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Marion von Zur Gathen, Thomas Meysen u.a. (Hrsg.): Vorwärts, aber nicht vergessen!

Cover Marion von Zur Gathen, Thomas Meysen, Josef Koch (Hrsg.): Vorwärts, aber nicht vergessen! Entwicklungslinien und Perspektiven in der Kinder- und Jugendhilfe : Zukunftsimpulse für Praxis und Fachpolitik aus Anlass des 65. Geburtstages von Norbert Struck. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 170 Seiten. ISBN 978-3-7799-6027-0. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thematischer Rahmen

Die inklusive Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe – ob nun als „große Lösung“ und großer Wurf oder der eher als „kleine“ Variante – ist seit geraumer Zeit in der Diskussion. Als das zentrale fachpolitische Vorhaben, sie als System auszugestalten, das für alle Kinder und Jugendlichen verantwortlich zeichnet, unabhängig davon, welche familiäre, soziale oder kulturelle Herkunft, welche Beeinträchtigung oder Behinderung sie mitbringen.

Daran hat auch – und das über Jahrzehnte! – Norbert Struck mitgewirkt, dem der vorliegende Band aus Anlass seines Ausscheidens aus dem aktiven Berufsleben als Kinder- und Jugendhilfe-Referent des PARITÄTISCHEN Gesamtverbandes Deutschland gewidmet ist und der, wie es das Herausgeberkollektiv ausdrücklich betont, nicht nur „sein gesamtes berufliches Leben der Kinder- und Jugendhilfe gewidmet“ hat, sondern auch „weit über die Grenzen … des Paritätischen Gesamtverbands als unermüdlicher Kämpfer für die Rechte von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien“ gilt (S. 5).

Herausgeberin und Herausgeber

Die Sozialwissenschaftlerin Marion von zur Gathen ist seit 2006 beim Paritätischen Gesamtverband tätig, seit 2011 als Leiterin der Abteilung Soziale Arbeit. Dr. Thomas Meysen, Jurist, war von 2000 bis 2017 Fachlicher Leiter des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht e.V. (DIJuF) in Heidelberg und ist dort seit 2018 Leiter SOCLES International Centre for Socio Legal Studies. Josef Koch, Pädagoge, ist seit 2003 Geschäftsführer der Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH).

Inhalt

Neben einem den Beitrag eröffnenden Band von Ulrich Schneider (siehe unten zur Diskussion) und Aufsätzen zu typischen Themen der Kinder- und Jugendhilfe – Lebensweltorientierung, Personalentwicklung, Aspekten des Jugendhilferechts, Kinderrechten und -schutz sowie zur Finanzierung der Kinder- und Jugendhilfe -

