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Paul Mason: Klare, lichte Zukunft

Cover Paul Mason: Klare, lichte Zukunft. Eine radikale Verteidigung des Humanismus (aus dem Englischen von Stephan Gebauer). Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. 414 Seiten. ISBN 978-3-518-42860-3. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 38,50 sFr.
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Thema und Hintergrund

Gesellschaftliche Krisen, ökologische und gesundheitliche Gefahren sowie die Angriffe auf das Wohl und Leben Andersdenkender erfordern bekanntlich immer wieder eine Neujustierung des Menschseins und der Menschlichkeit. Man denke zum Beispiel an die Zeit, als die frühen Humanisten (z.B. Francesco Petrarca, 1304–1374) nach dem geistigen Stoff suchten, um ein neues Haus bauen zu können. Europa war aus den Fugen geraten. Die Pest zwischen 1347 und 1351, die Massaker an den Juden, weil sie für die Pest verantwortlich gemacht wurden, der Hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und England zwischen 1337 und 1453 hatten die Grundlagen der Menschlichkeit in Frage gestellt.

Ihren Stoff fanden die frühen Humanisten in der antiken Kunst und Kultur. Dort sahen sie die nachahmenswerten Grundlagen menschlichen Zusammenlebens. Klarheit und Eleganz in der Sprache, Schönheit in der Gestaltung des Lebens sowie Moral und Tugendhaftigkeit wurden zu Normen des menschlichen Umgangs erhoben. Auch Petrarcas Nachfolger, die Renaissance-Humanisten wie Giovanni Pico della Mirandola (1463–1494), die niederländischen Philosophen Erasmus von Rotterdam (1466-1536) und Baruch de Spinoza (1632-1677), die Humanisten des 18. und 19. Jahrhunderts, wie Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), Johann Gottfried Herder (1744-1803), Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) oder auch Karl Marx (1818-1883) und manch andere haben neue humanistische Erzählungen in stürmischen Zeiten vorgelegt.

In diesen gegenwärtigen, stürmischen Zeiten machen sich zum Beispiel Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld (2018) Gedanken über eine Ethik im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Bernd Vowinkel (2018) entwirft das Weltbild eines neuen Humanismus. Und für Steven Pinker (2018) sind die Ideale der Aufklärung und des Humanismus zeitlos.

Wirtschaftliche, ökologische, gesellschaftliche und politische Gefahren und Angriffe auf die Menschlichkeit erforderten immer wieder einen humanistischen Aufbruch. Das galt damals und es gilt heute umso mehr. Jetzt also Paul Mason.

Autor

Paul Mason, geboren 1960 in Leigh, England, studierte Musik und Politik an der Universität Sheffield und arbeitete als Musiklehrer, Hochschullehrer, Journalist u.a. bei der BBC und Channel 4. Heute ist er als Freelancer und Autor tätig. Im Jahre 2016 erschien bei Suhrkamp die deutsche Übersetzung seines Buches „Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie“ und jetzt sein Hohelied auf den Humanismus.

Inhalt

In fünf Teilen und zwanzig Kapiteln nebst einer Einleitung entwickelt Paul Mason seine Kritik am Aufstieg autoritärer Parteien und Politiker, an der rasanten Verbreitung irrationaler Verschwörungstheorien sowie am Neoliberalismus, durch den fundamentale Werte der Menschlichkeit bedroht werden und fordert schließlich eine radikale Verteidigung des Humanismus.

Durch die Entwicklung der künstlichen Intelligenz, so Paul Mason in der Einleitung, bestehe die Gefahr, dass wir die Kontrolle über die intelligenten Maschinen in der Zukunft vollkommen verlieren könnten. Diese Gefahr hänge vor allem „mit der wirtschaftlichen, politischen und moralischen Krise zusammen, die wir gerade durchleben“ (S. 10). Die Geringschätzung der universellen Menschenrechte und die Furcht vor der Freiheit seien die Folge. Dagegen müsse man sich auflehnen. Für einen solchen Widerstand brauche man aber eine „Theorie der menschlichen Natur, die sich im Kampf mit der freien Marktwirtschaft, der Anbetung der Maschinen und dem Antihumanismus der akademischen Linken behaupten kann“ (S. 12). Mit seinem Buch will Mason eine solche Theorie liefern. Schauen wir, ob ihm das gelingt.

