir immer in einem bewegten Raum von Kräfte- und Machtverhältnissen lehrten und nicht in einem neutralen oder natürlichen Ort und schon gar nicht in einem gleichgültigen Ort.

Die „Theorie der Utopie: ‚Utopie in Bewegung‘“ behandelt Björn Wendt. Er gibt zunächst einen Überblick über theoretische Ansätze und Begriffe, verdeutlicht die historische Entwicklung, um das Ende der Utopie zu entkräften. Utopien würden erstens protestieren und einen Zustand kritisieren und zweitens arbeiten sie auf eine (bessere) Alternative hin. Der Autor setzte sich für einen beweglichen und mehrdimensionalen Utopiebegriff ein, um ihn nicht einzuengen, sondern in seiner Vielschichtigkeit erfassen zu können (S. 110).

Die „Theorie der Strukturierung“ greift Weert Canzler auf. Noch nie habe der Automobilismus eine solche Stabilität erlangt und die zugelassenen Fahrzeuge stiegen weiter. Entsprechend der Strukturierungstheorie nach Giddens sei das Autofahren kein Zwang aber auch nicht immer Folge absichtsvoller Entscheidungen, sondern von Routinen, die als Hintergrundprogramme abliefen, gesteuert. Wir kämen um eine Neubewertung und -verteilung des öffentlichen Raumes nicht umhin. Es gehe hier beispielsweise um die Förderung eines Umweltverbundes ebenso um Sharing-Angebote und nicht zuletzt um den Grundsatz, wer für private Zwecke öffentlichen Raum beansprucht, muss dafür bezahlen (kein kostenfreier Parkplatz).

Die nächsten Ausführungen von Ute Samland beziehen sich auf die „Innovationsforschung: Soziale Innovationen für nachhaltige Bewegung“. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen nebeneinanderliegende Mobilitätsangebote, wie der motorisierte Individualverkehr, der öffentliche Personennahverkehr sowie Sharing-Angebote und Mitfahrerdienste, die im ländlichen Raum so zu verknüpft werden sollen, dass eine ökologische und sozial nachhaltige Mobilitätspraxis entsteht. Ob sich allerdings dieses Setting durchsetze, der private Autobesitzer sich in einen Mobilitätsanbieter transformieren lasse, die Elektromobilität erhöht und verschiedene Verleihangebote stärker nachgefragt würden, sei bisher noch nicht absehbar.

Das letzte Kapitel von Steffen Greve verfasst steht unter dem Thema „Kontakttheorie“. Hier geht es um Normen und Irritationen in Sportspielsituationen, um diese identifizieren, diskutieren und erklären zu können. Sport habe starke exklusive und selektive Tendenzen, sodass diese Angebote so verändert werden müssten, damit alle Teilnehmer gleichermaßen gefördert und gefordert werden können.

Fazit

Es ist ein sehr anspruchsvolles Essay, eine Abhandlung, in der wissenschaftliche, soziologische und gesellschaftliche Phänomene der „Bewegung“ aus ganz differenzierten Blickpunkten aus betrachtet werden. Im Mittelpunkt steht die persönliche Auseinandersetzung des/der Autors/​Autorin mit dem jeweiligen Thema. Deshalb variieren die Beiträge entsprechend, sie sind vom ersten Kapitel an, welches einen großen Bogen über gesellschaftlicher Bewegungen spannt, bis zum letzten, der die Vielfalt des soziologischen Nachdenkens über Bewegung zeige, interessant. Vor jedem Kapitel gibt es eine kurze Einführung zum Thema, es schließen sich ein Fazit und Literaturempfehlungen zum Weiterlesen an. Ein wirklich lesenswertes Buch für alle soziologisch interessierten Leser. Die Komplexität von der aus dieses Phänomen betrachtet wird, ist gelungen und dennoch ist es kurz und prägnant – eben 10 Minuten Soziologie.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 09.12.2019 zu: Ute Samland, Anna Henkel (Hrsg.): Bewegung. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4622-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26029.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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