socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Silke Birgitta Gahleitner: Professionelle Beziehungs­gestaltung

Cover Silke Birgitta Gahleitner: Professionelle Beziehungsgestaltung in der psychosozialen Arbeit und Beratung. dgvt-Verlag (Tübingen) 2019. 120 Seiten. ISBN 978-3-87159-717-6.

Reihe: Beratung - 17.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thematischer Rahmen

Soziale Beziehungen, so Silke Brigitta Gahleitner im vorliegenden Buch, fördern Gesundheit und Wohlbefinden, Rückhalt und Hilfe in Belastungssituationen und helfen, Unsicherheit, Krisen und Störungen sowie Lebensübergänge zu überwinden. Dabei spricht sie von ihrer persönlichen „Erfahrung, dass die Qualität der Arbeit eng an das Gelingen von förderlichen Beziehungskonstellationen gebunden ist“ (S. 9). Dieses Gelingen steht im Fokus des vorliegenden Bandes.

Verfasserin

Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner, Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin, lehrt und forscht seit 2006 an der Alice Salomon-Hochschule Berlin. Ihre Lehr- und Forschungsgebiete sind psychosoziale Diagnostik und Intervention, professionelle Beziehungsgestaltung, psychosoziale Traumatologie und qualitative Forschungsmethoden.

Inhalt

Grundlage der Argumentation dieses schmalen Bandes bilden Befragungen von Berater*innen und Beratenen (die Verfasserin verweist dazu auf ihre vorgängige Literatur [Seite 13, Fußnote 2] und die dort ausführlich dargelegte empirische Herangehensweise). Der Band kann also auch als eine Form der Zusammenfassung zu ihrer umfangreicheren Darlegung (vgl. Gahleitner 2017) gelesen werden.

Obgleich in sechs Kapitel gegliedert zerfällt der schmale Band in zwei Teile:

  • die Theorie (Kapitel 1 bis 3, S. 9–52) mit Begriffsklärungen (Bindung, Beziehung, Konflikt) Verständnis von psychosoziale Arbeit und Grundlagen Vertrauens-, bindungs-, Netzwerk-und Milieutheorie und
  • die Praxis der professionellen Beziehungsgestaltung (Kapitel 4 bis 6, S. 53–93) mit vier Fallbeispielen aus unterschiedlichen Handlungsfelder der sozialen Arbeit

Die Autorin behandelt Beratung in therapeutischen Settings (Seite 46 ff.) und schafft so eine substanzielle Prägung der Argumentation, die auch in den gewählten Praxisbeispielen für die unterschiedlichen Dimensionen der Beziehungsgestaltung durchgängig offensichtlich wird:

  • Beratung von Frauen in sexuellen Ausbeutung Verhältnissen als Beispiel für die Dimension „Vertrauen anbahnen“ (S. 53 bis 56),
  • Beratung von Palliativpatienten im Tumorversorgungsbereich als Beispiel für „Bindung entwickeln“ (S. 56 bis 61),
  • Beratung im Kontext von Opferhilfe als Beispiel für „Netzwerke gestalten“ (S. 61 bis 65) und
  • (expressis verbis) Beratung in therapeutischen Jugendwohngruppen als Beispiel für „Milieu herstellen“ (S. 65 bis 73).

Die Art und Weise, wie Gahleitner ihre Argumentation aufbaut, kann am Beispiel der therapeutischen Wohngruppe (Unterkapitel 4.4) näher illustriert werden: Auch hier steht der Vertrauensaufbau „am Anfang des gemeinsamen Weges. Für die Jugendlichen muss häufig nach langer Zeit erstmals (wieder) ‚eindrücklich‘ werden, dass (Sich-An-) Vertrauen und Kontakt nicht nur bedrohlich, sondern auch angenehm und hilfreich sein können“. Kern dieser Annäherung ist eine akzeptierende Grundhaltung. Es geht darum, „die Jugendlichen in ihrem Handeln zu begleiten und ihnen reflektieren zu helfen“ (S. 67). Daher erlebe Jugendliche „in solchen Settings die eindrücklichsten Veränderungsprozesse, an die sie sich im Rückblick noch lange erinnern“ (S. 69). Netzwerkorientiert handelnd stellt sich für die Heranwachsenden „auf eine umfassende Weise ein ‚pädagogisch-therapeutisches Milieu‘“ ein, das „mehr beinhaltet als die Summe seiner Teile, ein Lebensraum, eine bewältigungsorientierte Lebenswelt“ (S. 68). Wenn der Schritt in positive Peerbeziehungen gelinge, dann erlebten die Jugendlichen der therapeutischen Wohngruppe „häufig auch ein anderes wirkmächtiges Phänomen sozialer Unterstützungsprozesse: nicht nur die Erfahrung, unterstützt zu werden, sondern auch die Kraft, die daraus erwächst, andere zu unterstützen“ (S. 70)

Ihre Darstellung bündelt die Verfasserin abschließend in einem in fünf Schritten aufgelösten Modell der professionellen Beziehungsgestaltung in der psychosozialen Arbeit und Beratung (S. 89 ff.).