Zu Teil I

Teil I (Die Geschehnisse) umfasst die Kapitel 1 und Kapitel 2: Paul Mason beschreibt in diesen Kapiteln die Anlässe, die ihn bewogen haben, den Humanismus radikal zu verteidigen.

  • „Der Tag Null“, so der Titel von Kapitel 1, ist für Mason die Wahl von Donald Trump zum US-amerikanischen Präsidenten. Am 20. Januar 2017 wurde dieser als 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in sein Amt eingeführt. An diesem Tag erlebt Mason in Washington nicht nur gewalttätige Demonstrationen von jungen Trump-Gegnern, sondern auch die Gegendemonstrationen der Trump-Wähler. Diese Leute, die Trump zujubeln, haben, so Mason, wissentlich einen Rassisten, Steuerbetrüger und Gauner an die Macht gebracht. „Und solche Leute sind in aller Welt auf dem Vormarsch“ (S. 18). Nicht nur in den USA, auch in Großbritannien, in Russland und in China. Solche Leute und ihre Anhänger greifen auf das Gefährlichste den Humanismus an (S. 23). Es handele sich keinesfalls um eine vorübergehende Entwicklung in der Politik, „sondern um eine globale Attacke auf die erkenntnistheoretischen Methoden, auf das wissenschaftliche Denken und auf eine an den Fakten orientierte politische Entscheidungsfindung“ (S. 26). Um diesen Angriffen wirkungsvoll zu begegnen, müsse man zu einem Humanismus zurückkehren, der in radikaler Weise abzielt „auf die völlige Befreiung des Menschen einschließlich der Befreiung von den Identitäten, die uns von Armut, Rassismus und Sexismus aufgezwungen werden“ (S. 28). Und wer kann da helfen, um einen solchen Humanismus in die Realität umzusetzen? Da gebe es nur einen humanistischen Denker, auf den man sich berufen können: auf Karl Marx (S. 29).
    Das freut den Rezensenten, verwirrt ihn auch und machte ihn neugierig auf die weitere Lektüre.
  • Bevor Paul Mason aber die Reaktivierung von Karl Marx ins rechte Licht rückt, folgt im Kapitel 2 „Eine allgemeine Theorie von Trump“, besser gesagt, ein Versuch darüber, warum Millionen US-amerikanischer Wählerinnen und Wähler ihre Stimme einem Mann gegeben haben, der den Staat zerschlagen und die Weltordnung sprengen will. „Trump siegte, weil zahlreiche Amerikaner verborgenen Rassismus, Grausamkeit und Frauenfeindlichkeit empfanden“ (S. 48 f.). Trump stehe für den Triumph einer reaktionären Theorie der menschlichen Natur; und diese Theorie werde nicht einfach verschwinden, sollte Trump im Jahre 2020 nicht wiedergewählt werden. Es handele sich vielmehr um einen Angriff auf die Demokratie, der mittlerweile in allen hochentwickelten Demokratien zu beobachten sei und von einer zunehmenden Kontrolle der Maschinen über das menschliche Verhalten begleitet werde (S. 54).

Zu Teil II

„Das Selbst“, lautet die Überschrift von Teil II: Das neoliberale Selbst und der Individualismus seien gescheitert, aber auch die Vorstellung, es gebe keine Alternativen gegenüber dem Neoliberalismus, habe sich als Illusion erwiesen und die Linken seien unfähig, klare Alternativen anzubieten. Darum geht es in den Kapiteln 3 bis 7.

