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Hannah Sophie Stiehm: Was ist "Erfolg" in der Sozialen Arbeit

Cover Hannah Sophie Stiehm: Was ist "Erfolg" in der Sozialen Arbeit. Eine Untersuchung von Hannah Sophie Stiehm. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2019. 64 Seiten. ISBN 978-3-7841-3210-5. D: 7,50 EUR, A: 7,80 EUR.

Reihe: Soziale Arbeit kontrovers - 22.
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Thema

Das Heft trägt den Titel: Was ist «Erfolg» in der Sozialen Arbeit?, und stellt damit eine Frage, die keineswegs eindeutig zu beantworten ist und gemäss Klappentext «sogar im Widerspruch zu fachlichen Prinzipien wie Ergebnisoffenheit und Autonomie der Klient_innen» stehen kann. Eine Antwort auf diese Frage möchte die Autorin finden, indem sie das Verständnis von Erfolg aus Sicht von Fachkräften mit qualitativen Interviews untersucht und dieses auf verschiedenen Ebenen festmacht. Das Heft ist in der Reihe «Soziale Arbeit kontrovers» erschienen, die vom Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. herausgegeben wird.

Autorin

Die Autorin, Hannah Sophie Stiehm studiert an der TU Dresden im forschungsorientierten Masterstudiengang Sozialpädagogik. Dem Klappentext ist zu entnehmen, dass das Heft eine Zusammenfassung ihrer BA-Thesis ist, die sie im Bachelor Studium Soziale Arbeit an der FH Erfurt abgeschlossen hat, und die mit dem Studienpreis des Fördervereins der FH Erfurt ausgezeichnet wurde.

Aufbau und Inhalt

Das Heft, welches insgesamt nur 64 Seiten inkl. Literaturverzeichnis umfasst, ist entsprechend der Ergebnisdarstellung der Interviews strukturiert:

  • Erfolg auf der Klient_innenebene,
  • Erfolg auf der Sozialarbeiter_innenebene,
  • Erfolg auf der Beziehungs- und Interaktionsebene,
  • Erfolg auf der Organisationsebene sowie
  • Erfolg auf der Gesellschaftsebene.

Umrahmt werden diese einzelnen Kapitel von einer theoretischen Annäherung an den Begriff Erfolg wie auch von einer Diskussion von allgemeinen Vorstellungen von Erfolg, das Heft schliesst mit einem Ausblick, in dem praktische und professionstheoretische Implikationen der Ergebnisse zusammengefasst werden. Hilfreich für die Leserschaft sind, trotz der Kürze des Heftes insgesamt, knappe Schlussfolgerungen am Ende jedes Kapitels.

Das Datenmaterial ihrer Untersuchung stellen problemzentrierte Interviews dar, die die Autorin mit Sozialarbeiter_innen eines Sozialpsychiatrischen Dienstes in einem deutschen Bundesland durchgeführt hat. Die Interviews wurden mittels Grounded Theory ausgewertet.

Dem «sehr diffusen Begriff Erfolg» nähert sich die Autorin dadurch an, indem sie zwei «zum Teil widersprüchliche und konkurrierende Deutungen über Erfolg in der Sozialen Arbeit» skizziert (S. 8). Auf der einen Seite der ökonomische Diskurs mit den prominenten Begriffen Wirkung, Effizienz und Qualität (S. 9–14) und auf der anderen Seite der Professionalitätsdiskurs, mit dem Schwerpunkt auf Theorien und Konzepte professioneller Praxis (S. 14–20).

Unter Rückbezug auf bekannte skeptische Stimmen im Ökonomisierungsdiskurs fasst die Autorin zunächst verschiedene Befürchtungen der Ökonomisierungs-, Qualitäts- und Wirkungsdebatte zusammen. Im weiteren Verlauf skizziert die Autorin, was Erfolg im Kontext der Professionalisierungsdebatte bedeutet und weist darauf hin, dass sich je nach zugrundeliegender Professions- und Handlungstheorie ein anderes Verständnis von Erfolg ableiten lässt. Hierzu zählen: Autonomie der Lebenspraxis (Oevermann), soziale Gerechtigkeit (Staub-Bernasconi), gelingenderer Alltag (Thiersch).

Aus den Interviews mit den Fachpersonen wird zunächst ein allgemeines Erfolgsverständnis zusammengetragen, welches sich noch nicht auf die einzelnen Handlungsebenen bezieht. Stiehm fasst zusammen, dass Erfolg und Misserfolg keine bewussten Kriterien darstellen und als Resultat eines beruflichen Sozialisationsprozesses zu betrachten sind; dass Klient_innen letztendlich die Definition darüber obliegt, was Ziel der Hilfe sein soll; und dass Erfolg grundsätzlich nicht planbar ist. Vor diesem Hintergrund sei «die Messbarkeit in dem Sinne, wie sie im ökonomischen Diskurs gefordert wird, mit den Aussagen der Professionellen nicht vereinbar», so Stiehm (S. 28).

Obwohl von den befragten Sozialarbeiter_innen festgelegte Ziele abgelehnt werden, arbeitet die Autorin als wesentliche Zielperspektiven Autonomie und Handlungsfähigkeit, die Akzeptanz der Erkrankung sowie eine grössere Lebensqualität für die Klient_innen aus dem Interviewmaterial heraus.