Die Argumentation wird durch zwölf (nicht immer sogleich eingängige) Grafiken bzw. Schaubilder vervollständigt. Das 21 Seiten umfangreiche Literaturverzeichnis fällt (bei 85 Seiten Darstellung) ausgesprochen opulent aus.

Diskussion

Im einem kurzen Vorwort stellt Frank Nestmann die den Band leitende „Frage, wie diese spezifische Form einer hilfreichen Beziehung zwischen professionell Helfenden und den Hilfesuchenden aufgebaut und gestaltet werden kann“. Es müsse darum gehen, dass die „grundlegende Voraussetzung und gleichzeitig wirkmächtige Hilfedimension aller Beratungs- und Therapieprozesse im Detail konzeptionell und in der praktischen Gestaltung analysiert und darauf aufbauend ein Verstehens- und Handlungsmodell beziehungsorientierter psychosozialer Diagnostik und Intervention entwickelt“ werde (S. 7). Leistet das der vorliegende Band?

Beziehungen bestehen, so die Autorin, „aus Interaktionsreihen zwischen zwei Menschen. Jede Interaktion wird dabei von der Erfahrung vorausgegangener und von der Erwartung künftiger Interaktionen geprägt“. Sie sind „abzugrenzen von einmaligen Kontakten oder Begegnungen, die eine hohe Flüchtigkeit und Unverbindlichkeit aufweisen“; „persönliche Beziehungen werden durch die Bezugspersonen selbst und äußere Einflüsse bestimmt“ (S. 10). Professionelles Handeln erfordert daher eine Beziehungsgestaltung, die theoretisch begründbar, reflektiert und an eindeutigen Zielen, Normen, Inhalten und Verfahren ausgerichtet ist und darin zugleich auch den Charakter einer persönlichen Beziehung aufweist (S. 11).

Hierfür seiht Silke Brigitta Gahleitner einen Beziehungsprozess in fünf Schritten:

  1. Der „Aufbau einer authentischen, emotional tragfähigen, persönlich geprägten und dennoch reflexiv und fachlich durchdrungenen Beziehungsgestaltung“ habe zur Voraussetzung, Probleme wie Ressourcen „zu verstehen und in der Hilfe- wie Interventionsplanung entsprechend zu berücksichtigen.“
  2. Es gelte, „durch fachkompetente und bindungssensible Nähe-Distanz-Regulierung wieder erstes Vertrauen“ zu ermöglichen. Professionellen müssten dazu „Vertrauen investieren“, die Beratenen wiederum „Vertrauen ‚schenken‘“.
  3. Dadurch ergäben sich „Chancen auf Veränderungsprozesse“; es werde die Fähigkeit unterstützt, „sich dem Hilfeprozess zu öffnen und Veränderungsprozesse zuzulassen und damit Entwicklungsfortschritte zu ermöglichen.“
  4. Die Gestaltung der Beziehung kann im Ergebnis auch „neue tragfähige Beziehungsmöglichkeiten schaffen“ und „in das Umgebungs- und Institutionsnetzwerk hineinwirken“.
  5. Gelinge es, so Vertrauen in das professionelle „Umgebungsmilieu“, dann kann sich die Grundlage dafür ergeben, dass dieses „Umgebungsmilieu“ eine „tragfähige, zukunftsstabile Basis für das spätere Leben und dortige Entwicklungs-, Beziehungs- und Netzwerkkonstellationen bereitstellt“ (S. 89).

Das heißt – im Ergebnis: Eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Berater/in und Beratenen eröffnet also Chancen für Unterstützung aus Netzwerken.

Verstehen und Vertrauen werden als Grundlagen beraterischer Beziehung herausgearbeitet. Auf der Grundlage umfassenden Verstehens kann „eine authentische, empathische und wertschätzende, persönlich geprägte und dennoch professionell und reflexiv durchdrungene Beziehung“ entwickelt werden, die in die Netzwerke des Subjekts eindringen kann, „sodass ein vertrauensvolles professionelles Umgebungsmilieu entsteht“, das Alltag und Lebenswelt der Beratenen „durchdringt, auf der primären, sekundären und tertiären Ebene für Einbettung sorgt“, und hierdurch auf die Bindungs- und Beziehungsorganisation der Beratenen zurückwirkt (S. 90).

Das alles ist nicht zwingend neu und wird in einer ganzen Reihe von Publikationen unterschiedlich dargestellt, eingereiht und vertieft (vgl. z.B. Welte/​Borg-Laufs 2021, Pfab 2020, Stimmer/​Ansen 2016, Zwicker-Pelzer 2010, in spezielleren Formen z.B. Sander/​Ziebertz 2021, Bamberger 2015, Weinberger/​Lindner 2011, Mutzeck 2008, auch Weinberger 2013).