  • Paul Mason stammt aus einer Kleinstadt zwischen Manchester und Liverpool und aus einer stolzen Arbeiterfamilie. Im Kapitel 3 (Das neoliberale Selbst) schildert er den Niedergang der Arbeiterklasse im einstmals boomenden Gebiet Great Manchester. Spätestens seit 1979, im Jahr als Margaret Thatcher britische Premierministerin wurde, kommt es im gesamten britischen Königreich zu einer Liberalisierung der Märkte, zur Schließung traditioneller Industriebetriebe, zum Abbau von Sozialleistungen, zur Schwächung der Gewerkschaften und zur Massenarbeitslosigkeit. Der Neoliberalismus nimmt Fahrt auf – nicht nur in Großbritannien, auch in den USA, in Mexiko und anderswo – und alle Gesellschaftsbereiche wurden durch massive Privatisierungsprogramme einem globalen Markt unterworfen. „… der Neoliberalismus brachte einen neuen sozialen Archetypus hervor: das entwurzelte, selbstbezogene Individuum, das kein Interesse am kollektiven Kampf oder an einer aktiven Beteiligung am Gemeinwesen hat, sondern sich auf den Kampf ums persönliche Überleben konzentrierte“ (S. 69). Nach 1990 übernahmen auch die ehemals kommunistischen Länder die neoliberale Marktwirtschaft und damit deren Menschenbild. Schon im März 2000, als die Börsen abstürzten und viele Internetunternehmen pleitegingen und dann im Jahr 2008, mit der großen Finanzkrise, wurde deutlich, dass der Neoliberalismus in der Krise steckt und „das neoliberale Selbst“ zerbrach. Leserinnen und Leser werden ihre eigenen Erinnerungen an diese Zeit haben, aber es lohnt sich jene von Paul Mason gründlich zu lesen.
  • „Die Illusion der Handlungsmacht“ ist das Kapitel 4 überschrieben. Georg Wilhelm Friedrich Hegel irrte, als er verkündete, der preußische Staat verkörpere den höchsten Stand der geschichtlichen Vernunft. Auch Francis Fukuyama irrte, als er im Sommer 1989 vom Ende der Geschichte orakelte und die „Kombination von liberaler Demokratie und freiem Markt als nicht verbesserungsfähigen Idealzustand“ (S. 84 f.) beschrieb (Unter dem Eindruck der Terroranschläge vom 11. September 2001 ist Fukuyama allerdings skeptischer geworden ob des endgültigen Siegeszuges der westlich-liberalen Weltordnung [Fukuyama, 2004]. Heute macht er sich Gedanken über deren Niedergang [Fukuyama, 2019].). Mittlerweile liegt die neoliberale Weltordnung in Trümmern (S. 86), die Vorstellung, komplexe Finanzsysteme könnten die Realwirtschaft stabilisieren, hat sich als Illusion erwiesen (S. 95) und Millionen Menschen sind in eine Identitätskrise geraten.
  • So trägt das Kapitel 5 dann auch den Titel „Der Zusammenbruch“. Die Geschichte vom Bankenkollaps im Jahre 2008, der Brexit, die rechtspopulistischen Bewegungen und das Versagen der radikalen Linken zeigen, so Paul Mason, dass die Eliten nicht in der Lage sind, die richtigen Lehren aus ihrem Versagen zu ziehen. Die sozialen Protestbewegungen, die sich seit 2009 formierten (die Proteste im arabischen Frühling oder die Occupy-Wall-Street-Bewegung) und sich mit Hilfe der sozialen Netzwerke organisierten, drückten „auch die Sehnsucht nach einer gerechten Gesellschaft (aus), deren Grundbestandteil das freie, vernetzte Individuum sein sollte“ (S. 107).
  • „Auf dem Weg nach Kekistan“ ist das Kapitel 6 überschrieben. „Kekistan“ ist eine Metapher, die eine rechtsextreme Bewegung in den USA benutzt, um in den sozialen Netzen eine rechtsalternative Kulturvorstellung zu verbreiten. Am Beispiel dieser Bewegung zeigt Mason, wie sich seit 2009 noch eine andere Sehnsucht in den sozialen Räum zu manifestieren sucht, eine Sehnsucht nach autoritärer Macht gepaart mit Sexismus, Kampf gegen Minderheiten und einem aggressiven Anti-Universalismus. Auf der Grundlage zahlreicher Quellen, Umfrageergebnissen und Internetrecherchen illustriert Mason, wie ein Antihumanismus im globalen Maße populär geworden ist, ob in den USA unter Trump, im Russland unter Putin, in Polen, Ungarn oder Italien.
  • Um diese Entwicklungen zu verstehen, „genügt es nicht, Arendt zu lesen“ (S. 139). Das ist die Botschaft im Kapitel 7. Paul Mason würdigt in diesem Kapitel die Analysen Hannah Arendts über die Verbreitung totalitärer Vorstellungen, kritisiert aber auch ihre optimistische Sicht auf die demokratische Verfasstheit der USA. Man kann sich dieser Kritik anschließen, auch Arendts wohlwollende Einschätzung Nietzsches kann man, wie Mason es tut, beklagen (S. 149), ob Arendts Totalitarismustheorie tatsächlich falsch ist (S. 151), bezweifelt der Rezensent. Nichtsdestotrotz meint auch er, der Rezensent, es reicht nicht, nur Hannah Arendt zu lesen.

Zu Teil III (Die Maschinen)

Maschinen müssen dem Menschen dienen – nicht umgekehrt. Das ist die Kernbotschaft, die Paul Mason in den Kapiteln 8 bis 12 den Leser/​innen nahezubringen versucht. Es geht um die mechanischen und vor allem um die digitalen Maschinen.

  • Im Kapitel 8 (Die Entmystifizierung der Maschinen) beginnt mit einer Erinnerung an Galileo Galilei, der 1600 ein erstes großes Buch (Le mecaniche) über Maschinen geschrieben hat und zu zeigen vermochte, in einer Maschine wirke keine geheimnisvolle oder natürliche Kraft (S. 155). Auch in der Ökonomie, also im wirtschaftlichen System der Maschinen, gibt es keine geheimnisvollen Kräfte. Der Computer ist ebenfalls eine Maschine, ebenso die Software oder die Clouds von Amazon oder Google, deren scheinbare Immaterialität ein Mythos sei, den es zu entmystifizieren gilt. „Im frühen 21. Jahrhundert plagen uns zwei mystische Vorstellungen von der Informationsmaschine: der Glaube, sie erzeuge aus dem Nichts wirtschaftlichen Wert, und die Auffassung, die Information existiere getrennt von der physischen Welt“ (S. 171). Auch Auffassungen, wie jene, nach denen die Computer bereits klüger seien als die Menschen und ein freier menschlicher Wille eine Unmöglichkeit, gehören zu diesen Mythen, die u.a. unter der Flagge des „Posthumanismus“ verbreitet werden (S. 172).
  • Mit den Argumenten der Posthumanisten beschäftigt sich Mason im Kapitel 9 (Warum brauchen wir eine Theorie der Menschen?). Um diese Frage zu bejahen, holt Mason groß aus: Aristoteles wird aufgerufen, das Körper-Seele-Problem thematisiert, Yuval Noah Harari (2017) kritisiert, an „Game of Thrones“ erinnert, Befunde aus der Kognitionspsychologie und der Anthropologie zitiert. All dies, um eine Antwort auf die Frage zu finden, was den Menschen zum Menschen mache. Vielleicht ist es die „Fähigkeit, uns bessere soziale Bedingungen vorzustellen und diese zu schaffen“ (S. 184). Und da kommt nach langen Passagen der bereits im Kapitel 1 angekündigte Karl Marx ins Spiel, der sei nämlich der erste Philosoph, der diese Fähigkeit ernst genommen und die menschliche Freiheit als gesellschaftlichen und historischen Akt verstanden habe.
  • Auf einen ausführlichen Exkurs über Karl Marx müssen die Leser/​innen aber noch warten. Vorher behandelt Paul Mason im Kapitel 10 (Die denkende Maschine), die Gefahren und die positiven Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz (zur Befreiung der Menschheit), im Kapitel 11 (Die Offensive gegen den Humanismus) den Antihumanismus des Postmodernismus (auch die Sozialen Konstruktivisten bekommen ihr Fett ab) und im Kapitel 12 (Der Aufstand der Schneeflocken) schließlich die Möglichkeit eines Aufstandes vieler, einzigartiger Menschen (daher die Metapher von der Schneeflocke) gegen den antihumanen Neoliberalismus. Der Begriff Schneeflocke (snowflake) wird vor allem von den Rechtspopulisten und Rechtsextremen in den USA und Großbritannien benutzt, um junge Leute, aber auch linksliberale Ältere als übersensible Weichlinge zu diffamieren, weil sie sich gegen Ungerechtigkeit, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie zu wehren versuchen. Genau diese Sensibilität gegenüber Diskriminierung macht aus der Sicht von Paul Mason aber die Stärke der „Schneeflocken“ aus.

