socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Martin Brussig, Dominik Postels u.a.: Erwerbsverläufe von Frauen und Männern

Cover Martin Brussig, Dominik Postels, Lina Zink: Erwerbsverläufe von Frauen und Männern mit niedrigen Versichertenrenten. Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2019. 279 Seiten. ISBN 978-3-428-15498-2. D: 89,90 EUR, A: 92,50 EUR.

Reihe: Sozialpolitische Schriften - Band 96. Enthalten in: ISBN: 9783428854981.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK


Thema

Die Autorin und die Autoren betonen an verschiedenen Stellen, das Thema ihrer Arbeit sei nicht „Alters-Armut“. Es gehe um niedrige Versichertenrenten und um die Faktoren, die die Höhe einer Versichertenrente beeinflussen. Dabei wird – der Titel des Buches macht es deutlich – untersucht, wie sich Erwerbsbiographien der Betroffenen darstellen und welche Unterschiede dabei für Frauen und Männer festzustellen sind.

Autor*innen

Martin Brussig leitet die Forschungsabteilung „Arbeitsmarkt * Integration * Mobilität“ am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. Er hat sich mit zahlreichen Veröffentlichungen und Studien einen Namen gemacht, der selbst zu einem einfachen Sozialrechtler wie dem Verfasser dieser Rezension durchgedrungen ist. Für weitere Informationen, insbesondere Publikationen, wird auf die Seite www.researchgate.net/profile/​Martin_Brussig verwiesen.

Von 2014 bis 2018 hat Dominik Postels als wissenschaftlicher Mitarbeiter ebenfalls an diesem Institut gearbeitet und ist seit 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Amt für Statistik, Stadtforschung und Wahlen der Stadt Essen. Dort befasst er sich mit dem Themenkomplex „Bevölkerung und Soziales“. Für weitere Informationen wird auf die Seite www.duncker-humblot.de/person/​dominik-postels-19056/?page_id=1 verwiesen.

Lina Zink ist seit 2010 wissenschaftliche Mitarbeiterin am IAQ. Sie gehört ebenfalls zur Forschungsabteilung „Arbeitsmarkt * Integration * Mobilität“. Ihre Forschungsgegenstände waren/sind (Langzeit-)Arbeitslosigkeit Älterer, Erwerbstätigkeit von Renter*innen sowie Themen der Alterssicherung und Erwerbsminderung. Für weitere Informationen, insbesondere Publikationen, wird auf die Seite www.researchgate.net/profile/​Lina_Zink verwiesen.

Entstehungshintergrund

Das Werk ist in einer Zeit erschienen, in der in Gesellschaft und Politik sehr konträr über Themen wie bedingungsloses Grundeinkommen (im Alter) oder garantierte Mindestrente diskutiert wird. Man könnte sagen, dass es damit genau zum richtigen Zeitpunkt veröffentlicht wurde. Schon die Begriffe, welche die Diskussion beherrschen – Lebensleistungsrente, Solidarrente, Grundrente, Respekt-Rente – belegen, dass die Auseinandersetzung durch die jeweiligen Vertreter*innen mit (Vor-)wertungen besetzt ist, die es erkennbar erschweren, sachlich fundierte Lösungen zu finden, die ebenso sachlich begründbar wären.

Deswegen ist es gut, dass das hier zu besprechende Werk gerade jetzt erscheint. Eine ganz andere Frage ist es, ob sich die politischen Entscheidungsträger die Zeit nehmen/​genommen haben, um die im Detail schwierigen Aspekte, auf die das Buch eingeht, zu beleuchten. Jedenfalls wurde beschlossen, ab 1. Januar 2021 eine Form der Grundrente einzuführen. Nicht nur Pessimisten befürchten, dass damit Alterssicherung im Rahmen eines Sozialversicherungssystems wie der Gesetzlichen Rentenversicherung nach dem SGB VI grundsätzlich in Frage gestellt wird.

Aufbau und Inhalt

In einer vergleichsweise kurzen Einleitung wird vor allem das Vorgehen der Autorin und der Autoren erklärt. Ein Satz ist dem Rezensenten aufgefallen. Er lautet: „Es ist aber nicht Ziel, alle theoretisch möglichen Faktoren [für niedrige Versicherungsrenten] darzustellen, sondern relevante Einflussfaktoren zu identifizieren“. Dazu werden zum einen die rentenpolitischen Konzepte von Parteien und Verbänden herangezogen. Zum anderen wird auf bereits vorhandenen Forschungsergebnissen aufgebaut. Das ist natürlich ein methodisch zulässiger Weg. Aber er hat den Nachteil, dass gleichsam andere vorab bestimmt haben, was relevante Faktoren für eine geringe oder eine größere Rentenhöhe sind.

Dementsprechend wird unter II. die rentenpolitische Diskussion referiert und unter III. der Stand der Forschung dargestellt.

Im folgenden Kapitel (IV.) setzen sich die Autor*innen mit einer systematischen Unterscheidung von Faktoren, die die Rentenhöhe bestimmen, auseinander. Sie trennen Faktoren, die direkte Relevanz haben, weil sie in die Rentenberechnung einfließen, von Faktoren mit einem indirekten Einfluss auf die Rentenhöhe.

Unter V. werden Datengrundlage und-aufbereitung erläutert. Die Autor*innen stützen sich im Wesentlichen auf die „Biographiedaten ausgewählter Sozialversicherungsträger in Deutschland“ (BASiD).

Man ist im ersten Moment überrascht, dass erst danach (unter VI und VII) gefragt wird, wie „niedrige Renten“ bei vieljähriger Versicherung bestimmt werden, und wer die Altersrentner*innen mit niedrigen oder höheren Renten sind. Beim zweiten Hinsehen ist dies jedoch schlüssig, weil die Ausführungen unter I. – V. Schritt für Schritt zu diesem Punkt des Buches führen.