Auch die Fokussierung auf Defizite ist zu vergegenwärtigen, wenn die Verfasserin schreibt, dass die professionelle Beziehungsgestaltung gerade dann eine besondere „Herausforderung, Können und ‚Kunst‘“ darstellt, wenn Beratene Bedarf an psychosozialer Hilfe haben, „deren Leben und deren Biografien von fehlender zwischenmenschlicher und sozialer Nähe, von ver- und zerstörender Bindungserfahrung und von häufigen Vertrauensenttäuschungen und -verlusten sowie Beziehungsirritationen und -abbrüchen geprägt sind“ (S. 7).

Dies stellt sowohl eine programmatische Zuspitzung (auf die Fälle besonderer „Beratungs-“ bzw. „Therapiebedürftigkeit“) wie eben auch eine Verkürzung dar (denn längst nicht alle Beratungsfälle sind Fälle der charakterisierten Defizitlage und haben Therapiebedürftigkeit zur Folge). Hier wird ein spezifischer Zug deutlich, Soziale Arbeit als therapeutisches Beziehungshandeln darzustellen. Zudem wird auch eine methodische Engführung deutlich, die auf eine zu schließende Leerstelle verweist: Beziehung wird eben immer auch durch in Formen sozialer Gruppenarbeit (vgl. Simon/​Wendt 2019) und Gemeinwesenarbeit (vgl. Wendt 2022) angebahnt, aufgebaut, entwickelt und sie muss kontinuierlich bestätigt sein, um gehalten werden zu können. Beziehung ist eben keine Frage ausschließlich therapeutisch ausgerichteter Beratung. Diese Aspekte bleiben im Band freilich ausgeblendet.

Insofern ist der Fokus auf Beratung zwar aufschlussreich, aber eingereiht in eine Vielzahl ähnlicher Publikationen. Für die (Fach-) Praxis wäre also eine Veröffentlichung zu den besonderen Bedingungen der Beziehungsgestaltung in offenen Settings der sozialen Gruppenarbeit und der Gemeinwesenarbeit hilfreich. Dies will und kann der vorliegende Band nicht leisten. Für originäre, nicht-therapeutisch orientierte Beratungskonzepte der Sozialen Arbeit ist der Band sicher aufschlussreich, aber nicht immer zwingend anschlussfähig.

Fazit

Der vorliegende Band von Silke Brigitta Gahleitner kann zur Einführung in eine therapeutisch ausgerichtete Beratungspraxis empfohlen werden. Gleichermaßen ist er zur (Selbst-) Reflektion für eine therapeutisch ausgerichtete Beratungspraxis, die nicht notwendigerweise durch Fachkräfte der Sozialen Arbeit repräsentiert werden muss, gut geeignet.

Literatur

Bamberger, G. G.: Lösungsorientierte Beratung, 5. Aufl. Weinheim 2015

Gahleitner, S. B.: Soziale Arbeit als Beziehungsprofession, Weinheim und Basel 2017

Mutzeck, W.: Kooperative Beratung, 6. Aufl. Weinheim 2008

Pfab, W.: Kompetent beraten in der Sozialen Arbeit, München 2020

Sander, K., und Ziebertz, T.: Personzentrierte Beratung, 2. Auf. Weinheim und Basel 2021

Simmer, F., und Ansen, H.: Beratung in psychosozialen Arbeitsfeldern, Stuttgart 2016

Simon, T., und Wendt, P.-U.: Lehrbuch Soziale Gruppenarbeit, Weinheim und Basel 2019

Wälte, D., und Borg-Laufs, M. (Hg.): Psychosoziale Beratung, 2. Aufl. Stuttgart 2021

Weinberger, S., und Lindner, H.: Personzentrierte Beratung, Stuttgart 2011

Weinberger, S.: Klientenzentrierte Gesprächsführung, 14. Aufl. Weinheim und Basel 2013

Wendt, P.-U.: Lehrbuch Soziale Arbeit im Gemeinwesen, Weinheim und Basel 2022 (i.E.)

Zwicker-Pelzer, R.: Beratung in der sozialen Arbeit, Bad Heilbrunn 2010


Rezension von
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Professur für Grundlagen und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule Magdeburg
Homepage www.PUWendt.de
E-Mail Mailformular


Alle 113 Rezensionen von Peter-Ulrich Wendt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 26.08.2021 zu: Silke Birgitta Gahleitner: Professionelle Beziehungsgestaltung in der psychosozialen Arbeit und Beratung. dgvt-Verlag (Tübingen) 2019. ISBN 978-3-87159-717-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26049.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht