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Kerstin Gernig (Hrsg.): Bestattungskultur - Zukunft gestalten

Cover Kerstin Gernig (Hrsg.): Bestattungskultur - Zukunft gestalten. Dokumentation der Fachtagung in Erfurt vom 16. - 17. Oktober 2003. Fachverlag des deutschen Bestattungsgewerbes (Düsseldorf) 2004. 202 Seiten. ISBN 978-3-936057-14-0. 27,80 EUR.
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Das Thema

In Abhängigkeit von der wissenschaftstheoretischen Tradition führt die soziologische Analyse der Bestattungskultur zu diversen Fragen: Positivistisch geht es darum, was geschieht mit dem Leichnam und wohin mit dem Leichnam. Handlungstheoretisch geht es um den sozialen Wandel der Handlungsorientierungen und -strukturen moderner Bestattungskultur (Fürstenberg 1995): der Wertewandel im Umgang mit den sterblichen Überresten wie die Rituale nach dem Tod. Systemtheoretisch steht ein gewandelter Funktionszusammenhang im Raum; marxistisch beleuchtet, inwiefern das Überbauphänomen Bestattungskultur einer ökonomischen Basis bedarf; bekanntermaßen sind Beerdigungen teuer und der Krankenkassenbeitrag wurde gestrichen. Und in der Popper«schen Tradition des kritischen Rationalismus rückt die Frage in den Mittelpunkt, ob diese Erklärungen stichhaltig sind. Hier wird eine Rezension in handlungstheoretischer Sicht versucht.

Die Frage nach der Bestattungskultur ist auch medizinsoziologisch bedeutsam. Es geht um den Umgang mit den sterblichen Überresten als sozialmedizinisches Thema öffentlicher Gesundheit. Die Medien zeigen bis hinein in Kinderzimmer, falls der Fernsehkonsum von den Eltern nicht kontrolliert wird, z.B. über Kriminalfilme, wie ein Leichnam heute pietätlos zu "entsorgen" ist. Die Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation (WHO, 1948) betont, dass der integrale Prozess der Gesundheit keinesfalls nur biomedizinisch erklärt werden kann, vielmehr verknüpft ist mit sozialen, ökonomischen und spirituellen Ereignissen; insofern werden Rückkoppelungseffekte auf die Lebensqualität in einer Gesellschaft ersichtlich.

Herausgeberin und Entstehungshintergrund

Herausgeberin des Buches ist Kerstin Gernig, Geschäftsführerin des Kuratorium Deutsche Bestattungskultur und Redakteurin der Fachzeitschrift "bestattungskultur". Frau Gernig hat großen Sachverstand zum Thema der Bestattungskultur zusammengetragen: Theologen, Religionswissenschaftler, Bestatter, Hospizmitarbeiter, Mediziner und Soziologen. Das Werk ist die Dokumentation einer Erfurter Tagung (2003). Es wurde in Auftrag gegeben vom Kuratorium Deutsche Bestattungskultur und der Deutschen Bischofskonferenz. Erkenntnisleitende Fragen sind: Wie geht die Gesellschaft mit der Sterblichkeit um? Steht das abendländisch-christlich geprägte Menschenbild auf dem Prüfstand? Was bedeutet Bestattungskultur heute " in einer Zeit, die von unterschiedlichen spirituellen Bedürfnissen der Menschen ebenso wie von Kirchenaustritten geprägt sind" (Kerstin Gernig 2004).

Inhalt

Das postmoderne Bestattungssystem wird differenziert

  • in die Rolle der Kirchen bei Bestattungen (S. 25-75),
  • in Bestattungsfeiern ohne Kirchen (S. 77-115),
  • in eine Phänomenologie des Leichnams mit Blick auf die Frage nach dem Wert und Unwert des Leichnams (S. 145-174)
  • und in die Frage nach der Bestattungskultur der Zukunft im Sinne eines Dialogs zwischen Kirchen und Bestatter (S. 175-185).