  • erweitert Marion von zur Gathen mit ihrem Beitrag („Familie im Spiegel von Familienpolitik und Kinder- und Jugendhilfe“) zunächst den Blick, da sie darlegt, wie Familie in der Familienpolitik und in der Kinder- und Jugendhilfe betrachtet wird, wie sich also „die Entwicklungen des politischen Familienbegriffs in den Familienberichten genauso wie sie die Kinder- und Jugendhilfe in ihrer wandelnden Orientierung im Verhältnis zur Familie“ darstellen (S. 16).
  • Das immer wieder aktuelle Thema „Heimerziehung“ greift Manfred Kappeler mit Blick auf die 1940er und 1970er Jahre („Heimerziehung als ‚totale Sozialisationsinstanz‘ – institutionelle Praxen gegen den Strich bürsten“) auf, wobei er die (repressiven) Praxen in Beziehung zur den Diskussionen am Runden Tisch Heimerziehung und damit zur Gegenwart setzt.
  • Der Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe unter der Maxime „Inklusion“ diskutieren Norbert Müller-Fehling und Lydia Schönecker („Gleiches Recht für alle! Vielfalt und Besonderheiten einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe“), streiten doch die Akteure von Behindertenhilfe und Kinder- und Jugendhilfe seit geraumer Zeit für eine Integration der Hilfen im SGB VIII/Kinder- und Jugendhilfegesetz: Stand dabei bislang eher „das Trennende im Vordergrund“, so kristallisiert sich allmählich „stärker das Gemeinsame heraus“. Anhand einzelner Beispiele zeigen Müller und Schönecker', wie eine inklusive Ausgestaltung der Kinder- und Jugendhilfe aussehen könnte und gelingen kann.
  • Thomas Meysen greift das Thema Kontrolle im Kinderschutz auf („Kinderschutz und Kontrolle in Deutschland. Reflexionen und internationaler Vergleich“), ist doch Kontrolle „integraler Bestandteil jeder Hilfe“. Inwieweit Kontrolle „ein eigenständiger, von Hilfe unabhängiger Auftrag“ sein sollte (SA. 106), diskutiert der Autor ebenso wie er aus einer Einordnung des deutschen Systems im internationalen Vergleich aktuelle Fragen an die Zukunft des Kinderschutzes entwickelt.
  • Auf der Suche nach Zuflucht erreichten nach 2015 auch über 70.000 unbegleitet geflüchtete Kinder und Jugendliche Deutschland. Auf der Grundlage der Einschätzung, dass dabei „die Kinder- und Jugendhilfe sich als bemerkenswert leistungsfähig erwiesen hat“), greift Christian Lüders in seinem Beitrag („Nach dem ‚kreativen Pragmatismus‘? Geflüchtete in der Kinder- und Jugendhilfe: von Bereicherungen, Grenzerfahrungen und möglicherweise verpassten Chancen. Eine Zwischenbilanz“) die bislang gewonnenen Erfahrungen auf, um angesichts der offenen Integrationsaufgaben in einer „migrationspolitisch gespaltene(n) Gesellschaft“ die Kinder- und Jugendhilfe auf die Herausforderung einzustellen, „sich in neuer Weise politisch zu positionieren und dem Hass und der Agitation entgegenzutreten“ (S. 117).
  • Unter der Überschrift „Vorsicht Übergang! Care Leavern Jugend ermöglichen!“ rücken Josef Koch und Wolfgang Schröer, wie es in der Zusammenfassung ihres Beitrags heißt, „den Aspekt der prinzipiellen biografischen Offenheit und die Handlungsspielräume der Subjekte in den Mittelpunkt“; sie plädieren dafür, „nicht nur die Frage nach dem Gelingen oder Scheitern im Kontext institutionalisierter Erwartungen zu stellen“, sondern sie fordern, „von Zuschauenden zu Handelnden zu werden und Unterstützungsmöglichkeiten für junge Erwachsene und Care Leaver bei einer Weiterentwicklung des Kinder- und Jugendhilferechts zu erweitern und zu qualifizieren“ (S. 130).
  • Nicole Rosenbauer und Peter Schruth („Ombudschaft als Mittel der Durchsetzung von Rechten junger Menschen und Familien in der Kinder- und Jugendhilfe. Auf den Spuren notwendiger Unabhängigkeit einer Praxis des Widerspruchs“) schließlich widmen sich der „Idee der Ombudschaft“. Sie nehmen bereits die „Ge fahr einer begrifflichen Verwässerung“ wahr und damit zugleich auch eine „Entschärfung der Grundfigur von Ombudschaft als externer und unabhängiger Instanz“. Vor dem Hintergrund dieser Einschätzung klären beide nochmals, worum es im Thema zu gehen hat, entwickeln ein Tätigkeitsprofil und betonen die Unabhängigkeit jedweder Ombudschaft als „essenzielle Ermöglichungsbedingung“ (S. 146).

Diskussion

Im Grunde bestimmt ein zentrales Thema alle Beiträge: Welche Bedeutung kommt der Kinder- und Jugendhilfe – im Kontext einer Sozialen Arbeit, die durchgestylt ökonomisiert, an die kapitalistischen Verwertungsbedingungen angepasst und insoweit lammfromm daherkommen soll – gegenwärtig zu und welche fachlich gebotenen Instrumente sind dabei erforderlich, ihren Auftrag zu erfüllen, der sich § 1 SGB VIII ergibt, jedem jungen Menschen bei der Erfüllung seines Rechts auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu unterstützen?