In den Interviews wurde ebenfalls gefragt, welche Bedingungen notwendig sind, um Erfolge auf Klient_innenebene zu erzielen. Hierbei werden, in anderen Worten, Mikro-, Meso- und Makroebene unterschieden.

Seitens Sozialarbeiter_innen konnten insbesondere drei Aspekte identifiziert werden: Fachkompetenz, Akzeptanz und Zurückhaltung mit eigenen Bewertungen und die eigene Psychohygiene (S. 35).

Auf der Beziehungs- und Interaktionsebene konnten im Interviewmaterial die folgenden Aspekte identifiziert werden: die Herstellung einer vertrauensvollen Arbeitsbeziehung (gekennzeichnet durch Empathie, Wertschätzung und Akzeptanz sowie Transparenz und Kongruenz auf Augenhöhe mit den Klient_innen), das Verständnis der Hilfeleistung als Koproduktionsprozess sowie die Vermeidung von Zwang (welche in sog. Zwangskontexten eine besondere Herausforderung darstellt) (S. 41).

Seitens Organisationsebene konnte Stiehm aus dem Interviewmaterial ebenfalls Aspekte herausarbeiten, die für die genannten Erfolge auf Klient_innenebene mitverantwortlich sind: Flexibilität der Organisation, die den Professionellen Autonomie und Handlungsoptionen eröffnet, um auf die Bedürfnisse der Klient_innen einzugehen, Alltagsnähe, Zusammenspiel im Team sowie die Möglichkeit eines Austausches (S. 47).

Um Erfolge mit den Klient_innen zu erzielen, sind ebenso die gesellschaftliche und politischen Rahmenbedingungen von Bedeutung. Aus dem Interviewmaterial konnte Stiehm die folgenden Aspekte herausarbeiten: Ausbau des Hilfenetzes mit passenden Angeboten und zeitnaher Vermittlung, Kooperation der Helfer_innen aus unterschiedlichen Organisationen sowie die gesellschaftliche Akzeptanz (psychisch erkrankter Menschen) (S. 52).

Die Autorin resümiert, dass für die Herausbildung, was Erfolg in der Sozialen Arbeit überhaupt ist, die Berufssozialisation an Hochschulen eine wesentliche Rolle spielt. Deshalb sollten die Hochschulen «ihren Beitrag dazu reflektieren und das professionelle Verständnis von Erfolg in der Sozialen Arbeit stärker thematisieren, damit die Studierenden sich später in der Praxis darauf berufen und ihr professionelles Handeln legitimieren können» (S. 58).

Fazit

Das Heft hat das Ziel der Reihenherausgebenden, aktuelle Fragen der Sozialen Arbeit aufzugreifen und in knapper, handlicher Form Orientierungshilfen zur Verfügung zu stellen, sicherlich erfüllt. Deshalb und auch aufgrund der guten Lesbarkeit ist dieses Heft speziell für den Einsatz in der Hochschullehre in BA-Studiengängen der Sozialen Arbeit geeignet und würde damit auch der Forderung der Autorin nachkommen. Ebenso können diese Ergebnisse auch als weiterer Beitrag zur Forschung über Erfolg und Erfolgsbedingungen in der Sozialen Arbeit betrachtet werden.

Der Titel des Heftes ist zunächst etwas irreführend, da er suggeriert, dass es nur um Erfolg in der Sozialen Arbeit geht, nicht aber auch, und das ist letztendlich interessant, um Bedingungen, die zu diesem Erfolg führen könnten. Einschränkend ist sicherlich, und darauf weist die Autorin schon selbst hin, dass die Interviews nur in einem Handlungsfeld in einer Organisation (sozialpsychiatrischer Dienst; die je nach fachlichem Konzept eine eigene Handschrift aufweisen könnte) durchgeführt wurden und die Adressat_innen und andere Stakeholder nicht selbst zu Wort kamen. Aus Sicht der Rezensentin besteht zudem zwischen dem Diskurs um Professionalität und dem Ökonomiediskurs, wenn es um Fragen von Erfolg und Erfolgsbedingungen in der Sozialen Arbeit geht, kein diametraler, unüberwindbarer Widerspruch, wie das Heft den Anschein erwecken mag, sondern eine Chance, sich über einen für die Soziale Arbeit förderlichen und notwendigen Brückenschlag Gedanken zu machen.


Rezension von
Prof. Dr. phil Sigrid Haunberger
Professorin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), Departement Soziale Arbeit, Institut für Sozialmanagement (Schweiz) mit Schwerpunkten Evaluationen und Wirkungsanalysen, Umfragemethodologie, Soziale Arbeit im Justizvollzug
Homepage www.zhaw.ch/de/ueber-uns/person/haug/
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Zitiervorschlag
Sigrid Haunberger. Rezension vom 06.08.2020 zu: Hannah Sophie Stiehm: Was ist "Erfolg" in der Sozialen Arbeit. Eine Untersuchung von Hannah Sophie Stiehm. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2019. ISBN 978-3-7841-3210-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26036.php, Datum des Zugriffs 03.12.2020.


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