Baumgartner beschreibt die Bestattungskultur als ein soziales Phänomen, das zu allen Zeiten und bei allen Völkern zu beobachten ist. Definiert wird sie "(É) als Vorschriften, Riten, Symbolhandlungen und religiöses Brauchtum zur Bestattung der Toten" (S. 25). Hinsichtlich der Handlungsorientierungen mit den Leitbildern der Bestattungskultur bespricht einleitend der Erfurter Bischof Joachim Wanke (S. 13-24) das Thema Christliches Ethos im Umgang mit Tod und Trauer (S. 13-24). Wanke beschreibt aktuelle Befunde. Verwiesen wird auf die Pluralisierung des Bestattungswesens mit der Individualisierung der Bestattungsformen. Beispiele reichen von der Anonymisierung auf den Friedhöfen, der Diskussion um die Liberalisierung des Bestattungsgesetzes mit der Aufhebung eines Friedhofszwangs - wie in Nordrhein-Westfalen - bis zur neuesten Entwicklung, Asche eines Verstorbenen in einen Diamanten zu pressen (S. 13). Der Autor rückt die Erinnerung als kulturellen Akt in das Zentrum seines Beitrags. Betont wird ferner die gesellschaftliche Bedeutung von Sterben und Tod für den Sozialisationsprozess: "Beerdigungen von Mitschülern, die bei Verkehrsunfällen ums Leben kamen und Trauerfeiern für sie - von Jugendlichen mitgestaltet - sind meist tief greifende Erlebnisse für junge Menschen". Der Mensch, so der Tenor, ist mehr als eine Sache, die zu entsorgen ist; er ist ein sozio-kulturelles Wesen, das in einem sozialen Kontext lebt.

Vertieft werden die Leitbilder im Kontext der Bedeutung der Kirchen bei Bestattungen; vier Beiträge liegen vor.

  1. Konrad Baumgartner untersucht die Bestattungskultur aus katholischer Sicht (S. 25-37). Im Mittelpunkt stehen Hintergründe und Zusammenhänge der Veränderungen in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mehrere Traditionsbrüche sind zu beobachten. Vor dem 2. Vatikanischen Konzil erhielten Suizid-Tode keine kirchliche Beerdigung und mit aus der Kirche ausgetretene Verstorbene ist nunmehr pastoral behutsam umzugehen. Auch im kirchlich-katholischen Milieu findet eine Verschiebung zu individueller und familialer Religiosität statt. Baumgartner fordert für die katholische Kirche eine schöpferische Auseinandersetzung im Spannungsverhältnis der Wahrung des eigenen Profils mit außerkirchlichen Strömungen (S. 34).
  2. Die evangelische Theologin Ulrike Wagner-Rau geht ein auf individuelle Bedürfnislagen in der christlichen Bestattung (S. 39-50). Betont wird, dass die emotional hoch besetzten Bestattungsgottesdienste weit besser besucht werden als andere Gottesdienste. Gefordert ist die Kirche, um Grundlagen für die Identität kirchlicher Bestattungen zu legen (S. 44). Konkret geht es um einen Veränderungsprozess "(É) von einer eher einheitlichen, kirchlich geprägten Beerdigungskultur zu einem offenen und kommunikativen Umgang mit vielfältigen kulturellen Einflüssen und Milieus (Sö. 46.).
  3. Winfried Haunerland zeigt die Rolle der Kirchen aus liturgiewissenschaftlicher Sicht (S. 51-61). Bezugnehmend auf Michael Ebertz (1998) wird betont, dass Riten an der Lebenswende ein Hauptgrund für die Kirchenmitgliedschaft sind. Insofern verletzt bei anonymen Bestattungen der Verzicht auf jede Feier die Würde des Einzelnen. Weil ein Ort der Trauer benötigt würde, zugleich aber Abschied und Abstand notwendig ist, treten Kirchen für den Friedhofszwang ein (S. 59).
  4. Begräbnisliturgie im Kontext monotheistischer Religionen ist das Thema von Karl Hoheisel (S. 63-75). "Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen" ist ein religiöser Grundgedanke; er kommt in den Begräbnisliturgien zum Tragen. Judentum, sunnitischer Islam und das Christentum werden von dem Bonner Religionswissenschaftler vorgestellt. Hat zwar die Religion ihre sinnintegrierende Funktion für die Gesamtheit menschlichen Handelns eingebüßt, so sind Religionen zu "Freizeitbeschäftigungen" geworden. Neue Gruppierungen schießen wie Pilz aus dem Boden (S. 73). Empirisch unbeantwortet ist die Frage, so der Autor, "(É) ob Juden und Muslime in ihren Begräbnisliturgien ihren Glauben noch ausdrücken können oder ob, wie für viele Christen, der darin ausgedrückte Glauben nur eine neben zahllosen anderen Wertungen von Tod und Leben darstellt" (S. 74).