Ulrich Schneider, als Hauptgeschäftsführer des PARITÄTISCHEN Gesamtverbandes zugleich auch „Chef“ von Norbert Struck fragt dies in seinem, den Band inhaltlich eröffnenden Beitrag „‚Mensch Du hast Recht!‘ Die Bedeutung der Kinder- und Jugendhilfe in der Sozialen Arbeit“, womit zugleich auf die aktuelle Kampagne seines Wohlfahrtsverbandes (https://www.der-paritaetische.de/schwerpunkt/​mensch-du-hast-recht/) verweist.

Er verweist darauf, dass sich in den zurückliegenden drei Jahrzehnten nach Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (zum 3. Oktober 1990 in den neuen Ländern, zum 1. Januar 1991 in den alten) in der Kinder- und Jugendhilfe zwar „hier und dort Manager an die Spitzen von ‚Unternehmen‘“ aufgeschwungen hätten, „die zwar außerordentlich gute Kenntnisse über Betriebswirtschaft mitbrachten, leider jedoch nur wenige über Kinder und Pädagogik“. Gleichwohl sei zu sagen, dass in der Rückbetrachtung zu sehen sein, dass „bei all den Konflikten, die mit der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit in die Einrichtungen einzogen, … die Mitarbeiter*innen in der Kinder- und Jugendhilfe besonders verbissen an ihrem beruflichen Ethos und ihren fachlichen Prinzipien festhielten“. Schneider weiter: „Zum Beispiel war mit der Prägung des Begriffs der offensiven Jugendhilfe die eigenständige Rechtsposition des Kindes und des Jugendlichen und die im Zweifel parteiliche Orientierung der Kinder- und Jugendhilfe an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen eine feste, nicht mehr wegzudenkende Größe nicht nur in der Theorie der Sozialpädagogik, sondern auch im lobbyistischen Ringen um die gesetzlichen Grundlagen der Kinder- und Jugendhilfe und in der sozialpädagogischen Praxis. Das unterscheidet Kinder- und Jugendhilfe im Rückblick deutlich von anderen Feldern Sozialer Arbeit“ (S. 13 f.).

Das lässt hoffen, dass die Kinder- und Jugendhilfe in Zeiten neuer Zumutungen, offenen wie verdeckten Instrumentralisierungsversuchen, Attacken (z.B. den Beitrag von Lüders) und Einpassungen (siehe den Beitrag von Schruth und Rosenbauer) einerseits weiter Widerständigkeit entwickelt und andererseits die Entwicklungsaufgaben der Zeit (siehe z.B. den Beitrag von Koch und Schröer) produktiv aufgreift. Der vorliegende Band jedenfalls gibt dazu Hinweise und Anregungen.

Fazit

Die Autor*innen der Sammlung beleuchten in gebotener Kürze und doch prägnant die Möglichkeiten und Herausforderungen, denen sich Kinder- und Jugendhilfe zu stellen hat, aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Dabei ist nicht alles zur Sprache gekommen, was die Kinder- und Jugendhilfe gegenwärtig beschäftigt (z.B. „Systemsprenger“, freiheitsentziehende Maßnahme im Rahmen sog. „Geschlossener Unterbringung“, das Ausbluten bzw. Abdrängen der Kinder- und Jugendarbeit als irgendwie doch präventivem System), dennoch ist ein Band entstanden, der kritisch in der Analyse ist, klare Einschätzungen anbietet und Impulse für die berufliche Praxis, Politik und Wissenschaft anbietet.


Rezension von
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Professur für Grundlagen und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule Magdeburg
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 15.04.2020 zu: Marion von Zur Gathen, Thomas Meysen, Josef Koch (Hrsg.): Vorwärts, aber nicht vergessen! Entwicklungslinien und Perspektiven in der Kinder- und Jugendhilfe : Zukunftsimpulse für Praxis und Fachpolitik aus Anlass des 65. Geburtstages von Norbert Struck. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6027-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26054.php, Datum des Zugriffs 01.06.2020.


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ISSN 2190-9245

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