Dann kommt endlich der Teil IV mit dem schlichten Titel „Marx“.

Zu Teil IV

  • Schon die Überschrift über Kapitel 13 steigert die Erwartungen: „Der Löwenmensch“. Gemeint ist aber nicht der bärtige Marx mit der Löwenmähne, sondern eine vor etwa 40.000 Jahren gefertigte und 1939 in einer Höhle in Süddeutschland gefundene Figur eines Menschen mit dem Kopf eines Löwen. Diese Figur ist für Mason und für die Anthropologen ein Beweis dafür, „dass der Mensch von Anfang an für andere Menschen Dinge erzeugte, und zwar nicht nur Dinge des täglichen Bedarfs“ (S. 270). Die Figur ist ein Beleg für die frühe menschliche Fähigkeit, abstrakt zu denken, dies gegenständlich und für andere darzustellen. Diese Fähigkeit, „Dinge für andere Menschen zu erzeugen […] betrachtet Marx als einzigartige Eigenschaft unserer Spezies. Sie macht uns zum ‚Gattungswesen‘. Aber diese Eigenschaft hat auch einen Nachteil“ (S. 270). Die Doppelgesichtigkeit (einschließlich des Nachteils) der Vergegenständlichung in der gesellschaftlich-historischen Tätigkeit des Menschen nennen Marxist/​innen unter Bezug auf die Ökonomisch-philosophische Manuskripte von Karl Marx bekanntlich „Entfremdung“. Auch Paul Mason nutzt diesen Begriff, um mit der freien und selbstbestimmten Tätigkeit jenes Merkmal (neben der Sprache) hervorzuheben, das den Menschen vom Tier unterscheidet. Diese „Natur“ des Menschen gehe aber im Kapitalismus verloren. Im Kapitalismus haben die Arbeiter/​innen keinen Bezug mehr zu dem, was sie produzieren, keinen Bezug mehr zur Arbeit (als Tätigkeit zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse), keinen Bezug zu sich selbst (als schöpferische Subjekte) und keinen Bezug mehr zu anderen Arbeiter/​innen (als gesellschaftlich tätige Subjekte). Und um dieser Entfremdung ein Ende zu machen, müsse das Privateigentum abgeschafft werden (S. 278). Und so kommt Mason zu dem vorläufigen Schluss, dass sich Marx zwar in vielen Dingen getäuscht habe, „aber seine entschlossene Verteidigung eines Menschen, der mehr ist als eine Marionette eines Weltgeistes oder als Rädchen in der Maschine der Geschichte, ist sein großes Vermächtnis für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz, der Quantencomputer und der Gentechnik“ (S. 279).
    Das überzeugt den Rezensenten noch nicht so ganz, auch wenn er Masons Argumentation sehr sympathisch findet. Auf Karl Marx zurückzugreifen, um die heutige neoliberalen Gesellschaften zu kritisieren und einen positiven Zukunftsentwurf zu entwerfen, ist ja nicht gerade en vogue.
  • So wundert es sicher nicht, dass Paul Mason im Kapitel 14 fragt: „Was ist vom Marxismus übrig?“ (S. 283 ff.). Antwort: Marx „…gab eine falsche Antwort auf die Frage, wie die Ausbeutung der Frau das ganze System stützt“ (S. 287), weil er nicht berücksichtigte, wie die unbezahlte Hausarbeit der Frauen und ihre Funktion als Gebärmaschinen und Kindererzieherinnen auch der Macht der Eliten dienen. Marx irrte sich, als er die Rolle der Arbeiterklasse als Träger der Geschichte zur Beseitigung des Privateigentums betonte (S. 290). Kultur und Solidarität der alten Arbeiterklasse seien längst ausgehöhlt. Auch aus Marxens Auffassungen über das Verhältnis von Kapitalismus und Ökologie bzw. Ökosystem lässt sich aus heutiger Sicht nicht viel lernen (S. 300 ff.). Und die Konsequenz: Paul Mason outet sich zwar als Marxist, weil er – wie dieser – glaubt, „…dass eine auf dem Privateigentum beruhende Gesellschaft die Vergesellschaftung des Wissens durch den technologischen Fortschritt nicht überstehen wird“ (S. 304). Aber anders als Marx glaubt Mason nicht, dass die kommende Revolution der Menschheit durch eine einzelne Klasse, in Sonderheit: die Arbeiterklasse, getragen wird, „sondern durch ein vielgestaltiges Netzwerk bewusst handelnder menschlicher Wesen herbeigeführt werden wird“ (S. 304).

Nun denn, wie sieht ein solches Netzwerk aus, wie kann es aktiv werden und was müssen wir tun? Um diese Fragen geht es im letzten, im Teil V:

Zu Teil V (Reflexe)

Die Titel der Kapitel 15 bis 20 lesen sich alle wie unmittelbare Handlungsaufforderungen, ganz im Sinne der von Karl Marx 1845 formulierten 11. Feuerbachthese (Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern):

  • Kapitel 15: „Wir müssen die Zukunft widerherstellen“ (S. 309 ff.).
    Dafür müssen wir „unseren Reflex des utopischen Denkens wieder schulen“ (S. 312). Ja, ruft der Rezensent aus: In die Zukunft zu blicken und positive Zukunftsvisionen zu entwickeln, ist nicht nur gesund, sondern lebensnotwendig und von gesellschaftlicher Relevanz und Dringlichkeit. Visionäre und Zukunftsoptimisten und -optimistinnen müssen nicht zum Arzt, sondern an die Macht (vgl. auch Frindte & Frindte, 2020). Paul Mason hat eine Utopie einer Welt, in der die Maschinen den größten Teil der Arbeit leisten, den Großteil der Innovationen bewerkstelligen, die Menschen ein kulturell erfülltes Leben führen und im Einklang mit den natürlichen Rhythmen leben können (S. 325 f.). Dafür sollten schon heute strategische Projekte auf den Weg gebracht werden. Zum Beispiel: Kampf gegen Monopole und Preisabsprachen, Kampf gegen prekäre Arbeitsverhältnisse und Lohnstagnation, Kampf gegen das Horten von Information.
  • Kapitel 16: „Wir müssen reflexartige Reaktionen auf die Gefahr entwickeln“ (S. 321 ff.).
    Wie sollten diese Reaktionen aussehen? Mason geht es vor allem um eine provisorische Ideologie der neuen linken Parteien. Die Stichworte dieser Ideologie des neuen linken Projekts lauten: Vernetzter Aktivismus, Konzentration auf Parteipolitik und Machtübernahme auf nationaler Ebene, unablässige Konzentration auf die Anliegen, die Sprache und die Sorgen der Normalbürger. Paul Mason war auch als Berater der Labour-Partei unter Jeremy Corbyn tätig. Dass dieser und seine Partei nach den letzten Parlamentswahlen in Großbritannien und dem bevorstehenden endgültigen Brexit im Vereinigten Königreich nicht sonderlich gut angesehen sind, lässt doch starke Zweifel aufkommen, ob die Ideologie des neuen linken Projekts nicht doch etwas mehr „Pfeffer“ braucht.
  • Kapitel 17: „Wir müssen uns weigern, den Maschinen die Kontrolle zu überlassen“ (S. 331 ff.).
    Keine Frage und Zustimmung durch den Rezensenten.
  • Kapitel 18: „Wir müssen uns den Ideen von Xi Jinping widersetzen?“
    Zustimmung, wenn es um die Ideen der vollständigen Überwachung der Menschen, der Unterdrückung ethnischer und sozialer Minderheiten, der Verfolgung humanistischer und demokratischer Ideen, Akteure und Institutionen geht.
  • Kapitel 19: „Wir dürfen uns nie geschlagen geben“ (S. 355 ff.).