Anschließend (VIII) folgt das Kernkapitel, wenn man vom Titel des Buches ausgeht. Es wird gefragt, welche Versicherungsverläufe in höheren und welche in niedrigeren Renten resultieren. Es werden verschiedene „Rentenbiographie-Cluster“ gebildet und analysiert. Es zeigt sich, warum die Hinführung in den vorhergehenden Kapiteln gerade in der gewählten Reihenfolge gut und richtig war. Leser, die nicht näher mit den empirischen Methoden vertraut sind, werden für diese Leitung dankbar sein.

Unter IX. fragen die Autor*innen, was die Risikofaktoren sind, die zu niedrigen Renten im Alter führen, und welche Schutzmechanismen dagegen wirken (könnten).

Bis hierher ging es um „Männer und Frauen, die zwischen 1940 und 1947 geboren wurden, zwischen 2000 und 2007 ihre Rentenversicherungsbiographien abgeschlossen haben, zum Erhebungszeitpunkt 2007 noch lebten und in der Summe mindestens 30 Jahre rentenrechtliche Zeiten aufweisen“. Im Kapitel X wird nun ein interessanter Vergleich zu jüngeren Kohorten vorgenommen. Dabei werden bestimmte Gemeinsamkeiten, aber eben auch die Unterschiede in den Erwerbsverläufen und bei den Folgen für die Rentenhöhe herausgearbeitet.

Schlussbetrachtungen runden das Werk ab.

Ein sorgfältig zusammengestelltes Literaturverzeichnis erleichtert die wissenschaftliche Befassung und Auseinandersetzung mit dem Buch.

Abschließend sollen zahlreiche Tabellen, Abbildungen, Übersichten nicht unerwähnt bleiben, die dazu beitragen, das schwierige Thema im wahrsten Sinne des Wortes anschaulicher zu machen.

Diskussion

Das besprochene Buch der beiden Autoren und der Autorin ist ein sehr wichtiger Beitrag zur aktuellen Diskussion, wie in einer tendenziell alternden Gesellschaft Solidarität mit den Menschen, die auf eine lange Erwerbstätigkeit zurückblicken oder die letztlich zum Wohl der Gesellschaft ihre Erwerbsverläufe unterbrochen haben, gewährleistet werden kann.

Ob die Zuwanderung von relativ jungen und gut qualifizierten Menschen zur Lösung des Problems beitragen könnte, wäre sicher noch eine interessante Fragestellung gewesen, hätte aber auch die Gefahr mit sich gebracht, die Darstellung zu überfrachten.

Es fällt auf, dass die Thematik Kindererziehung oder nicht-gewerbsmäßige Pflege nur eine geringe Berücksichtigung im Buch finden. Im ersten Moment überrascht dies, aber dann wird deutlich, dass für das gewählte Thema Zeiten, die mit durchschnittlichen Entgeltpunkten bewertet werden, in der Tat keine bedeutende Rolle spielen.

Was aber schon breiteren Raum verdient gehabt hätte, wäre die Frage gewesen, welche Faktoren dazu führen, dass die rentenmindernde Wirkung sehr häufig eintritt, nachdem die rentenrechtliche Anerkennung von Kindererziehungs- oder Pflegeleistungszeiten endet.

Der Autorin und den Autoren ist aber zugute zu halten, dass man dabei leicht in die Gefahr gerät zu spekulieren. Dies gilt etwa für die Frage, ob es in Deutschland noch immer mit erheblichen Nachteilen für die weitere Erwerbstätigkeit verbunden ist, wenn sich Menschen – Männer wie Frauen – für Kindererziehung oder die Pflege von Verwandten entscheiden. Ein vergleichender Blick in die skandinavischen Länder wäre sicher lohnend und würde sich womöglich sogar für eine weitere Untersuchung zum Thema eignen.

Fazit

Wir haben es mit einer wissenschaftlichen Arbeit im besten Sinne zu tun. Diese Arbeit würde es verdienen, gerade von Entscheidungsträgern in Bundestag und Bundesregierung sorgfältig zur Kenntnis genommen zu werden.

(Potentielle) Arbeitgeber finden Anregungen zum Überdenken lieb gewordener Positionen, die zumindest mittelbar auch mit der Gewinnung von qualifizierten Frauen als Mitarbeitende zu tun haben, die sich für ihre Kinder oder pflegebedürftige Angehörige für eine längere Unterbrechung ihrer Erwerbstätigkeit entscheiden. Und niemand wird ernsthaft leugnen, dass dieses Problem derzeit in Deutschland fast ausschließlich Frauen trifft.

Und zu guter Letzt kann das Buch für vertiefende Lehrveranstaltungen in Disziplinen wie Volkswirtschaft, Soziologie, Soziale Arbeit, Sozialwirtschaft, aber durchaus auch für Juristen, die sich mit dem Sozialrecht beschäftigen, sehr empfohlen werden.

Den Verfassern ist es sehr gut gelungen, ein Buch zu schreiben, das nicht nur für wenige „Insider“ interessant und lesenswert ist.


Rezension von
Prof. Dr. Jürgen Kruse
E-Mail Mailformular


Alle 5 Rezensionen von Jürgen Kruse anzeigen.


Zitiervorschlag
Jürgen Kruse. Rezension vom 06.10.2020 zu: Martin Brussig, Dominik Postels, Lina Zink: Erwerbsverläufe von Frauen und Männern mit niedrigen Versichertenrenten. Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2019. ISBN 978-3-428-15498-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26038.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung