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Linda Averbeck: Herausgeforderte Fachlichkeit

Cover Linda Averbeck: Herausgeforderte Fachlichkeit. Arbeitsverhältnisse und Beschäftigungsbedingungen in der Kinder- und Jugendhilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 224 Seiten. ISBN 978-3-7799-6080-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

In der Studie „Herausgeforderte Fachlichkeit – Arbeitsverhältnisse und Beschäftigungsbedingungen in der Kinder- und Jugendhilfe“ werden zwei Themenfelder zusammengebracht: Die hohen fachlichen Ansprüche, die Gesellschaft und Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe an sich selbst haben und die Rahmenbedingungen, unter denen sie arbeiten und versuchen, diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Es geht in der Studie einerseits um eine konkrete Beschreibung dieser Bedingungen und andererseits um die Frage, wie sich das Konglomerat aus diesen Rahmenbedingungen und dem fachlichen Anspruch auf Arbeit und Wohlergehen der Fachkräfte auswirkt.

Autorin

Linda Averbeck ist akademische Rätin der Technischen Universität Dortmund. Die hier besprochene Studie ist dort als Dissertation angenommen worden.

Aufbau und Inhalt

Die Studie beinhaltet neben Einleitung, Forschungsaufriss und abschließender Zusammenführung der Ergebnisse vier Hauptkapitel:

  • Erwerbsarbeit und ihre Wirkung auf Beschäftigte
  • Commitment
  • Forschungsvorhaben
  • Auswertung und Interpretation der Ergebnisse

In Einleitung und Forschungsaufriss beschreibt Linda Averbeck Hintergründe und Aufbau der Studie und leitet zu ihrer zentralen Fragestellung hin. Hintergründe sind vor allem Berichte darüber, dass in den letzten 20 Jahren die Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe herausfordernder geworden sei. Einher gehen diese Berichte mit aktuellen Entwicklungen wie dem Fachkräftemangel und den auffällig hohen Krankenständen in diesem Feld Sozialer Arbeit. Daraus ergibt sich die Frage, unter welchen Rahmenbedingungen die Mitarbeitenden ihrer fachlich sehr herausfordernden Tätigkeit nachgehen und inwieweit diese Rahmenbedingen Einfluss auf die Arbeit, aber auch auf das Wohlbefinden und die Gesundheit der Fachkräfte selbst nehmen.

In den beiden darauffolgenden Kapiteln werden theoretische Grundlagen für die Forschung beschrieben und hinsichtlich ihrer Relevanz für die Kinder- und Jugendhilfe diskutiert.

Das Kapitel Erwerbsarbeit und ihre Wirkung auf Beschäftigte stellt in vier Unterkapiteln verschiedene Modelle, die die Wirkung von Erwerbsarbeit auf Beschäftigte beschreiben, sowie Erkenntnisse über die gegenwärtige Arbeitswelt vor.

Unter Rückgriff auf das allgemeine Adaptionssyndrom nach Seyle und die transaktionale Stresstheorie nach Lazarus werden biologische und individuelle Faktoren für die Stressentstehung thematisiert. Um der sich daraus ergebenden Frage nach konkreten Stressoren und Ressourcen zur Aufgabenbewältigung nachzugehen, zieht die Autorin im Anschluss Modelle der Arbeits- und Gesundheitsforschung zu Rate (Demand-Control Modell nach Karasek, Efford-Reward Imbalance Model nach Siegrist, Job Demands-Resources Model nach Bakker und Demerouti).

Das folgende Unterkapitel beschäftigt sich mit Arbeitsverhältnissen und ihren Wirkungen. Nach einer Begriffsbestimmung prekärer Arbeitsbedingungen und Hinweisen auf historische Aspekte bringt die Autorin verschiedene Statistiken und Analysen zu Arbeitsbedingungen in Sozialberufen in Zusammenhang.

Anschließend geht die Autorin auf den DGB-Index gute Arbeit ein. Die Ergebnisse werden dargestellt und zur Kinder- und Jugendhilfe in Beziehung gesetzt. Als Aspekt auf organisationaler Ebene wird das Modell der Beschleunigungsfalle (Bruch und Menges) erläutert.

Letztlich führt dieses Kapitel zu dem Fazit, dass in der Kinder- und Jugendhilfe Arbeitsbedingungen vorherrschen, die die Gesundheit der Mitarbeitenden belasten und nicht ausreichend organisationale Ressourcen zur Verfügung stehen, um die Arbeit den fachlichen Ansprüchen gerecht werdend bewältigen zu können.

Infolge der vorangegangenen Erkenntnisse wirft die Autorin die Frage auf, weshalb Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe unter diesen Bedingungen überhaupt ihrer Tätigkeit nachgehen. Als Ansatz, um dies zu verstehen und Prognosen zum Verbleib bzw. der Kündigung von Fachkräften zu machen, schlägt sie die Commitmentforschung vor. Daher werden in diesem Kapitel das Drei Komponenten Modell (Meyer und Allen) und die Foci von Commitment (Reichers) erläutert und zu den vorhergehenden Ausführungen in Bezug gesetzt.

Nachfolgend legt das Kapitel Forschungsvorhaben dar, wie die quantitative Studie durchgeführt worden ist. Es handelt sich hierbei um einen teilstandardisierten Onlinefragenbogen. Die Entstehung des Fragebogens wird unter Bezugnahme auf den vorangegangenen Theorieteil erläutert.

Das größte Kapitel des Buches beschäftigt sich mit der Auswertung und Interpretation der Ergebnisse. Hierbei wird in die Beschreibung, Empfindung und Bewertung bzw. Auswirkungen der Beschäftigungssituation und die Beschreibung und Wirkung von Mitarbeiterbindung untergliedert.

Ein wesentliches Augenmerk liegt dabei auf den häufig als prekär empfundenen Beschäftigungsverhältnissen. Aber auch die organisationale Ebene wird betrachtet: Je besser die Ressourcenausstattung, desto geringer wird die Belastung empfunden.

Hinsichtlich der Auswirkungen der Beschäftigungssituation ist hervorzuheben, dass die Hälfte der Beschäftigten nicht glaubt, unter den gegebenen Umständen bis zum Erreichen des Rentenalters weiterarbeiten zu können.

Unter Bezugnahme auf die theoretischen Grundlagen zum Commitment arbeitet Averbeck aus ihrer Befragung heraus, wodurch Mitarbeitendenbindung in der Kinder- und Jugendhilfe beeinflusst wird und dass neben einer Bindung an den Arbeitgeber, vor allem Bindung an Team und Klient*innen relevant sind.

In der abschließenden Zusammenführung der Ergebnisse geht Averbeck auf die von ihr im Theorieteil aufgestellten Hypothesen ein und verifiziert diese anhand ihrer Forschungsergebnisse. Sie identifiziert besondere Belastungsfaktoren und Ressourcen, die für die Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe relevant sind. Durch die Ergebnisse ihrer Befragung kann die Autorin belegen, dass es in der Kinder- und Jugendhilfe strukturelle Defizite gibt, die die Gesundheit der Mitarbeitenden und die fachliche Arbeit mit den Klient*innen gefährden. Dafür zeigt sie mögliche Lösungsansätze auf, die sie aus ihrer Forschung ableitet.

Diskussion

Insgesamt ist hervorzuheben, dass die Studie durch einen strukturierten Aufbau und einen klar erkennbaren roten Faden nachvollziehbar präsentiert wird. Durch die Einbeziehung verschiedener theoretischer Zugänge zum Themenfeld werden verschiedene Perspektiven auf den Forschungsgegenstand ermöglicht.

Linda Averbeck ist es gelungen, mit ihrer Studie einen wichtigen Beitrag für die Debatte um die Arbeitsbedingungen in der Kinder- und Jugendhilfe zu leisten. Aus berufspolitischer Perspektive ist besonders hervorzuheben, dass die Studie klar aufzeigt, dass es sich in der Kinder- und Jugendhilfe nicht um einzelne Fachkräfte handelt, die an ihrer Resilienz arbeiten müssen, sondern, dass das gesamte Arbeitsfeld mit krank machenden und die Fachlichkeit gefährdenden strukturellen Defiziten zu kämpfen hat, denen nicht mehr allein durch das hohe Commitment der Fachkräfte begegnet werden kann.

Fazit

Die im vorliegenden Buch behandelte Studie „Herausgeforderte Fachlichkeit – Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsverhältnisse in der Kinder- und Jugendhilfe“ hat für das Tätigkeitsfeld Kinder- und Jugendhilfe spezifische Belastungsfaktoren und Ressourcen, die helfen können, mit den Belastungen umzugehen, ermittelt. Es wird deutlich, dass es gegenwärtig ein Missverhältnis zwischen Belastungen und Ressourcen gibt, welches sich negativ auf die Gesundheit der Mitarbeitenden und die fachliche Arbeit auswirkt.

Der Studie liegt ein fundierter Theorieteil zugrunde, auf dessen Grundlage Hypothesen aufgestellt und am Ende mithilfe der Forschungsergebnisse belegt werden.

Zum Schluss des Buches zeigt Linda Averbeck viele verschiedene Möglichkeiten auf, wie in der Kinder- und Jugendhilfe das Gleichgewicht zwischen Anforderungen und Ressourcen verbessert werden kann.


Rezensentin
Melissa Leck
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Zitiervorschlag
Melissa Leck. Rezension vom 21.10.2019 zu: Linda Averbeck: Herausgeforderte Fachlichkeit. Arbeitsverhältnisse und Beschäftigungsbedingungen in der Kinder- und Jugendhilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6080-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26047.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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