    Ja, Paul Mason hat recht, wenn er schreibt, dass es keine ideale Form der revolutionären Regierung gebe, „…aber die, vor der sich die Eliten am meisten fürchten, besteht in der Demokratie der Straße […] sowie in einer nichthierarchischen Entscheidungsfindung“ (S. 364). Nur dürfen und sollten es – gibt der Rezensent zu bedenken – nicht die rechtspopulistischen Minderheiten sein, die auf der Straße für einen sozialen Wandel in ihrem Sinne pöbeln. Vielleicht sind die innovativen, visionären „Minderheiten“ eben jene, die sich für Toleranz, Offenheit, kulturelle Vielfalt, Ausländer und Flüchtlinge einsetzen, sich gegen Fremden- und Demokratiefeindlichkeit zu wehren wissen und an einem „Europa“ ohne Grenzen festhalten. Um die geht es, muss es gehen. Sie sind die Akteure der „Zukunft“ und die künftigen Gestalter eines friedlichen und menschenfreundlichen europäischen Kontinents. Auf ihren persönlichen Einsatz, ihre Entschlossenheit, ihren Zusammenhalt über die Zeit und ihre „Zukunftsorientierung“ kommt es an. So haben eben auch die jungen Leute von Fridays-for-Future das Zeug, als innovative Minderheiten eine positive Zukunft anstoßen zu können.
  • Kapitel 20: „Wir müssen das antifaschistische Leben führen“ (S. 367 ff.).
    Um das antifaschistische Leben zu leben, müssen wir unseren Körper dorthin bewegen, wo wir den Faschismus tatsächlich stoppen können und uns mit denen verbünden, die denken, fühlen und leben wollen wie wir.

Fazit

Keine Frage, Paul Mason, hat einen großen, optimistischen Entwurf für eine bessere, humane Gesellschaft vorgelegt. Die Zeiten der großen realen Utopien von einer menschengerechten und friedlichen Zukunft sind nicht vorüber. Sie fangen, wie man eindrucksvoll in diesem Buch lesen kann, jetzt erst richtig an. Also, vertrauen Sie dem Rezensenten, er weiß, was er tut, und lesen Sie dieses Buch.

Literatur

Fukuyama, Francis XE „Fukuyama, Francis“ f „Person“ (2004). State-Building: Governance and World Order in the 21st century. Ithaca: Cornell University Press.

Fukuyama, Francis (2019). Identität: Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet. Hamburg: Hoffmann und Campe.

Harari, Yuval Noah (2017). Homo deus: eine Geschichte von Morgen. München: C.H Beck.

Nida-Rümelin, Julian & Weidenfeld, Nathalie (2018). Digitaler Humanismus: eine Ethik für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz. Piper ebooks.

Pinker, Steven (2018). Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung. Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlag.

Vowinkel, Bernd (2018). Wissen statt Glauben!: Das Weltbild des neuen Humanismus. Berlin: Lola Books.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 21.01.2020 zu: Paul Mason: Klare, lichte Zukunft. Eine radikale Verteidigung des Humanismus (aus dem Englischen von Stephan Gebauer). Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-518-42860-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26048.php, Datum des Zugriffs 29.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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