Im Kontext der Bestattungsfeiern ohne Kirchen (S. 77-116) liegen vier Beiträge über Leitbilder der Bestattungskultur vor.

  1. Christa Frateantonio bearbeitet das Thema Bestattungsfeiern in Vergangenheit und Gegenwart (S. 77-84). Die Untersuchung reicht von Bestattungen und Trauerfeiern im vorchristlichen Raum, Grundmuster antiker Adelsbegräbnisse über die christliche Bestattung bis zu weltlichen Trauerfeiern als neue Dienstleistung des Bestatters.
  2. Jan Hermelink analysiert Bestattungsfeiern im Horizont christlicher Tradition (S. 85-93). Die freie Trauerfeier ist eine biografische Inszenierung - auf dem sozialstrukturellen Hintergrund eines Selbstverwirklichungsmilieus (Gerhard Schulze). Der Verzicht auf eine Bestattungsfeier wäre als soziales Verstummen zu charakterisieren. Es wird jedoch die These vertreten, dass in der freien Bestattung eine explizite und implizite Kirchlichkeit zu beobachten ist: die Grenze zwischen dem kirchlichen und nichtkirchlichen Milieu ist höchst unscharf (S. 93).
  3. Martina Görke-Sauer untersucht Chancen und Grenzen freier Bestattungsrituale (S. 95-105). Beispiele für freie Rituale in Zusammenhang von Abschied und Trauer sind (S. 101-102): "offene Aufbahrung im Haus, in der Wohnung, im Bestattungsinstitut; Nachtwache mit Musik und gemeinsamem Essen als Stärkung für Leib und Seele; Sarggestaltung mit Stoff, Farben oder sogar selbst geschreinert; Briefe schreiben und in den Sarg legen oder zur Trauerfeier mitbringen; Erinnerungsbuch anregen; Mitwirkung an den Trauerfeierlichkeiten fördern (Gedicht lesen, Symbolhandlungen), Trauerfeier ohne Worte, mit Musik, mit Dias; besonderer, bewusst gewählter Ort für die Trauerfeierlichkeiten; Gestaltung einer Gedenkfeier ohne Sarg/Urne im Freien, zu Hause". Abschließend werden Chancen und Grenzen freier Rituale besprochen. Chancen sind, dass der Tod stärker ins Leben rückt und die Einzigartigkeit der Person zur Geltung kommt. Grenzen liegen darin, dass der Gemeinschaftscharakter der Rituale zurücktritt und der Kraftaufwand für alle Beteiligte steigt (S. 103-104).
  4. Rolf-Peter Lange referiert über den sozialen Wandel der Bestattungskultur von der Einheitlichkeit zur Vielfalt (S. 107-115). Lange zeigt, dass das Bestattungsmonopol der Kirche seit der Aufklärung zurückgeht. Verletzungen durch Geistliche und Pfarrer finden Erwähnung; sie haben Sterbende und ihre Angehörigen während der Sterbephase "im Regen stehen lassen", halten "unehrliche" Trauerreden oder es findet eine unzureichende Trauernachsorge statt (S. 109). Zur Qualitätsverbesserung plädiert Lange für mehr Kooperation zwischen Bestattern und Kirchen. Weiterführende Leitbilder der Bestattungskultur werden besprochen im "Kontext der Erinnerungskultur: Gestern - Heute - Morgen" (S. 117-143), unter dem Aspekt "vom Wert und Unwert des Leichnams - Pietät im Umbruch?" (S. 145-174) und der "Bestattungskultur mit Zukunft. Kirchen und Bestatter in der Verantwortung" (S. 175-185). "Totengedächtnis als Gebetsgedenken" (S. 117-124) oder das Spannungsverhältnis von der "Pflicht zur und Lust an der Erinnerung" (S. 125-132). Die Internet-Entwicklung der Bestattungskultur in Form "virtueller Trauerstätten" (S. 133-143) beschreibt der Soziologe Hans Geser.

Im Kontext der Frage nach der Pietät im Umbruch kommen vier Autor/innen zur Sprache.

  1. Adelheid Fiedler schreibt zum Thema Aus den Augen, aus dem Sinn? Der Tenor lautet: "Der Respekt und die Achtung gegenüber den Toten prägt Respekt und Achtung gegenüber allem auf der Erde" (S. 153).
  2. Albrecht Kendel berichtet über die Problematik des Sterbens auf einer Intensivstation (S. 155-162) mit palliativmedizinischer Begleitung, einer besseren Kommunikation zwischen Arzt und Patient und den Konsequenzen für die ärztliche Begleitung.
  3. Sabine Holzschuh beschreibt Abschiedsräume für hinterbliebene Angehörige (S. 163-170). Es geht um die gestalterische Hilfe zur Wahrnehmung und Trauer um eine verstorbene Person, die nicht auf einen toten Körper reduziert wird.
  4. Die Pflegewissenschaftlerin Gerda Graf diskutiert die These der sozialen Notwendigkeit von Bestattungsritualen (S. 171-174).

Abschließend bespricht Hermann Barth die Umbrüche in der Bestattungskultur als Herausforderung und Bewährungsprobe für Kirche und Gesellschaft (S. 175-180) und Wolfgang H. Zocher referiert über den sozialen Wandel der Bestattungs- und Trauerkultur wie die Konsequenzen für Bestatter und Kirchen (S. 181-185).

Diskussion

Die Publikation belegt, dass in einer Gesellschaft im sozialen Wandel vielfältige Bestattungsformen zu beobachten sind. Um diesen sensiblen Bereich sozialer Konstruktion von Wirklichkeit (Schütz/Luckmann 2003) sozio-kulturell zu gestalten, übernehmen, wie Zocher schreibt, Kirchen und Bestatter eine Vorreiterrolle. In organisationssoziologischer Perspektive haben Türk, Lemke und Bruch (2002) belegt, wie Verbände Einfluss nehmen auf die historische Gestalt der Gesellschaft. Der soziale Einfluss der Kirchen und Verbände ist insofern nach wie vor nicht unbeachtlich. Als Kritik ist festzuhalten, wie in der Einführung von Wanke schon angesprochen, dass der Einfluss der Bestattungsformen auf die Sozialisation, Enkulturation und Personalisation (Wurzbacher 1974) der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen einen eigenständigen Beitrag erfordert hätte, zumal solche Prozesse persönlichkeitswirksam sind (Thomae 1981). Ersichtlich wird ferner, dass die Bestattungskultur das Feld der öffentlichen Gesundheit (Exner 2004) tangiert. Die Lektüre hat zudem psychotherapeutische Wirkungen; sie durchbricht ein Tabu; es berührt jeden unmittelbar.

Dass der Tod über Fragen der Bestattungskultur jedoch hinausgreift, schilderte Dietrich Bonhoeffer, am 04.02.1945 hingerichtet im KZ Flossenbürg, eindrucksvoll. Bonhoeffer schreibt, dass wir uns viele Gedanken über das Sterben machen und zu wenig die Frage nach dem Danach reflektieren. Auch Simone de Beauvoir (1986) zeigt in ihrem Lebenswerk, was für ein erbärmliches Leben wir fristen müssten, falls wir nicht sterben könnten. Insofern bleibt das vorgestellte Buch bescheiden: es gibt Einblicke in die Struktur und den Wandel der Bestattungskultur.

Fazit

Insgesamt liegt ein wichtiges und wertvolles Buch vor, dem viele Leser zu wünschen ist.

Literatur

Beauvoir de, Simone, 1986, Die Zeremonie des Abschieds und Gespräche mit Jean-Paul Sartre. Deutsch von Uli Aumüller und Eva Moldenhauer. Rowohlt. Reinbek bei Hamburg

Türk, Klaus, Lemke, Thomas, Bruch, Michael, 2002, Organisation in der modernen Gesellschaft. Eine historische Einführung. Westdeutscher Verlag. Wiesbaden

Wurzbacher, Gerhard, 1974, Sozialisation - Enkulturation - Personalisation. In: Wurzbacher, Gerhard (Hrsg.) Sozialisation und Personalisation. 3. Aufl. Enke. Stuttgart


Rezension von
Prof. Dr. Bernhard Mann
MPH Dipl.-Sozialwirt. Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz
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Zitiervorschlag
Bernhard Mann. Rezension vom 29.03.2005 zu: Kerstin Gernig (Hrsg.): Bestattungskultur - Zukunft gestalten. Dokumentation der Fachtagung in Erfurt vom 16. - 17. Oktober 2003. Fachverlag des deutschen Bestattungsgewerbes (Düsseldorf) 2004. ISBN 978-3-936057-14-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2605.php, Datum des Zugriffs 21.06.2021.


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